Eier. Wir brauchen Eier!

Freiwillig und ohne Not haben wir die Kontrolle über unsere Freiheit abgegeben. Wir sollten sie uns zurückholen, doch das erfordert leider Mut
In Deutschland hat der liberale Grundgedanke keine große Tradition. Liberal – das sind porschefahrende Juristensöhnchen oder Zahnarztgattinnen in Gucci-Kostümen. Asozial, rücksichtslos und egoistisch. Dass es ein Gesellschaftsmodell ist, das auf Selbstbestimmung und auf Unabhängigkeit gründet, hat man in diesem Land nie so richtig verstanden.
Freiheit ist uns nicht so wichtig. Hauptsache, der Müll ist ordentlich getrennt. Deswegen ist es vermutlich auch kein Zufall, dass sich der Begriff „Dosenpfand“ auf „Vaterland“ reimt. Kommt sogar in unserer Hymne vor: „… ist des Glückes Unterpfaaand!“
Vielleicht liegt es ja an unserer Geschichte. Deutschland war jahrhunder-telang ein sehr instabiles Gebiet aus vielen Kleinstaaten. Das Land war an mehreren Grenzen offen, verwundbar und nie abschließend definiert. Und wer fast ein Jahrtausend lang keine sicheren Grenzen hat, macht eben nicht Freiheit, sondern Sicherheit und die bekannten preußischen Tugenden Gehorsam, Pflichtbewusstsein und Unterordnung zu Leitprinzipien.
Die Liebe zu Paragrafen
Daher sind wir so versessen auf Richtlinien und Paragrafen. „Was halten Sie vom Gravitationsgesetz?“ – „Auf jeden Fall beibehalten!“ In einer Informationsbroschüre des Lehrerverbandes Hessen las ich einmal: „Besteht ein Personalrat aus einer Person, erübrigt sich die Trennung nach Geschlechtern.“
Wir sind stolz auf unsere Demokratie, aber der Geist der Freiheit ist uns suspekt. Doch die bloße Tatsache, dass der Wille des Volkes in einer freien Wahl zum Ausdruck kommt, heißt erst mal nicht sehr viel. Demokratie bedeutet lediglich, dass zehn Füchse und ein Hase darüber abstimmen können, was es zum Abendessen gibt. Freiheit dagegen bedeutet, dass der Hase mit einer Schrotflinte die Wahl anfechten kann.
Wir sind stolz auf unsere Demokratie, aber der Geist der Freiheit ist uns suspekt
Das entscheidende Element der abendländischen Kultur ist also nicht unbedingt die Mitbestimmung, sondern die Selbstbestimmung. Die Idee, dass jeder Mensch ein individuelles Wesen darstellt, das sich vollkommen frei entfalten darf.
Der Philosoph John Locke nannte diese Idee „Selfownership“. Das Eigentum an mir selbst. Ein Gedanke, der in der Aufklärung entstand: Du darfst alles tun, was andere als vollkommen idiotisch ansehen, solange du damit keinen schädigst. Oder wie Immanuel Kant es etwas intellektueller formulierte: Habe Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen – auch dann, wenn Du keinen hast.
Wir verorten unsere politischen Parteien nach Kategorien wie „links“ oder „rechts“ oder „grün“. Aber nicht danach, ob sie sich einmischen oder nicht.
Die Kontrolle abgegeben
Dass eine Gesellschaft mit deutlich weniger Politik deutlich besser laufen könnte, ohne diese vielen Eingriffe und Verordnungen, wird von vielen Bürgern als absurd abgetan.
Daher überfrachten wir die Politik mit so unglaublich hohen Erwartungen, dass sie im Grunde genommen nur scheitern kann. Und wenn sie das dann tut, sind wir enttäuscht und wenden uns einer anderen Partei zu, die uns dann wieder irgendwelche Rundum-sorglos-Pakete verspricht.
Die wahre Ursache für die aktuelle Krise liegt meiner Meinung nach nicht an Frau Merkel, Herrn Habeck oder Herrn Merz – sie liegt an der jahrzehntelangen Weigerung von uns allen, Verantwortung für die eigene Lebensgestaltung übernehmen zu wollen.
In immer stärkerem Maße haben wir von der Politik gefordert, dass sie uns doch bitte vor den Zumutungen und Risiken des täglichen Lebens bewahren soll. Wir beklatschten Mietpreisbremsen, ein kostenloses Studium, Kündigungsschutz und Ernährungsampeln. Gutgläubig haben wir genickt, wenn man uns vorgaukelte, dass die Renten sicher sind, dass „wir das schaffen“ oder uns die Energiewende monatlich nur eine Kugel Eis kosten wird.
Vince Ebert: Wot Se Fack, Deutschland?
Warum unsere Gefühle den Verstand verloren haben. dtv Verlag,304 Seiten, 17 Euro
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Die Politik sollte regeln, welche Autos wir fahren dürfen, welcher Strom produziert wird, wie viele Frauen in Vorständen sitzen müssen, dass ein Mann auch eine Frau sein kann, mit welchen Methoden Lebensmittel hergestellt werden und in welchen Tüten wir sie vom Supermarkt nach Hause tragen. Es gibt fast keinen Bereich in unserem Leben, in dem wir der Politik keine maßgebliche Entscheidungsbefugnis zugestanden haben. So haben wir freiwillig und ohne Not immer mehr Kontrolle und Verantwortung über unseren Alltag abgegeben und der Politik Funktionen und Einflussbereiche übertragen, die wir nun kaum mehr zurückbekommen.
Doch genau das müssen wir. Denn laut Verfassung sind Politiker nichts weiter als unsere Angestellten, das vergessen wir oft. Es sind keine Fürsten oder Lehnsherren, die uns in ihrer unermesslichen Gnade irgendwelche Rechte zugestehen, es ist genau umgekehrt. Wir, das Volk, und nicht irgendein Kasper in Berlin oder Brüssel, sind der Souverän dieses Landes.
Noch vor gar nicht so langer Zeit war das allgemein akzeptiert und respektiert. Gustav Heinemann, Bundespräsident von 1969 bis 1974, sagte: „Die Grundlage der Demokratie ist nicht die Herrschaftsgewalt eines obrigkeitlichen Staates. Nicht der Bürger steht im Gehorsamsverhältnis der Regierung, sondern die Regierung ist dem Bürger im Rahmen der Gesetze verantwortlich für ihr Handeln.“
Heute, so scheint es, ist das weitgehend in Vergessenheit geraten. Und daran sind eben nicht (nur) die Politiker schuld. Sondern wir alle.
Daher brauchen wir dringend ein neues Denken in diesem Land. Wir müssen raus aus unserer selbst verschuldeten Unmündigkeit. In unserer vollkaskoversicherten Lebensplanung haben wir vergessen, was die Grundvoraussetzungen für Wohlstand, für Fortschritt und für Freiheit sind: Wagemut, Eigenverantwortung und Selbstbestimmung.
Mutig reden, mutig handeln
Diese Werte müssen wir selbstbewusst vertreten. Wir alle müssen mutiger werden und unsere Stimme erheben, wenn uns etwas nicht passt. Das fängt beim Elternabend an und endet im Bundestag bei Abstimmungen über die Zukunft unserer Gesellschaft.
Der von RAF-Terroristen ermordete Manager Alfred Herrhausen brachte das bereits vor 40 Jahren auf den Punkt: „Wir müssen das, was wir denken, sagen. Wir müssen das, was wir sagen, tun. Und wir müssen das, was wir tun, auch sein.“
Oder wie der große Philosoph Oliver Kahn einst sagte: „Eier. Wir brauchen Eier.“
Vince Ebert
ist Physiker, Kabarettist und Träger der Hayek-Medaille 2025. In seinem aktuellen „Spiegel“-Bestseller „Wot Se Fack, Deutschland? Warum unsere Gefühle den Verstand verloren haben“ setzt er sich kritisch mit dem Zustand unseres Landes auseinander. Mit seinem Bühnen-programm „Vince of Change“ ist er in ganz Deutschland auf Tour. Infos und Tourdaten:
Foto: Frank Eidel





