Zeitsprung

Der Leonardo da Vinci des 20. Jahrhunderts

von Leonhard Dihlmann | 
 |  Lesezeit: 4 Minuten

Engelbert Zaschka war ein visionärer Erfinder: Er erfand einen Vorläufer des Hubschraubers, das Faltauto, das Muskelkraft-Flugzeug, das Klappfahrrad und den Klappski. Einige seiner Ideen waren ihrer Zeit so weit voraus, dass sie erst Jahrzehnte später weiterentwickelt wurden.

Berlin, im Juni 1927: Mehrere Menschen haben sich auf dem Flugplatz Johannisthal versammelt, um die Präsentation eines neuartigen Fluggeräts mitzuerleben.

Auf einer pyramidenförmigen Stahlkonstruktion ist ein Motor befestigt, der einen meterlangen Rotor in Bewegung setzen und dem Gerät Auftrieb verleihen soll.

Der Ingenieur Engelbert Zaschka nennt seine Erfindung ein “Hubschraubenflugzeug”.

Wenig später steigt das Fluggerät senkrecht auf, verharrt in der Luft und sinkt anschließend sicher zu Boden.

Die Menschenmenge applaudiert, Zaschka ist erleichtert.

Der erfolgreiche Flugversuch markiert einen historischen Moment in der Luftfahrt und sorgt weltweit für Schlagzeilen — dennoch gerät der Ingenieur in Vergessenheit.

Engelbert Zaschka wurde am 1. September 1895 in Freiburg als zweites von vier Kindern einer Musikerfamilie geboren. Seine Mutter war Sängerin, sein Vater Kammermusiker.

Früh interessierte sich der junge Engelbert für Technik: Mit 14 Jahren gründete er mit seinem Bruder einen Hobby-Fliegerclub. Zu einer Zeit, in der die Fliegerei noch in den Kinderschuhen steckte, machten die Brüder bereits einfache Flugversuche mit selbstgebauten Segelflugapparaten.

Nach seinem Ingenieurstudium arbeitete Zaschka für einige Zeit bei Rheinmetall in Düsseldorf, bevor er 1916 nach Berlin zog. Dort arbeitete er bei der Orion AG als Chefkonstrukteur.

Nebenbei tüftelte Engelbert Zaschka an seinen eigenen Erfindungen: Mit seinem 1926 patentierten “Hubschraubenflugzeug” schuf er eines der ersten senkrecht startenden und landenden Fluggeräte weltweit.

Den Atlantik fliegend zu überqueren, sei schön und gut — aber so lange man nicht in einem gewöhnlichen Hinterhof starten und landen könne, sei man nicht am Ziel, sagte er.

Nach den ersten Flugversuchen im Juni 1927 berichtete das Neue Wiener Journal über Zaschkas Erfindung:

“Ein für die Flugfahrt historischer Moment war es, als die ersten Aufstiegversuche mit dem Zaschka-Flugzeug vonstatten gingen. Ein ungewöhnlicher und überraschender Anblick: das Flugzeug stieg kerzengerade in die Höhe; nach einer Weile verlangsamte sich das Tempo und das Flugzeug blieb oben stehen; dann senkte es sich leise, vollkommen vertikal nach unten; in senkrecht abwärts führendem Flug kam es wieder unten auf dem Boden an.”

Sogar in der New York Times erschien ein Artikel über das “Hubschraubenflugzeug”.

Obwohl die ersten Tests vielversprechend verliefen, fehlten Zaschka die finanziellen Mittel, um den Prototypen weiterzuentwickeln.

Neben der Luftfahrt widmete sich der Ingenieur auch anderen Mobilitätsfragen. Für die zunehmenden Parkplatzprobleme im Berlin der 1920er Jahre entwickelte Zaschka eine kreative Lösung: das Faltauto.

Das bis zu 50 km/h schnelle Gefährt auf drei Rädern bestand aus drei Teilen, die innerhalb von fünf Minuten zusammengebaut werden konnten. Das war nicht nur platzsparend, sondern es setzte auch keinen Führerschein voraus.

Doch auch diese Erfindung schaffte es nicht in die Serienproduktion — zu teuer war die Fertigung der Einzelteile des Faltautos, das nach Zaschkas Vorstellung nicht mehr als 1.000 Reichsmark kosten sollte.

1934 präsentierte der umtriebige Engelbert Zaschka eine weitere Erfindung: das Muskelkraft-Flugzeug. Das Flugzeug mit einer Spannweite von rund 20 Metern bestand aus einem Stahlrohrrahmen und wurde durch das Treten von Pedalen angetrieben.

Auf dem Tempelhofer Feld gelang es dem Ingenieur im Juli 1934, 20 Meter weit zu fliegen. Doch für einen dauerhaften Flug allein mit Muskelkraft war das Flugzeug zu schwer.

Es sollte weitere 40 Jahre dauern, bis einem Amerikaner der erste längere muskelkraftbetriebene Flug gelang — ein Hinweis darauf, wie weit Zaschkas Entwürfe ihrer Zeit voraus waren.

Er resümierte:

“Ich scheine überhaupt besonderes Pech zu haben, da ich stets mit meinen Ideen zu früh komme. Gewöhnlich werden meine Erfindungen für Utopien gehalten.”

Doch er ließ sich nicht entmutigen und tüftelte weiter: Er erfand das Faltfahrrad und klappbare Ski. Insgesamt meldete er 82 Patente an.

Aufgrund seiner außergewöhnlichen Vielseitigkeit — er komponierte auch Musik — bezeichneten ihn die Medien mitunter als “Leonardo da Vinci des 20. Jahrhunderts”.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte Zaschka zurück nach Freiburg. Als das Faltrad zunehmend Beachtung fand, wurde er krank.

Engelbert Zaschka starb am 26. Juni 1955 mit 59 Jahren. Er hinterließ seine Frau und eine Tochter.

Zum Magazin

Im Namen des Volkes
03 / 2026
Die da oben
02 / 2026
Geduld
01 / 2026
Die Kraft des Singens
12 / 2025
Unter die Haut: Tattoos
11 / 2025
Die Rente ist sicher
10 / 2025
Als Gott auszog – Gedanken zur Umwidmung von Kirchen
09 / 2025
Österreich - Erinnerungen an die Zukunft
08 / 2025
Comeback des Sportvereins
07 / 2025
Man muss Menschen mögen
06 / 2025
Alles auf Anfang
05 / 2025
Cool Japan
04 / 2025
Mut zum Bruch: Deutschland nach der Wahl
03 / 2025
Gehasst oder geliebt?
02 / 2025
Wettrüsten im All: Wie Europa abghängt wird
01 / 2025