Die da oben

Den einen gelten Eliten als Hoffnungsträger, den anderen als abgehoben und machtbesessen. Eine Einführung in die aktuelle Debatte
Eliten stehen wieder einmal im Fokus der öffentlichen Debatte. Für manche sind sie zu Sündenböcken für alles geworden, was schiefläuft – abgehoben, machtbesessen und lebensfern seien sie. Für andere sind sie Hoffnungsträger, die in Krisensituationen zusammenstehen und rasche, unbürokratische Entscheidungen treffen. Verschwörungstheoretiker fürchten sich vor der unsichtbaren Allmacht der Eliten. Aber auch Demokraten sind Eliten gegenüber skeptisch: Denn Eliten haben die Tendenz, sich der demokratischen Kontrolle zu entziehen und die Interessen der Mehrheit zu unterlaufen.
Aber was ist eigentlich eine Elite? Sind es einfach die Besten, die Leistungsstärksten, die Talentier-testen? Sind es die Menschen mit dem höchsten sozialen Ansehen? Sind es die Reichsten? Der deutsche Soziologe Michael Hartmann hat Eliten als Gruppen definiert, die aufgrund ihrer Position oder ihrer Ressourcen in der Lage sind, die Entwicklung der Gesellschaft zu beeinflussen, indem sie an wichtigen Entscheidungen mitwirken.
Diese Definition liegt dem positionellen Ansatz zugrunde, jener Methode, die von den meisten Forschern verwendet wird, die Eliten untersuchen. Zunächst definiert man die wichtigen institutionellen Ordnungen: Politik, Wirtschaft, Verwaltung – zuweilen auch die Kultur oder den akademischen Bereich. Dann werden die einflussreichsten Institutionen innerhalb dieser Bereiche ausgewählt und die einflussreichsten Positionen in jeder dieser Institutionen identifiziert. Personen in Führungspositionen in diesen Institutionen – also in großen Unternehmen, in politischen Ämtern auf Bundesebene oder in einflussreichen Kulturinstitutionen – werden deshalb als Eliten definiert.
Eliten und wir
Manche Menschen betrachten Eliten als eine Gruppe, die sich von der übrigen Gesellschaft abgekoppelt hat. Fern und unerreichbar würden sie die Normalsterblichen mit ihrer Macht, ihrem Glamour und ihrem Reichtum blenden.
Eliten stehen aber mitten in unseren Gesellschaften. Sie prägen unseren Alltag. In vielen Ländern befinden sich die Infrastrukturen für Energie, Immobilien, Wasser oder sogar Gesundheit und Bildung in den Händen großer Investoren. Ihre strategischen Investitionsentscheidungen bestimmen unsere Kaufkraft und unsere Lebensbedingungen. Die Eliten beeinflussen zwangsläufig auch die Umverteilungspolitik oder entscheiden über Fusionen oder Unternehmensverlagerungen – daher sind alle als Bürger, als Arbeitnehmer oder als Verbraucher davon betroffen.
Diese zentrale Rolle der Eliten unterstreicht auch ihre zunehmende Skandalisierung durch soziale Bewegungen in den letzten Jahren. Protestbewegungen wie „Occupy Wall Street“ im Jahr 2011 oder die Gelbwesten-Bewegung in Frankreich sind explizit gegen Eliten gerichtet.

Die Auslese
Rekrutiert sich die Elite aus allen Bevölkerungsschichten oder erreichen nur Leute mit einem privilegierten Hintergrund Spi-tzenpositionen? Nur ganz wenige schaffen es vom Tellerwäscher zum CEO – die allermeisten Eliten haben schon reiche und gut gebildete Eltern und besuchen ausgesuchte Eliteuniversitäten. Gerade in Ländern mit stark hierarchisierten Universitätssystemen – wie den USA mit den Ivy-League-Unis oder Frankreich mit den Grandes Ecoles – verschaffen diese Unis Zugang zu den entscheidenden Netzwerken und wirken auch symbolisch als Signal für Exzellenz und passende Umgangsformen.
Nicht alle Eliten verfolgen die gleichen Karrierewege. Gerade in Deutschland unterscheiden sich die Auswahlkriterien von politischen und ökonomischen Eliten stark. Biografische Wechsel zwischen verschiedenen Eliten sind deshalb noch relativ selten. In anderen Ländern sind diese Grenzen durchlässiger – gerade in Frankreich oder in den USA gibt es viele Brücken zwischen Politik und Wirtschaft. Seit den 1990er Jahren beobachten wir, dass bestimmte, international präsente Unternehmen wichtige Sprungbretter für künftige Wirtschaftseliten werden: Audit- und Consultingunternehmen (wie KPMG, Deloitte, McKinsey oder die Boston Consulting Group), aber auch internationale Finanzkonzerne wie Morgan Stanley, Goldman Sachs oder die Deutsche Bank. Die Netzwerke, das Wissen, aber auch das „symbolische Kapital“, das ihnen diese prestigeträchtigen Arbeitgeber verleihen, hilft vielen Wirtschaftsführern, in die einflussreichsten Positionen aufzusteigen.
Weil politische Eliten in der Regel gewählt werden und nicht von den bestehenden Eliten kooptiert sind, sind sie sozial offener als Wirtschaftseliten, Verwaltungseliten oder akademische Eliten. Personen mit bescheidener Herkunft, ohne Universitätsabschluss, aber auch Frauen sind deshalb in politischen Machtpositionen besser vertreten als in den multinationalen Großkonzernen oder an den Spitzenuniversitäten.
Wie koordinieren sich Eliten?
Um Wirkung entfalten zu können, müssen sich Eliten abstimmen. In der Wirtschaft knüpften Aufsichtsräte, die gleichzeitig in mehreren Verwaltungsräten saßen, dichte Netzwerke zwischen Unternehmen – oft sogar über Branchen- und Landesgrenzen hinweg. Diese sogenannten „Interlocking Directorates“ erleichterten den Austausch von Informationen und halfen den Unternehmen, gemeinsame Strategien und politische Positionen zu entwickeln. Doch mit der zunehmenden Internationalisierung der Wirtschaft und der wachsenden Bedeutung der Finanzmärkte als zentrale Kapitalquelle hat diese Form der Koordination an Gewicht verloren. Ganz verschwunden ist sie jedoch nicht – sie hat lediglich neue Formen angenommen. Netzwerke, die in Elite-Schulen und renommierten Universitäten entstehen, oder gemeinsame Ausbildungsstationen in Beratungs- oder Auditgesellschaften schaffen ähnliche Bindungen. Sie prägen Denkweisen, schaffen ein gemeinsames Vokabular und stärken das Bewusstsein für die eigene Zugehörigkeit zur Elite.
Manche Menschen betrachten Eliten als eine Gruppe, die sich von der übrigen Gesellschaft abgekoppelt hat. Fern und unerreichbar würden sie die Normalsterblichen mit ihrer Macht, ihrem Glamour und ihrem Reichtum blenden
Die Abstimmung zwischen Wirtschafts- und Politikeliten erfolgte lange Zeit über personelle Doppelmandate. Unternehmer mischten in vielen Ländern aktiv in der Politik mit: Sie saßen im Parlament, prägten Kommissionen oder leiteten Wirtschaftsverbände und Interessenorganisationen – oftmals parallel zu ihren Funktionen in der Privatwirtschaft. Andere wechselten im Laufe ihrer Karriere zwischen beiden Sphären hin und her und brachten dabei ihre Netzwerke und ihren Einfluss mit. Wachsende berufliche Anforderungen, komplexere Unternehmensstrukturen und ein immer professionellerer Politikbetrieb ließen viele glauben, die klassische Doppelrolle sei Vergangenheit – sie sei zunehmend von professionalisiertem Lobbying ersetzt worden. Doch jüngste Beispiele zeigen, dass die Verschmelzung wirtschaftlicher und politischer Macht keineswegs überwunden ist: Rishi Sunak, einst Investmentbanker, stieg zum britischen Premierminister auf. In Tschechien brachte es Andrej Babiš, der zweitreichste Unternehmer des Landes, bis ins höchste Regierungsamt. Und Donald Trump verkörpert wie kaum ein anderer die offene Verbindung beider Sphären. Gerade in seiner zweiten Amtszeit vermengt er wirtschaftliche und politische Macht immer ungezügelter miteinander.
Illustrator Thomas Kuhlenbeck
gehört zu den profiliertesten politischen Illustratoren des Landes. Er veröffentlicht regelmäßig im „Handelsblatt“, im „Time Magazine“ und bei „Forbes“.
Kommt bald das Ende der Eliten?
Wie entwickeln sich die Eliten in der Zukunft? Werden sie von den populistischen Bewegungen mittelfristig von ihren Sockeln heruntergeholt? Wohl kaum. In den Sozialwissenschaften geht man davon aus, dass Eliten eine „anthropologische Konstante“ bleiben. In allen Gesellschaften und sozialen Gruppen gibt es Hierarchien und deshalb auch einflussreiche Gruppen an der Spitze. Beim aktuellen „Elitenbashing“ handelt es sich wohl eher um Kämpfe zwischen alten und neuen, aufsteigenden Eliten. Das Establishment wird in vielen Ländern von neuen Elitegruppen herausgefordert. Nur selten aber werden Eliten von Revolutionen hinweggefegt. Der italienische Elitentheoretiker Vilfredo Pareto sah die Eliten eher als einen langsam fließenden Fluss, in dem sich die Wasser mit der Zeit mischen, neue Elitegruppen dazukommen und alte ihre Macht verlieren. Die Frage, wie Eliten demokratisch kontrolliert und gezügelt werden können, bleibt aber aktuell und muss von jeder Generation wieder neu beantwortet werden.
Felix Bühlmann
ist Professor für Soziologie an der Universität Lausanne und Mitglied von Obelis, dem Observatoire des élites suisses. Er forscht zu politischen, wirtschaftlichen und akademischen Eliten in der Schweiz und anderswo.
Foto: Uni Lausanne



















