Wildbratwurst gegen Polio

Rotary als Role Model für Gemeinsinn in einer Welt in Unordnung – ein Gastbeitrag von Peter Dabrock
In letzter Zeit ertappe ich mich dabei, dass ich mich bisweilen regelrecht zwingen muss, Nachrichten anzuschauen. Keine Sorge: Ich tue es weiterhin. Aber der Widerwille ist da. Und das will für einen bekennenden Nachrichtenjunkie schon etwas heißen. Ich dürfte damit nicht allein sein. Vielen in Deutschland geht es ähnlich. Nur reagieren manche inzwischen anders: Sie schalten ab. Oder gar nicht erst ein. Oder – vielleicht die unerquicklichste Variante – sie schenken gerade jenen Medien Gehör, die aus Komplexität Krawall, aus Ambivalenz Eindeutigkeit und aus Wirklichkeit Ressentiment destillieren.
Die viel beschworene Polykrise ist nicht feuilletonistische Marotte, kein blumiges Etikett für einen überhitzten Gegenwartsdiskurs. Sie ist Alltag geworden: Klima- und Biodiversitätskrise, geopolitische Machtverschiebungen, Neonationalismen, Zolldrohungen, wirtschaftliche Stotterbewegungen, Migrationskonflikte – all das verstärkt sich wechselseitig. Und in einem Land, das zwar keineswegs so tief gespalten ist, wie manche „Polarisierungsunternehmer“ (Steffen Mau) es sich und anderen herbeireden, das sich aber an immer neuen „Triggerpunkten“ (Steffen Mau) in Gereiztheiten hineinsteigert, so dass mehr über Trennlinien als über Gemeinsamkeiten gesprochen wird, hinterlässt das Spuren. Tiefe Spuren, die sich ins Gemüt einfressen.
Zwischen Fatalismus und inszenierter Empörung
Gerade in jener viel beschworenen Mitte, die in Deutschland faktisch oder doch wenigstens imaginiert das zivilgesellschaftliche Rückgrat bildet – und wie aufschlussreich, dass selbst Millionäre sich gern zu ihr rechnen –, wachsen Enttäuschung, Frust, Erschöpfung, Lethargie. Wer sich unter Dauerkrisenbedingungen immer neu sortieren, justieren, erfinden soll, reagiert eben nicht selten mit dem, was der Anfang 2026 erschienene Deutschlandmonitor treffend „Veränderungserschöpfung“ genannt hat. Zwischen Fatalismus und inszenierter Empörung entsteht so ein Klima, in dem jene gedeihen, die das über Jahrzehnte belastbare und friedensförderliche Ineinander von Demokratie, Rechtsstaat und Zivilgesellschaft nicht reformieren, sondern schleifen wollen.
Fragt man danach, warum wir eine „Demokratiedämmerung“ (Veith Selk) erleben, warum das liberale Paradigma auskühlt und warum auch die zivilgesellschaftlichen Resilienzkräfte schwächer werden, dann stößt man fast zuverlässig auf vier Antworten. Erstens: Denen da oben, vor allem den Parteien, könne man nicht mehr trauen. Zweitens: Die eigene Stimme werde ohnehin nicht gehört; mehr noch, man dürfe vielerorts kaum noch sagen, was einen bewegt, ohne beruflich, sozial oder öffentlich einen Preis zu zahlen. Drittens: Der gesellschaftliche Zusammenhalt nehme dramatisch ab. Und viertens – und das ist die vielleicht aufschlussreichste Pointe – sehne man sich gerade deshalb nach einem stärkeren Wir-Gefühl.
Zu allen vier Antworten ließe sich einiges sagen. Schon die erstaunliche Karriere der Oben-Unten-Metapher des Politischen wäre einen eigenen Essay wert; sie verrät mehr über obrigkeitsstaatliche Tiefenprägungen und Untertanenmentalitäten, als vielen lieb sein dürfte. Aber Publikumsbeschimpfung hat noch nie geholfen. Schon gar nicht dann, wenn man es mit einem demoskopisch gut belegten und gesellschaftlich gravierenden Problem zu tun hat. Interessanter ist ohnehin etwas anderes: Wo liegen die produktiven Nervenpunkte dieser Diagnose? Mir scheint: vor allem in Antwort zwei und vier. Im Wunsch, gehört zu werden. Und in der Sehnsucht nach einem Wir, das mehr ist als bloße Kulisse.
Ansatzpunkt im Lokalen
Wenn das so ist – und vieles spricht dafür –, dann muss der Ansatzpunkt dort gesucht werden, wo sich beides noch am ehesten berühren kann: im Lokalen. Nicht aus Provinzromantik gilt es, dorthin zu schauen. Nicht als Flucht ins Kleine, weil das Große unerquicklich geworden ist. Sondern weil hier zugehört werden kann, da man einander noch ins Gesicht blickt und nicht nur durch Zahlenkolonnen, Kurven und Stimmungsbilder hindurch wahrnimmt. Hier werden Haltungen eingeübt, Erfahrungen gemacht, Konflikte ausgetragen, aber auch Formen von Verlässlichkeit erprobt, die helfen können, das hohe Gut der freiheitlichen Demokratie nicht nur zu loben oder zu verachten, sondern (neu) zu tragen.
Gerade deshalb ist der Verweis auf das Lokale alles andere als ein sentimentaler Rückzug ins Private. Er markiert vielmehr den Ort, an dem Resilienzkräfte entstehen können, ohne sogleich in ihre Kehrseite umzuschlagen. Denn Resilienz kann, wenn sie schlecht verstanden oder eingeübt wird, schnell hartherzig werden: als Anpassungsdressur an eine Welt, die man eben auszuhalten habe. Dort aber, wo Menschen und Situationen konkret in den Blick kommen, lässt sich eher jene Kultur entwickeln, von der jüngst verstorbene Jürgen Habermas einmal sagte, sie müsse Demokratie und Rechtsstaat „entgegenkommen“. Das ist eine erstaunlich präzise Formulierung. Denn Demokratie und Rechtsstaat leben eben nicht von Verfahren allein. Sie brauchen Lebensformen, Haltungen, Praktiken, die ihnen nicht im Wege stehen, sondern sie sogar gedeihen lassen. Einschließlich – und nicht trotz – der Fähigkeit zur Kritik.
Deshalb tut man sich auch keinen Gefallen, wenn man den Wunsch nach mehr Wir-Gefühl vorschnell als „Trick der Bürgerlichen“ abräumt. Natürlich kann Wir-Rhetorik unerquicklich werden. Natürlich kann sie Einheit simulieren, Feindbilder aufladen, Konflikte moralisch zukleistern, Loyalitäten erzwingen, Kritik delegitimieren. All das kommt vor. Oft genug. Aber aus der Missbrauchsmöglichkeit folgt eben nicht, dass jede Rede vom Wir schon ideologisch wäre. Wer das behauptet, macht es sich zu leicht – und überlässt ein zutiefst wirkmächtiges Bedürfnis am Ende jenen, die aus ihm Exklusion, Selbstgerechtigkeit und Ressentiment fabrizieren.
Armin Nassehi, einer der klügsten Diagnostiker der Gegenwart, setzt dem Bedürfnis nach einem solchen Wir mit guten Gründen die Stärke moderner Verfahren entgegen: parlamentarische und rechtliche Prozesse zur Herstellung normativer Erwartungssicherheit, politische Teilhabe, öffentliche Infrastrukturen, Bildungs- und Medienangebote. Alles richtig. Und doch reicht es wohl nicht ganz. Denn wer die zentrifugalen Kräfte der Gegenwart nüchtern betrachtet, wird kaum bestreiten, dass Verfahren zwar unersetzlich, aber nicht selbsttragend sind. Sie brauchen so etwas wie eine alltagskulturelle Unterfütterung, ein Gewebe entgegenkommender Lebensformen. Genau dort liegt das Problem. Und womöglich auch die Chance.
Das große „Wir“ wird klassischerweise unter dem Begriff des Gemeinwohls verhandelt. Nur haftet diesem Begriff historisch eben Problematisches an: Top-down-Mechanismen, organologische Phantasien, zuweilen auch religiös überhitzte Ganzheitsvorstellungen. Ob man auf die Gemeinwohlimagination ganz verzichten kann, will ich hier gar nicht entscheiden. Die kritische Frage danach, was einzelne Öffentlichkeiten, Lebensformen und Interessen übersteigt, wird man vermutlich nicht los. Aber für den hier interessierenden Zusammenhang ist eine andere Unterscheidung erhellender: die zwischen Gemeinwohl und Gemeinsinn.
Nicht Weltgeist, sondern Begegnung
Folgt man Aleida und Jan Assmann, den Friedenspreisträgern des Jahres 2018, dann ist Gemeinsinn gerade nicht die große, von oben verordnete Einheit, nicht die beschworene Schicksalsgemeinschaft, nicht das moralisch überhitzte Kollektiv. Gemeinsinn ist prosaischer – und gerade deshalb kostbarer. Er meint nach Aleida Assmann praktische, alltägliche, kleinteilige, lokale Aktivitäten, die Begegnung ermöglichen: face to face, situativ, unspektakulär, aber wirksam. Nicht Pathos also, sondern Praxis. Nicht die große Erzählung, sondern das kleine, hartnäckige Tun. Nicht Weltgeist, sondern Begegnung.
Und vielleicht liegt genau darin seine Pointe. Denn Gemeinsinn wächst nicht dort, wo Unterschiedslosigkeit hergestellt wird. Er wächst dort, wo Unterschiedlichkeit in Formen gebracht wird, die nicht sofort in Polarisierung kippen. Aleida Assmann hat diesen Gedanken einmal mit drei philosophischen Bonmots aufgeschlossen. Sie erinnert an Ulrich Becks Sentenz: „Jetzt wächst zusammen, was nicht zusammengehört“. Dieser Satz ist gerade deshalb so treffend, weil er den Kohäsionscharakter von Gemeinsinn ernst nimmt, ohne Homogenität zu fantasieren. Mit Karl Jaspers ließe sich ihres Erachtens hinzufügen: „Wahr ist, was verbindet.“ Denn nicht reine Erkenntnis, sondern gelungene Begegnung stiften Wahrheit im Sinne von Lebensfülle. Und gegen Carl Schmitts wieder erstaunlich modisches Ausnahmezustandsdenken erinnert an Odo Marquards Antithese: „Vernünftig ist, wer den Ausnahmezustand vermeidet.“ In dieser kleinen Gegenfigur zu Schmitt steckt mehr politische Klugheit als in mancher apokalyptischen Selbstüberbietung der Gegenwart.
Wenn Rotary von sich sagt, Freundschaft, Engagement und konkrete Hilfe zu verbinden, dann realisiert sich darin – jedenfalls im besten Fall – genau ein solcher Gemeinsinn. Nicht als Selbstbespiegelung einer geschlossenen vermeintlichen Honoratiorengruppe, sondern als Praxisform entgegenkommender Zivilgesellschaft. Auch wenn diese Aktivitäten ihren Sinn zunächst in sich selbst tragen, wirken sie über sich hinaus. Sie stützen, um noch einmal Habermas aufzunehmen, jene zivilgesellschaftlich engagierten Lebensformen, ohne die Demokratie und Rechtsstaat innerlich austrocknen. Mehr noch: Sie erschließen eine Freiheit, die nicht bloß als Freiheit von Zwängen oder als Freiheit zur Verwirklichung eigener Interessen verstanden werden will, sondern als Freiheit, die im Miteinander ihren Horizont weitet.
Allerdings kann diese nur dann geschehen, wenn man sich nicht drei Illusionen ausliefert, an denen Gemeinsinn ebenso in der Gesellschaft wie in den kleineren und mittleren Räumen lokaler und regionaler Gemeinschaften scheitern kann.
Die erste ist die Protestillusion. Sie besteht in dem Glauben, es reiche im Grunde schon aus, gegen etwas zu sein. Nun braucht es überall auch Widerspruch, selbstverständlich. Es braucht Kritik, Protest, Einspruch gegen Unrecht, Verrohung, Zynismus, gegen die Feinde demokratischen Lebens. Aber wer nur protestiert, überlässt das Konstruieren anderen. Oder schlimmer noch: Er verstrickt sich in die Negativenergie genau jener, die gar kein Interesse daran haben, dass tragfähige Sozialkohäsion entsteht. In seiner Dankesrede zur Ernennung zum Ehrenmitglied des Rotary Clubs Herzogenaurach hat der Musiker Rüdiger Linhof – im Rahmen seiner Band Sportfreunde Stiller und persönlich in beeindruckender Nähe zum rotarischen Ethos „service above self“ engagiert – auf genau diesen Punkt aufmerksam gemacht: Entscheidend sei, nicht beim Beklagen stehenzubleiben, sondern ins Machen zu kommen. „Sag einfach Ja, nicht immer Nein!“ schreibt den Verdrieslichen die Indy-Band Kapelle Petra schon vor Jahren ins Stammbuch. Und mein befreundeter Nachbar aus Tahiti zeigt allen, die es lesen wollen, in seinem Instagram-Podcast, wie viel Gutes in Deutschland im Verhältnis zu anderen Teilen der Welt vorhanden ist, das uns gar nicht mehr bewusst ist.
Die Philosophin und Fernsehmoderatorin Barbara Bleisch sieht in dieser konstruktiven Haltung das beste Mittel, einen Ausweg aus der Haltung „Ich werde doch nicht gehört! Ich komme doch nicht vor!“ zu finden: „Viele denken: Jetzt auch noch zum Gemeinwohl beitragen? Ich habe echt genug am Hacken. Das ist eben gerade nicht als Zusatzaufgabe gemeint, sondern es ist eine Entlastung. Es muss nicht immer um mich gehen und meinen Lebensentwurf. Gerade bei den vielen Menschen, die sich nur beklagen, dass sie zu kurz kommen, denke ich manchmal: Haben diese Menschen Räume, in denen sie den Eindruck haben, sie werden gebraucht?“ Vielleicht ist das eines der besten Gegenmittel gegen jene demokratische Verdrossenheit, die sich so gern als tiefe Wahrhaftigkeit tarnt und doch oft nur zur Pose geronnene Ohnmacht ist.
Organisierte Verbindlichkeit
Deshalb steht Rotary, wenn es gut läuft, eben nicht für ein leicht angestaubtes Vereinsleben mit gefalteten Servietten, verlässlichen Terminen und diskreter Präsenzstatistik. Rotary steht dann für etwas, das in einer Kultur der Unverbindlichkeit rar geworden ist: organisierte Verbindlichkeit. Für die Erfahrung, dass dem Ich nicht selten gerade dann am meisten geschenkt wird, wenn es über sich hinausblickt. Oder, weniger pathetisch: dass man sich nicht dadurch findet, dass man sich ständig mit sich selbst beschäftigt.
Die zweite Gefahr ist die Kontrollillusion. Sie nährt sich aus der Sehnsucht, die komplexe Welt möge endlich wieder vollständig in den Griff zu bekommen sein. Genau das aber wird nicht geschehen. Und wahrscheinlich liegt in der Einsicht in diese Unverfügbarkeit eine der zentralen Reifeleistungen der Gegenwart: handlungsfähig zu bleiben, obwohl nicht alles kontrollierbar ist. Gemeinsinn setzt deshalb nicht auf totale Beherrschbarkeit, sondern auf Verlässlichkeit, Kooperationsbereitschaft und Vertrauen. Nicht alles wissen. Nicht alles absichern. Nicht alles ausschließen. Gerade das ist alles andere als resignativ. Es ist die nüchterne Absage an jene größenwahnsinnige Phantasie, man müsse nur die richtigen Hebel bedienen, dann werde aus Komplexität wieder Übersicht.
Die dritte Gefahr ist die Harmonieillusion. Sie unterstellt, Gemeinsinn sei dort am vollkommensten, wo alle nett sind und am Ende einer Meinung. Das Gegenteil ist der Fall. Gemeinsinn ist kein Kuschelbegriff. Er meint weder Konfliktfreiheit noch das Ende von Differenzen. Er zeigt sich vielmehr darin, Konflikte so auszutragen, dass das Gemeinsame nicht zerstört wird. Gerade deshalb sind jene Retrotopien so unerquicklich, die mit dem Tonfall eines moralisch besseren Früher auftreten: Wir, die Guten, gegen die anderen. Das ist die billige Wärme homogener Selbstbestätigung. Aber keine zukunftsfähige Sozialform.
Umso treffender ist der Satz, den Ekkehard Schippers, Governor des Rotary-Distrikts 1950, jüngst formuliert hat: „Vielfalt ist nicht Abkehr von Tradition, sondern deren Fortführung.“ In diesem Satz steckt, wenn man ihn ernst nimmt, ein ganzes anti-retrotopisches Programm. Tradition lebt eben nicht dadurch weiter, dass sie konserviert, sondern dadurch, dass sie in veränderten Lagen anschlussfähig bleibt. Wer das nicht versteht, bewahrt nicht Tradition, sondern mumifiziert sie. Und wer Clubs nur ein wenig wohlwollend von innen oder außen betrachtet, weiß ohnehin: Auch dort ist nicht jeder jedem grün; auch dort gibt es Konkurrenz, Empfindlichkeit, Eitelkeit, Ärger. Und doch ruckeln sich Menschen immer wieder zusammen, nicht trotz, sondern oft durch gemeinsame Projekte. Gerade so werden aus rotarischen Freunden mitunter tatsächlich Freunde.
Vier-Fragen-Probe als Kompass
Als Kompass, diese drei Illusionen zu vermeiden, ohne in moralische Selbstberuhigung zu verfallen, dient die Vier-Fragen-Probe. Ihre Klugheit liegt gerade in ihrer Schlichtheit.
Ist es wahr? Man könnte diese Frage für banal halten, wenn sie nicht in einer Zeit gestellt würde, in der nicht nur Fake News unsere Wirklichkeitswahrnehmung trüben, sondern vor allem das, was Harry Frankfurt Bullshit genannt hat: ein Reden, dem die Unterscheidung zwischen Wahrheit und Lüge gleichgültig geworden ist. Genau darin liegt die eigentliche Zersetzungskraft. Es geht dann nicht mehr nur darum, Falsches für wahr auszugeben, sondern die Fähigkeit zu unterminieren, überhaupt noch zwischen wahr und falsch unterscheiden zu können. Steve Bannons berüchtigtes Motto „Flood the zone with shit“ bringt dieses gefährliche Programm brutal präzise auf den Punkt. Wer sich diesem diabolischen Versuch im persönlichen Miteinander, in Wahrhaftigkeitsbereitschaft und Urteilskraft entgegenstellt, tut mehr für die Resilienz der Zivilgesellschaft, als viele hochmoralische Debatten ahnen lassen.
Ist es fair für alle Beteiligten? Wird es dem Wohl aller Beteiligten dienen? Gerade die zweite und vierte Frage zeigen, wie fein diese Probe gebaut ist. Die eine prüft Haltung, die andere Wirkung; die eine fragt nach Fairness, die andere nach Verantwortung. Ethisch gesprochen: Gesinnung und Verantwortung sind keine Gegensätze, sondern aufeinander angewiesen. In dem kleinen Wort „alle“ steckt dabei erhebliche Sprengkraft. Denn es durchkreuzt die Selbstverengung geschlossener Milieus. Es legt sich quer zu jeder Versuchung, das eigene gute Tun in wohlige Gruppenmoral einzuschließen. Eben nicht: ein hübsches Wir für uns. Sondern: konkrete Hilfe, die sich im Lokalen vollzieht und doch über das Lokale hinausweist, und damit auch das Lokale verändert.
Deshalb ist auch die dritte Frage – Wird es Freundschaft und guten Willen fördern? – keineswegs der weiche Gegenpol zum Ernst der anderen drei. Im Gegenteil. Freundschaft in diesem Sinne ist gerade keine sentimentale Restgröße, sondern eine anspruchsvolle soziale Form. Wer sich in der Vielfalt von Kompetenzen, Professionen, Erfahrungen, aber auch Temperamenten wirklich auf andere einlässt, kommt oft genug – gerade bei Rotary – ins Staunen. Andere können manches besser. Anders. Weiter. Präziser. Dieses Staunen muss nicht in Neid umschlagen. Es kann – glücklicherweise – auch in Anerkennung münden: in die Erfahrung, dass man plötzlich Dinge gemeinsam besser versteht und bewältigt, gerade weil sie komplizierter sind, als die eigene Perspektive zunächst vermuten ließ. Vielleicht ist genau das ein Kern rotarischer Freundschaft: dass sie ohne Engagement und konkrete Hilfe gar nicht denkbar ist und sich gerade praktisch hands-on erneuert.
Es braucht Haltung und Wirkungssinn
Man kann diese vier Fragen für antiquiert oder schlicht halten. Aber in ihrer vermeintlichen, entlarvenden Einfachheit liegt ihre Stärke. In einer Zeit, in der so vieles geschwätzig, hysterisch, moralisch übercodiert oder taktisch aufgeladen daherkommt, besitzen sie eine wohltuende Nüchternheit. Sie erinnern daran, dass Gemeinsinn weder bloß Gefühl noch bloß Funktion ist. Er braucht Haltung und Wirkungssinn. Wahrhaftigkeit und Verantwortung. Ein Ethos also, das nicht im Kopf steckenbleibt.
Wer Gemeinsinn so versteht – nicht als von oben verordnetes Gemeinwohl, sondern als konkrete Praxis –, wird entdecken, dass er keinen Gegensatz zur Freiheit bildet. Das ist deshalb so wichtig, weil Freiheit heute fast nur noch als Abwehrrecht oder als Selbstermächtigungssignal verhandelt wird: meine Meinung, mein Raum, meine Entfaltung. Mit Axel Honneth lässt sich Freiheit aber auch als soziale Freiheit begreifen: als eine Freiheit, die sich ohne andere gar nicht verwirklichen kann, ja mehr noch, die auf andere angewiesen ist, die anders sind, mich nicht spiegeln, meine Interessen nicht einfach teilen, mich vielmehr irritieren, korrigieren, herausfordern. Das ist unerquicklich für jede narzisstische Freiheitsphantasie. Aber vermutlich liegt darin die realistischere und zukunftsfähigere Gestalt von Freiheit. Freiheit ohne Gemeinsinn wird rücksichtslos. Gemeinsinn ohne Freiheit unerquicklich.
Wie andere gemeinsinnfördernde Organisationen ist Rotary in einer affektiv polarisierten Gesellschaft deshalb ein Role Model – jedenfalls dann, wenn es sich nicht im eigenen Milieu eingräbt. Freundschaft, Engagement und konkrete Hilfe erschließen und stärken sich wechselseitig. Das zeigt sich beispielsweise, um nur einige Beispiele aus der rotarischen Welt in den Blick zu nehmen, im Jugendaustausch: nicht als dekoratives Internationalitätsprogramm, sondern als Schule gegen Enge. Es zeigt sich in der Förderung junger Musikerinnen und Musiker, wo ästhetischer Genuss und Ermöglichung für weitere Karriereschritte ineinandergreifen. Es zeigt sich in Begegnungsnachmittagen für Seniorinnen und Senioren, bei denen es gerade nicht nur um Versorgung, sondern um Anerkennung geht – um das Signal: Ihr seid nicht vergessen. Und es zeigt sich in der Unterstützung von Geflüchteten, in der Hospizarbeit, bei der Tafel, in MINT-Projekten, in internationaler Hilfe wie der Polio-Bekämpfung. Geld ist wichtig. Aber mindestens genauso wichtig ist die Botschaft, die darin liegt: Wir sehen euch.
Wollte man diesen rotarischen Dreiklang aus Freundschaft, Engagement und konkreter Hilfe auf eine Formel bringen, dann vielleicht tatsächlich mit jener wunderbar eigensinnigen Überschrift von der Webpräsenz des RC Herzogenaurach: „Wildbratwurst gegen Polio“. Viel treffender kann man die Pointe kaum auf den Punkt bringen. Eine lokale, beinahe verschmitzte, jedenfalls alles andere als weltretterisch drapierte Aktion wird zum Beitrag für ein globales Ziel. Und zugleich vertieft der gemeinsame Genuss vor Ort die Freundschaft, stiftet Freude, schafft Öffentlichkeit. Darin steckt mehr Sozialtheorie, als man auf den ersten Blick ahnt. Denn was so oft als unversöhnlicher Gegensatz beschrieben wird – hier die Somewheres, dort die Nowheres; hier das Lokale, dort das Kosmopolitische –, verliert an Schärfe, sobald man begreift, dass der Blick auf globale Probleme gerade am Ort konkreten Handelns geschärft werden kann.
Das ist lebendige Zivilgesellschaft im starken Sinne. Das ist der rotarische Beitrag gegen eine Welt in Unordnung. Denn über mögliche Auswege aus der Demokratiekrise wird nicht nur in Berlin, Brüssel oder Washington entschieden. Darüber wird auch vor Ort entschieden. Dort, wo Menschen einander zuhören. Dort, wo sie sich ansprechen lassen: Was will der andere? Was braucht jemand? Dort, wo aus Wahrnehmung Verantwortung wird – und wo nicht erst lange kalkuliert wird, ob nicht besser jemand anders anfangen sollte.
Vielleicht ist das überhaupt die größte Stärke gelebten Gemeinsinns, wie er am Role Model Rotary sichtbar werden kann: Er macht aus dem abstrakten Anderen einen konkreten Menschen. Und genau das zeigt sich in solchen Formen gelebter Zivilgesellschaft wie bei Rotary: face to face, kleinteilig, praktisch, gewiss instabil, aber gerade deshalb kostbar. Das erzeugt in düsteren Zeiten so etwas wie Zuversicht – nicht als sentimentale Aufhellungsübung, sondern als widerständige Praxis gegen den Fatalismus. Gegen jene also, die Freiheit nur für sich reklamieren, nicht aber für andere. Und gegen jene Retrotopisten, die Tradition nicht lebendig ins Morgen fortschreiben, sondern sie als Ausrede gegen die Gegenwart instrumentalisieren.
Zweifel allein begründen keine Zukunft
Darum gefällt mir auch der Gedanke von Samuel Ullman, mit dem der Trompeter Nils Wülker die Titelwahl seines neuen Albums „Zuversicht“ erläutert, so gut: dass man jung bleibt durch Zuversicht und alt wird durch Zweifel. Natürlich sind Zweifel nötig; ohne sie kippt Zuversicht in Naivität. Aber eine Gesellschaft, die sich im Zweifel häuslich einrichtet, wird handlungsunfähig. Zweifel allein begründen keine Zukunft. Was wir brauchen, ist eine Zuversicht, die nicht blendet, sondern trägt; die die Lage nicht beschönigt, sondern gerade deshalb fragt: Was folgt daraus für unser Handeln? Nicht: Warum tun die anderen zu wenig? Sondern: Wo und wie fangen wir an?
In diesem Sinne ist Rotary ein Role Model für zuversichtlichen Gemeinsinn – nicht, weil hier die Welt gerettet würde, sondern weil hier etwas viel Selteneres geschieht: dem Fatalismus wird widersprochen. Nicht mit großen Worten allein, sondern mit konkreten Praktiken des Gemeinsinns.
In summa: Gemeinsinn entsteht nicht dadurch, dass wir auf bessere Zeiten warten. Gemeinsinn entsteht dadurch, dass Menschen füreinander bessere Zeiten anfangen: mit Freundschaft, mit Engagement, mit konkreter Hilfe – wie bei Rotary.














