Cucina italiana zum Unesco-Welterbe erklärt

Peters Lebensart: Ein Prestigeerfolg für die postfaschistisch-konservative Koalition in Rom. Fühlt sich die Unesco dafür zuständig, Preise für Pastarezepte zu vergeben?
So einfach ist es nicht. Schon 2010 bedurfte es beim „repas gastronomique des Français“ eines Bündels von Kriterien, die erfüllt sein müssen. Denn ausgezeichnet wird nicht die Speisekarte, sondern die Kochkultur eines Landes. Nötig sind gastrosophische Reflexion des kulinarischen Erbes sowie Verankerung heimischer Küche und ihrer Rituale in der Gesellschaft. Die „cucina italiana“ weist ein spektakuläres Kontinuum auf: Frühe Fischrezepte des Sizilianers Archestratos (4. Jahrhundert vor Christus). Die vegetarische Trias Brot – Wein – Öl der Pythagoräer in Kalabrien. Crossover-Kost im Imperium Romanum. Zitronen, Gewürze, Gelato – alles Inspirationen durch islamische Hochküche und mittelalterlichen Orienthandel.
Von der ehrbaren Lust – 1474 erscheint das allererste gedruckte Kochbuch. Auch wenn im Barock die nationale Küche Frankreichs dominiert, entwickelt sich durch politische Zergliederung eine Fülle von Regionalküchen. Dazu gesellen sich „fremde“ Einflüsse auf italienischem Territorium: Südtiroler Knödel, maurische Cassata oder katalanische Fischsuppen in Sardinien.
Kulinarische Emanzipation der Provinz
Es gibt aktuellere Impulse: 1989 entstand im Piemont Slow Food. Die linke Bewegung löste einen internationalen Trend zu kulinarischem Regionalismus aus und setzte der französischen Exzellenzpyramide ein volkstümlicheres Modell entgegen. Der patriotische Impetus passte zu den Häutungen der Eurokommunisten. Als Anti-Mafia-Partei vertraten sie die Interessen kleiner Gewerbetreibender und Handwerker. Die Restaurantkritik auf den Kopf gestellt hat der Bestseller Osterie d’Italia: Kriterium ist die Regionalität der Speisen. Wenn heute Köche in Albanien oder Norwegen angesagt sind, so verdanken sie das der kulinarischen Emanzipation der Provinz durch Slow Food. Längst gehören Drei-Sterne-Stars und Food-Influencer wie König Charles zu den Bewunderern dieses italienischen Konzepts.
Die Speisefolge Antipasto/Primo Piatto/Secondo Piatto ist gelebte Kulturpraxis, die zu Tischgesprächen und Konvivialität lädt
Emigration, „dieta mediterranea“ und eine schnelle „cucina povera“ haben dazu geführt, dass Italien zur weltweit beliebtesten Küche avancierte. Doch Pizza, Pasta und Espresso sind nicht nur Produkte, sie haben eine Geschichte, einen Ritus. Die Speisefolge Antipasto/Primo Piatto/Secondo Piatto ist gelebte Kulturpraxis, die zu Tischgesprächen und Konvivialität lädt.
Für die Bewahrung kultureller Identität
Was bedeutet das Unesco-Zertifikat praktisch? Schutz vor „Italian sounding“, der Tendenz, Produkte fälschlicherweise als italienisch auszugeben. Und es erleichtert, esskulturelle Subventionen abzurufen, in kulinarischen Tourismus zu investieren. Andererseits ist das Ganze kein Selbstläufer. Bereits 2011 wurde die „cocina mexicana“ Weltkulturerbe. Ist außer Tex-Mex-Beliebigkeit etwas auf unseren Tellern angekommen? Wenn man bedenkt, dass neben Wiener Kaffeehaus und Würstlstand auch Exotika wie die Volkstänze des böhmischen Kuhländchens so vor dem Vergessen gerettet werden sollen, sieht man, welch bunte Melange auf Unesco-Anerkennung hofft.
So ist diese Auszeichnung mehr ein Ansporn, eine Küche, deren Popularität kaum mehr zu steigern ist, nicht global zu verwässern. Letzten Endes hat die Regierung Meloni die Früchte linken Vordenkens geerntet. In diesen Zeiten ein erfreuliches Signal des Zusammenwirkens konträrer politischer Lager, um kulturelle Identität, Wettbewerbsfähigkeit und touristische Attraktivität von Bella Italia zu steigern.
Peter Peter
ist Gastrosoph, Restaurantkritiker und Dozent für kulinarischen Tourismus. Der Münchner publizierte „Kulturgeschichten der Küche“ und lehrte Gastrosophie an der Universität Salzburg. Zuletzt erschien sein Buch „Blutorangen – Eine Reise zu den Zitrusfrüchten Italiens“. Im Rotary Magazin schreibt er monatlich über aktuelle Themen rund um das gute Essen und die feine Küche. Er ist außerdem Autor des Podcasts „macht Hunger“ (derpragmaticus.com) und bloggt unter pietropietro.de.
Foto: Jessine Hein/Illustratoren



















