Titelthema

Erweckt zum Spiel

von Klaus Grimberg | 
 |  Lesezeit: 6 Minuten

Eingespieltes Duo einer Theaterkunst in der Nische: Der Figurenbaumeister Jürgen Maaßen und die Puppenspielerin Heike Klockmeier

In der Werkstatt von Jürgen Maaßen hängt ein Verbrecher am Galgen. Noch hat der Schurke seine Missetaten gar nicht verübt, aber beim Blick in sein hölzernes Gesicht kann man erahnen, dass er nichts Gutes im Schilde führt. „Das wird ein feiner Lackaffe“, erläutert Maaßen. Einer, der in nobler Gesellschaft einen guten Eindruck hinterlässt und dann hinterrücks mordet und meuchelt. Im Kriminalstück eines befreundeten Puppenspielers wird die Figur eine Hauptrolle spielen.

Am Galgen hängt sie, weil sie noch nicht fertig ist. Im Puppentheater und in der Werkstatt ist der Galgen das gebogene Gestänge, an dem Marionetten befestigt werden, wenn beim Schnitzen oder Spielen freie Hände gebraucht werden. Je länger man die Gesichtszüge des dubiosen Herrn studiert, desto unsicherer wird man, was von ihm zu halten ist. Eigentlich wirkt er sehr vornehm und vertrauenswürdig. Aber liegt nicht auch etwas Unheimliches in seinen Augen? Und verbirgt sich nicht ein Anflug von Härte in seinen Mundwinkeln? „Das ist für mich das Wichtigste“, sagt Maaßen, „meine Figuren sollen eine möglichst große und dennoch glaubwürdige Bandbreite mimischer und gestischer Ausdrucksmöglichkeiten enthalten.“ Alles Weitere liegt in den Händen der Spieler und Spielerinnen.

Die kleinen Zuschauer lachen und klatschen, bangen und hoffen, rutschen auf ihren Stühlen und springen auf. Die Geschichte zieht sie voll in ihren Bann

 

In der deutschen Puppentheaterszene zählt Jürgen Maaßen zu den gefragtesten Figurenbaumeistern. Denn seine vielgestaltigen Geschöpfe gewähren Spielräume, die von seinen Kunden und Kundinnen sehr geschätzt werden. „Für uns Spieler ist entscheidend, dass eine Figur funktional und ästhetisch viele verschiedene Anforderungen erfüllt“, sagt Heike Klockmeier vom Hamburger Figurentheater Ambrella, die Lebenspartnerin von Maaßen. Sie genießt das Privileg, dass jede neue Inszenierung von ihr exklusiv mit seinen Figuren ausgestattet wird. Ihr Repertoire an Kinder- und Erwachsenenstücken ist wie eine lebendige Werkschau ihres Mannes – von Marionetten über Hand- und Fingerpuppen bis hin zu Klappmaul- und Stabfiguren.

Wie der Figurenbildner, so die Spielerin: Klockmeier ist eine Meisterin ihres Faches. Sie erweckt die Puppen zum Leben, nutzt die Freiräume, die sie ihr bieten, und macht als virtuose Geschichtenerzählerin aus ihnen unverwechselbare Charaktere. Wie sich eine Figur bewegt, wie sie ihren Kopf neigt, wie sie ihre Stimme hebt und senkt – all das macht aus ihr ein individuelles Wesen, das auf der Bühne seine Wirkung entfaltet. Als gebürtige Chemnitzerin beherrscht Klockmeier den sächsischen Singsang in vielen unterschiedlichen Schattierungen, als langjährige Wahlhamburgerin kann sie ihre Puppen aber genauso gut mit einem hanseatischen Naturell ausstatten. Die Illusion ist jedes Mal perfekt.

An diesem Morgen spielt sie ihr aktuelles Kinderstück Zottelhaube in einer Hamburger Grundschule. Es ist eine Geschichte nach Motiven eines norwegischen Märchens: Zwei Zwillingsschwestern werden nach der Geburt getrennt, die eine wächst bei ihrem Vater in einer Waldhütte auf, die andere gerät an den Hof des Königs und wird Prinzessin. Viel später begegnen sich die beiden Mädchen und entdecken nach einigen Wendungen, dass sie endlich das passende Gegenstück ihres Wesens gefunden haben. In der Version des Figurentheaters Ambrella ist das Märchen gespickt mit vielen heiteren Auflockerungen. Die Kinder im Publikum juchzen, als Zottelhaubes wilder Ziegenbock einen Wanderer im Wald auf die Hörner nimmt. Oder die trotteligen Wachen im Schloss die Prinzessin nicht bemerken, als sie sich hinaus in den Wald schleicht. Die kleinen Zuschauer lachen und klatschen, bangen und hoffen, rutschen auf ihren Stühlen und springen auf. Die Geschichte zieht sie voll in ihren Bann.

Für viele Kinder in Deutschland ist das Puppenspiel die erste Begegnung mit Theater in ihrem Leben. In etlichen Familien haben Handys und Tablets das Vorlesen oder Erzählen von Geschichten verdrängt. Umso eindringlicher ist für die kleinen Zuschauerinnen und Zuschauer das Bühnenerlebnis mit einer Puppenspielerin und den verschiedenen Figuren. Die rasche Szenenfolge mit den unterschiedlichen Figurentypen, den wechselnden Szenerien und dem Spiel auf, vor und neben der Bühne hält die Kinder gefangen. „Dennoch wird es immer schwieriger, die Aufmerksamkeit zu halten“, erzählt Klockmeier. Bei einem Stück wie Zottelhaube mit seinen 50 Minuten geraten manche Kinder an ihre Grenzen. Deshalb ist es wichtig, dass sich ein Theaterraum gut abdunkeln lässt und das junge Publikum auf Stühlen und nicht etwa auf Kissen am Boden sitzt. All das seien Faktoren, weiß Klockmeier aus jahrzehntelanger Erfahrung, die den Kindern bei der Konzentration auf das Bühnengeschehen helfen.

Puppenspiel ist zu einem nicht unwesentlichen Teil Handwerk. Das Führen der Marionetten, das Bewegen der Hand- und Stabpuppen verlangt ein hohes Maß an Fingerfertigkeit und Konzentration. Vor und hinter der Bühne muss jeder Griff sitzen. Puppen treten auf und ab, mit einer fließenden Bewegung wird eine Figur am Galgen aufgehängt und eine andere abgenommen. An der Rückwand der Bühne gibt es verschiedene Haken und Schlaufen, an denen Puppen kurz befestigt werden, wenn sie überraschend wieder auftauchen müssen. Jede Inszenierung folgt einer ausgeklügelten Choreografie, damit sich Fäden nicht verheddern oder Finger nicht aus den Hohlköpfen rutschen. Umso wichtiger ist es, dass Figuren sich gut spielen lassen und die Puppenspieler bei ihrer Arbeit bestmöglich unterstützen. Auch in dieser Hinsicht wird Jürgen Maaßen von der Zunft sehr geschätzt. Seine Figuren sind hervorragend spielbar, ihre ausgefeilte Technik erfüllt immer eine dienende Funktion.

Zurück in der Werkstatt wird schnell klar, was damit gemeint ist. Im Hohlkopf des Verbrechers ist etwa in der Stirn ein kleines Bleiplättchen einmontiert, das verhindert, dass der Kopf beim Spielen nach hinten kippt. Auch der Rumpf ist an der tiefsten Stelle mit Blei beschwert. „Eine Marionette gehorcht den physikalischen Pendelgesetzen“, erläutert Maaßen, „der Rumpf ist das Hauptpendel. Beine, Arme und der Kopf sind die Nebenpendel, die mit ihren Bewegungen den Körper nicht ins Schlingern bringen sollen – deshalb das Gewicht.“ Noch kniffeliger ist es, die richtigen Aufhängepunkte für die Fäden bei einer Marionette zu finden, sodass sie geschmeidig und gelenkig wirkt und eben nicht steif und hölzern. Das, so Maaßen, sei die eigentliche Kunst. Wie das Stimmen eines Klaviers.

Sonderausstellung und Buch

Eine große Auswahl von Puppen und Figuren aus dem Werk Jürgen Maaßens zeigt die Sonderausstellung „Geschnitzt – Geformt – Gestaltet“ im Museum für Puppentheaterkultur in Bad Kreuznach (Rheinland-Pfalz), die bis Ende 2026 zu sehen ist. Zur Ausstellung ist ein gleichnamiges Buch erschienen, das einen vielschichtigen Einblick in Maaßens Schaffen aus fünf Jahrzehnten gibt. Sämtliche Aufnahmen zu diesem Beitrag sind dem Buch mit freundlicher Genehmigung des Verlags entnommen. Pukinello Verlag 2024, 204 Seiten, 30 Euro. Bestellung: Ambrella Figurentheater Lohkampstraße 150, 22523

Foto: PR

Nun gilt es, den Figurensatz für das geplante Kriminalstück möglichst zügig zu beenden. Denn Heike Klockmeier treibt die Idee für eine neue Erwachseneninszenierung um. Vor Jahren hat sie Molières Der eingebildete Kranke als Puppenspiel auf die Bühne gebracht, zuletzt Leonce und Lena nach dem Stück von Georg Büchner, eine Zusammenarbeit mit dem Puppenspieler Stephan Wunsch. Über die aktuelle Stückentwicklung möchte sie noch nicht sprechen, dafür ist es noch zu früh. Das Projekt entsteht im intensiven künstlerischen Austausch mit ihrem langjährigen Regisseur Dietmar Staskowiak und wiederum Stephan Wunsch, mit denen sie Einfälle und mögliche Szenenfolgen diskutiert und mitunter wieder verwirft, bis daraus allmählich ein Stück entsteht. Sehr früh ist in diesen positiv reibungsvollen Prozess auch Jürgen Maaßen eingebunden, der mit dem Bleistift Skizzen für mögliche Figuren und Szenerien aufs Papier bringt.

„Es gefällt mir, mit meinen Figuren starke Rollenvorgaben anzubieten, ihnen quasi eine Seele einzubauen“, sagt Maaßen. „Deren Erweckung dann Aufgabe der Puppenspieler und Puppenspielerinnen ist.“ Ihm geht es ein bisschen wie Zottelhaube mit der Prinzessin. In Heike Klockmeier hat er das passende Gegenstück seines Wesens gefunden.

Klaus Grimberg

lebt als freier Journalist in Berlin. Am liebsten schreibt er über kulturelle und zeitgeschichtliche Themen.

Foto: Privat