Titelthema

Keine Märchen

von Annette Krämer | 
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Eine der ältesten Formen darstellender Kunst ist das Spiel mit Licht und Schatten. Die Faszination des Schattentheaters hat eine lange Geschichte, die noch lange nicht auserzählt ist

Schattentheater“, „Schattenspiel“ – diese Begriffe wecken Assoziationen. Man denkt an Schattenkämpfe mit den Händen oder an Figurentheater als Kinderbelustigung. Über Schattentheater-Traditionen als bedeutende kulturelle Ausdrucksform, in mehreren Varianten als Unesco-Kulturerbe anerkannt, ist im deutschsprachigen Raum jedoch wenig bekannt. Vor 100 Jahren, als der Film erst aufkam, war zumindest das kunstvolle Spiel mit Licht und Schatten noch erstaunlich populär – heute zieht es eher ein Nischenpublikum an.

Im Mittelpunkt dieses Beitrags steht das historische Schattentheater bei den Nachbarn Europas in islamisch geprägten Gesellschaften, ergänzt um die Faszination der Kunst mit Licht und Schatten hierzulande bis hin zum zeitgenössischen Schattentheater. Das im Osmanischen Reich entstandene Karagöztheater existiert bis heute und ist als immaterielles Kulturerbe geschützt. Benannt nach seiner Hauptfigur Karagöz, „Schwarzauge“ – darin vergleichbar mit dem Kasperletheater –, ist es eine komplexe Kunstform mit Wurzeln bis ins Ägypten der Mamlukenzeit.

Schattentheater beginnt mit der Erfahrung des Schattens – unseres ständigen Begleiters, für den wir meist blind sind. Kinder versuchen ihn zu fangen, bevor sie ihn als gegeben hinnehmen. Der Schatten bewegt sich zwischen Materialität und Immaterialität: sichtbar, doch nicht greifbar. Mit ihm lässt sich spielen – es braucht nur Licht, Körper und Fläche. Der Übergang von Spiel zu Theater war wohl fließend; vielleicht ist Schattentheater die älteste Form darstellender Kunst.

Seine Ursprünge liegen vermutlich in Asien. Frühe Texte stammen aus Indien und Ägypten und datieren ins 13. Jahrhundert. Musik ist ein verbindendes Element, viele Traditionen entwickelten sich in Bezug zu Ritualen und religiösen Vorstellungen. Nach Europa gelangte das Schattentheater im 17. Jahrhundert über Italien, in Deutschland erlebte es in der Romantik eine Blütezeit als bürgerliche Unterhaltung. Die einfachen Silhouetten der sogenannten „Ombres Chinoises“ hatten mit chinesischem Schattentheater aber nichts gemein. Mit der Erfindung des Films verlor das Schattenspiel an Bedeutung, zugleich entstand Neues, etwa Lotte Reinigers Silhouettenfilme. Parallel wuchs das wissenschaftliche Interesse.

Vergessene Geschichte(n)

Der arabische Begriff „khayal“ – Fantasie, Vorstellung, Trugbild – ist zentral für das Schattentheater im islamischen Kontext. Die Bezeichnung „khayal az-zill“, von „zill“ = Schatten, verweist auf den Schatten zwischen Sichtbarem und Verborgenem. In der islamischen Mystik wurde Schattentheater als Gleichnis und Lehrbeispiel verstanden, und auf diese Weise auch legitimiert: Das Geschehen hinter dem Vorhang steht für eine Wahrheit, die den Menschen im Diesseits verborgen bleibt.

Theologisch war Schattentheater umstritten und zeitweise verboten, blühte jedoch im mamlukischen Ägypten: Aus dem 13. Jahrhundert stammen die Stücke des Ibn Daniyal – Farcen aus dem Alltag Kairos, die anspruchsvolle Poesie mit derber Sprache und Inhalten verbanden. Dieser „arabische Aristophanes“ geriet später in Vergessenheit. Der osmanische Sultan Selim war 1517 vom Schattentheater in Kairo so begeistert, dass er eine Spieltruppe mit nach Istanbul nahm.

Faszination Schattenfiguren

Anfang des 20. Jahrhunderts wuchs in Deutschland das Interesse an islamischer Kunst. Große Aufmerksamkeit fand auch die Publikation des Orientalisten Paul Kahle zu von ihm in Ägypten entdeckten alten Schattenfiguren. Er arbeitete zur Geschichte des ägyptischen Schattentheaters, dessen Texten und Figuren. Diese Pergament-Figuren waren als Silhouetten in Durchbruchtechnik gearbeitet, mit dünnem, farbigem Pergament in den Zwischenräumen für eine besondere Leuchtwirkung. Sie inspirierten Wassily Kandinsky und Franz Marc. Neun Figuren wurden im Almanach Der Blaue Reiter abgebildet, ein Teil der Sammlung gelangte 1913 an das Linden-Museum Stuttgart.

Doch Kahle war auch die Vermittlung des Theatererlebnisses ein Anliegen. Gemeinsam mit seinem Cousin Curt Elwenspoek organisierte er 1926 am Landestheater Stuttgart eine Aufführung des ägyptischen Krokodilspiels mit Originalfiguren. Der Saal war voll, das Publikum begeistert – von Kahles Einführung ebenso wie von den Schauspielern, die den Figuren ihre Stimme liehen, darunter Elwenspoek, der spätere „Gute-Nacht-Lied-Onkel“ des SDR. In Ägypten waren die alten Spielstoffe zu dieser Zeit bereits verschwunden, dort hatte sich aus dem Schattentheater das Puppenspiel Aragoz entwickelt. Der Name seines Protagonisten geht jedoch auf das osmanisch-türkische Vorbild „Karagöz“ zurück.

Karagöztheater

Europäische Reisende berichteten von einem lebendigen spätosmanischen Karagöztheater, besonders in Istanbul. Auch hierbei handelte es sich nicht um märchenhafte Stoffe mit Helden, Spannungsbögen oder Happy End, sondern um oft derbe Komik mit Wortwitz in virtuosem Figurenspiel vielseitig begabter Karagözkünstler. Karagöz, lebenslustig, ungebildet und ungeschickt, und Hacivat, der Städter mit etwas Bildung und noch mehr Einbildung, verkörpern bis heute Gegensätze. Ihre Dialoge strukturierten die Aufführungen. In der Hauptgeschichte jedes Stücks traten nacheinander gesellschaftliche Typen mit bewusst überzeichneten Eigenheiten auf – ein satirischer Spiegel der spätosmanischen Gesellschaft. Das Publikum lachte und erkannte sich selbst, verfremdet, auf der Bühne.

Das Karagöztheater mit bunten Pergamentfiguren erreichte alle Schichten, insbesondere im Ramadan. Es bot damals auch bissige Kritik „von unten“ an Geistlichkeit und Macht, deren Vertreter es wiederum zu kontrollieren suchten. Politische Entwicklungen und die Gründung der Republik Türkei veränderten die Balance: Karagöz wurde nun zum „Türken“, Hacivat blieb der Osmane. Bald wurde das Schattentheater politisch instrumentalisiert, etwa in „Volkshäusern“ zur Unterstützung republikanischer Reformen. In der Liberalisierung der 1960er und 1970er Jahre kam es zu einer Renaissance des satirischen Erbes, die nach dem Militärputsch 1980 weitgehend erstickt wurde. Durch eine neue Aufmerksamkeit fürs immaterielle Kulturerbe entstanden wieder Impulse. 2009 wurde das Karagöztheater auf Initiative der Türkei als Unesco-Kulturerbe anerkannt – was Griechenland kritisierte.

Dort hatte sich seit dem 19. Jahrhundert das Schattentheater um den sozial ex­tremer gezeichneten, zerlumpten „Karagiozis“ entwickelt, mit griechischen Mythen und dem anti-osmanischen Freiheitskampf als Spielstoffen. Trotz politischer Spannungen betonen Wissenschaftler den gemeinsamen Ursprung beider Traditionen. Schattenspieler begegnen einander auf Festivals und tauschen sich aus. Während Karagöz und Karagiozis relativ lebendig sind, mahnte die Unesco 2018 Unterstützung für das bedrohte syrische Aragoz-Schattentheater an.

Schattentheater heute und morgen

Im 21. Jahrhundert sind Karagöz, Hacivat und Karagiozis als Kulturikonen in Film, Fernsehen und Internet präsent. Zugleich gewinnt weltweit ein neues Schattentheater an Popularität. Lichttechnik mit Halogenlampen, LED und Laser-Holografie im Raum haben die Möglichkeiten erweitert. Das „zeitgenössische Schattentheater“, dem etwa das Festival in Schwäbisch Gmünd eine wichtige Bühne bietet, will mehr sein als Lichtshow: In einem Crossover verbindet es Schauspiel, bildende Kunst, Erzählen, Musik und anderes – im Zentrum bleibt dabei der ambivalente Schatten zwischen Sein und Schein.

Wie sich das Karagöztheater auch vor diesem Hintergrund entwickeln wird, bleibt abzuwarten. Schulen sind wichtige Spielorte, daneben gibt es große Events ebenso wie publikumsnahe Aufführungen. Neue Stücke mit sozialen Themen bereichern die Repertoires der Karagöz-Künstler und (inzwischen) -Künstlerinnen. Mystisch-philosophische Tiefe bleibt in einleitenden Gedichten erhalten.

Entscheidend, nicht nur für das Karagöztheater, ist ein interessiertes Publikum. Kinder wie Erwachsene lassen sich vom Spiel mit Licht und Schatten begeistern, entdecken und erleben es dabei individuell unterschiedlich. Schattentheater verbindet. Es lohnt sich, nach seinen Bühnen zu suchen und ihm die Aufmerksamkeit entgegenzubringen, die es verdient.

Annette Krämer

studierte Politikwissenschaft, Geschichte und Kultur des Nahen Orients sowie Turkologie und Portugiesische Philologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Seit September 2005 ist sie Orient-Referentin am Linden-Museum Stuttgart.

Foto: Privat