Zeitsprung

Zeitsprung: Mit prägendem Strich

von Leonhard Dihlmann | 
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Thomas Nast kam als Kind aus der Pfalz nach New York – und wurde zum einflussreichsten politischen Zeichner des 19. Jahrhunderts: Er erfand den modernen Weihnachtsmann, deckte Korruption auf und gestaltete Symbole, die die amerikanische Politik bis heute prägen. 

New York, Winter 1862: In der Weihnachtsausgabe von Harper’s Weekly erscheint eine Illustration, die die USA verändern wird. Ein fröhlicher, rundlicher Mann mit Pelzmantel und weißem Rauschebart raucht Pfeife und verteilt Geschenke – nicht an Kinder, sondern an Soldaten, die im amerikanischen Bürgerkrieg kämpfen. Sein Name: Santa Claus. Sein Schöpfer: der 22-jährige deutsche Einwanderer Thomas Nast.

Thomas Nast wurde am 26. September 1840 im pfälzischen Landau geboren. Die Familie lebte in ärmlichen Verhältnissen, sein Vater war Militärmusiker. Als Thomas sechs Jahre alt war, wanderte die Familie in die USA aus. In der neuen Heimat tat sich der junge Thomas zunächst schwer. Er kämpfte mit der englischen Sprache und fand in der Schule kaum Anschluss. Doch etwas anderes wurde schnell sichtbar: sein außergewöhnliches Talent für das Zeichnen. Er brach die Schule ab und nahm Zeichenunterricht. Mit 15 Jahren bot ihm der Verleger einer kleiner Wochenzeitung einen ersten Job als Zeichner an. Zu einer Zeit, in der die Fotografie noch in den Kinderschuhen steckte, waren gezeichnete Bilder für Zeitungen von entscheidender Bedeutung.

Nast reiste nach Europa, wo er aus England und Italien berichtete, bevor er Anfang der 1860er-Jahre zum Nachrichtenmagazin Harper’s Weekly wechselte.

1861 begann der US-amerikanische Bürgerkrieg. In dem Konflikt kämpften die Unionsstaaten des Nordens gegen die aus der Union der Vereinigten Staaten ausgetretenen, sogenannten Konföderierten Südstaaten. Mit seinen Karikaturen setzte sich Thomas Nast für die Union, das Ende der Sklaverei und die Gleichberechtigung von Schwarzen ein. Im Winter 1862 schuf er auf Wunsch des US-Präsidenten Abraham Lincoln Santa Claus, den Weihnachtsmann. Als Vorlage diente ihm dabei der Pelznickel, ein in seiner pfälzischen Heimat bekannter Gabenbringer.

Erst ab 1931 begann der Getränkekonzern Coca-Cola — heute oftmals fälschlich als Schöpfer des Weihnachtsmanns bezeichnet — mit der Figur zu werben.

Nasts Karikaturen trieben die Auflage von Harper’s Weekly in die Höhe und der deutschstämmige Einwanderer wurde zu einem der angesehensten Journalisten des Landes. Lincoln sagte über ihn: “Thomas Nast war unser bester Rekrutierungsoffizier. Seinen Karikaturen gelang es immer, Begeisterung und Enthusiasmus zu wecken, und zwar immer dann, wenn es daran zu mangeln schien.” Auch nach Ende des Bürgerkriegs 1865 setzte Nast seine politische Arbeit fort. So kritisierte er mit mehr als 150 Zeichnungen den einflussreichen Politiker William Tweed, dessen Aufstieg zum Stadtrat und Kongressabgeordneten von New York auf einem weit verzweigten Korruptionsnetzwerk beruhte.

Tweed, der Nast sogar Morddrohungen zukommen ließ, sah seine Macht aufgrund von dessen Karikaturen in Gefahr: „Es ist mir gleichgültig, was die Zeitungen über mich veröffentlichen, da meine Schäfchen sowieso nicht lesen können. Aber sie verstehen diese Zeichnungen!“

Insgesamt soll Tweed 200 Millionen Dollar aus den öffentlichen Kassen erbeutet haben, bevor er — auch dank der öffentlichen Wirkung von Nasts Karikaturen — im Gefängnis landete.

Mit seinen Zeichnungen prägte Thomas Nast neben dem Weihnachtsmann auch weitere, noch heute bekannte Symbole: So stellte er “Uncle Sam” als dünnen Mann im Frack mit Zylinder auf dem Kopf dar. Außerdem entwarf er das Wappentier der republikanischen Partei, den Elefanten, und verhalf dem demokratischen Esel und dem Dollarzeichen zu Bekanntheit.

In den 1880er-Jahren veränderte sich die amerikanische Presselandschaft: Nasts scharfe politische Karikaturen passten nicht mehr in die Zeit. 1886 verließ er Harper’s Weekly. Die Gründung einer eigenen Wochenzeitung scheiterte. Er verspekulierte sich mit Eisenbahnaktien und verlor sein restlichen Vermögen, als seine Bank pleite ging.

Um Nast und dessen Familie zu unterstützen, entsandte Präsident Theodore Roosevelt ihn 1902 als Generalkonsul nach Guayaqil in Ecuador. Dort starb er am 7. Dezember 1902 —  vor gut 123 Jahren — im Alter von 62 Jahren an Gelbfieber.

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