„Wer dann keine Einladung bekommt, ist weg“

Michele Di Bucci aus Italien und Lea Drathen aus Deutschland erzählen, wie sie als Rotaracter das Verhältnis zu Rotary wahrnehmen. Zwei Länder, zwei Perspektiven:
Auf ihrer Reise durch Italien für das Rotary Magazin haben Gerti Gruber und Gunther Gröss erlebt, wie eng die Zusammenarbeit von Rotary und Rotaract ist. Dies ist ein wesentlicher Grund, warum Rotary in Italien einen enormen Mitgliederzuwachs erfährt. Immer mehr Rotaracter finden ihren Weg zu Rotary. Wir haben zwei Rotaracter gebeten, dazu Stellung zu beziehen. Zunächst hat uns interessiert, wie Michele Di Bucci vom RAC Milano Europa Fenice die Partnerschaft zwischen Rotary und Rotaract in Italien bewertet. Danach werfen wir einen Blick auf das Verhältnis in Deutschland ist. Wir haben Lea Drathen vom RAC Hamburg-Port und inzwischen auch Mitglied im RC Hamburg-Hanse gebeten, uns Ihre Erfahrungen zu schildern. Dieser Doppelschlag zeigt nicht nur Chancen für die Zukunft auf, er legt auch offen, wo auch heute noch viele Probleme vorhanden sind, die beseitigt gehören.
Michele Di Bucci (RAC Milano Europa Fenice):
Das Verhältnis zwischen Rotaract und Rotary in Italien mit seinen 14 Distrikten hat in den letzten Jahren eine starke Evolution durchgemacht. Die Beziehung zwischen Pate (Rotary Club) und Patenkind (Rotaract Club basierte früher hauptsächlich auf der ökonomischen Hilfe für die Projekte der “jungen Leute”. Durch die Erhebung der zwei Organisationen zu Partnerclubs ist die Beziehung auf eine neue Ebene gebracht worden.
Kurz vor der Covid-19-Pandemie, die die italienischen Rotary- und Rotaract-Clubs schwer traf, zeichnete sich bereits eine Intensivierung bestehender und die Entstehung neuer gemeinsamer Serviceprojekte beider Organisationen ab. Zwar stehen die Rotaract-Clubs bei der Planung und Durchführung sogenannter aktiver Serviceprojekte, die häufig der lokalen Bevölkerung zugutekommen, noch immer im Vordergrund. Gleichzeitig hat jedoch die persönliche Beteiligung von Mitgliedern der Rotary Clubs an diesen Projekten deutlich zugenommen. Umgekehrt ist auch bei den Rotaract-Mitgliedern ein neues Interesse an rotarischen Veranstaltungen und Initiativen zu beobachten.

Die früher von manchen Rotaractern vertretene Ansicht, der Club diene lediglich als Rekrutierungsreservoir für den jeweiligen Rotary-Patenclub, wurde zudem durch die Einführung der Doppelmitgliedschaft widerlegt. Eine wachsende Zahl ehemaliger Rotaracter bringt heute ihre Erfahrungen und ihr Engagement in Rotary Clubs ein und unterstützt diese insbesondere in den Bereichen Social Media und allgemeiner Kommunikation.
Auch das Zeremoniell spielt in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle. Die Traditionen und gemeinsamen Regeln beider Organisationen schaffen einen besonderen Esprit de Corps, den Rotaracter in Rotary Clubs sofort wiedererkennen und mit großem Respekt mittragen.
Noch engere Kooperation gewünscht
Für viele Rotaracter in Italien hat deshalb auch die Vermittlung und Verbreitung der rotarischen Werte einen hohen Stellenwert. Da die einzelnen Clubs im Wettbewerb mit zahlreichen anderen gemeinnützigen Organisationen stehen, entsteht häufig der Eindruck, dass Rotary und Rotaract in der breiten Öffentlichkeit noch immer zu wenig bekannt sind und ihre Werte daher nur begrenzt wahrgenommen werden. Dies wird als Risiko für die langfristige Entwicklung der Mitgliederzahlen gesehen und zugleich als verpasste Chance, neue Ideen, Kompetenzen und engagierte Menschen für die rotarische Gemeinschaft zu gewinnen. Aus diesen Gründen wünschen sich viele Rotaract-Clubs eine noch engere Zusammenarbeit mit den Rotary Clubs und fördern diese aktiv.
Lea Drathen (RAC Hamburg-Port & RC Hamburg-Hanse):
Dass mich ein Rotary Club mit 23 Jahren aufnehmen würde, hätte ich nicht gedacht. Ich fand mich zu jung dafür, aber es ging gar nicht ums Alter. Es ging darum, was ich mitbringe und wie ich mich einbringe.
Angefangen hat es mit einem Vortrag. Ich bin Studentin und selbstständig und berate zu LinkedIn und Personal Branding, darüber habe ich im Club gesprochen. Danach hieß es: Das hat uns gefallen, wir würden dich gerne aufnehmen. Nicht „komm wieder, wenn du 30 bist", sondern jetzt. Man hat mir zugehört und dann gefragt.
Rotaracterin bin ich trotzdem geblieben. Seit 2019 ist Rotaract keine Jugendorganisation mehr, sondern eine eigene Mitgliedsform von Rotary. Doppelmitgliedschaft gibt es sogar seit 2016. In vielen deutschen Clubs weiß das bis heute kaum jemand.
So sollte es laufen. Meistens läuft es leider noch anders.

Wer uns als Nachwuchs sieht, lädt uns ein. Wer uns als Mitglieder sieht, bindet uns aktiv ein und übergibt Verantwortung. Den Satz „Bei uns seid ihr jederzeit willkommen" kennen wir alle. Er ist ehrlich gemeint, aber willkommen ist man als Gast. Und Gäste gehen meistens wieder.
Woran es hakt, ist deshalb selten die Sympathie. Es sind Unwissenheit und alte Strukturen. Präsenzpflicht am Dienstagmittag passt nicht zum Berufseinstieg, Schichtdienst oder kleinen Kindern. Dreistellige Beiträge plus Essenspauschale sind am Anfang viel Geld. Und wer neu ist, soll erst mal zuhören. Dabei kommen aus Rotaract Leute, die mit 26 einen ganzen Distrikt organisiert haben. Rotaracter sollte man nicht schonen, man muss sie aktiv einsetzen und einbinden.
Zwischen 30 und 35 endet häufig die Rotaract-Zeit. Rotary International hat die Altersgrenze 2020 aufgehoben, viele Clubs halten trotzdem daran fest. Wer dann keine Einladung bekommt, ist weg. Nicht aus Trotz, sondern weil häufig niemand gefragt hat oder Strukturen und Beiträge nicht zur Zielgruppe passen.
Wir sind schon da und eine Frage reicht häufig schon aus
Dabei ist die Lösung nicht kompliziert und längst erlaubt. Doppelmitgliedschaften aktiv anbieten und das nicht erst zum Abschied. Junge Mitglieder mit vergünstigtem Beitrag aufnehmen. Rotaracter in Gremien holen, mit Stimme und nicht als Publikum und Projekte zusammen planen. Und persönlich einladen: nicht „ihr seid willkommen", sondern „ich schlage dich vor".
Und das Wichtigste: Bleibt mit euren Rotaract Patenclubs in Kontakt, am besten auch eins zu eins in zum Beispiel einem Mentoringprogramm. Und das lange bevor jemand über einen Wechsel nachdenkt. Denn wer sich früh kennt, fragt später auch ganz selbstverständlich. Dann geht es nicht mehr ums Alter, sondern darum, dass Rotary und Rotaract zusammen einfach stärker sind.



















