Titelthema
von Bettina Weiguny |
| Lesezeit: 6 Minuten

Männer müssen draußen bleiben

Die Zeit der Einzelkämpferinnen ist vorbei. Immer mehr exklusive Netzwerke helfen Frauen, in Spitzenpositionen der Wirtschaft vorzudringen

Frauen können nicht netzwerken? Von wegen! Sie legen gerade richtig los, gründen seit einigen Jahren Zirkel um Zirkel mit dem Ziel, sich bei der Karriere gegenseitig zu unterstützen. Mancher Schnellschuss verschwindet zwar schon wieder von der Bildfläche, aber die starken Frauen-Netzwerke setzen sich durch.

Female only – so lautet zumindest eine Antwort von Managerinnen, Unternehmerinnen und Gründerinnen auf die stagnierenden Zahlen von Frauen in Führungspositionen. Denn die Quote und das Bekenntnis der Wirtschaft zu Chancengleichheit und Vielfalt hat Frauen zwar den Eintritt in die Chefetagen erleichtert. Aber wo noch immer 75 Prozent Männer an den Entscheider-Positionen sitzen, da werden eher Männer nachgezogen, bekannt als „Thomas“-Kreislauf. Und so sieht es heute an der Spitze aus: Gerade mal vier Dax-Konzerne werden von einer Frau gelenkt. Bei den 160 börsennotierten Unternehmen sind es nur vier Prozent. Und zwei Frauen leiten eines der 100 größten Familienunternehmen.

Macht ist nach wie vor männlich

 

Macht ist nach wie vor männlich. „Starke Netzwerke sind extrem wichtig, damit noch mehr Frauen an die Tische gelangen, an denen die Entscheidungen der Zukunft getroffen werden“, sagt Marie-Christine Frank, eine Kommunikations-Expertin und Netzwer-kerin, die 2019 das lokale Netzwerk „Macherinnen“ in Köln gegründet hat. „Sie fördern die Karrieren und die Sichtbarkeit von Frauen.“ 

Nachholbedarf bei Frauen

Männer haben da einen großen Vorsprung. Ein Jahrhundert lang hatte es fast ausschließlich reine Männer-Netzwerke wie Rotary und Lions Clubs gegeben, in denen Männer sich zum geselligen Austausch, für einen guten Zweck, aber auch zur Förderung geschäftlicher Interessen ihrer Mitglieder zusammenfanden. Diese Seilschaften etablierten sich zum Nachteil der berufstätigen Frauen, die von diesen exklusiven Zirkeln ausgeschlossen waren.

Daran änderte auch der vor Gericht durchgefochtene Umstand, dass die Männer-Clubs sich ab Ende der 80er Jahre Frauen gegenüber zaghaft öffneten, zunächst wenig. Mittlerweile kommt eine Rotarierin auf vier bis fünf männliche Mitglieder in Deutschland.

Daneben haben sich früh einige wenige traditionelle Frauennetzwerke gegründet wie die Business and Professional Women (BPW), die es seit 1931 gibt, die Soroptimistinnen sowie die Zonta-Clubs. Letztere wurden 1919 in Amerika von berufstätigen Frauen gegründet, die das Wahlrecht von Frauen erstritten hatten und gemeinsam weiter die Rechte der Frauen stärken wollten, nicht als „die Frau von Herrn xy“ sondern als „Frau xy“.

95 % der Start-up-Investoren sind Männer

 

Zontians sehen ihre Aufgabe vornehmlich im „Service“-Gedanken, also darin, die Lebensumstände für Frauen zu verbessern, sei es politisch, wirtschaftlich oder gesellschaftlich. Sich über das Netzwerk persönliche Vorteile in der Karriere zu verschaffen, wurde von Frauen dagegen lange Zeit eher argwöhnisch beäugt.

Das ist bei den neuen Clubs anders. Hier liegt der Fokus klar auf dem beruflichen Profit. Aus diesem Grunde organisieren die Juristinnen Katharina Stüber und Katja Häferer bei Baker McKenzie zweimal im Jahr ein „FeMale Leaders“-Event in Frankfurt mit 200 Teilnehmerinnen aus Wirtschaft, Banken, Presse und Kultur. Stüber beneidet die Männer um ihre Selbstver-ständlichkeit beim Netzwerken, wie sie im gerade erschienenen Buch Machtgebiete: Was Managerinnen erleben und wie sie gegenhalten berichtet. „Die machen das sehr direkt. Sie trinken abends an der Bar ein Bier zusammen und am nächsten Morgen haben sie ein gemeinsames Projekt. Frauen sind viel zurückhaltender, haben viele Bedenken nach dem Motto: ‚So ein Netzwerk soll keine Kumpanei sein.‘ Da fehlt es noch an Erfahrung.“

„Generation CEO“ ist das wohl wichtigste Netzwerk für Managerinnen, in seinen Reihen befinden sich Wirtschaftsministerin Katharina Reiche, die neue Bahn-Chefin Evelyn Palla und viele andere weibliche Vorstände. Innerhalb dieses Kreises werden Jobs verteilt, Deals geprüft, Aufsichtsräte besetzt und Mentees bei ihrem Aufstieg begleitet.

Bettina Weiguny (et al.): Machtgebiete

Was Managerinnen erleben und wie sie gegenhalten. Campus Verlag 2025, 248 Seiten, 22 Euro

Foto: PR

Gegründet hat das Netzwerk 2007 ein Mann: Der Personalberater Heiner Thorborg hat Jahr für Jahr an die 20 Frauen aufgenommen, in denen er das Potenzial für einen späteren Vorstands-, Geschäftsführer- oder CEO-Posten sah. Heute versammeln sich hier 274 Frauen – darunter 113 Führungskräfte auf Vorstandslevel. Zusammen bekleiden sie 313 Mandate in Aufsichts-, Verwaltungs- und Beiräten. 2025 haben sich 155 Kandidatinnen beworben, ein Rekord. Nur 15 erhielten Zutritt. Von jeder einzelnen gibt es das klare Bekenntnis: Mein Karriereziel ist CEO oder ein Vorstandsposten. Das Netzwerk soll dabei helfen.

Dabei setzt Generation CEO ganz wie die Männer-Clubs auf Vielfalt innerhalb der eigenen Reihen. „Ich freue mich auf den Austausch mit Führungsfrauen, die anders sozialisiert sind als ich“, sagt etwa Neumitglied Hannah Christina Haupt vom Bundesnachrichtendienst (BND) in Berlin. Das Umfeld der promovierten Juristin ist männlich und technikaffin, zudem hat es seine Besonderheiten als Behörde mit Standleitung zur Regierung und anderen Nachrichtendiensten im Ausland. Generation CEO bildet für sie einen Ausgleich zum Tagesge-schäft. „Es ist wichtig, zwischendurch aus der Spionage-Bubble herauszukommen.“

Neue weibliche Netzwerke

Die Zeit der Einzelkämpferinnen, die allein in die Spitzenpositionen der Wirtschaft vordringen, scheint vorbei. Unzählige Initiativen haben sich seit den 2000er Jahren gegründet, um sich gegenseitig zu unterstützen: Manche richten sich wie Generation CEO ausschließlich an das oberste Top-Management, andere an zielstrebige Berufsanfängerinnen. Es gibt Branchen-Netzwerke für Juristinnen, Ingenieurinnen oder KI-Expertinnen. Der Verband Deutscher Unternehmerinnen zielt auf Unternehmerinnen. Bei den Working Moms und den Mompreneurs tauschen sich berufstätige Mütter aus. Manche Initiativen haben Tausende Mitglieder, so etwa die Digital Media Women (DMW): 100 Ehrenamtliche organisieren für ihre 32.000 Mitglieder Seminare zur Weiterentwicklung von Fähigkeiten wie Digitalisierung, Karriere-Skills oder auch Selbstvertrauen. Bei Female HR Excellence dagegen tauschen sich gerade mal 16 HR-Führungsfrauen unternehmensübergreifend über Personalthemen aus. Beim Frankfurter Kranz treffen sich Kulturschaffende der Stadt, bei Encourageventures suchen Investorinnen und Managerinnen gezielt den Austausch mit Gründerinnen. Der Bedarf ist da: Rund 95 Prozent der Start-up-Investoren sind Männer, da ist es kein Wunder, dass der Großteil der Investitionen an Männer geht. Männer investieren eher in Männer, Frauen in Frauen. Christine Rittner, ehemalige Lidl-Vorständin und heutige Investorin, sagt: „Ich investiere in Geschäftsideen, wenn mindestens eine Gründerin mit im Team ist.“

Der elitärste Kreis ist vermutlich der Merton-Zirkel von Tina Müller, der an die Similauner Wanderkameraden erinnert: handverlesen, hochkarätig und auf 40 Damen beschränkt

 

So geht es endlos weiter. Frauen 100, Panda, Rotonda, Femtec, FidAR, ganz zu schweigen von den Frauennetzwerken einzelner Unternehmen wie „Frauen verbinden“ von der Messe München oder „women@db“ von der Deutschen Bank. Der elitärste Kreis ist vermutlich der Merton-Zirkel von Tina Müller, der etwas an die Similauner Wanderkameraden rund um den McKinsey-Veteran Herbert Henzler und Reinhold Messner erinnert: handverlesen, hochkarätig und auf etwa 40 Damen beschränkt, die in der persönlichen Gunst der früheren Douglas- und heutigen Weleda-Chefin stehen, darunter Merck-Chefin Belén Garijo, die frühere BASF-Vorständin Saori Dubourg, Multiaufsichtsrätin Simone Menne und die Bankerin Dorothee Blessing.

Jetzt zeigt sich wahre Stärke

So schön, so verwirrend. Nicht immer halten die weiblichen Netzwerke, was sie versprechen. Manches Konzept ist unausgegoren. Wenn die Managerinnen zu dem Schluss kommen, hier ihre Zeit zu verschwenden, ziehen sie schnell weiter.

Dazu macht ein genereller Trend den Netzwerkerinnen zu schaffen: Die Stimmung für Frauen in der Wirtschaft dreht. „Diversity-Programme werden gestrichen. Unternehmen haben Angst, Geschäftspartner zu verprellen, besonders solche mit Bezug zu Amerika, wo Chancengleichheit inzwischen als ‚woke‘ gilt“, berichtet Netzwerk-Beraterin Marie-Christine Frank. Für Frauennetzwerke bedeutet das: „Sponsoren springen ab.“ Manches Bündnis hat es in der Folge schon wieder hinweggefegt, darunter viel beachtete Neugründungen wie „Mission Female“ oder „Beyond Gender Agenda“. „Jetzt kristallisiert sich heraus, welche Bündnisse stark und professionell genug sind“, meint Frank.

Auch wenn das Thema Gleichstellung derzeit nicht das Lauteste ist, vom Ende der Frauennetzwerke und des ökonomischen Empowerments kann keine Rede sein. „Frauen-Netzwerke waren nie so wichtig wie heute, sagt Christina Schrotberger, Managerin bei Opella und langjähriges Vorstandsmitglied von Generation CEO. „Gerade wenn gesellschaftliche Rückschritte drohen, braucht es Orte der Stärke und des Vertrauens.“

Bettina Weiguny

ist freie Wirtschafts-journalistin, Publizistin und seit vielen Jahren Kolumnistin der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“. Sie hat mehrere Bücher veröffentlicht, darunter „Die geheimnisvollen Herren von C&A“ und „Der Wirecard-Skandal“.

Foto: Privat
Bettina Weiguny

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