Emsdetten - Eine Idee, ein Rad, eine Riesen-Aktion

Sven Schöpker auf dem Rad © Roman Mensing

01.10.2016

Emsdetten

Eine Idee, ein Rad, eine Riesen-Aktion

Sabine Meinert

Mit dem Anstoß für eine einzige Aktion hat Rotarier und Radsportfan Sven Schöpker für die Polio-Impfungen von 700.000 Kindern gesorgt

„Eigentlich müsste man mal was ganz Großes machen – eine Aktion, die unterm Strich richtig was einbringt!“ Bisher hatte Sven Schöpker (39) engagiert die Polio-Aktionen seines Clubs unterstützt. Der RC Emsdetten hatte zum Beispiel erfolgreich einen Polio-Lauf organisiert - Spendenergebnis: fast 9.000 Euro. Doch Schöpker wurde das Gefühl nicht los: „Da geht noch mehr.“

Ein erstes Brainstorming mit Ehefrau Kerstin brachte die Idee, den Münsterland Giro zu nutzen. Der „Giro“ ist das drittgrößte Radrennen Deutschlands und findet quasi vor der Haustür statt. Dort dürfen auch Amateure antreten. Wobei Sven Schöpker weniger an sportliche Meriten dachte, als an Masse: Ihm schwebte ein Start mit 100 Fahrern auf den 110 Kilometern des Jedermann-Rennens vor - alle im Polio-Trikot. Damit könnte man viel Aufmerksamkeit für den weltweiten Kampf gegen Kinderlähmung erregen, so die Überlegung.

Der zweite Teil der Idee: Die Fahrer des Polio-Teams sollten im Vorfeld als Spendensammler aktiv werden. Zehn Euro pro Renn-Kilometer stellte Schöpker sich vor. „Also pro Fahrer 1100 Euro – bei 100 Radlern wären das insgesamt 110.000 Euro gewesen.“

Motivation überflügelt Hindernisse

Der junge Mann mit dem blonden kurzen Haar führt im Alltag ein Unternehmen, das nahezu bundesweit Architektur- und Handwerksleistungen anbietet. Projekte betreuen, Baustellen besuchen, Designs begutachten, mit Partnerfirmen verhandeln – ein zeitaufwändiger Job. Daneben die Familie mit zwei kleinen Kindern. Das bedeutete: Eigentlich war zu wenig Zeit für solch ein Riesending. Doch der 39-Jährige war längst angestachelt. „So eine Aktion könnte eine Nachahmer-Kettenreaktion nach sich ziehen“, war er sich sicher.

Ist das zu schaffen? - In seinem Rotary Club stand die Frage nicht lange im Raum. Schnell konnte Schöpker die Freunde überzeugen. Betagte Herrenräder wurden zwar nicht aufgemöbelt, manches Club-Mitglied konnte auch nur zeitlich begrenzt Unterstützung zusagen, aber bei den Emsdettener Rotariern war man „Feuer und Flamme“ für das neugeborene Polio-Race innerhalb des Münsterland Giro. „Jeder wollte mitmachen, wenigstens als Betreuer“, erzählt Sven Schöpker. „Das war fast olympisch: Dabei sein ist alles.

In den folgenden Monaten legten die Clubmitglieder los: Rotarier und Radsportfans kontaktieren, nach Sponsoren fahnden, bei Distrikt und Behörden um Unterstützung werben. Viele machten sich dabei Schöpkers Motto zu eigen: „Da geht noch was.“

Der Initiator wiederum suchte Mit-Fahrer, nutzte Kontakte zu Vereinen und Sportfreunden - schließlich sollte es ja ein 100-köpfiges Peloton werden. Für die 1100 einzuwerbenden Euro pro Radler erstellte ein Emsdettener Freund eine Webseite, auf der stets der Spendenstand ablesbar war. Sven Schöpker freut sich noch heute, wenn er davon erzählt. „Als es am Laufen war, rollte es wie ein Rennrad auf Asphalt.“

Man spürt seine Begeisterung, auch wenn er im Business-Anzug statt in Radler-Shorts vor einem sitzt. Dieses Projekt hat ihm Spaß gemacht. Wer ihn darüber sprechen hört, sieht nicht den Geschäftsmann im frischgebügelten Hemd, sondern den Sportsmann, der in die Pedale tritt.

Vorneweg statt nur dabei

Sven Schöpker an der Spitze des Feldes - für eine Weile

Beim "Giro" wollte Schöpker natürlich nicht nur am Rand stehen. Seine Frau und die Kinder mussten dafür manches Wochenende zurückstecken, weil er erst mal eine Trainingsrunde quer durchs Münsterland einlegte. „Ganze Radler-Trüppchen trafen sich da zum Trainieren. Und wenn ich geschäftlich unterwegs war, habe ich die anderen Extra-Kilometer strampeln sehen. Irgendwann wollten wir wohl auch sportlich gut abschneiden“, lacht er.

Am Vorabend des Rennens hatte sich der Spendentopf enorm gefüllt. Die zehn Radsportler aus dem nahen Greven waren die ersten, die „vollständig gefüllte Konten“ meldeten. Startnummern und Polio-Trikots fürs Rennen nahmen letztlich zwar nur 92 statt der geplanten 100 Radler entgegen. Dennoch: Die Stimmung bei Pasta, Gesprächen und Musik war großartig. Ein toller Auftakt, erinnert sich Sven Schöpker.

Am nächsten Morgen stand er gut aufgewärmt mit den anderen im Startblock C - in Reihe 1, dahinter all die Polio-Racer im blauen Shirt. „Zwei Minuten habe ich die Spitzenposition halten können, dann war ich eingeholt. Das war nicht ganz meine Konditionsklasse...“, lacht er. Eine gute Zeit ist trotzdem rausgekommen, erzählt er stolz. „Aber viel wichtiger: Egal, wo man war, man hat immer blaue Polio-Shirts leuchten sehen. Unsere Fahrer waren überall. Das hat Rotarys Kampf gegen Polio ins Gespräch gebracht.“

Links: Club-Präsident Marc Hilbert wünscht Sven Schöpker einen guten Start

Präs. Marc Hilbert (RC Emsdetten) beglückwünschte Schöpker und die Polio-Starter © D. Schmitz

Großer Erfolg – mit einer einzigen Aktion

Und vor allem das Ergebnis lässt staunen. Neben Spenden am Streckenrand gingen bis vier Wochen nach dem Polio-Race weitere Zuwendungen für das Projekt ein. Insgesamt 123.000 Euro standen unterm Strich. Die Bill- und-Melinda-Gates-Stiftung verdreifachte die Summe. Das Ergebnis lag also bei 369.000 Euro - sprich fast 700.000 Polio-Impfungen!

Der Geschäftsmann im dunklen Anzug schüttelt leicht den Kopf. Nie hätte er mit so einem Erfolg gerechnet. Inzwischen denkt er über weitere Aktionen nach. „Die Grundlagen sind da, wir haben ja gezeigt, was man mit normalen Mitteln erreichen kann.“ Deshalb soll das Polio-Event exportiert werden. „Ein Radrennen in Berlin, Leipzig oder Hamburg und in fünf Jahren vielleicht wieder im Münsterland...“, sinniert er.

Mindestens zehn Radsportfreunde wollen dann wieder mitmachen. Auch wenn das erneut monatelanges Training bedeutet, in Regen, Nässe, Kälte. Der große Erfolg aber lässt die Mühen schon jetzt verblassen. - Sven Schöpker lächelt: „Das wird eine Fortsetzungsstory – da geht noch was.“


Sven Schöpker (RC Emsdetten) ist geschäftsführender Gesellschafter der Firma Raumfabrik Franchise GmbH. Nach dem Abitur und einer Ausbildung als Tischler in der elterlichen Werkstatt ging er nach Norddeutschland, um bei  einem Türen- und Fensterhersteller ein duales Studium zu absolvieren. Noch vor dem betriebswirtschaftlichen Abschluss gründete er die Raumfabrik. Das Unternehmen verbindet Fachleute und Betriebe aus Architektur, Planung, Handwerk und Innenausstattung. In seiner Freizeit widmet sich der 39-Jährige seiner Familie und sportlichen Aktivitäten: Tennis, Skifahren, Tauchen, Fußball - und eben Rad fahren.

Erschienen in Rotary Magazin 10/2016

Sabine Meinert
Die Journalistin Sabine Meinert arbeitet als Redakteurin für www.rotary.de. Sie war zuvor jahrelang im privaten und öffentlichen Rundfunk tätig, außerdem als Multimedia- und Online-Redakteurin für die Financial Times Deutschland.

Rotary Magazin 7/2017

Rotary Magazin Heft 7/2017

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