„Unternehmen werden in die USA abwandern“

Interview: Ulrich Walter sollte als langjähriger Professor für Raumfahrttechnik angesichts von 35 Milliarden Euro für Weltraumprojekte euphorisch sein – doch er zeichnet ein düsteres Bild
Als Berater für die Politik ist Ulrich Walter gefragter denn je. Kaum einer kennt die Raumfahrtindustrie und die damit verbundenen Zukunftsmärkte so gut wie er. Er weiß um das volkswirtschaftliche Potenzial der Branche, das in Europa noch lange nicht ausgeschöpft ist, wie er im Gespräch verdeutlicht.
Die Bundesregierung will bis 2030 insgesamt 35 Milliarden Euro für Weltraumprojekte und damit einhergehend für eine Sicherheitsarchitektur im All bereitstellen. Ist nun eine Goldgräberstimmung in der deutschen Raumfahrt-industrie ausgebrochen?
Nun, davon kann keine Rede sein. Erst kürzlich sprach ich mit jemandem von Airbus, der die jetzige Situation bei den Raumfahrtunternehmen gut beschrieb. Man freue sich über die vielen Aufträge, wisse aber, dass die Umsetzung nicht so schnell wie erwartet erfolgen könne. Die Unternehmen der Branchebekämen jetzt jede Menge Geld und erstellten auch Angebote, aber sie hätten gar nicht die Leute, um Aufträge innerhalb der vorgegebenen Zeit umzusetzen. Deswegen arbeite er Tag und Nacht, um neues Personal einzustellen. Die, die sich derzeit meldeten, seien massenweise Leute aus der Automobilindustrie, der es bekanntermaßen nicht gut geht.
Das heißt, die deutsche Raumfahrtindustrie war gar nicht auf diesen plötzlichen Geldsegen eingestellt?
Das ist der entscheidende Punkt. Die Wirtschaft fordert ständig, wir bräuchten einen Plan für die nächsten fünf Jahre. Dann könne man sich auf so etwas vorbereiten. Aber die Möglichkeit gab es nicht. Nun hat die Wirtschaft Schwierigkeiten, das, was nötig ist, umzusetzen. Früher war das Beschaffungsamt der Bundeswehr das Problem, inzwischen aber seien alle Bestellprozesse konsequent vereinfacht. Dafür haben jetzt diejenigen Probleme, die die Bestellungen produzieren und liefern müssen.


Stichwort Ukraine-Krieg: Satellitenkommunikation ist eine kriegsentscheidende Fähigkeit. Europa ist diesbezüglich von Starlink und damit von einer Person, Elon Musk, abhängig. Warum hat man nicht viel früher begonnen, ein solches Satellitenkonstellationsprojekt aufzubauen?
Tatsächlich haben die Europäer bereits Kommunikationssatelliten für militärische Anwendungen gebaut, jedoch im geostationären Orbit, drei davon finanzierte die Bundeswehr. Einer kostet circa 400 Millionen, das heißt, Deutschland investierte rund 1,2 Milliarden. Aber dann kam Elon Musk daher und zeigte, wenn man eine wirklich umfassende, resiliente Kommunikation betreiben möchte, braucht es eine Satellitenkonstellation, also eine Anordnung von Tausenden Satelliten in erdnahen Orbits. Kostenpunkt: zehn Milliarden. Daraufhin hieß es bei der Bundeswehr, das mag ja richtig sein, aber wir können leider nicht zehn Milliarden auf den Tisch legen. Elon Musk hingegen investierte die zehn Milliarden und zeigte uns, wie man mit so einer Satellitenkonstellation im kommerziellen Bereich viel Geld verdient: Er macht pro Woche 200 Millionen Dollar Umsatz. Und dann kam der Ukraine-Krieg, und nicht nur die Ukrainer wissen jetzt, dass so eine Konstellation vor allem militärisch unverzichtbar ist. Als Reaktion darauf haben die Europäer nun ihr eigenes institutionelles System Iris2 auf den Weg gebracht.
Es ist doch traurig, dass es erst zu diesem Krieg kommen musste, um ein solches Projekt zu ermöglichen.
Der Krieg ist der Vater aller Dinge. Das hat schon der griechische Philosoph Heraklit gesagt. Die Erfahrung zeigt: Nichts geht über eine gescheite Katastrophe. Erst dann wachen die Leute auf. So ist der Mensch.
Die Amerikaner blicken in die Zukunft, die Deutschen haben Angst vor der Zukunft, insbesondere eine Technikangst
Wenn staatliche Investitionen ausbleiben, braucht man ein umso stärkeres privatwirtschaftliches Engagement, richtig? So etwas wie ein europäisches SpaceX?
Das wäre natürlich sehr gut. Tatsächlich haben wir ja Leute, die so viel Geld hätten. Zum Beispiel Dieter Schwarz, den Lidl-Gründer. Der ist geschätzte 40 Milliarden schwer und könnte so ein Projekt allein finanzieren. Hat er nicht, aber US-Unternehmer wie Elon Musk und Jeff Bezos: Die sind ihr Leben lang extrem hohe Risiken eingegangen. Elon Musk hat mit einer ganz kleinen IT-Klitsche angefangen. Mit dem dort erwirtschafteten Geld kaufte er Paypal, was ihm die Gründung des Automobilkonzerns Tesla ermöglichte. Mit Tesla ist er dann zu den Raketen gekommen. Er ist viermal hohe Risiken eingegangen.
Der deutsche Unternehmer Dieter Schwarz übernimmt von seinem Vater Supermärkte, gründet eine Hochschule in seiner Heimatstadt, und das war’s. Verstehen Sie, die Leute hier gehen keine Risiken ein. Jeff Bezos machte es wie Elon Musk. Die beiden haben eine vollkommen andere Mentalität. Herr Schwarz wird nie zehn Milliarden für ein risikoreiches Satellitenprojekt in die Hand nehmen. Er gab lieber etwa 50 Millionen für eine Hochschule in Heilbronn aus. Was ja auch in Ordnung ist.
Aber die Leute in Europa haben Angst vor Risiken, nicht nur in Deutschland. Wenn in den USA jemand wirtschaftlich etwas wagt und dann eine Firma in den Sand setzt, dann kann er den Verlust abschreiben und fängt einfach von vorne an – kein schlechtes Image bleibt. Das ist in Deutschland wirklich anders, denn einer solchen Person würde man hier nicht mehr trauen. Das ist der große Unterschied. Und deswegen werden wir in Europa, insbesondere in Deutschland, nie diesen Stand erreichen, wie die US-Amerikaner. Sie sind risikofreudiger. Sie wagen mehr. Weil das Wagnis, wenn es nicht funktioniert, keinen Makel hinterlässt.
Zur Person: Ulrich Walter (RC München)
ist Professor am Lehrstuhl für Astrodynamik an der Technischen Universität München (TUM). Nach dem Studium der Physik an der Universität Köln verbrachte er ein Jahr am US-Forschungslabor Argonne National Laboratories, Chicago, danach ein Jahr als Postdoc an der University of California, Berkeley. Von dort wurde er im Jahre 1987 ins deutsche Astronautenteam berufen und trainierte bis zu seiner Shuttle-Mission D-2 (26. April bis 6. Mai 1993) am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Köln-Porz und am Raumfahrtzentrum der Nasa in Houston.
Das heißt, aufstrebende Firmen wie Isar Aerospace oder Rocket Factory Augsburg werden sich nie in eine solche Richtung entwickeln können?
Doch, sie werden sich entwickeln. Diese Unternehmen werden allerdings wahrscheinlich in die USA abwandern.
Das wissen Sie jetzt schon?
Ja. Das kann ich Ihnen jetzt schon sagen.
Warum?
Weil sie hier nicht ausreichend Möglichkeiten zum Wachstum haben. Das beginnt mit den Venture Capitalists,also den Risikokapitalgebern. Der US-Markt ist zehnmal größer. Die Risikokapitalgeber sind dort auch wesentlich risikofreundlicher. Übrigens, die Firma Isar Aerospace ist ein Spin-off von meinem Lehrstuhl. Ich kenne die Leute sehr gut. Einer der CEOs hat mir schon angekündigt, dass er nicht hierbleibt, wenn es langfristig so weitergeht. Er wäre da nicht der Erste. Ein Büro in den USA hat er bereits. Die Investitionen der Venture Capitalist in Europa sind seit zwei, drei Jahren rückläufig, in den USA zunehmend. Hinzu kommt, dass die wirtschaftliche Lage insgesamt in Europa nicht blendend ist. Die Amerikaner blicken in die Zukunft, die Deutschen haben Angst vor der Zukunft, insbesondere eine Technikangst. Das war schon immer so. Ich habe vier Jahre in den USA gelebt. Dort herrscht ein Glaube an eine bessere Zukunft durch Technik. Das kann man nicht vergleichen. Weil es eine Mentalitätsfrage ist, wird sich daran auch langfristig nichts ändern.
Geben Sie bitte eine Handlungsempfehlung an die Bundesregierung. Was müssen wir tun, um junge Start-up-Unternehmer, die bereit sind, Risiken einzugehen, tatsächlich bei uns zu halten?
Es liegt an den Rahmenbedingungen. Dafür zuständig ist die Politik. Die Rahmenbedingungen in Bayern sind viel besser als in der restlichen Bundesrepublik, aber nicht so gut wie in den USA. Übrigens ist dies der Grund, warum ich nach Bayern gegangen bin. Ich stehe in engem Kontakt mit Politikern, auch auf Bundesebene. Und da sehe ich jetzt ein großes Interesse am Wandel in der Raumfahrt. Die Politiker sind inzwischen aufgewacht. Sie haben verstanden, dass der Weltraum für uns wichtig ist. Deswegen sind sie auf mich zugekommen, und ich berate einige inzwischen. Ich stoße auf eine große Offenheit, insbesondere bei den Grünen. Also daran sehen Sie, die Akzeptanz hat sich stark geweitet.
Das Gespräch führte Florian Quanz.



















