Rotary AktuellIm Fokus

Mit Strategie und Weitblick

von Florian Quanz | 
 |  Lesezeit: 7 Minuten

In Italien erfährt Rotary einen enormen Zulauf. Das ist kein Zufall. Gerti Gruber und Gunther Gröss waren für uns den Ursachen auf der Spur. Wir haben sie durch das Land begleitet.

Schnellen Schrittes gehen Gerti Gruber(RC Gastein) und Gunther Gröss (RC Klagenfurt-Lindwurm) über den Vittorio-Emanuele-Boulevard. Zielgerichtet steuern sie eine große Holztür an. Hausnummer 57. Hier muss es sein. Gunther öffnet die Tür, während Gerti ihre Sonnenbrille abnimmt. 34 Grad und wolkenlos. Es kann kein besseres Wetter Ende Juni für Urlauber in Bari geben. Nur sind Gerti und Gunther nicht auf Urlaub. Sie sind auf einer Mission. Einer besonderen Mission. Für das Rotary Magazin sollen sie der Frage nachgehen, warum Rotary in Italien im vergangenen rotarischen Jahr viermal so viele neue Mitglieder wie Deutschland gewann. Dass sich ein Teil dieser Antwort hinter der schweren Holztür verbirgt, können Gerti und Gunther nur erahnen.

Rotaract mit am Tisch

Aurelio Augusto Metta wartet schon in seinem Anwaltsbüro. Einige Tage zuvor erhielt er vom Distriktbüro eine Nachricht:  Rotarier aus Österreich würden kommen, um mehr über Rotary in Italien und speziell in Bari zu erfahren. Ob er denn Zeit habe? Er hat. Genauso wie Teresa Catalano. Die Rotaract-Clubpräsidentin hatte Metta, amtierenden Präsident des RC Bari-Ovest, mit dazu eingeladen. Gespannt warten sie nun auf die Gäste. Eineinhalb Stunden hat Aurelio Augusto Metta, den seine rotarischen Freunde nur Elio nennen, für das Gespräch geblockt.

Es klopft an der Tür. Mettas Sekretärin führt Gerti und Gunther in das angenehm kühle Büro. Nun sitzen zwei Rotarier aus Österreich einem vom Alter her ungleichen Duo gegenüber. Doch schnell merken Gerti und Gunther: Elio und Teresa verstehen sich nicht nur als Teil einer Familie. „Wir haben unser Präsidentenjahr zusammen geplant“, erklärt Elio Metta. Das Ergebnis war eine Kooperation auf vielen Ebenen: Die Rotaracter waren dabei, als sich Governor Antonio Braia vorstellte, haben in einem Mental-Health-Projekt Autisten fit für den Arbeitsmarkt gemacht und auf dem Messegelände der Stadt fünf Tage lang medizinische Präventionsuntersuchungen angeboten. „800 Untersuchungen haben wir geschafft.“ 

Jeden Monat hat Metta einen Präsidentenbrief per Mail an die Mitglieder gesandt. Autor war immer ein anderer Freund aus dem Club, genauso einmal Teresa. „Ich habe vor allem Freunde um einen Beitrag gebeten, die wenig im Club präsent sind. Das stärkt wieder die Bindung zwischen Club und Mitglied“, erklärt Metta seine Strategie. Gunther Gröss ist von dieser Idee sofort begeistert.

Was passiert mit dieser engen Kooperation auf Augenhöhe nach der Ämterübergabe? Teresa und Elio schauen sich an, als hätten sie die Frage nicht verstanden. „Sie wird fortgesetzt“, sagt Teresa.

„Hier sind die aktuellen Zahlen“, sagt Antonio Braia und schiebt einen Zettel über den Tisch. Der Governor redet nicht lange um den heißen Brei herum. Es ist später Nachmittag, und Gerti und Gunther sind ins 65 Kilometer entfernte Matera gefahren. 120 neue Rotarier und 32 Rotaracter lautet Braias Bilanz im Distrikt 2120. „Wie erklären Sie sich den Zulauf zu Rotary?“, will Gerti Gruber wissen. „Die rotarische Erfolgsformel umfasst drei Komponenten: Kompetenz, Bekanntheit und Vernetzung“, erklärt Antonio Braia. Wenn eine Person dies mitbringe, sei sie für Rotary geeignet. Und wer vernetzt sei, bringe auch neue Leute in die Gemeinschaft, ist er überzeugt. Als Governor hat er in seinem Jahr eine klare Einschätzung den Clubs mit auf den Weg gegeben: „Der Global Grant in Afrika ist nicht entscheidend. Wichtig sind die Hands-on-Projekte vor der Haustür.“ Man müsse zudem die Bereitschaft erwarten, sich zu engagieren: „Die Nadel macht noch keinen Rotarier.“

Herz, Emotionen und Identifikation

Zurück in Bari: Menschen drängen sich durch die schmalen Altstadtgassen, aus einzelnen Restaurants hört man die Übertragung der Fußballweltmeisterschaft. Gerti und Gunther haben nach vier Gesprächsrunden am späten Abend endlich Zeit, den ersten Tag Revue passieren zu lassen. „Was mir jetzt schon klar geworden ist, Rotary wird hier mit viel Herz, Emotion und persönlicher Identifikation gelebt“, resümiert Gerti. Gunther ergänzt: „Diese Leidenschaft ist jetzt schon ansteckend.“

„Der Global Grant in Afrika ist nicht entscheidend. Wichtig sind die Hands-on-Projekte vor der Haustür.“

Antonio Braia, Governor D2120

Am nächsten Morgen sind die beiden Rotarier, die seit Jahren dank ihrer Arbeit im Länderausschuss Deutschland-Österreich-Italien mit dem Land eng verbunden sind und fließend Italienisch sprechen, auf dem Weg nach Cosenza. Governor Dino De Marco erwartet sie dort zum Gespräch. Noch wissen sie nicht, dass sie in gut drei Stunden auf jenen Governor treffen werden, der beim Mitgliederzuwachs landesweit am besten abgeschnitten hat.

Ein melodisches „Allora“ schallt Gunther entgegen. Er sitzt nun in einem Restaurant De Marco gegenüber. „Ich habe die Clubs aufgefordert, ihre eigene Situation zu analysieren. Wir müssen ehrlich auf unsere Stärken und Schwächen blicken“, sagt De Marco. Diese Analyse müsse am Anfang eines Prozesses stehen. Gunther will das Erfolgsgeheimnis von Kalabrien lüften. „Rotary muss Impulsgeber sein. Was bedeutet das konkret? Hier im Süden Italiens sind wir in abgelegenen Regionen mit einer schlechten Infrastruktur konfrontiert. Hat jemand kein stabiles Internet, muss sich Rotary für eine Verbesserung einsetzen. Wir müssen der wirkungsvolle Lobbyist für die Menschen und ihre Probleme sein. Das ist unsere Rolle in der Gesellschaft“, erklärt De Marco sein Verständnis der Serviceorganisation. Gerti spricht derweil mit Gianpaolo Latella vom RC Reggio Calabria. „Neue Mitglieder müssen sofort ein Amt erhalten. Zeigt ihnen, dass sie wertvoll sind“, gibt dieser ihr mit auf den Weg. Nach zwei Stunden am rotarischen Familientisch, insgesamt sieben Rotarier und zwei Rotaracter kamen zusammen, trennen sich die Wege. Vorerst. De Marco lädt Gerti und Gunther zu einer Dinnerparty des RC Mendicino-Serre Cosentine ein. „Ich hole euch um halb acht am Hotel ab.“

Dort nutzt De Marco nicht nur die Gelegenheit, in seiner Ansprache noch mal die Gäste aus Österreich willkommen zu heißen, er erklärt auch in ausgeschmückten Worten, warum sie nach Cosenza gereist sind: „Sie sind gekommen, um das Wunder von Kalabrien zu sehen.“ Er verpackt das Eigenlob charmant mit einem Dank an den Club für sein diesjähriges Engagement. „Was könnten wir Besseres zeigen als unsere Herzlichkeit und den Zusammenhalt, wie er beispielhaft heute Abend hier zu erleben ist“, fragt er rhetorisch. Er endet mit einem Appell: „Nutzt weiter die Chance, eine engagierte und unterstützende Gemeindeverwaltung an eurer Seite zu haben.“

Am kommenden Tag treffen Gerti Gruber und Gunther Gröss in Neapel auf die resolute Ada Quirino. Angesprochen auf reine Männerclubs, erklärt sie mit Blick auf ihren Distrikt: „Diese Zeiten sind vorbei.“ Die Rotarierin plädiert für öffentlichkeitswirksame Projekte und ein Verhältnis auf Augenhöhe mit den Rotaractern: „Wir fragen die junge Generation gerne um Rat. Ein Rotarier soll nicht glauben, er sei gescheiter.“ Rotaracter Giammauro di Lauro, der neben ihr sitzt, schmunzelt.

In jedem Gespräch zeigt sich für Gerti und Gunther, was in Mailand Alessandro Borganti auf den Punkt bringt: „Rotary versteht sich nicht mehr als Pate, sondern als Partner von Rotaract.“ Allerdings dürfe das nicht zur Überforderung der Rotaracter führen, warnt dort wiederum Alberto Domenighini. Das finanzielle Potenzial der Rotaracter sei geringer. Dafür könne Rotaract anderes erfolgreich einbringen und beide Partner sich gut ergänzen. Er nennt das Stichwort Öffentlichkeitsarbeit, gerade auf Social-Media-Kanälen.

„Es gibt keine reinen Männerclubs mehr. Diese Zeiten sind vorbei.”

Ada Quirino

In Florenz wie später auf der Distriktkonferenz in Vicenza ist das strategische Gründen von Clubs ein Thema. Pietro Belli vom RC Fiesole erklärt, dass man sich die Distriktkarte genau angesehen habe: „Wenn es in einer Region die Lions gibt, kann es auch einen Rotary Club geben.“ Und stelle man fest, dass ein alter Club nicht bereit ist, junge Leute aufzunehmen, ergänzt Clubfreund Arrigo Rispoli, gründe man einfach einen neuen Club. Für junge Leute sei das Modell Passport Club attraktiv.

In Florenz wird deutlich, dass die positive Mitgliederentwicklung und der erfolgreiche Übergang von Rotaract zu Rotary vor den Belangen einzelner Clubs Vorrang hat. “Uns ist in den vergangenen Jahren klar geworden, dass die Zukunft von Rotary in neuen Clubformaten liegt”, erklärt Mauro Mazzolai. “Hinzu kommt, dass wir immer mit dem Herzen dabei sind”, ergänzt Saverio Lastruzzi. Gertis Blick in dem Moment verrät, dass sie den Satz genau registriert hat und er ihr bekannt vorkommt. Ähnliche Sätze vielen schon zuvor auf der Italientour. 

Am kommenden Tag wird in Vicenza an einem weiteren Beispiel verdeutlicht, was unter strategischer Clubrgündung zu verstehen ist. Sabrina Daneluzzi und Giovanni Sambo, ein äußerst sympathisches Ehepaar, erklärt es am Beispiel ihres gerade gegründeten Clubs, dem RC Marco Polo. Das strategische Areal, welches der Club abdeckt, erstreckt sich zwischen Padua und Venedig. Das Clublokal liegt in der Mitte zwischen den beiden Städten. Der Distrikt hatte erkannt, dass in dieser Gegend genügend Potenzial für einen weiteren Rotary Club vorhanden ist. 30 Mitglieder zählt der Club, der 2023 gegründet wurde, inzwischen. Allein in diesem rotarischen jähr kamen vier neue Mitglieder hinzu. „Gab es Verluste?", will Gerti wissen. „Zwei Mitglieder sind in andere Clubs gewechselt", erklärt Sambo. Somit hat der Club zwar zwei Freunde verloren, sie sind aber Rotary erhalten geblieben. Es herrscht eine ausgelassene Stimmung auf der Distriktkonferenz. Schon vor Beginn wird im Foyer des Stadttheaters viel gelacht. Bräuchte der Begriff „Aufbruchstimmung“ eine dazu passende Szenerie, sie wäre hier gefunden. Das setzt sich auf der Konferenz fort, auf der wie selbstverständlich neben dem Distriktgovernor Gianni Albertinoli auch je eine Vertreterin von Rotaract und Interact auf der Bühne stehen. Sie halten kurze Grußworte. Rotary, Rotaract und Interact präsentiert sich als eine große Familie. Puzzleteil für Puzzleteil setzt sich die italienische Erfolgsformel zusammen.

Fotos leben von einer passenden Szenerie und Gesten der Personen, die fotografiert werden. Alessandro Borganti, Alberto Domenighini und Michele Di Bucci muss man das nicht erklären. Macht man Fotos, während sie über Rotary diskutieren, sind schnell Hände gehoben oder es wird mit einem Finger eine Geste gezeigt. Dieses italienische Feuer für Rotary, hier sieht man es anschaulich. Dieses Temperament liegt den Italienern in den Genen, so scheint es. Rotary kommt diese Leidenschaft zugute. Alberto strahlt, als er auf seinen Auftritt auf der RI Convention angesprochen wird. Für Zehntausenden hat er von seiner ganz persönlichen Austauschgeschichte mit Rotary erzählt. „Damals habe ich mich in Rotary verliebt“, sagt er. Wie es auf der Bühne war? „Großartig, aber irgendwie noch immer unwirklich. Ich kann immer noch nicht glauben, dass ich dort oben stand.“ Bis heute weiß er nicht, wer auf die Idee kam, ihn um diesen Auftritt zu bitten. „Plötzlich hatte ich eine Mail in meinem Postfach.“ Es liegt nahe, dass RI Präsident Francesco Arezzo seine Finger im Spiel hatte. „Den habe ich aber erst zwei Monate nach der Mail kennengelernt“, sagt Alberto. Für Rotary hat er beim Thema Mitgliedergewinnung einen Tipp: „Bei den ehemaligen Austauschschülern schlummert noch viel Potenzial. Sie haben das Beste von Rotary kennengelernt und deren Bereitschaft sich bei Rotary einzubringen, sollte groß sein. Mir war es wichtig, jetzt auch etwas zurückgeben zu können.

„Wir in Rom bemerken besonders das Wachstum von Rotary“, sagt Guido Franceschetti. Der Rotarier und Past Governor aus Rom blickt dabei skeptisch. Wo ist das Strahlen über die positive Entwicklung? „Das stellt altbewährte Organisationsstrukturen infrage“, sagt Franceschetti. Früher hätten sich die Präsidenten der Clubs einmal im Monat getroffen und ausgetauscht. „Es war gut zu erfahren, welche Projekte andere Clubs realisieren. Die Clubs waren gut miteinander vernetzt. Mit so vielen Clubs ließ sich das monatliche Treffen aber nicht mehr aufrechterhalten“, sagt er. An der letzten Station der Reise, der italienischen Hauptstadt Rom, zeigt sich erstmals, Wachstum kann auch neue Herausforderungen mit sich bringen. Aber nach dieser Woche in Italien sind Gerti Gruber und Gunther Gröss überzeugt, dass die italienischen Freunde auch hierfür eine Lösung finden werden. 

Am Ende der Reise ziehen beide ihr persönliches Fazit. „Gerade im Süden Italiens basiert der Zusammenhalt der Gemeinschaft nicht primär auf finanziellen Umlagen, sondern vielmehr auf persönlichem Einsatz und der Unterstützung lokaler Initiativen. Dies trägt wesentlich zur Lebendigkeit und auch Sichtbarkeit der Clubs bei“, fasst Gunther Gröss seine Eindrücke zusammen. Gerti Gruber hat gelernt, dass zur Komponente Strategie noch etwas Wesentliches hinzukommt: „Rotary wird hier nicht nur gut organisiert, sondern mit Stolz gelebt. Nicht als Verein, sondern als Teil der eigenen Identität, der Familie und des gesellschaftlichen Lebens.“

Zum Magazin

Die Wunderfrauen – Wie Deutschland zurück in die Welt fand
08 / 2026
Ohh the Germans! 250 Jahre USA: Eine Beziehungsgeschichte
07 / 2026
Taiwan: Das andere China
06 / 2026
Die grosse Versuchung
05 / 2026
Fäden ziehen
04 / 2026
Im Namen des Volkes
03 / 2026
Die da oben
02 / 2026
Geduld
01 / 2026
Die Kraft des Singens
12 / 2025
Unter die Haut: Tattoos
11 / 2025
Die Rente ist sicher
10 / 2025
Als Gott auszog – Gedanken zur Umwidmung von Kirchen
09 / 2025
Österreich - Erinnerungen an die Zukunft
08 / 2025
Comeback des Sportvereins
07 / 2025
Man muss Menschen mögen
06 / 2025
Alles auf Anfang
05 / 2025
Cool Japan
04 / 2025
Mut zum Bruch: Deutschland nach der Wahl
03 / 2025
Gehasst oder geliebt?
02 / 2025
Wettrüsten im All: Wie Europa abghängt wird
01 / 2025