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Zeitsprung: Fluchthilfe unter dem Deckmantel der Oper

von Leonhard Dihlmann | 
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In den 1930er Jahren reisten die englischen Schwestern Louise und Ida Cook regelmäßig zu Opernaufführungen nach Deutschland und Österreich. Nach außen gaben sie das Bild zweier unauffälliger Opernliebhaberinnen ab. In Wahrheit nutzten sie ihre Reisen jedoch, um jüdischen Menschen die Flucht vor den Nazis zu ermöglichen.

Westdeutschland, im Juni 1937: Die englischen Schwestern Louise und Ida Cook sitzen in einem Zug auf dem Weg in die Niederlande. Kurz vor der Grenze kommt er zum Stehen. Eine Gruppe SS-Männer besteigt den Zug. Einer von ihnen öffnet das Abteil, in dem Louise und Ida sitzen. Er kontrolliert die Papiere der Frauen und mustert sie von oben bis unten. Ihre Kleidung wirkt schlicht — ganz im Gegensatz zu dem Schmuck, den sie tragen: glitzernde Broschen, goldene Ringe, Perlenketten und Armbanduhren.

Der Mann zögert. Ohne ein Wort zu verlieren, verlässt er das Abteil wieder. Einige Minuten später setzt der Zug seine Fahrt fort. Louise und Ida können durchatmen. Was der Mann nicht weiß: Der Schmuck gehört nicht ihnen — sondern soll anderen Menschen die Flucht aus Nazi-Deutschland ermöglichen.

Louise und Ida Cook wurden 1901 und 1904 in der englischen Hafenstadt Sunderland geboren. Die Familie zog wenige Jahre später nach London. Dort arbeiteten die beiden Schwestern als Sekretärinnen im öffentlichen Dienst. Louise und Ida waren leidenschaftliche Operngängerinnen. Regelmäßig besuchten sie Aufführungen und sammelten Autogramme von internationalen Opernstars. Anfang der 1930er Jahre begannen die Schwestern, für Opernaufführungen durch Europa zu reisen: Sie besuchten Konzerthäuser in München, Wien und Salzburg.

Leisten konnten sie sich die Reisen dank Idas zusätzlichem Einkommen, das sie als Romanautorin verdiente. Bei den Salzburger Festspielen 1934 lernten Louise und Ida den Dirigenten Clemens Krauss und dessen spätere Ehefrau Viorica Ursuleac kennen. Krauss, der später zum Leiter der Bayerischen Staatsoper ernannt wurde, gehörte zu Hitlers Lieblingsdirigenten und pflegte Kontakte zu verschiedenen Nazi-Größen. Viorica Ursuleacwar eine erfolgreiche Sopranistin.

Die Cook-Schwestern besuchten mehrere Auftritte der beiden und freundeten sich mit dem Paar an. Viorica Ursuleac bat Louise und Ida schließlich darum, sich in London um eine jüdische Freundin zu kümmern, die kürzlich aus Frankfurt am Main emigriert war. Durch diesen Kontakt erfuhren sie erstmals von der Verfolgung, der Jüdinnen und Juden in Nazi-Deutschland ausgesetzt waren. 1967 erzählte Ida Cook in einem Interview: "Diese Freundin öffnete uns die Augen für die entsetzliche Lage, in der sich die jüdische Bevölkerung in Deutschland befand.”

Aus Deutschland zu emigrieren war für Jüdinnen und Juden bis in den Zweiten Weltkrieg hinein zwar möglich, jedoch nur zu existenzbedrohenden Bedingungen: Das NS-Regime belegte Ausreisewillige mit hohen “Steuern”, beschlagnahmte ihr Vermögen und verbot ihnen die Mitnahme von Geld oder Wertgegenständen. Gleichzeitig stellten die Länder, in die die Menschen ausreisen wollten, hohe Hürden auf. Wer etwa nach Großbritannien wollte, musste die Aussicht auf eine feste Arbeitsstelle oder ausreichende finanzielle Mittel zum Leben nachweisen können — für viele Menschen eine scheinbar ausweglose Situation.

Konfrontiert mit den Schicksalen verzweifelter Familien, beschlossen die Schwestern zu handeln: Immer wieder reisten sie nach München, Berlin und Wien. Dabei arbeiteten sie mit dem Dirigenten Krauss und der Sopranistin Ursuleac zusammen. Krauss plante seine Auftritte so, dass die Schwestern sie als Vorwände für ihre Reisen nutzen konnten. Freitags flogen sie von London aus los. Mit dabei: zwei große, leere Koffer. An ihren Zielen trafen sie sich mit Verfolgten, die ihnen kostbare Schmuckstücke und Pelzmäntel anvertrauten, um sie außer Landes zu bringen. Nach ihren Opernbesuchen reisten Louise und Ida sonntags mit prallgefüllten Koffern über die Niederlande per Schiff zurück nach England, um montags wieder ihrer Arbeit nachzugehen.

Die aus Nazi-Deutschland herausgeschmuggelten Wertsachen dienten den Verfolgten später dazu, die Visa-Bedingungen zu erfüllen und sich eine neue Existenz im Ausland aufzubauen.

Das Vorgehen der Schwestern war riskant. Wenn sie gefragt wurden, warum sie so viele Wertgegenstände bei sich führten, entgegneten sie: “Wir sind zwei ängstliche Damen, die ihren Familien nicht trauen. Deshalb nehmen wir unseren gesamten Schmuck überall hin mit." Und später: "Das hat gut funktioniert. Es ist bemerkenswert, wie unschuldig man aussehen kann, wenn man im Grunde ehrlich ist, wie wir es waren.”

Um von den Grenzbeamten nicht wiedererkannt zu werden, nutzten sie immer unterschiedliche Grenzübergänge für ihre Ein- und Ausreisen. Insgesamt verhalfen Louise und Ida Cook bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs 29 Menschen zur Flucht nach England. Dort setzten sie ihre Unterstützung fort: Sie sammelten Spenden für die Flüchtlinge und kauften eine Wohnung in London, in der sie sie vorübergehend unterbrachten. Außerdem warben sie bei Politikern dafür, die Einreiseauflagen zu lockern.

Nach dem Krieg führten die Cook-Schwestern ein ruhiges Leben in London. Sie blieben unverheiratet und lebten zusammen. Unter dem Pseudonym “Mary Burchell” veröffentliche Ida Cook insgesamt mehr als 100 Liebesromane. Viele davon wurden Bestseller.

1964 wurden die Schwestern als “Gerechte unter den Völkern” ausgezeichnet. Im Zuge der Auszeichnung betonten sie, dass Clemens Krauss — aufgrund seiner Nähe zur NS-Führung nach dem Krieg stark umstritten — die Antriebskraft hinter ihren Hilfsbemühungen war.

Ida Cook starb im Dezember 1986 mit 82 Jahren, ihre Schwester Louise im März 1991 im Alter von 89 Jahren.

 

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