„Unternehmen werden in die USA abwandern“

Interview: Ulrich Walter sollte als langjähriger Professor für Raumfahrttechnik angesichts von 35 Milliarden Euro für Weltraumprojekte euphorisch sein – doch er zeichnet ein düsteres Bild
Als Berater für die Politik ist Ulrich Walter gefragter denn je. Kaum einer kennt die Raumfahrtindustrie und die damit verbundenen Zukunftsmärkte so gut wie er. Er weiß um das volkswirtschaftliche Potenzial der Branche, das in Europa noch lange nicht ausgeschöpft ist, wie er im Gespräch verdeutlicht.
Die Bundesregierung will bis 2030 insgesamt 35 Milliarden Euro für Weltraumprojekte und damit einhergehend für eine Sicherheitsarchitektur im All bereitstellen. Ist nun eine Goldgräberstimmung in der deutschen Raumfahrt-industrie ausgebrochen?
Nun, davon kann keine Rede sein. Erst kürzlich sprach ich mit jemandem von Airbus, der die jetzige Situation bei den Raumfahrtunternehmen gut beschrieb. Man freue sich über die vielen Aufträge, wisse aber, dass die Umsetzung nicht so schnell wie erwartet erfolgen könne. Die Unternehmen der Branchebekämen jetzt jede Menge Geld und erstellten auch Angebote, aber sie hätten gar nicht die Leute, um Aufträge innerhalb der vorgegebenen Zeit umzusetzen. Deswegen arbeite er Tag und Nacht, um neues Personal einzustellen. Die, die sich derzeit meldeten, seien massenweise Leute aus der Automobilindustrie, der es bekanntermaßen nicht gut geht.
Das heißt, die deutsche Raumfahrtindustrie war gar nicht auf diesen plötzlichen Geldsegen eingestellt?
Das ist der entscheidende Punkt. Die Wirtschaft fordert ständig, wir bräuchten einen Plan für die nächsten fünf Jahre. Dann könne man sich auf so etwas vorbereiten. Aber die Möglichkeit gab es nicht. Nun hat die Wirtschaft Schwierigkeiten, das, was nötig ist, umzusetzen. Früher war das Beschaffungsamt der Bundeswehr das Problem, inzwischen aber seien alle Bestellprozesse konsequent vereinfacht. Dafür haben jetzt diejenigen Probleme, die die Bestellungen produzieren und liefern müssen.
Das heißt, die deutsche Raumfahrtindustrie war gar nicht auf diesen plötzlichen Geldsegen eingestellt?
Das ist der entscheidende Punkt. Die Wirtschaft fordert ständig, wir bräuchten einen Plan für die nächsten fünf Jahre. Dann könne man sich auf so etwas vorbereiten. Aber die Möglichkeit gab es nicht. Nun hat die Wirtschaft Schwierigkeiten, das, was nötig ist, umzusetzen. Früher war das Beschaffungsamt der Bundeswehr das Problem, inzwischen aber seien alle Bestellprozesse konsequent vereinfacht. Dafür haben jetzt diejenigen Probleme, die die Bestellungen produzieren und liefern müssen.
Das heißt, in der Vergangenheit gab es keine vernünftige Abstimmung zwischen Bundesregierung und Industrie?
Nein, so würde ich das nicht sagen. Das ist alles politisch getrieben. Ich meine, erst durch den Ukraine-Krieg wurde das Bewusstsein geweckt, dass wir uns im Ernstfall verteidigen müssen. Hinzu kam US-Präsident Donald Trump, der noch einmal unmissverständlich klar gemacht hat, dass die Verteidigungsausgaben drei Prozent des Bruttoinlandsproduktes entsprechen müssen.
So wird es nun auch kommen.
Dank eines Sondervermögens liegen nun seit einem Dreivierteljahr 35 Milliarden Euro auf dem Tisch. Die Raumfahrtwirtschaft wusste nicht, dass sie mit einem Schlag mit so viel Geld umgehen muss. Und sie konnte sich darauf nicht vorbereiten.
Das Geld wird dringend benötigt. Warum hat die Wirtschaft nicht von sich aus vor Jahren darauf hingewiesen, dass es hier einen erheblichen Investitionsbedarf gibt?
Wissen Sie, wenn die Wirtschaft sagt, was sie benötigt, dann zählt das nicht. Wenn die Bundeswehr verkündet, wir brauchen dies oder das, zählt das ebenfalls nicht. Frau Merkel hat als Bundeskanzlerin mal geäußert, sie gäbe nicht mehr als 1,3 Milliarden Euro für Verteidigung aus. Obwohl es damals schon eine Verpflichtung innerhalb der NATO gab, drei Prozent des BIP zu investieren. Aber die damalige Regierung wollte es nicht umsetzen.


Stichwort Ukraine-Krieg: Satellitenkommunikation ist eine kriegsentscheidende Fähigkeit. Europa ist diesbezüglich von Starlink und damit von einer Person, Elon Musk, abhängig. Warum hat man nicht viel früher begonnen, ein solches Satellitenkonstellationsprojekt aufzubauen?
Tatsächlich haben die Europäer bereits Kommunikationssatelliten für militärische Anwendungen gebaut, jedoch im geostationären Orbit, drei davon finanzierte die Bundeswehr. Einer kostet circa 400 Millionen, das heißt, Deutschland investierte rund 1,2 Milliarden. Aber dann kam Elon Musk daher und zeigte, wenn man eine wirklich umfassende, resiliente Kommunikation betreiben möchte, braucht es eine Satellitenkonstellation, also eine Anordnung von Tausenden Satelliten in erdnahen Orbits. Kostenpunkt: zehn Milliarden. Daraufhin hieß es bei der Bundeswehr, das mag ja richtig sein, aber wir können leider nicht zehn Milliarden auf den Tisch legen. Elon Musk hingegen investierte die zehn Milliarden und zeigte uns, wie man mit so einer Satellitenkonstellation im kommerziellen Bereich viel Geld verdient: Er macht pro Woche 200 Millionen Dollar Umsatz. Und dann kam der Ukraine-Krieg, und nicht nur die Ukrainer wissen jetzt, dass so eine Konstellation vor allem militärisch unverzichtbar ist. Als Reaktion darauf haben die Europäer nun ihr eigenes institutionelles System Iris2 auf den Weg gebracht.
Es ist doch traurig, dass es erst zu diesem Krieg kommen musste, um ein solches Projekt zu ermöglichen.
Der Krieg ist der Vater aller Dinge. Das hat schon der griechische Philosoph Heraklit gesagt. Die Erfahrung zeigt: Nichts geht über eine gescheite Katastrophe. Erst dann wachen die Leute auf. So ist der Mensch.
Die Amerikaner blicken in die Zukunft, die Deutschen haben Angst vor der Zukunft, insbesondere eine Technikangst
Wenn staatliche Investitionen ausbleiben, braucht man ein umso stärkeres privatwirtschaftliches Engagement, richtig? So etwas wie ein europäisches SpaceX?
Das wäre natürlich sehr gut. Tatsächlich haben wir ja Leute, die so viel Geld hätten. Zum Beispiel Dieter Schwarz, den Lidl-Gründer. Der ist geschätzte 40 Milliarden schwer und könnte so ein Projekt allein finanzieren. Hat er nicht, aber US-Unternehmer wie Elon Musk und Jeff Bezos: Die sind ihr Leben lang extrem hohe Risiken eingegangen. Elon Musk hat mit einer ganz kleinen IT-Klitsche angefangen. Mit dem dort erwirtschafteten Geld kaufte er Paypal, was ihm die Gründung des Automobilkonzerns Tesla ermöglichte. Mit Tesla ist er dann zu den Raketen gekommen. Er ist viermal hohe Risiken eingegangen.
Der deutsche Unternehmer Dieter Schwarz übernimmt von seinem Vater Supermärkte, gründet eine Hochschule in seiner Heimatstadt, und das war’s. Verstehen Sie, die Leute hier gehen keine Risiken ein. Jeff Bezos machte es wie Elon Musk. Die beiden haben eine vollkommen andere Mentalität. Herr Schwarz wird nie zehn Milliarden für ein risikoreiches Satellitenprojekt in die Hand nehmen. Er gab lieber etwa 50 Millionen für eine Hochschule in Heilbronn aus. Was ja auch in Ordnung ist.
Aber die Leute in Europa haben Angst vor Risiken, nicht nur in Deutschland. Wenn in den USA jemand wirtschaftlich etwas wagt und dann eine Firma in den Sand setzt, dann kann er den Verlust abschreiben und fängt einfach von vorne an – kein schlechtes Image bleibt. Das ist in Deutschland wirklich anders, denn einer solchen Person würde man hier nicht mehr trauen. Das ist der große Unterschied. Und deswegen werden wir in Europa, insbesondere in Deutschland, nie diesen Stand erreichen, wie die US-Amerikaner. Sie sind risikofreudiger. Sie wagen mehr. Weil das Wagnis, wenn es nicht funktioniert, keinen Makel hinterlässt.
Zur Person: Ulrich Walter (RC München)
ist Professor am Lehrstuhl für Astrodynamik an der Technischen Universität München (TUM). Nach dem Studium der Physik an der Universität Köln verbrachte er ein Jahr am US-Forschungslabor Argonne National Laboratories, Chicago, danach ein Jahr als Postdoc an der University of California, Berkeley. Von dort wurde er im Jahre 1987 ins deutsche Astronautenteam berufen und trainierte bis zu seiner Shuttle-Mission D-2 (26. April bis 6. Mai 1993) am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Köln-Porz und am Raumfahrtzentrum der Nasa in Houston.
Das heißt, aufstrebende Firmen wie Isar Aerospace oder Rocket Factory Augsburg werden sich nie in eine solche Richtung entwickeln können?
Doch, sie werden sich entwickeln. Diese Unternehmen werden allerdings wahrscheinlich in die USA abwandern.
Das wissen Sie jetzt schon?
Ja. Das kann ich Ihnen jetzt schon sagen.
Warum?
Weil sie hier nicht ausreichend Möglichkeiten zum Wachstum haben. Das beginnt mit den Venture Capitalists,also den Risikokapitalgebern. Der US-Markt ist zehnmal größer. Die Risikokapitalgeber sind dort auch wesentlich risikofreundlicher. Übrigens, die Firma Isar Aerospace ist ein Spin-off von meinem Lehrstuhl. Ich kenne die Leute sehr gut. Einer der CEOs hat mir schon angekündigt, dass er nicht hierbleibt, wenn es langfristig so weitergeht. Er wäre da nicht der Erste. Ein Büro in den USA hat er bereits. Die Investitionen der Venture Capitalist in Europa sind seit zwei, drei Jahren rückläufig, in den USA zunehmend. Hinzu kommt, dass die wirtschaftliche Lage insgesamt in Europa nicht blendend ist. Die Amerikaner blicken in die Zukunft, die Deutschen haben Angst vor der Zukunft, insbesondere eine Technikangst. Das war schon immer so. Ich habe vier Jahre in den USA gelebt. Dort herrscht ein Glaube an eine bessere Zukunft durch Technik. Das kann man nicht vergleichen. Weil es eine Mentalitätsfrage ist, wird sich daran auch langfristig nichts ändern.
Sie zeichnen ein düsteres Bild.
Allein aus meinem Lehrstuhl heraus sind fünf, sechs Start-Up-Unternehmen gegründet worden. Das wird es künftig so nicht mehr geben. Meine jetzigen Studenten wollen in den öffentlichen Dienst; absolute Sicherheit ist für sie das oberste Gut. Sie möchten keine Risiken eingehen. Ich hatte vor einer Zeit die Stelle eines Werkstattleiters ausgeschrieben. So einer muss täglich Studenten und Mitarbeiter anleiten. Ein Bewerber sagte mir, er möchte ein bis zwei Tage Homeoffice haben. Das war ein ganz junger Kerl. So ist das heute. Den habe ich natürlich nicht eingestellt. Die gute Nachricht ist, es gibt immer noch sehr gute Studenten, die wirklich ganz ausgezeichnet sind. Und ein paar, die wirklich noch den Wunsch haben, im Leben etwas zu schaffen. Aber es sind weniger geworden.
Geben Sie bitte eine Handlungsempfehlung an die Bundesregierung. Was müssen wir tun, um junge Start-up-Unternehmer, die bereit sind, Risiken einzugehen, tatsächlich bei uns zu halten?
Es liegt an den Rahmenbedingungen. Dafür zuständig ist die Politik. Die Rahmenbedingungen in Bayern sind viel besser als in der restlichen Bundesrepublik, aber nicht so gut wie in den USA. Übrigens ist dies der Grund, warum ich nach Bayern gegangen bin. Ich stehe in engem Kontakt mit Politikern, auch auf Bundesebene. Und da sehe ich jetzt ein großes Interesse am Wandel in der Raumfahrt. Die Politiker sind inzwischen aufgewacht. Sie haben verstanden, dass der Weltraum für uns wichtig ist. Deswegen sind sie auf mich zugekommen, und ich berate einige inzwischen. Ich stoße auf eine große Offenheit, insbesondere bei den Grünen. Also daran sehen Sie, die Akzeptanz hat sich stark geweitet.
Dann steht doch besseren Rahmenbedingungen nichts mehr im Wege.
Grundsätzlich stimme ich Ihnen zu, dass sich aus politischer Richtung die Rahmenbedingungen verbessern werden. Das wird jedoch erst einmal nicht viel ändern. Bis neue Rahmenbedingungen Breitenwirkung zeigen, dauert es etwa 15 Jahre.
Ganz entscheidend für die Akzeptanz in der Öffentlichkeit sind immer noch die Journalisten. Und die, das habe ich gerade erst wieder vor kurzem bei einem Podcast erleben dürfen, sind da ganz andere Meinung. Es braucht eine neue Generation von Journalisten, die ein anderes Verständnis von gesellschaftlichen Werten haben. Aber ehrlich gesagt, bis dahin sind die Start-ups schon lange weg.
Aber ist es wirklich so, dass am Ende eine Bild-Zeitung darüber entscheidet, welche Rahmenbedingungen diese Branche hat?
Sie werden staunen. Politiker lesen vorrangig Bild-Zeitung und nicht FAZ. So ist es wirklich.
Das heißt, ein Interview mit der Bild ist besonders wirksam.
Das ist richtig, ja. Und ich gebe Ralf Klostermann von der Bild seit über 20 Jahren regelmäßig Interviews. Und das ist mir sehr wichtig, weil ich weiß, die wichtigen Persönlichkeiten lesen das. Abgesehen davon ist es die einzige überregionale Zeitung, die nicht linksliberal ist. Außer der Neuen Zürcher Zeitung. Die ist zwar objektiver, aber in Deutschland nicht so verbreitet.
Aber wenn Sie Ulf Poschardt von der Welt sagen, dass er links steht, würde er das auch verneinen.
Die Welt steht nicht links. Unter linksliberal verstehe ich die geistes- und sozialwissenschaftliche Überzeugung, zu wissen und es anderen sagen zu können, wo es langgeht.
Zurück zum eigentlichen Dilemma: Ohne eine breite öffentliche Akzeptanz wird es nicht vorangehen.
Richtig. Politiker sagen mir, Herr Walter, geben Sie mir Argumente, damit ich gewählt werde. Politiker schauen immer auf Wähler. Solang die nicht überzeugt sind, wird sich wenig tun. Selbst wenn Politiker der Raumfahrt positiv gegenüberstehen.
Jetzt haben wir 35 Milliarden Euro für Weltraumprojekte. Wo haben wir denn den dringendsten Nachholbedarf? Wo sollte jetzt investiert werden?
Wir brauchen Satelliten. Die Öffentlichkeit hat nicht verstanden, wie wichtig Satelliten für die Zukunft sind. Denn Satelliten machen dreierlei:
Erstens Kommunikation in absoluter Echtzeit weltweit. Zweitens Überwachung und Beobachtung zum Beispiel von Ölpipelines auf Leckagen. In der Landwirtschaft muss ich nicht erst Leute auf die Felder schicken, um zu schauen, ob die Ernte schon eingefahren werden kann. Oder Wälder: Es braucht keine Förster, die seit 40 Jahren in einem eingefahrenen Prozess jährlich Baumschäden erheben. Wenn wir das jetzt einfach und wöchentlich mit Satelliten machen würden, müsste diese etablierte Vorgehensweise ja geändert werden. Undenkbar und deswegen machen wir das nicht. In China oder Indien läuft kein Förster einmal im Jahr durch den Wald. Dort geht alles über Satelliten.
Die dritte Aufgabe von Satelliten ist Navigation. Das amerikanische GPS ist gut, aber die USA würden uns das im Kriegsfall mit Sicherheit abschalten. Deswegen können wir uns darauf nicht 100%ig verlassen. Daher hat Europa seit 2011 mit Galileo ein eigenes Navigationssystem. Für dessen Entwicklung haben wir 30 Jahre gebraucht. Wenn wir jetzt anfangen, ein eigenes Kommunikationssystem aufzubauen, kann ich Ihnen gleich sagen, dass wir damit nicht in zwei oder drei Jahren fertig sind. Ich bin ein großer Fan der Demokratie, aber ihr Nachteil ist, dass Entscheidungsprozesse zu lange dauern.
Und das führt dazu, dass sich andere Länder technologische Vorsprünge erarbeiten.
Das sehen Sie zum Beispiel an China. Ich arbeite auf universitärer Ebene sehr eng mit den Chinesen zusammen. Wenn man sieht, mit welcher Geschwindigkeit die Projekte umsetzen, werden die Vorteile sichtbar. Da sitzt einer ganz oben, der macht einen Fünfjahresplan. Darin steht dann zum Beispiel, dass eine Universität 20 Millionen US-Dollar für die Entwicklung neuer Satelliten erhält. Und genau so wird das dann durchexerziert. Ein Kollege von mir schwimmt derzeit in diesem Geld.
Aber wenn Ihre Projekte nicht unterstützt werden, haben Sie Pech gehabt. Da gibt es keinen demokratischen Prozess, der Einspruch ermöglicht.
Das ist der große Vorteil demokratischer Prozesse, obwohl auch in Demokratien mit Vitamin B manche näher am Futternapf sitzen als andere.
Wir erleben nun eine rasante Kommerzialisierung der Raumfahrt. Was ist für uns in Deutschland die größte Herausforderung bei der heutigen Fokussierung auf Sicherheit und Kommunikation?
Die Länge der Prozesse. Nehmen Sie den Berliner Flughafen oder die Elbphilharmonie. Die Umsetzung beider Bauprojekte hat etwa drei Mal so lange gedauert wie ursprünglich geplant, und Berlin war drei Mal so teuer und Hamburg elf Mal so teuer wie geplant. Das war in beiden Fällen einfach schlechtes Management. Wir haben nicht das Problem, gute Techniker zu finden. Die gibt es überall auf der Welt. Auch Elon Musk hat sich seine Leute zusammengekauft, in dem er ihnen mehr Geld gab als die Konkurrenz wie die NASA bezahlte. Hans Königsmann, ehemaliger Vizepräsident für Bau und Flugzuverlässigkeit bei SpaceX, hat er aus Deutschland abgeworben. Innerhalb von fünf, sechs Jahren hat der seine Raketen ins All gebracht.
Aber es reicht ja nicht, nur die guten Leute zu haben. Man braucht doch auch eine Vision.
Es bedarf einer klaren Vorstellung, was man erreichen möchte. Elon Musks Vision lautet: „Ich möchte zum Mond und zum Mars. Dafür gebe ich beliebig viel Geld aus. Und weil ich die Ziele zu meinen Lebzeiten erreichen will, baue ich alles möglichst einfach.“ Das KISS-Prinzip: „Keep it simple and stupid.“ Damit hatte er zuvor bei Tesla Erfolg und schon Leonoardo da Vinci sagte: „Einfachheit ist die höchste Form der Raffinesse.“ Und so ist es. Sie müssen viel Grips investieren, um Dinge so einfach zu gestalten, dass sie bei minimaler Fehleranfälligkeit funktionieren. Das ist eine hohe Kunst. Und genau das kann Elon Musk in Perfektion. Und es funktioniert. Seine Raketen sind einfach und die zuverlässigsten, die jemals in der Menschheitsgeschichte gebaut wurden. Sie sind viel zuverlässiger als alles, was wir bisher hatten.
Und wiederverwendbar…
… was die Komplexität ein bisschen hochtreibt. Aber auch da war er extrem vorsichtig. Sie sehen, da kommt vieles zusammen. Risikobereitschaft, Einfachheit der Dinge, viel Geld in die Hand nehmen… All das zusammen haben wir in Europa nicht. Und deswegen wird das in Europa nichts.
Können Sie uns trotzdem noch Hoffnung machen? Das klingt alles so negativ.
Unsere Gesellschaft glaubt nicht an die Zukunft. Raumfahrt ist Zukunft. Und sie ist die Speerspitze der Technologie. Die Öffentlichkeit hat diese Technik-Angst. Die Angst vor dem Maschinenraum ist in Europa weit verbreitet. Zudem sind wir eine alternde Gesellschaft. Alte Menschen treiben mit ihren egoistischen Interessen die Politiker vor sich her. Sie wollen alles möglichst so bewahren wie es ist. Bitte nichts ändern, lautet die Devise. Nehmen Sie das Thema Renten. Natürlich müssen wir unser Rentensystem umbauen. Aber die Alten treiben die Politiker vor sich her, weil sie die größte Wählergruppe sind, und setzen sich durch.
Auch das verbreitet keine Zuversicht.
Ein positiver Punkt ist: Wir können uns das leisten. Wir sind ein reiches Land, noch jedenfalls. Solange es dem Mittelstand und der Automobilwirtschaft gut geht, geht es uns insgesamt gut. Aber deren Zukunft ist mit Blick auf die Konkurrenz aus China ungewiss. Da könnte man einwenden, unsere Raumfahrtindustrie gewinnt künftig an Bedeutung. Stimmt, aber auch da haben die USA, China und Indien inzwischen die Nase vorn. Ich sehe zurzeit keinen innovativen technologischen Bereich, sei es soziale Medien, KI, Robotik oder Raumfahrt, in dem Europa führend ist, obwohl die EU neben den USA weltweit das größte Bruttosozialprodukt haben.
Es gibt eine weitere gute Nachricht für die Raumfahrt und das ist die Wirkmächtigkeit von Bildern. Bilder von Astronauten im Weltall faszinieren Menschen, ob man sich wirklich für Raumfahrt interessiert oder nicht, spielt dabei keine Rolle. Und Persönlichkeiten wie Alexander Gerst werden zu Popstars. Nun werden wir demnächst dank des Artemis-Raumfahrtprogramms einen Deutschen haben, der um den Mond kreisen darf. Das ist doch eine großartige Nachricht, weil man damit den Mainstream, den Sie ja erreichen müssen, wieder für die Raumfahrt begeistern kann.
Die Astronauten, das sehe ich auch an mir, sind Galionsfiguren. Ein konkretes Beispiel: Wann waren wir das erste Mal auf Mond? 1969 mit Apollo 11 wird dann gesagt. Das stimmt aber nicht. Die Russen und Amerikaner waren schon 1966 auf dem Mond. Allerdings unbemannt. Robotisch. Aber das zählt nicht. Erst wenn ein Astronaut fliegt, fliegen wir alle. Und wenn der von einer Weltraummission zurückkommt, können wir ihn fragen, wie hast du das erlebt? Das können wir einen Roboter nicht fragen. Deswegen braucht es solche Leute.
Aber Sie haben es schon richtig formuliert. Ein Deutscher als erster europäischer Astronaut wird bei der Artemis-3-Mission nicht auf dem Mond landen, sondern ihn nur umrunden. Währenddessen werden zwei Amerikaner auf dem Mond landen. Wir sind Passagiere zweiter Klasse. Es ist zurzeit noch unklar, ob es nach Artemis-3 weitere bemannte Raumflüge geben wird. Das könnte das Aus der europäischen bemannten Raumfahrt sein. Denn wir haben nichts Eigenes. Keine eigene Rakete, die Astronauten ins All bringen kann, noch ein selbstständiges bemanntes Raumfahrtprogramm.
Noch ist es nur eine Andeutung.
Selbst wenn die NASA weitere Flüge zum Mond unternimmt, sind wir nur dabei, so die NASA, wenn wir zu Artemis mehr Beiträge leisten. Das wollen die europäischen Regierungschefs aber nicht. Im November wurden die zukünftigen europäischen bemannten Raumfahrtpläne per Beschluss um 20% unterfinanziert. Damit ist die europäische Gegenleistung, ein Transportsystem für Nutzlasten zum Mond namens Argonaut, unsicher. Womöglich wird nie ein Europäer seinen Fuß auf den Mond setzen. Das könnte US-Amerikanern, Kanadiern und Japanern vorbehalten bleiben, die diesbezüglich wesentlich mehr tun. Unser deutscher Astronaut, der den Mond umkreisen wird, wird sicher gefeiert. Aber wenn wir genau hinschauen, ist das kein wirklicher Erfolg. Wir müssen uns klar vor Augen führen: Europa, die zusammen mit den USA und China größte Wirtschaftsmacht, hat kein selbstständiges bemanntes Raumfahrtprogramm. Womöglich muss Deutschland künftig mit Indien zusammenarbeiten, wenn es weiterhin bemannte Raumfahrt betreiben möchte. In aufstrebenden Ländern wie Indien oder China genießt die Raumfahrt eine ganz andere Priorität.
Kann man dieses Horrorszenario nicht für sich nutzen, und sagen, dieser Astronaut, der den Mond umkreist, war der letzte in den nächsten 20 Jahren? So könnte der Druck, eine eigene bemannte Raumfahrtmission zu starten, steigen.
Das kann man tun. Wir müssen es insgesamt aber differenzierter betrachten. Bei der Raumfahrt geht es nicht so sehr um bemannte Raumfahrt. Die bemannte Raumfahrt macht mit Blick auf das gesamte ESA-Budget von den Kosten her nur etwa zehn Prozent aus. Aber wegen der Astronauten als Galionsfiguren ist deren Wahrnehmung in der Öffentlichkeit viel größer. Aber wir brauchen Raumfahrt als Gesellschaft nicht wegen der Astronauten, sondern wegen der Satelliten.
Aber sie entfachen Begeisterung für die Raumfahrt nur, wenn sie Galionsfiguren haben.
Genau. Aber wir müssen den Leuten wirklich klar machen: Wir brauchen Raumfahrt, wir brauchen Satelliten. Und damit wir die Öffentlichkeit und vor allem die Jugend davon begeistern, damit es griffig wird, brauchen wir die Astronauten. Dazu gehört eben auch die bemannte Raumfahrt. Ich denke, es wäre fair, das so herüberzubringen.
Was schätzen Sie an Ihrem Rotary Club und den Clubfreundinnen und -freunden?
Das ist ein toller Club. Ich bin froh, da Mitglied zu sein. Mein Club hat eine Größe, die es jedem ermöglicht, nicht jede Woche dabei sein zu müssen. Und das ist gut so. Ich bin etwa zweimal im Monat dort. Da ich im Norden von München wohne, muss ich zum Steigenberger Hotel in die Stadt fahren. Dazu brauche ich erstmal eine dreiviertel Stunde, bis ich drin bin und nochmal eine halbe Stunde wieder zurück. Das heißt, der zeitliche Aufwand ist nicht gering. Trotzdem gehe ich da gerne hin. Am letzten Dienstag im Monat können auch die Ehepartner mit dabei sein. Ich schätze auch sehr Kaminabende, wo wir in kleineren Runden zusammenkommen. Wir sind alle auf Augenhöhe. Es gibt da keinerlei Neid.
Das Gespräch führte Florian Quanz.





















