Titelthema
von Hans-Peter Müller |
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Ohne Geduld kein Erfolg

Die Moderne ist auf Fortschritt getrimmt, und Tempo impliziert Ungeduld. Max Webers Sozialökonomie lehrt uns aber etwas anderes. Gedanken zu Kapitalismus und Kultur

Weber entwickelt seinen Ansatz der Sozialökonomie, um Kapitalismus und Kultur zu untersuchen. Wie Karl Marx hält er den Kapitalismus für die schicksalhafteste Macht in der Moderne. Sie gilt es jedoch auszuhalten und zu gestalten, aber nicht zugunsten des Sozialismus abzuschaffen. Denn das hieße die Verschmelzung von Politik und Wirtschaft und würde bedeuten, die dynamische Gesellschaft des Kapitalismus in die starre Bürokratie des Sozialismus zu verwandeln. Vielmehr gilt es, eine Balance zwischen Staat und Wirtschaft zu finden, für den die pluralistische Demokratie die erfolgversprechendste Form ist. Die institutionelle Konstellation von Kapitalismus, Demokratie und Individualismus gilt Max Weber als beste Garantie für Freiheit und die Chance zu autonomer Lebensführung der Menschen.

Aber was heißt Sozialökonomie? Webers breite Definition lautet: „Daß unsere physische Existenz ebenso wie die Befriedigung unserer idealsten Bedürfnisse überall auf die quan­-ti­ta­ti­ve Begrenztheit und qualitative Unzulänglichkeit der dafür benötigten äußeren Mittel stößt, daß es zu ihrer Befriedigung der planvollen Vergesellschaftung mit Menschen bedarf, das ist, möglichst unpräzis ausgedrückt, der grundlegende Tatbestand, an denen sich alle jene Erscheinungen knüpfen, die wir im weitesten Sinne als ‚sozial-ökonomische‘ bezeichnen.“ Bedürfnisse und ihre Befriedigung, Mittel und ihre Knappheit, Vergesellschaftung und ihre planvolle Gestaltung umschreiben den Kriterienkatalog, der ihn die Untersuchung eines Phänomens als „sozialökonomisch“ bezeichnen lässt. Sein Thema, der Kapitalismus in Entstehung und Kulturbedeutung, sein sozialökonomischer Ansatz, der auf die Verhältnisbestimmung von Wirtschaft und Gesellschaft zielt, legt ihm ein ungeheuerlich weit gespanntes Forschungsprogramm auf: „die wissenschaftliche Erforschung der allgemeinen Kulturbedeutung der sozialökonomischen Struktur des menschlichen Gemeinschaftslebens und seiner historischen Organisationsformen“ (Max Weber).

Das bekannteste Stück dieses Programms ist die „Protestantische Ethik“ (PE). Weber fragt sich, wie ein aus menschlicher Sicht so perverses Wirtschaftssystem hat entstehen können. Denn der Kapitalismus dreht die „natürliche“ Folge um: Statt zu „arbeiten, um zu leben“ zwingt er die Menschen zu „leben, um zu arbeiten“. Wie wird so etwas möglich? Gibt man sich nicht einfach mit Zwang, Macht und Gewalt zufrieden, die historisch stets eine große Rolle gespielt haben, so ist nach den kulturellen Voraussetzungen zu forschen, die ein solches Wirtschaftssystem ermöglicht haben. Weber glaubt im asketischen Protestantismus, und hier vor allem im Calvinismus, eine Religion gefunden zu haben, die die Entstehung des Kapitalismus mit ihrem „Geist“ einer asketischen Berufsethik begünstigt hat. Webers These besagt, dass es eine Wahlverwandtschaft zwischen dem Puritanismus und dem Kapitalismus gegeben hat.

Die intensive, komplexe und unübersichtliche Rezeption von Webers PE lässt sich in drei Kategorien einteilen: Zeitdiagnose, Theorie, Analyse. Die breiteste Wirkung erzielte seine pessimistische „Zeitdiagnose“ zu den Pathologien der Moderne. Vor allem die Kritische Theorie griff auf die Figur des Kapitalismus als verhängnisvolles Gehäuse zurück. Heute dominiert die Rezeption des modernen Menschen und seiner Lebensführung, denn „die Fachmenschen ohne Geist, Genussmenschen ohne Herz“ (Max Weber) tauchen mit modernem Gewand in vielen neueren Zeitdiagnosen auf wie dem Ethos des „flexiblen Menschen“ (Richard Sennett), des „unternehmerischen Selbst“ (Ulrich Bröckling) und des „Arbeitskraftunternehmers“ (Gerd-Günter Voß und Hans Pongratz). Aber auch die „Kommerzialisierung der Gefühle“ (Arlie Hochschild), die hyper-trophe Individualisierung, ja Singularisierung (Andreas Reckwitz) und Selbstoptimierung (Anja Röcke) sowie die damit verbundene Pathologie des „erschöpften Selbst“ (Alain Ehrenberg) werden diskutiert.

Der neue Kapitalismus verheißt Selbstverwirklichung, weil seine Struktur Chancen zur Handlungsautonomie und Entscheidungsfreiheit des Einzelnen eröffnet

 

In der „Theorie“ überwiegen die Versuche, das Erklärungsmodell der PE zu erfassen. Berühmt ist James Colemans Theorie rationaler Wahl mit seiner „Badewanne“, die zeigt, dass Weber ein Mikro-Makro-Modell der Erklärung entwickelt hat. Auf der Makroebene bietet die PE den Gläubigen auf der Mikroebene die religiösen Werte an, die ebenfalls auf der Mikroebene ihr ökonomisches Verhalten (asketischer Sparzwang) beeinflussen, was auf der Makroebene den Kapitalismus ermöglicht.

Wichtiger für die Wirtschaftssoziologie wurden indes die „Analysen“ im Anschluss an Max Weber. Auch die Studien zur Wirtschafts- und Arbeitsethik lassen sich in drei Kategorien einteilen: funktionale Äquivalente, Säkularisierung und neuer Geist. Schon bald stellte sich die Frage, ob es funktionale Äquivalente in anderen Religionen geben könnte. War nur der Puritanismus günstig für die Entstehung des Kapitalismus, oder kann das auch anderen Religionen gelingen? Robert Bellah suchte den Aufstieg Japans zu einer führenden Industrienation durch den Rekurs auf religiöse Werte zu erklären, wie sie in einer Mischung aus Buddhismus, Konfuzianismus und dem einheimischen Shintoismus im Tokugawa-Shogunat (1603–1868) gebildet wurden. Zunächst in der Klasse der Samurai beheimatet, übertrugen sich Werte wie Selbstdisziplin, produktive Arbeit und das Durchhaltevermögen in großen Projekten auch auf die aufsteigende Händlerklasse, sodass sie eine der PE vergleichbare Wirtschafts- und Berufsethik für den industriellen Aufstieg bereitstellten. Ähnliche Studien gibt es für das konfuzianische China, das hinduistische Indien, das katholische Lateinamerika und jüngst für den Raum des Islams in Gestalt der IWA – der „islamic work ethic“.

Geht man vom Tatbestand der Säkularisierung aus, so lautet die Frage, ob es nicht auch funktionale Äquivalente zur Religion selbst gibt. Ein genauerer Blick auf die konstitutiven Elemente der PE fördert eine Trias von Eigenschaften zutage: Professionalisierung in Gestalt von speziellem Wissen und Expertise, Leistung durch Produktivität und Effizienz sowie Bewährung in Gestalt von Berufserfolg. Tatsächlich spielen alle diese drei Eigenschaften eine zentrale Rolle in der Organisation heutiger Arbeits-, Leistungs- und Disziplinargesellschaften, wenn auch in rein säkularer Form und, wenn man so will, als diesseitige Religion.

Ohne Ausdauer, Beharrlichkeit und Geduld kein Erfolg – so die bleibende Lehre aus Webers Sozialökonomie

 

Der „neue Geist“ des Kapitalismus wurde in einer Reihe von Studien diskutiert. Daniel Bell verwies auf Die kulturellen Widersprüche des Kapitalismus, denn in modernen Konsumgesellschaften wird dem Menschen ein gespaltenes Verhältnis von Arbeit und Freizeit abverlangt. Im Berufsleben zählen nach wie vor asketisch Leistung, Disziplin und Durchhaltevermögen, während im Privatleben der Einzelne hedonistisch zum Konsum verführt wird. In Bells Augen führt diese Spaltung auf lange Sicht zur motivationalen Auszehrung des Kapitalismus. David Brooks erblickt genau in dieser schizoiden Haltung – Askese im Beruf, Ekstase in der Freizeit – den Habitus der „Bobos in Paradise“. Denn die „Bourgeois Bohemians“ sind in ihrem Arbeitsleben Workaholics, in ihrer knapp bemessenen Freizeit spielen sie die Rolle des konsumorientierten Künstler-Bohemiens. Während Bell und Brooks inhaltlich innerhalb des Weberschen Bezugsrahmens verbleiben und die Transformationen der PE bis in die Gegenwart verfolgen, erzählt Colin Campbell eine alternative Geschichte. In seiner Studie The Romantic Ethic and the Spirit of Modern Consumerism rekonstruiert er zunächst den „Geist des modernen Konsumismus“, den er als „autonomen imaginativen Hedonismus“ identifiziert und der das Pendant zur kapitalistischen Konsumgesellschaft bildet. In einem zweiten Schritt weist er historisch nach, dass die romantische Ethik sich aus einer emotional-sentimentalen Seitenlinie des Puritanismus heraus entwickelt habe. Heute hingegen – nach dem Ende der Romantik – werden in der Kernfamilie neben der puritanischen Leistungsethik durch die instrumentelle Rolle des Vaters auch romantische Werte durch die expressive Rolle der Mutter weitergegeben.

Während Bell, Brooks und Campbell der neuen Realität der westlichen Konsumgesellschaft Rechnung tragen wollen, fragen sich Luc Boltanski und Ève Chiapello, ob nicht auch der globale Kapitalismus einen „neuen Geist“ benötigen würde. Selbst ein so mächtiges Wirtschaftssystem wie der Kapitalismus braucht Legitimität und Anerkennung, und eine solche Rechtfertigung kann sich nicht nur auf dessen Gewalt- und Ausbeutungsverhältnisse stützen. Boltanksi und Chiapello stellen im Gefolge von 1968 eine wichtige Weichenstellung im Modus der Kritik fest. Siamesischen Zwillingen gleich gehörte von Beginn an zum Kapitalismus auch dessen Kritik. Weit davon entfernt, Kritik nur negativ zu betrachten, sehen Boltanksi und Chiapello darin eine positive Quelle des Lernens. Mit dem Ereignis von 1968 tritt neben die klassische Sozialkritik, die sich am Marxschen Konzept der Ausbeutung orientiert hatte, eine moderne Künstlerkritik, die auf dem Marxschen Konzept der Entfremdung basiert. Es geht also nicht mehr um soziale Ungleichheit und gerechte Verteilung, sondern um kulturelle Ungleichheit und individuelle Selbstverwirklichung. Der neue Kapitalismus verheißt Selbstverwirklichung, weil seine netzwerk- und projektartige Struktur Chancen zur Handlungsautonomie und Entscheidungsfreiheit des Einzelnen eröffnet. Wenn auch im Alltag häufig ein leeres Versprechen, bietet es unternehmerisch gesinnten Menschen einen Anreiz, sich für diese Form des Kapitalismus zu engagieren. Erst wenn der stets perfekte Netzwerk- und Projektmensch am Ende ausrangiert wird, realisiert er den illusorischen Charakter des nach wie vor auf dem Profitprinzip ruhenden Kapitalismus.

Wie dieser knappe Abriss zeigt, dreht sich die Diskussion auch heute noch um die mit der PE verbundenen Fragen nach einer Wirtschafts- und Arbeitsethik, die Unternehmern und Managern, Angestellten und Arbeitern die notwendige Motivation vermittelt, um in diesem „unnatürlichen System“ des Kapitalismus engagiert mit-zumachen. Ohne Ausdauer, Beharrlichkeit und Geduld kein Erfolg – so die bleibende Lehre aus Webers Sozialökonomie.

Hans-Peter Müller

ist Professor em. für Allgemeine Soziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Heute arbeitet er als Autor, Kritiker und Moderator zu aktuellen Themen.

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Hans-Peter Müller