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Der beste Deal der Welt?

von Frank Mehring | 
 |  Lesezeit: 5 Minuten

Vor 400 Jahren kaufte Peter Minuit Manhattan. Tatsächlich? Über einen transnationalen Mythos und kontroverse Gegenperspektiven

Die Legende ist schnell erzählt: 1626 erwarb Peter Minuit aus der niederrheinischen Stadt Wesel im Auftrag der niederländischen Westindien-Kompanie die Insel Manhattan von den Lenape. Das Besondere: Er erhielt das für die Kolonisation strategisch wichtige Land für Waren im Wert von 60 Gulden und einigen Glasperlen. Aus dieser Transaktion entwickelte sich später eines der bedeutendsten Finanzzentren der Welt. Ein genialer Deal? Eine unternehmerische Meisterleistung? Doch je genauer man hinschaut, desto brüchiger wird diese vermeintliche Erfolgsgeschichte.

Mythos und Erinnerungskultur

Heute gilt die Wall Street als Inbegriff globaler Finanzmacht. Minuit dagegen wurde im Laufe der Jahrhunderte immer wieder neu gedeutet – von Niederländern, Deutschen, Deutsch-Amerikanern und Amerikanern. Mal erscheint er als kühner Kolonialpionier, mal als Beweis deutscher Tatkraft in der Neuen Welt, mal als symbolische Figur der frühen New Yorker Stadtgeschichte. Geschichte als nationale Selbstvergewisserung, bis heute zu erleben in Texten, Bildern und Museen. Dr. Scott Manning Stevens, Literaturwissenschaftler und Kurator am National Museum of the American Indian, betont immer wieder die besondere Verantwortung großer Institutionen wie des American Museum of Natural History in New York. Museen, so Stevens, seien wichtige Orte, an denen Bilder, Narrative und Machtverhältnisse vermittelt werden. Gerade die berühmten Dioramen und ethnografischen Abbildungen des frühen 20. Jahrhunderts hätten indigene Menschen häufig als statisch, „primitiv“ oder einer vergangenen Epoche zugehörig dargestellt und damit koloniale Perspektiven verfestigt, die heute kritisch überprüft und modifiziert werden müssten. Dazu gehört auch die Auseinandersetzung mit der Person Peter Minuit.

Land war für sie Besitz. Erwerbbar. Handelbar. Der Aufbau einer Kolonie setzte Landnahme voraus, aus indigener Perspektive hieß dies oft Enteignung

 

Ein kleines Museum in Rindern am Niederrhein – also der Heimat von Minuit – setzt nun dazu an, die Legende über den Kauf von Manhattan zu entwirren. Was ist belegbar? Was wurde später hinzugefügt? Erstaunlich ist zunächst, wie wenig wir über Minuit tatsächlich wissen: einige Autografen, verstreute Briefe, städtische Akten. Kein gesichertes Porträt, kaum persönliche Zeugnisse. Selbst sein genaues Geburtsdatum bleibt unklar. Dokumentiert ist immerhin, dass er 1633 die wohlhabende Patrizierin Gertrude Raeth heiratete und 1635 Bürger der Stadt Kleve wurde. In den 1620er Jahren trat er in den Dienst der 1621 gegründeten West-Indischen Compagnie (WIC), die Amerikas Küsten wirtschaftlich erschließen wollte. Der Brief des niederländischen Beamten Peter Schaghen von 1626 ist das einzige erhaltene zeitgenössische Dokument, das den Kauf Manhattans erwähnt. Es gibt keinen Vertrag, keine Urkunde und keine überlieferte Lenape-Version – nur diesen kurzen niederländischen Verwaltungsbericht über Waren im Wert von 60 Gulden. Dass ein weltbekannter Mythos auf einer einzigen, einseitigen Notiz beruht, macht den vermeintlichen Landkauf von Beginn an widersprüchlich und öffnet die Türen für mythologisierende Geschichtsschreibung. 

Im 19. und frühen 20. Jahrhundert wurde aus dieser Episode ein intermedialer Mythos. Der deutsch-amerikanische Publizist, Politiker und Historiker Friedrich Kapp sprach 1869 in seinem Werk Geschichte der deutschen Einwanderung in Amerika von der „besten Landspekulation, die je in New York, überhaupt in Amerika gemacht worden ist“. 1926 schenkten die Niederlande der Stadt New York im Battery Park, nahe des Peter Minuit Plaza an der Spüs, einen beeindruckenden Fahnenmast mit Sockel und Reliefdarstellungen, um an die Ankunft der ersten niederländischen Siedler und die historischen Verbindungen zwischen den Niederlanden und den heutigen Vereinigten Staaten zu erinnern. Doch wie sah der vermeintliche Deal aus indigener Perspektive aus?

Koloniale Missverständnisse

Für die Lenape war Land keine Ware, die man dauerhaft veräußert. Es war gemeinschaftlich genutzter Lebensraum. Was die Westindien-Kompanie als rechtmäßigen Landkauf dokumentierte, könnte aus Lenape-Sicht eher eine Vereinbarung über Nutzung oder Bündnis gewesen sein. In vielen indigenen Gesellschaften gilt der Austausch von Geschenken als Teil von Beziehungen – nicht als endgültige Eigentumsübertragung. Zudem nutzten mehrere indigene Gruppen Manhattan. Wer hätte also überhaupt das Recht gehabt, die gesamte Insel zu verkaufen?

Die späteren Konflikte zwischen Kolonisten und Lenape sprechen jedenfalls nicht für ein beiderseits klares Verständnis dessen, was 1626 vereinbart wurde. Im National Museum of the American Indian und im Selbstverständnis indigener Bevölkerungsgruppen wird dieser kulturelle Gegensatz deutlich benannt: Die Kolonisten brachten ein christlich geprägtes Weltbild mit, in dem der Mensch hierarchisch über der Natur steht. Land war für sie Besitz. Erwerbbar. Handelbar. Der Aufbau einer Kolonie setzte Landnahme voraus, aus indigener Perspektive hieß dies oft Enteignung.

Cheryle „Cookie“ Cobell Zwang, eingetragenes Mitglied der Blackfeet-Nation (Amskapi Pikuni), wies mich auf eine indigene Lebensweisheit hin, die diesen Unterschied prägnant ausdrückt: „Wir erben die Erde nicht von unseren Vorfahren, sondern wir leihen sie von unseren Kindern.“ Es ist ein anderer Blick auf Verantwortung, auf Zeit, auf Zugehörigkeit. Hinzu kommt: Verhandelt wurde über Sprach- und Kulturgrenzen hinweg. Schriftlich fixiert wurde alles auf niederländischer Seite. Eine indigene Vertragsversion existiert nicht. Wer also bestimmte, was der Deal bedeutete?

Tipp der Redaktion

Die Ausstellung „Der Manhattan-Deal: Peter Minuit vom Niederrhein und 400 Jahre Mythos“ ist bis zum 6. September 2026 im Museum Forum Arenacum in Kleve-Rindern zu sehen.

Um insbesondere junge Menschen für diese Missverständnisse und kolonialen Ausbeutungstraditionen zu sensibilisieren, verbindet das Museum Arenacum in Rindern seine Ausstellung historischer Dokumente mit einer Kindergeschichte, die auf dem Hoppensack-Bauernhof in Rindern im ehemaligen Besitz von Minuits Frau beginnt. Wampum-Perlen, die bei Ausgrabungen auf dem Gelände gefunden wurden, bilden den erzählerischen Ausgangspunkt einer transatlantischen Reisegeschichte zu historischen Orten und zu Freundschaften mit Kindern der Lenape. Am Ende steht – bis dato freilich nur fiktiv – eine Entschuldigung seitens des Bürgermeisters von Kleve dafür, dass die Geschichte vom Kauf Manhattans über Jahrhunderte aus der Perspektive kultureller Überlegenheit erzählt wurde – auch hier am Niederrhein.

Denn auch für diese Legende gilt, was der Lakota-Chief Red Cloud formulierte: „Sie machten uns viele Versprechen, mehr, als ich mich erinnern kann, doch nur eines hielten sie: Sie versprachen, uns unser Land zu nehmen – und sie nahmen es.“

Und in einer Gegenwart, in der „Deals“ erneut als Maßstab politischer Stärke inszeniert werden, gewinnt dieser Mythos neue Brisanz. Für indigene Gemeinschaften in den USA sind Fragen von Land, Souveränität und historischer Anerkennung weiterhin konkret. Und auch für uns am Niederrhein und in den Niederlanden stellt sich die Frage, welche Rolle wir in dieser Erinnerung einnehmen wollen.

Frank Mehring

(RC Kleve Schloß Moyland) ist Kulturwissenschaftler und Professor für Amerikanistik an der Radboud University in Nijmegen/NL. Er lebt mit seiner Familie in Rindern bei Kleve.

Foto: Privat