Die „Grande Dame“ des Champagner: Barbe-Nicole Clicquot

Zeitsprung: Als Barbe-Nicole Clicquot Anfang des 19. Jahrhunderts das Champagnergeschäft ihres verstorbenen Mannes übernahm, stand es kurz vor dem Aus. Mit unternehmerischen Mut und Innovationsgeist gelang es ihr, das defizitäre Geschäft in eines der größten Schaumweinunternehmen der Welt zu verwandeln.
Reims im Herbst 1805: Nach dem unerwarteten Tod François Clicquots ist seine 27-jährige Frau Barbe-Nicole mit ihrer kleinen Tochter auf sich allein gestellt. François’ Vater will das kriselnde Champagnergeschäft der Familie Clicquot — erst wenige Jahre zuvor als Ergänzung des familieneigenen Textilunternehmens gegründet — schließen.
Barbe-Nicole will das verhindern — und schafft es, ihn von seinem Plan abzubringen. Es ist der Beginn von Veuve Clicquot.
Barbe-Nicole Ponsardin wurde am 16. Dezember 1777 als Tochter eines Textilunternehmers in Reims geboren. Sie erhielt eine umfassende Bildung und heiratete mit 21 Jahren François Clicquot.
Die Ehe war primär wirtschaftlich motiviert, denn auch die Familie Clicquot führte ein Textilunternehmen. Dennoch entwickelte sich zwischen Barbe-Nicole und François eine liebevolle Partnerschaft.
Anstatt in die Fußstapfen seines Vaters zu treten, strebte François Clicquot an, das kleine, wenige Jahre zuvor von seinem Vater gegründete Champagnerhaus auszubauen.
Doch es kam anders: 1805 starb François an Typhus und hinterließ seine 27-jährige Ehefrau und die kleine gemeinsame Tochter. Nach dem Schicksalsschlag wollte François’ Vater Philippe das Champagnerhaus schließen. Der Betrieb hatte bisher nur Verluste eingefahren.
Doch Barbe-Nicole wollte das Geschäft erhalten. Sie bat ihren Schwiegervater darum, sie zur Geschäftsführerin zu ernennen und zusätzliches Geld zu investieren. Entgegen ihrer Erwartung stimmte Philippe Clicquot ihrem Vorschlag zu, unter der Bedingung, dass Barbe-Nicole das Winzer-Handwerk bei einem Kellermeister erlernte.
Auch nach ihrer Ausbildung und der Ergänzung des Firmennamens um Veuve — französisch für Witwe — schrieb das Champagnergeschäft weiterhin rote Zahlen. Besonders die andauernden Napoleonischen Kriege belasteten den Absatz: Die 1806 durch Napoleon verhängte, sogenannte Kontinentalsperre verhinderte den Export des damals schon im Ausland beliebten Champagners.
Erneut wollte Philippe Clicquot das Weingut schließen, doch erneut gelang es Barbe-Nicole, ihn von dem Plan abzubringen. Als sich die Gerüchte mehrten, wonach der Krieg bald enden und somit auch die Kontinentalsperre aufgehoben werden könnte, bewies Barbe-Nicole Mut: Anfang 1813 schickte sie eine Schiffsladung mit 11.000 Flaschen ihres besten Champagners ohne Ausfuhrgenehmigung nach Königsberg. Wären die Flaschen entdeckt worden, wäre das Unternehmen bankrott gewesen.
Doch der Mut zahlte sich aus: Kurz bevor die perlende Fracht in Russland ankam, wurde das Embargo aufgehoben — und der Champagner zu einem Rekordpreis von bis zu 100 Dollar pro Flasche verkauft.
Zar Alexander I. soll erklärt haben, nichts anderes mehr außer Veuve Clicquot trinken zu wollen. Inwiefern dies womöglich mit dem hohen Zuckergehalt zusammenhing — damals enthielt der Schaumwein bis zu 300 Gramm Zucker pro Liter, heute sind es je nach Typ sechs bis 50 Gramm — ist nicht überliefert.
Die internationale Nachfrage für Veuve Clicquot-Champagner schoss in die Höhe — und Barbe-Nicole brauchte Nachschub.

Doch die Herstellung des Schaumweins war aufwendig und verlustreich. Besonders die Degorgierung, also die Entfernung von Ablagerungen in der Flasche, die durch die Hinzugabe von Zucker und Hefe entstanden, war ein zeitintensiver Prozess, der die Qualität des Champagners oft minderte.
Barbe-Nicole begann zu experimentieren: Anstatt den Wein immer wieder umzufüllen, um die Ablagerungen zu entfernen, ließ sie die Flaschen kopfüber lagern und regelmäßig drehen. So sammelten sich die Rückstände im Flaschenhals und ließen sich entfernen, ohne die Qualität des Schaumweins zu beeinträchtigen.
Nicht weniger wichtig für den nachhaltigen Erfolg Veuve Clicquots: Der Prozess machte den vormals trüben Champagner glasklar. Über Jahre hinweg blieb das neuartige Verfahren ein streng behütetes Betriebsgeheimnis.
Nach und nach baute die Geschäftsführerin die Produktion aus. In einem Brief an ihre Enkelin kam ihr unternehmerisches Selbstverständnis zum Ausdruck: „Die Welt ist in ständiger Bewegung, und wir müssen die Dinge von morgen erfinden. Man muss vorangehen, entschlossen und fordernd sein und sein Leben von seiner Intelligenz leiten lassen. Handle mit Wagemut.”
Als Barbe-Nicole Clicquot am 29. Juli 1866 im Alter von 88 Jahren starb, verkaufte das Unternehmen 750.000 Flaschen Champagner im Jahr. Heutzutage ist Veuve Clicquot der zweitgrößte Champagnerhersteller weltweit.
Leonhard Dihlmann















