Die da oben

Anders als in anderen Ländern sitzt in Deutschland und Österreich das Misstrauen gegenüber den Eliten tief – wie ein historisches Echo, das nicht verhallen will
Die Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus, in Deutschland zusätzlich mit der DDR, haben gelehrt, dass Macht sich verselbstständigt, wenn sie zu lange unter sich bleibt.
Heute sehen immer mehr Menschen politische Karrieren und wirtschaftliche Netzwerke, die wie geschlossene Zirkel wirken und in denen Nähe mehr zählt als Verantwortung, und Skandale, die den Verdacht nähren, dass oben andere Regeln gelten als unten. Während viele Menschen mit steigenden Preisen und unsicheren Zukunftsaussichten ringen, erscheinen Eliten oft unangreifbar, gut gepolstert, fern vom Alltag. Medien und soziale Netzwerke machen diese Distanz sichtbar – und verwandeln Skepsis in Grundstimmung. So wächst das Gefühl, dass jene, die führen, nicht mehr zuhören.
Eigentlich ist die Elite in Deutschland und Österreich kein abstraktes Gebilde. Sie ist sehr konkret, und sie ist klein. Rund 4000 Personen zählen Forscher zur deutschen Elite, nur etwa 1000 Mitglieder zählt die sogenannte Kernelite, in der sich politische und wirtschaftliche Macht verdichten. Eine Einführung in die aktuelle Debatte gibt Felix Bühlmann, einer der profiliertesten Elitenforscher im deutschsprachigen Raum, zum Auftakt unserer Titelgeschichte ab Seite 34.
Im Volksverständnis muss der Elitenbegriff jedoch etwas weiter gefasst werden, will man die Verschärfung der sozialen Gegensätze verstehen. Die Konsensrepublik, in der aufsteigen konnte, wer kräftig anpackte, in der die breite Mittelschicht einen gemeinsamen Lebensstil entwickelte, habe sich aufgelöst, schreibt Johann Michael Möller, Herausgeber des Rotary Magazins. Nicht anders als den Eliten gehe es den Anhängern populistischer Parteien nicht etwa um gesellschaftliche Teilhabe oder sozialen Aufstieg, sondern um Abgrenzung. „Wir gegen die“ heiße das bestimmende Grundverständnis. Möllers Beitrag, der sich dem postmodernen Verständnis des Begriffs „Volk“ nähert, lesen Sie ab Seite 38.
Auch Österreich vertraut seinen Eliten nicht mehr. David Pfarrhofer, Chef des Market-Instituts, hat in einer Umfrage herausgefunden, dass 56 Prozent der Gesellschaft zu viel Macht und Einfluss bei den Eliten sehen. Was geschehen müsste, damit das Vertrauen zurückkehrt, lesen Sie in seinem Gastbeitrag „Neue Eliten braucht das Land“ ab Seite 50.
Wie kaum ein anderes Titelthema lässt sich dieses auf Rotary anwenden. Denn während nicht wenige Traditionalisten Rotary – hinter vorgehaltener Hand, versteht sich – als elitären Zirkel bezeichnen, steht das moderne Rotary für Offenheit. Wir haben vier Rotarier aus unterschiedlichen Regionen und Professionen die Frage gestellt: „Wie elitär ist Rotary?“ Die spannende Diskussion zum Selbstverständnis von Rotary im Spannungsfeld zwischen Tradition, Exklusivität, Wirkung und gesellschaftlicher Offenheit lesen Sie im „Fokus“ ab Seite 12.
Viel Vergnügen bei der Lektüre wünscht
Björn Lange
Chefredakteur



















