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von Delara Moghaddam |
| Lesezeit: 6 Minuten

Zwischen Hoffen und Bangen

Der Militärschlag gegen den Iran war alternativlos, und er hat erste Erfolge gebracht. Ali Chamenei ist endlich tot. Bomben für begrenzte Zeit sind besser, als ewige Unterdrückung.

Es ist acht Uhr morgens, Samstag. Ich wache auf und taste nach meinem Handy. Verwundert blicke ich auf den Screen, der übersät ist mit unzähligen Nachrichten. Eine davon ist von meiner jüdischen Freundin: „Es geht los!“, schreibt sie. Ein auf den ersten Blick unbedeutender Satz, der mich aber prompt hochschrecken lässt. Ich weiß direkt, was gemeint ist, googele dennoch, um sicherzugehen – um mich ja nicht zu früh zu freuen, so wie die letzten Mal. Als ich „Iran“ in die Suchleiste eingebe, realisiere ich, dass „es“ wohl diesmal wirklich losgeht.

Mit „es“ sind die Luftschläge der USA und Israels auf den Iran gemeint. Für die einen mag es wieder irgendein Krieg im instabilen Nahen Osten sein, für die anderen ein klarer Völkerrechtsbruch, über den hitzig debattiert wird. „Es“ bedeutet aber so viel mehr. Für uns Iraner bedeutet es aktuell vor allem eines: Hoffnung. Hoffnung auf Befreiung vom Terrorregime, von den Mullahs – von der Islamischen Republik. Hoffnung auf Freiheit und Sicherheit, auf ein Leben in Würde. Es mag absurd, gar paradox erscheinen, wie man sich ernsthaft über Krieg freuen kann. Auch ich hätte bis vor Kurzem niemals geglaubt, dass ich mich jemals über Bomben auf Teheran freuen könnte – dem Ort, an dem doch so viele meiner Liebsten leben, dem Ort, an dem so viele Erinnerungen hängen.

Die Nachricht vom Tod Chameneis

Jahrelang haben wir sehnsüchtig auf Chameneis Tod gewartet. Oder besser gesagt: auf seine Tötung. Denn er ist zum Glück nicht eines natürlichen Todes gestorben; er wurde von seinem Erzfeind in die Luft gejagt – eine Genugtuung, die ich nicht mal in Worte fassen kann. Selbst wenn man wie ich in der Diaspora aufwächst, verfolgt das Bild Chameneis einen auf Schritt und Tritt. Er ist der Inbegriff des Bösen, der Grund für das Trauma, das uns Iraner auf der ganzen Welt verbindet. Als ich die Nachricht über seinen Tod bekam, habe ich geschrien, bin aufgesprungen voller Freude und Fassungslosigkeit – ich konnte es erst gar nicht glauben. Die wenigen Videos, die uns erreichen, zeigen in aller Deutlichkeit, wie die Menschen im Iran auf den Straßen singen und tanzen, sich über die Tötung dieses Massenmörders freuen. Es wirkt schon fast so, als würden sie auf seinem Grab tanzen, auf den Trümmern ihrer eigenen Unterdrückung. Ihre Erleichterung ist riesig, die Freude reicht ins Unendliche. Sie jubeln und schreien auf den Straßen, wo zuvor noch Bomben fielen. Einige posten: „Der Mörder meiner Mutter wurde endlich getötet.“

Die Kehrseite der Freude

Doch ich blicke mit gemischten Gefühlen auf die aktuelle Situation. Das Regime hat auf seine liebste, altbekannte Methode zurückgegriffen: den Internet-Shutdown. Seit Samstag habe ich, wie auch viele andere, keinen Kontakt zu meinen Verwandten im Iran. Ob sie leben, weiß ich daher nicht. Der Gedanke daran macht mich wahnsinnig. Die wenigen Aufnahmen, die es rausschaffen, zeigen Explosionen in Teheran, riesige Rauchwolken, Menschen, die weglaufen, die schreien. Zum einen herrscht Freude darüber, dass das Regime jetzt endlich das bekommt, was es verdient hat; zum anderen können diese Bomben auch unschuldige Zivilisten treffen sowie immensen Schaden verursachen.

Seit Jahresbeginn sind wir in einer Endlosschleife aus Hoffnung und Trauer gefangen. Wir haben gesehen, wie das iranische Volk alles gewagt hat – und wie dieser Mut in einem beispiellosen Blutbad endete. Die Rufe nach Freiheit waren so laut wie noch nie, doch das Regime antwortete mit noch brutalerer Gewalt, mit noch mehr Hinrichtungen. Es war der Moment, in dem die Hoffnung, das System von innen heraus zu stürzen, der lähmenden Erkenntnis wich: Allein werden wir es niemals schaffen. Die iranische Bevölkerung steht im wahrsten Sinne des Wortes mit leeren Händen da; friedliche Massenproteste werden diese Diktatur nicht beenden, dafür ist der Sicherheitsapparat zu stark und ihre Methoden sind zu perfide. Auch diplomatische Bemühungen des Westens haben uns nur noch tiefer in diese Sackgasse geführt.

Ein Konflikt ohne saubere Auswege

Diese bittere Resignation hat die Menschen an einen Punkt getrieben, an dem selbst das Schlimmste – ein Militärschlag – wie die einzige verbliebene Tür zur Freiheit erscheint. Das Credo: Hauptsache, die Mullahs fallen, egal wie, koste es, was es wolle. Dabei geht es nicht um naive Kriegslust oder mangelndes geopolitisches Wissen; es ist die Verzweiflung, die aus vielen spricht, die nach 47 Jahren Schreckensherrschaft keinen anderen Weg sehen. Die Freude über Bomben verdeutlicht diesen Grad der Verzweiflung. Auch wissen wir, dass Trump oder Netanjahu nicht aus Nächstenliebe handeln, sondern ihre eigenen Interessen verfolgen.

Ich glaube nicht an Kollateralschäden; ich glaube auch nicht daran, dass Gewalt die Lösung ist, um Gewalt einzudämmen. Auch bin ich schon immer der Ansicht gewesen, dass Bomben keinen Frieden bringen werden. Eigentlich. Doch ein Regime mit friedlichen Maßnahmen zu bekämpfen, das nur Gewalt versteht, reicht nicht aus. Die Luftschläge sind keine Lösung, mit der jeder zufrieden ist. Und doch gab es nach 47 Jahren Leid nur noch den Militärschlag als ultima ratio. Gerade Menschen wie ich, die bequem vom sicheren Europa aus diese Zeilen schreiben, haben es leicht. Was in diesen Stunden im Iran vor sich geht, kann und vermag ich mir nicht vorzustellen. Letztlich ist die iranische Bevölkerung wieder einmal auf sich allein gestellt: Von außen wird sie bombardiert, sie erhält vom Regime keinen Schutz – ganz im Gegenteil: Sie wird sogar noch von innen massakriert. Und doch: Wir können uns über die Tötung zahlreicher hochrangiger Funktionäre freuen und dabei gleichzeitig die zivilen Opfer betrauern. Das ist zeitgleich möglich. Es verdeutlicht die Komplexität des Konflikts. Es verdeutlicht auch, dass die Welt voller Ambiguitäten steckt – wir können diesen Konflikt daher nicht in ein schwarz-weißes Raster pressen.

Ein Etappensieg in dunklen Zeiten

Der Teufelskreis zwischen Hoffen und Bangen, zwischen Freude und Trauer hat seit Samstag eine neue, noch nie dagewesene Dimension angenommen. Bei aller Freude bedeutet Chameneis Tod leider nicht, dass das Regime passé ist– zumindest noch nicht. Vielmehr ist ein Machtvakuum entstanden; die nächsten Tage und Wochen werden zeigen, wie es sich auswirkt. Es lässt sich dennoch als ein Etappensieg verbuchen, der uns unserem Ziel ein Stück näherbringt – und uns in diesen wahrlich dunklen Zeiten ein Stück Hoffnung schenkt. Hoffnung, die wir für diesen Kampf dringend brauchen. Und vor allem auch, weil sie das Letzte ist, was uns noch übrigbleibt: Die Hoffnung auf einen freien Iran.

Delara Moghaddam

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