Distrikt 1820
von Christa Joedt (RC Baunatal) |
| Lesezeit: 5 Minuten

Demokratie lebt vom Mitmachen

Fünf Rotary Clubs aus der Region Kassel setzen sich mit Hilfe von Freundinnen und Freunden aus Offenbach-Einhard und Seligenstadt für gelebte Demokratie ein.

„Zukunft der Demokratie - Herausforderungen und Chancen“ war das Thema des diesjährigen Neujahrsempfangs der Rotary Clubs Kassel, Kassel-Wilhelmshöhe, Kassel-Hofgeismar, Kaufungen-Lossetal und Baunatal, zu dem sich am 24. Januar 2026 rund 120 Mitglieder der Clubs mit Partnern und Partnerinnen in der Plansecur-Zentrale in Kassel Wilhelmshöhe eingefunden hatten. Wie kann es gelingen, dass Demokratie und die Werte, die die Basis für ein gerecht und fair gelebtes Miteinander in einem Land bilden, für Kinder und Jugendliche und damit künftigen Erwachsene bewusst, erlebbar und erstrebenswert werden?

Armin Schwarz: Demokratie scheitert nicht am Reden, sondern am Schweigen

Mit dieser Frage und möglichen Antworten darauf beschäftigte sich in seiner Festrede der Hessische Minister für Kultur, Bildung und Chancen, Armin Schwarz, und machte deutlich, wie wichtig dieses Thema für seinen Verantwortungsbereich ist: Für Deutschland als freiheitliche Größe in der Welt komme es in Zukunft darauf an, nicht Spielball anderer, sondern selbst Spieler zu sein. Hierfür brauche es Reformen. Diese seien bereits angestoßen und es gebe Grund, trotz aller globalen und nationalen Herausforderungen zuversichtlich in das neue Jahr zu blicken. Einen wesentlichen Beitrag hierzu leiste der vom Kultusminister verantwortete Bildungsbereich. In seiner Zuständigkeit finden sich 800.000 Schülerinnen und Schüler aus 140 Nationen und rund 67.000 Lehrkräfte in Hessen – für alle gehe es darum, zu vermitteln und kennenzulernen, wie das Leben in einer Demokratie funktioniere und was es für jede Einzelne und jeden Einzelnen bedeute: an Rechten, aber auch an Pflichten.

Die Schule sei ein Ort demokratischer Bildung, es gehe aber nicht allein darum, Demokratie zu lehren, sondern sie auch zu leben. Erlebbare Demokratie – genau dafür sei in Hessen eine Wertekampagne gestartet worden, zum Beispiel indem beim buddY-Programm ältere Schülerinnen und Schüler jüngere inspirieren oder junge Feuerwehrleute, Jugendoffiziere der Bundeswehr, aber auch „Cops in Kommunikation“ in die Schulen gehen und den Schulkindern davon berichten, wofür sie eintreten und warum das ein Teil von Demokratie sei. Demokratie lebe von Vielfalt und Akzeptanz, von Zuhören und Verstehen. Das werde in hessischen Schulen in unterschiedlicher Weise erlebbar gemacht. Demokratie scheitere nicht am „zu viel Reden”, sondern am „zu viel Schweigen”. Hier seien alle Mitglieder von Rotary Clubs jeweils an ihrem Platz berufene Botschafter und Akteure. Es komme auf jeden Einzelnen an, die Demokratie in eine gute neue Zeit zu führen.

Unter Moderation von Claus Müller von der Grün diskutierten der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Wolfgang Schroeder, Professor für das politische System der Bundesrepublik Deutschland an der Universität Kassel, die Bischöfin der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, Prof. Dr. Beate Hofmann, sowie der Markenbotschafter der MT Melsungen und ehemalige Handballnationalspieler Finn Lemke über Herausforderungen und Chancen der Demokratie, dem Motto des Empfangs.

Wolfgang Schröder wirbt für den Glauben der Mitte an sich selbst

Wolfgang Schroeder beschrieb Demokratie als Herrschaft des Volkes, die zurzeit sowohl von außen als auch von innen in Gefahr sei. Der Kampf zwischen Autokratien und Demokratien bestimme die Zukunft der Welt. Aber auch in Europa gebe es viel Streit, statt Gemeinsames konstruktiv zu entwickeln. Seit dem Jahr 2005 gebe es deutlich weniger demokratische Staaten, eigentlich könne man nur noch von 24 eigentlichen Demokratien sprechen(Deutschland stehe bei dem Ranking auf Platz 12), die nur sieben Prozent der Weltbevölkerung repräsentierten. Für Schröder ist Deutschland das liberalste Flächenland der Welt. Es gebe viel zu verlieren und viel zu verteidigen. Entscheidend für die Zukunft seien weniger der Kampf gegen den Extremismus, sondern gezielte Investitionen, gelingende Kommunikation und der Glaube der Mitte an sich selbst.

Beate Hofmann: Menschen müssen erfahren, beteiligt zu sein

Demokratie heiß, beteiligt sein dürfen. Das hob Beate Hofmann hervor und machte deutlich, dass Kirche insbesondere in diesen Zeiten die wichtige Aufgabe habe, den Menschen in der gerade stattfindenden Umordnung der Welt beizustehen, sie zu hören und stark zu machen für ein Leben in Respekt und gegenseitiger Akzeptanz, für eine Streitkultur und Frieden in kleinen wie großen Bezügen. Menschen müssten durch ihr Leben in der Kirche erfahren, beteiligt zu sein, dass ihre Stimme zähle und sie auch als Ehrenamtliche wirksam werden könnten. Gerade in der Kirche müsse es Räume geben für das Aushandeln und für ein Miteinander.

Finn Lemke: Menschen aus vielen Nationen gewinnen als Mannschaft gemeinsam

Für Finn Lemke ist Demokratie Begegnung und der Sport ein wichtiger Lernort für junge Menschen. Zum Beispiel der Handball sei deutlich familiär geprägt und auch durch ehrenamtliches Engagement. Natürlich seien auch in einer Mannschaft wie seiner bisherigen in Melsungen geopolitische Spannungen fühlbar, doch unter 16 Spielern aus 11 verschiedenen Nationen gelinge es, eine Mannschaft und ein Kollektiv zu werden, um wirklich zu einem gemeinsamen Spiel zu kommen. Das gehe nur mit Respekt und der Bereitschaft, sich zu akzeptieren und gemeinsam etwas zu entwickeln.

Welche Handlungsoptionen haben wir alle demnach? Wolfgang Schroeder ermutigte, in Menschen zu investieren, in öffentliche Plätze und Orte, wo Selbstwirksamkeit und Gemeinschaft erfahrbar werden. Für Beate Hofmann führen Empathie und Nächstenliebe zu einer Streitkultur, die anstelle von Polemik Lösungen ermöglicht. Finn Lemke zog die Parallele zum Sport und betonte, man müsse sich gegenseitig kennen und sein Bestes abrufen. Armin Schwarz sagte: „weniger die, mehr wir“ könne für alle der Schlüssel zum Erhalt und der Förderung von Demokratie werden.

Demokratiekoffer für Kitas und Grundschulen

Ein Beispiel, wie man Demokratie zu den Kleinsten und Kleinen bringen kann, stellten Freunde des RC Offenbach-Einhard aus der rotarischen Praxis vor: Ein „Demokratiekoffer“, ausgestattet mit Spielen und Lernmaterialien für Kitas und Grundschulen, von denen der RC Offenbach-Einhard dem Landkreis Offenbach jeweils fünf Koffer zur Ausleihe gespendet hat. Der Koffer ermöglicht es bereits den Jüngsten, faires Miteinander und gemeinschaftliches Handeln spielerisch zu erfahren. Ein tolles Beispiel, das viele Nachahmer bei Rotary finden sollte. Der Rotary Club Baunatal hat dieses Konzept bereits aufgegriffen und der Stadtbücherei Baunatal entsprechende Koffer zur Ausleihe zur Verfügung gestellt – mit großer Nachfrage. Von den rotarischen Clubs sind weitere Koffer für die Region geplant.

Mit dem Neujahrsempfang machten die beteiligten Rotary Clubs deutlich: Demokratie braucht Engagement, Vorbilder und Angebote – vor allem für die junge Generation.

Christa Joedt (RC Baunatal)

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