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Staatenkrieg mit anderen Mitteln

von Thomas Speckmann | 
 |  Lesezeit: 5 Minuten

Eckart Conze nähert sich Deutschland und den Deutschen in der heutigen friedlosen Welt aus der historischen Einordnung in vermeintlich vergangene Welten

Den Deutschen muss man eigentlich nichts vom Krieg erzählen. Schon ihr erster Nationalstaat entstand aus einem Krieg heraus – gegen Frankreich 1870/71. Aus den beiden Weltkriegen gingen sie als Täter wie Opfer hervor. Und wäre der Kalte Krieg zu einem heißen auch in Europa und nicht allein in Asien, Afrika, Lateinamerika und im Nahen Osten geworden, wäre durch das zwischen den Blöcken geteilte Deutschland erneut eine Frontlinie gegangen – atomare Vernichtung nicht ausgeschlossen.

Wer kann den Deutschen nach diesen Erfahrungen die Suche nach Frieden verübeln? Eckart Conze sicherlich nicht. Der Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Marburg beschreibt nicht nur die von Kriegsgewalt durchzogene Geschichte der Deutschen vom Dreißigjährigen Krieg, in dem das heutige Deutschland zu großen Teilen das Schlachtfeld bildete, bis in die unmittelbare Gegenwart. Er dürfte auch die aktuelle Gefühlslage der nach Frieden suchenden Deutschen auf den Punkt bringen, wenn er feststellt, die Hoffnung auf eine friedliche, zumindest auf eine friedlichere Welt habe sich zerschlagen: „Friedlos begegnet uns die Gegenwart.“ Selbst dort, wo Staaten und Gesellschaften am Ziel des Friedens festhielten, lägen über ihnen der Schatten und die Bedrohung des Krieges.

Friedensnorm und Kriegsgefahr

Wie kann man damit umgehen? Wie viele Beobachter sieht auch Conze die Gefahr des Krieges die Politik verändern, da sie politische Debatten und Entscheidungen erfordere. Zur Voraussetzung dafür erklärt er eine gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der Möglichkeit des Krieges – Krieg wertet er als eine Herausforderung der Demokratie. Für die Selbstverständigung der Deutschen sei diese Auseinandersetzung gerade angesichts der deutschen Geschichte von zentraler Bedeutung, denn es gehe in ihr um Grundlagen und Grundfragen der deutschen Demokratie, so wie sie sich nach 1945 entwickelt habe.

Im Schatten und als Konsequenz von Krieg und Gewalt haben sich in Deutschland in der Wahrnehmung von Conze ein politisches Bewusstsein und eine nationale Identität – orientiert an der verfassungsrechtlichen Norm des Friedens – herausgebildet. „Nachkrieg“, das sei nicht nur die Bezeichnung für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg gewesen, vielmehr habe in dem Begriff – wie ihn Conzes britisch-amerikanischer Historikerkollege Tony Judt in seiner Geschichte Europas nach 1945 verwendet hat – die These mitgeschwungen, der Kontinent könne den Krieg als solchen überwunden und hinter sich gelassen haben, erst recht nach 1990.

Eckart Conze: Friedlos

Die Deutschen zwischen Kriegsgewalt und Friedenssuche. Von 1648 bis heute
dtv 2026, 576 Seiten, 35 Euro

Foto: PR

Vor diesem Hintergrund glaubt Conze die normative Orientierung am Frieden durch die internationalen Entwicklungen der Gegenwart herausgefordert und wirft entsprechende Fragen auf: Was bedeutet die Friedensnorm, rechtlich, politisch und bezogen auf das Denken, angesichts der Realität des Krieges im östlichen Europa und angesichts der von Russland ausgehenden Bedrohung? Was wird aus der nach 1945 entstandenen Friedenskultur? Einen erneuten Krieg, in dem Deutschland nicht nur durch Ereignisse in geografisch weit entfernten Weltgegenden wie nun im Fall Iran, sondern selbst – auf seinem eigenen Territorium – unmittelbar daheim betroffen ist, hält er nicht für unausweichlich, aber für eine reale Gefahr.

Zu den notwendigen Antworten auf diese Gefahr zählt Conze zum einen verstärkte Verteidigungsanstrengungen. Zum anderen erachtet er eine intensive Auseinandersetzung über das Verhältnis von Friedensnorm und Kriegsgefahr, von Friedenssuche und Kriegsgewalt für notwendig. Als Leitplanken dienen ihm dabei treffende Charakterisierungen der Geschichte wie Gegenwart internationaler Ordnung wie Unordnung.

Kreuzung geopolitischer Interessen

Den Ausgangspunkt bilden für Conze der Dreißigjährige Krieg und der Westfälische Frieden. In ihnen erkennt er vor dem Hintergrund der europäischen Expansion nicht nur eine Art Frühform jenes globalen Systems territorialer Staaten, das im Kern – bei allen historischen Veränderungen und Anpassungen – bis in die Gegenwart Bestand habe, entstanden 1648 zunächst in Europa. Im 17. Jahrhundert hätten sich Grundlagen und Grundstrukturen internationaler Ordnung politisch ausgeformt und völkerrechtlich verfestigt, die Basis aller Ordnungs- und Neuordnungsbemühungen der Staatenwelt – vom Frieden von Utrecht 1713 über den Wiener Kongress 1814/15 und die Pariser Friedenskonferenz 1919 bis hin zum Ende des Kalten Krieges.

In der Analyse von Conze spricht viel dafür, Krieg als Form staatlich legitimierter und ausgeübter Makrogewalt zu verstehen

 

Die Vorstellung eines „Post-Westfälischen Systems“ aus der Zeit nach 1990, die These eines Bedeutungsverlusts der Nationalstaaten oder gar der Auflösung einer nationalstaatlich geprägten internationalen Ordnung haben im Licht der Gegenwart für Conze an Überzeugungskraft verloren. Auch der Staatenkrieg gehöre nicht der Vergangenheit an, wie es ebenfalls nach 1990 behauptet worden sei. Er hat nach der Beobachtung von Conze lediglich neue Formen angenommen, die mit technischen Entwicklungen zusammenhingen, welche die Möglichkeiten erweiterten, Krieg nicht nur durch den Einsatz physischer Gewalt zu führen. Aber das ist für Conze nicht mit der Ablösung des Staatenkriegs gleichzusetzen, sondern vielmehr ein „Staatenkrieg mit anderen Mitteln“. Begriffe wie „symmetrischer“ oder „asymmetrischer“ Krieg erfassten Entwicklungen wie den „Cyber-War“ nicht treffgenau. Und wie der Krieg in der Ukraine zeige, könnten ganz unterschiedliche Formen der Kriegsführung vom Grabenkrieg wie im Ersten Weltkrieg bis zum elektronischen Krieg in und aus der Luft nebeneinander und verschränkt existieren. Daher spricht in der Analyse von Conze nach wie vor viel dafür, Krieg als Form staatlich legitimierter und ausgeübter Makrogewalt zu verstehen und als gewaltsame zwischenstaatliche Konfliktaustragung zu untersuchen.

Deutschland erscheint in diesem Zusammenhang bei Conze allein schon wegen seiner Lage mitten in Europa als Kreuzung geopolitischer Interessen und Projektionen über Jahrhunderte und – zu unterschiedlichen Zeiten und in unterschiedlicher staatlicher und politischer Gestalt – sowohl als Objekt wie als Subjekt von Machtpolitik, das Kriegsgewalt ausübte und erlitt, das nach Frieden suchte und befriedet wurde. In diesem Sinne muss man den Deutschen eigentlich nichts vom Krieg erzählen. Oder gerade deswegen.

Dr. Thomas Speckmann

ist Historiker und Politikwissen-schaftler und hat Lehraufträge an den Universitäten Bonn, Münster, Potsdam und der FU Berlin wahrgenommen.

Foto: Laurence Chaperon