Rotary Aktuell
von Verena Maria Neuhaus |
| Lesezeit: 6 Minuten

„Solidarität ist mehr als ein Reflex”

Koordinieren die rotarische Hilfe: (von links) Yves Duc, Präsident des RC Crans-Monata, Jouni Heinonen (Governors D1990), Andrea Weber (Governorin D2000) und John Manning (Governors D1980)

Nach der Brandkatastrophe von Crans-Montana war die Hilfsbereitschaft groß. Doch wie hilft man richtig?

Die drei Governors Andrea Weber, Jouni Heinonen und John Manning sprechen über Verantwortung, die Gefahr von Aktionismus und darüber, weshalb Rotary bewusst dort ansetzt, wo trotz staatlicher Absicherung echte Lücken entstehen.

Andrea, Crans-Montana ist auf den ersten Blick ein Synonym für Glanz, Ferien, Luxus. Die Tragödie hat dieses Bild brutal zerschlagen. Was hat dich in diesen Tagen besonders bewegt?

Andrea Weber: Mich hat vor allem die Diskrepanz zwischen der Vorstellung bzw. dem Vorurteil und der Wirklichkeit bewegt. Bei Weitem nicht alle der jungen Menschen, die in dieser Nacht in Crans-Montana waren, stammen aus gutsituierten Familien. Für viele war Silvester ein ganz besonderer Moment, auf den sie lange hinfieberten, für den sie gespart haben. Vielleicht der erste grosse Anlass ohne Eltern, ein Abend von Freiheit, Aufbruch, Leichtigkeit. Und genau an diesem besonderen Tag haben sie ihr Glück verloren. Diese Erkenntnis verändert den Blick auf alles, was danach kommt.

Jouni, warum ist es so wichtig, diese Perspektive klar zu benennen?

Jouni Heinonen: Weil Vorurteile schnell greifen – und weil sie verletzen. Wenn man sagt: Wer dort war, ist nicht bedürftig, dann urteilt man aus der Distanz. Viele dieser jungen Menschen waren Angestellte, Saisonkräfte oder schlicht Jugendliche, die sich einmal etwas Besonderes gönnen wollten. Ein Abend. Eine Nacht. Kein Lebensstil. Ein Ort trägt ein Image – aber ein Image ist keine soziale Absicherung. Wenn wir das nicht in aller Deutlichkeit aussprechen, überlassen wir das Feld falschen Annahmen.

John, was passiert, wenn solche Bilder den Ton angeben?

John Manning: Dann entsteht eine gefährliche Verkürzung. Man sieht den Ort – und übersieht den Menschen. Genau das dürfen wir nicht zulassen. Hilfe orientiert sich nicht an Postleitzahlen oder Ferienorten, sondern an Lebenslagen. An dem, was jemand gerade aushalten muss.

„Eltern kommen an und wissen nicht, was sie erwartet“

Ihr sprecht oft von den jungen Betroffenen. Aber hinter ihnen stehen Eltern, Familien. Was bedeutet diese Tragödie für sie?

Jouni Heinonen: Für viele Eltern ist das eine Situation, die sie vollkommen überfordert. Sie reisen an – oft kurzfristig, oft aus dem Ausland – und wissen nicht, was sie erwartet. Wie schwer sind die Verletzungen? Wie wird die Heilung verlaufen? Wird das Kind wieder selbstständig leben können? Dazu kommen ganz praktische Hürden: Spitäler, Versicherungen, Behörden, Formulare. Oft in einer Sprache, die sie nicht sprechen. Und all das passiert unter Schock. In dieser Lage ist man nicht handlungsfähig im klassischen Sinne. Man ist einfach nur da – und hofft.

Was macht diese Unsicherheit so existenziell?

Andrea Weber: Sie hat ein offenes Ende, das ist der wahrscheinlich wichtigste Punkt. Der Silvesterabend war ein Moment, aber die Folgen ziehen sich über Wochen, Monate, manchmal Jahre lang hin. Eltern und Geschwister lassen ihren Alltag zurück, ihre Arbeit, andere Kinder. Sie wissen nicht, wie lange sie bleiben müssen. Und über allem schwebt die Frage: Wie wird es weitergehen? Genau hier zeigt sich, wie wichtig Begleitung ist. Nicht abstrakt, sondern konkret: jemand, der erklärt, übersetzt und dabei hilft, Ordnung in das Chaos zu bringen.

Was braucht es in solchen Momenten am dringendsten?

John Manning: Verlässlichkeit. Das Gefühl, nicht allein zu sein. Natürlich geht es auch um Geld; zusätzliche Kosten entstehen sofort. Doch mindestens genauso wichtig ist das Signal: Da ist jemand, der bleibt. Der zuhört. Der nicht nach ein paar Tagen wieder verschwindet. Diese menschliche Präsenz ist oft der erste Schritt zurück zu einem Gefühl von Halt.

In der Öffentlichkeit war früh von einer Soforthilfe von 10000 Franken pro betroffene Person die Rede. Viele fragen sich: Ist das nicht genug?

John Manning: Diese Soforthilfe war wichtig und richtig. Der Kanton Wallis hat rasch gehandelt, mit minimalem administrativem Aufwand. Die Zahlung hilft, erste Auslagen zu decken: Reisen, Unterkunft, Organisation. Aber sie ist eine Überbrückung, keine Lösung. Sie sagt nichts über das aus, was danach kommt. Und genau dieses Danach ist oft das Schwierigste – wenn der Alltag zurückkehrt, die Unsicherheit aber bleibt.

John, du betonst immer wieder Besonnenheit. Wo siehst du in dieser Phase die größte Gefahr?

John Manning: Die grösste Gefahr ist gut gemeinter Aktionismus. Der Wunsch zu helfen ist absolut richtig, doch ein pauschaler Spendenaufruf ohne klare Zweckbindung kann Erwartungen wecken, die später nicht erfüllt werden können. Das hilft niemandem. Verantwortung heisst auch, zuerst zu klären, wo tatsächlich nicht gedeckte Bedürfnisse bestehen.

Was heißt das ganz konkret für Rotary?

Jouni Heinonen: Nach allem, was wir heute wissen, liegt die finanzielle Hauptverantwortung bei Betreibern, Eigentümern, Versicherungen und den zuständigen Behörden. Viele Angestellte sind sozialversichert, der Bund übernimmt bestimmte Kosten. Rotary setzt dort an, wo trotz all dieser Mechanismen reale Lücken entstehen. Nicht früher, und nicht pauschal.

Wie ordnet ihr die staatlichen Maßnahmen ein?

Andrea Weber: Sehr klar und verantwortungsvoll. Neben der Soforthilfe wurde ein staatliches Spendenkonto eingerichtet, die Gründung einer unabhängigen Stiftung angekündigt, und die Opfer können auf die bestehenden Strukturen der Opferhilfe zurückgreifen. Das zeigt: Der Staat übernimmt Verantwortung. Rotary sieht sich hier nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung – dort, wo individuelle Situationen entstehen, die durch pauschale Lösungen nicht vollständig aufgefangen werden.

Warum ist diese Abgrenzung wichtig?

Jouni Heinonen: Weil sie Vertrauen schafft. Wer spendet oder sich engagiert, will wissen, dass Hilfe gezielt eingesetzt wird. Rotary hilft ergänzend, wenn staatliche oder versicherungsrechtliche Leistungen nicht greifen, verzögert sind oder Lücken lassen. Jedes Gesuch wird einzeln geprüft. Es geht um konkrete Bedürfnisse, um Dringlichkeit, um Angemessenheit. Nicht um Aktionismus.

Welche Aufgabe hat die Stiftung der Rotary Distrikte Schweiz–Liechtenstein in dieser Phase?

John Manning: Eine koordinierende. Die RSS hilft, zu klären, zu bündeln und zu fokussieren. Sie sorgt dafür, dass Unterstützung zielgerichtet, transparent und verantwortungsvoll erfolgt.

Die Tragödie von Crans-Montana wurde weit über die Region hinaus wahrgenommen, selbst international. Was bedeutet das für euch?

Andrea Weber: Dass der Bundespräsident bei der Eröffnung des Weltwirtschaftsforums in Davos ausdrücklich für die Solidarität nach Crans-Montana gedankt hat, zeigt die Dimension dieses Unglücks. Es war plötzlich nicht mehr nur ein lokales Ereignis. Diese internationale Aufmerksamkeit ist wichtig – sie erinnert uns daran, dass Solidarität nicht beim ersten Moment stehen bleiben darf.

Welche Konsequenz zieht Ihr daraus?

John Manning: Dass wir bleiben müssen, wenn andere weiterziehen. Rotary ist stark, wenn Mitgefühl und Verantwortung zusammenfinden. Wenn wir nicht nur reagieren, sondern begleiten. Still, verlässlich, wirksam. Das ist keine laute Solidarität, sondern eine, die trägt.

Jouni, ein letzter Gedanke?

Jouni Heinonen: Wir sind eine Gemeinschaft der Vielfalt. Unterschiedliche Lebenswege, Möglichkeiten, Verletzlichkeiten. Genau das verpflichtet uns. Rotary ist da, wenn Menschen den Boden unter den Füssen verlieren. Nicht, weil es einfach ist. Sondern weil es richtig ist.

Verena Maria Neuhaus

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