Titelthema

Spielt keine Rolle

von Nikolaus Habjan | 
 |  Lesezeit: 5 Minuten

Nichts und niemand ist so wahrhaftig und ehrlich wie eine Puppe. Keine Mimik, keine Präsenz steht zwischen ihr und der Rolle, die sie ausfüllt

Vielleicht hat mich das Puppenspiel gerade wegen dieser radikalen Ehrlichkeit seit meiner Kindheit so fasziniert. Geschichten, die mit Puppen und Musik erzählt werden, habe ich schon als kleines Kind geliebt. Mit Puppen zu spielen, beginnt ja bei den meisten im Kinderzimmer. Auch bei mir – wobei meine erste Liebe den Marionetten galt. Meine zweite Leidenschaft war spätestens seit dem Besuch der Zauberflöte in der Grazer Oper mit vier Jahren das Musiktheater. Die Kombination aus beidem – die Zauberflöte des Salzburger Marionettentheaters – war eine magische Welt, in die ich unzählige Male eingetaucht bin, zum Glück hat die VHS-Kassette das mitgemacht.

In den folgenden Jahren wuchs meine Marionettensammlung stetig – und das Kinderzimmer war die erste Bühne für meine Inszenierungen. Ein Jahrzehnt nach meinem ersten Opernbesuch kam ich zum ersten Mal mit Klappmaulpuppen in Berührung. Eigentlich zwei Jahre zu jung für die Teilnahme am Workshop des australischen Puppenspielers Neville Tranter im Rahmen des Grazer Festivals La Strada, nahm ich dennoch teil und war von Anfang an von dieser Form der Puppen begeistert. Mir war klar, dass die lebensgroßen Klappmaulpuppen das perfekte Ausdrucksmittel für mich sind.

Sie ermöglichen es einem, unglaublich spontan zu sein und auf das Publikum in einem Maße zu reagieren und mit ihm zu interagieren, wie es mit Marionetten nicht möglich ist.

Die Begegnung mit Neville Tranter war für uns beide prägend – in weiteren Workshops erlernte ich nicht nur das Spiel mit, sondern auch das Handwerk des Baus von Klappmaulpuppen. Inzwischen habe ich weit über 200 Puppen in unterschiedlichen Größen und aus diversen Materialien gebaut. Sie treten mit mir und ohne mich, in Opernhäusern und Theatern auf – und waren bereits auf Bühnen in drei Kontinenten und sind Teil von Ausstellungen. 

Leider gibt es in Österreich keine besonders ausgeprägte Kultur des Figurentheaters, verglichen mit vielen Nachbarländern. Das zeigt sich auch darin, dass es bis heute keine Puppenspielausbildung auf einer der Kunsthochschulen in Österreich gibt – auf den Kunstunis in Berlin, Leipzig, Stuttgart, Prag und Bratislava existieren diese schon viele Jahrzehnte. Mittlerweile gibt es Ausbildungen auch in Bulgarien, Kroatien, Ungarn, Polen, Rumänien, Russland, Argentinien, Belgien, Brasilien, Kanada, Finnland, Frankreich, Großbritannien, Israel, den Niederlanden, Norwegen, Spanien, Schweden, der Schweiz und den USA – meist dauern diese rund acht Semester und schließen mit einem akademischen Grad ab. Eigentlich wäre es doch schön, so etwas auch in Österreich zu etablieren.

Für mich ist Figurentheater eine Möglichkeit, Dinge darzustellen, die mit Sängern oder Schauspielern gar nicht möglich wären. Diese Perspektive ist auch nichts Neues – einer der berühmtesten Puppenspieler, Paul Brann, ein Freund von Max Reinhardt und der Begründer des Puppenspiels im deutschsprachigen Raum, schuf mit bekannten Puppenbauern und Bühnenausstattern im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts Gesamtkunstwerke für Oper und Theaterstücke, ganz den Vorstellungen des Jugendstils verpflichtet. Man war sich der ungeheuren Wirkung und Symbolkraft von Puppen im Theater bewusst. Diese Tradition fand durch das „Kunstverständnis“ der Nationalsozialisten ein jähes Ende – die Folgen dieser Kahlschläge merkt man im Kulturbetrieb bis heute. Daher beschäftige ich mich häufig mit der Kunst des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts und ziehe Inspiration daraus, wie man damals einen neuen Zugang zu Musiktheater und Theater im Allgemeinen, eng verbunden mit der bildnerischen Kunst, suchte und auch dem Figurentheater als Kunstform große Bedeutung zumaß.

Der Mehrwert des Einsatzes von Puppen im Theater ist leicht zu erklären. Eine Puppe steht – bildlich gesprochen – für sich. Dass dahinter jemand steht, der ihr Stimme, Haltung und oft auch Beine verschafft, ist völlig transparent und zugleich oft unter der Wahrnehmungsschwelle. Die Puppe nimmt – als eigentlich unbewegliche Projektionsfläche – so viel Raum ein, ist absolut und damit auf eine ganz besondere Weise echt. Im Gegensatz zu Schauspielern und Sängern spielt sie ja keine Rolle. Als Puppenspieler muss ich heterogen an den Part herangehen. Ich darf nie mit der Rolle verschmelzen, da der Hauptakteur die Puppe ist. Ich verschwinde quasi hinter ihr. Außer ich trete selbst – als Puppenspieler, als Schauspieler – in Interaktion mit ihr. Dann habe ich die Möglichkeit, mehrere Identitäten in Form von Puppen zusätzlich zur eigenen, oder zu einer Rolle, zu verkörpern. Das erfordert hohe Konzentration und Musikalität, um hier zu „switchen“ – aber es bringt eine Dynamik ins Spiel, die ohne Puppen kaum zu erreichen wäre. Damit erweitert sich das Spektrum der Ausdrucksmittel ganz ohne komplexe Bühnentechnik – verschiedene Ebenen und Szenen können so nebeneinander auf der Bühne existieren, ohne unlogisch zu wirken.

Ich schätze nicht nur das „reine Puppentheater“, sondern setze sie oft in meinen Inszenierungen ganz gezielt nur für einzelne Rollen ein. Manchmal ist eine Rolle auch gedoppelt, wird also etwa durch eine Sängerin und eine Puppe verkörpert, und eröffnet so gerade bei komplexen Handlungssträngen gute Möglichkeiten, um die eigentliche Geschichte, um die es in dem Stück geht, wirken zu lassen. Ganz abgesehen davon: Niemand kann auf der Bühne überzeugender sterben als eine Puppe! Das ist besonders bei vielen Opernlibretti eine durchaus nützliche Eigenschaft.

Was ich an Puppen noch so liebe, ist, dass sie gerade auch Personen, die sonst keinen Zugang zum Theater haben, „hineinziehen“ und ihnen das Erlebnis ermöglichen, von Ereignissen auf einer Bühne berührt zu werden. Gerade Jugendliche lassen sich auf diese Weise oft eher begeistern oder von einem Stück mitreißen – diese besondere Authentizität, die eine Puppe mit sich bringt, lässt sie manchmal leichter eine Verbindung herstellen. Besonders berührt hat mich die Post von einem jungen Mann mit Autismus, der durch eine meiner Inszenierungen mit Puppen eine neue Seite an sich kennengelernt hat. Jemanden so zu berühren – das ist wohl eines der größten Dinge, die man mit Theater erreichen kann.

Nikolaus Habjan

ist ein in Graz geborener Theater- und Opernregisseur, der auch als Puppenspieler und Puppenbauer international tätig ist. Neben dem Puppenspiel hat er sich einer weiteren unbekannten Kunstform verschrieben – als Kunstpfeifer performt er regelmäßig Opernarien mit Klavier- oder Orchesterbegleitung.

Foto: Werner Kmetitsch