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Nordpol-Fieber

von Volker Mehnert | 
 |  Lesezeit: 5 Minuten

Mehr und mehr gerät die Arktis ins Visier weltpolitischer Begehrlichkeiten. Kaum zu glauben, dass sie vor nur 100 Jahren bloß im Fokus exzentrischer Abenteurer stand und der Nordpol ein kaum erreichbares Ziel war

Roald Amundsen, der „Eroberer des Südpols“, ist vom Ehrgeiz besessen. Auch am Nordpol will er unbedingt der Erste sein. Zusammen mit dem Italiener Umberto Nobile, dem Amerikaner Lincoln Ellsworth und 13 weiteren Männern besteigt er auf Spitzbergen das Luftschiff „Norge“ und überfliegt am 12. Mai 1926 auf dem Weg nach Alaska tatsächlich den geografischen Nordpol. Kurz bevor die Expedition gestartet ist, muss Amundsen allerdings davon ausgehen, dass er sein ehrgeiziges Ziel nicht erreichen wird. Am Südpol hat er 1911 den Wettlauf gegen Robert F. Scott knapp gewonnen, diesmal scheint er, noch knapper, verloren zu haben. Denn die Amerikaner Richard Byrd und Floyd Bennett kehren am 9. Mai von einem Flug über die Arktis nach Spitzbergen zurück und erklären triumphierend, den Nordpol mit einer dreimotorigen Fokker überquert zu haben. Später erweist sich diese Behauptung als Schwindelei. Es ist nur eine von zahlreichen Enttäuschungen, Fehlschlägen und Unwahrheiten beim Wettrennen egozentrischer Abenteurer auf dem Weg zum Nordpol.

Damit die Besessenheit aufhört

Ernsthaft wird die Jagd Richtung Pol, als 1818 die Briten John Ross und David Buchan zu getrennten Expeditionen über Grönland und Spitzbergen aufbrechen. Beide müssen in der Nähe des 80. Breitengrads umkehren. Kaum besser ergeht es 40 Jahre später einer deutschen Polarexpedition unter Carl Koldewey. Die Deutschen gehen von der irrigen Annahme aus, dass nördlich eines Eisgürtels das offene Meer den Weg zum Pol freigäbe. Das Packeis aber lässt sie nicht passieren. Im September 1868 überqueren sie mit ihrem 30 Meter langen Segler „Grönland“ nördlich von Spitzbergen immerhin den 81. Breitengrad – bis heute ist kein anderes Schiff ohne Motor weiter nach Norden gelangt. Sechs Jahre später erreicht eine österreich-ungarische Expedition unter Carl Weyprecht und Julius Payer auf einer Insel des Franz-Josef-Archipels ebenfalls den 81. Breitengrad – die letzten Kilometer zu Fuß.

Eine umstrittene Theorie vertritt auch der Norweger Fridtjof Nansen: Durch die Eisdrift im Arktischen Ozean, verursacht durch eine Meeresströmung, müsse man mit einem Schiff von Sibirien aus in die Nähe des Nordpols gelangen können. Mit dem legendären Schiff „Fram“ lässt sich eine Expedition vom Packeis einschließen, treibt jedoch in unvorhergesehener Richtung und viel langsamer als berechnet. Doch Nansen gibt nicht auf: „Man muss den Pol erreichen, damit die Besessenheit aufhört.“ Er entschließt sich deshalb, zusammen mit seinem Kumpan Fredrik Johansen den Pol auf Skiern zu erreichen. Im April 1895 kommen sie bis über den 86. Breitengrad hinaus, müssen aber 418 Kilometer vor dem Ziel aufgeben. Ein „Chaos von Eisblöcken“ hindert sie am Weiterkommen. Näher jedoch ist dem Pol bis dahin niemand gekommen, und die wissenschaftlichen Erkenntnisse sind enorm. Vor allem ist nun gesichert, dass der Nordpol weder auf Land noch unter einer festen Eisdecke, sondern mitten im driftenden Packeis liegt. 

So groß wie ein Kontinent

Nun greift Nansens Landsmann Roald Amundsen ins polare Geschehen ein. Obwohl ihm zwischen 1903 und 1906 eine Fahrt durch die Nordwestpassage gelingt, erscheint dieser Seeweg um den nordamerikanischen Kontinent für eine kommerzielle Nutzung kaum von Interesse. Die lang gehegte Hoffnung auf eine kurze und praktikable Handelsroute zwischen Europa und Asien hat sich erst einmal zerschlagen. Auch Amundsens Fokus richtet sich deshalb auf den Weg zum Nordpol. Mitten in den Vorbereitungen für eine Expedition überrascht ihn jedoch die Nachricht, dass der Pol inzwischen erreicht sei. Daraufhin nimmt er den Südpol ins Visier.

Das Nordpol-Fieber hat plötzlich die Welt ergriffen, und ein erbittert ausgetragener Medienkrieg beschäftigt die amerikanische Nation

Volker Mehnert

Wäre er beharrlich geblieben, hätte sich der Norweger vielleicht schon damals am Nordpol in die Geschichtsbücher eintragen können. Denn die beiden selbst erklärten Konquistadoren des Pols, die Amerikaner Frederick Cook und Robert Edwin Peary, haben wohl ein wenig oder sogar kräftig geschummelt. Cook behauptet, am 21. April 1908 bis zum Nordpol vorgedrungen zu sein. Weil er schon seine Erstbesteigung des Mount Denali in Alaska vorgetäuscht hat, sind Zweifel von vornherein angebracht. Überzeugende Beweise kann er nicht vorlegen. Zunächst glaubt man deshalb eher Pearys Version, der zusammen mit einem amerikanischen Begleiter und vier Inuit am 6. April 1909 am Pol gewesen sein will. Das Nordpol-Fieber hat plötzlich die Welt ergriffen, und ein erbittert ausgetragener Medienkrieg, in dem sich beide Parteien der Schwindelei bezichtigen, beschäftigt die amerikanische Nation. „Wie dem auch sei“, schreibt der Journalist Lincoln Steffens, „der Streit ist so wunderbar wie der Pol selbst. Was immer diese Forscher gefunden haben, sie haben eine Story so groß wie ein Kontinent hinterlassen.“

Die Welt braucht einen Entdecker

Eindeutige Beweise wie die Höhe des Sonnenstands auf seinen Fotos kann auch Peary nicht vorlegen. Experten halten seine angeblichen täglichen Marschleistungen mit schwerer Ausrüstung in der unwegsamen Eiswüste für unmöglich. Auch eine Untersuchung im amerikanischen Kongress resultiert in Zweifeln: „Wir haben Ihr Wort und Ihre Beweise. Wir glauben Ihrem Wort, aber Ihren Beweisen?“ Und doch sind viele nur allzu bereit, sich auf Pearys Behauptung einzulassen. „Man brauchte einen Nordpolentdecker“, schreibt der Spötter Karl Kraus, „und er war da. Um keinen Preis der Welt hätte sich die Welt ihn ausreden lassen, sie, die die vollzogenen Tatsachen liebt und über den Zweifeln der Wissenschaft mit der Beruhigung schlafen geht: Seien wir froh, dass wir einen Nordpolentdecker haben!“

Doch die Welt hat sich offenbar zu früh beruhigt, und deshalb schaltet sich Amundsen wieder ins Geschehen ein. Nach seinem Erfolg am Südpol, den Wirren des Ersten Weltkriegs und dem berechtigten Argwohn gegenüber Cook und Peary will er von Alaska aus sein Sehnsuchtsziel durch die Luft erreichen. Der Versuch mit einem Flugzeug scheitert kläglich, und wird ebenso erfolglos bleiben wie ähnliche Anstrengungen von Richard Byrd und Floyd Bennett in Grönland. Im Mai 1926 schließlich kommt es zum Showdown mit den beiden Amerikanern auf Spitzbergen, den die Amundsen-Nobile-Ellsworth-Expedition im historischen Rückblick für sich entscheidet. Das erste gesicherte Erreichen des Nordpols erscheint anderthalb Jahrzehnte nach der weltweiten Nordpol-Euphorie freilich wie ein verspätetes Postskriptum.

Dr. Volker Mehnert

ist freiberuflicher Journalist und Buchautor. Seine Reportagen finden sich regelmäßig in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“.

Foto: Privat