29.12.2015

Zwischen Auftrag und Möglichkeiten

Die Vergangenheit als Zukunft

Martin van Creveld

Warum der Westen um den Einsatz von Bodentruppen nicht herumkommt, wenn er den internationalen Terrorismus besiegen will

Bereits seit mehr als einem Jahr kämpfen die US-Streitkräfte gegen das Monster, das die Welt als ISIS oder DAESH kennt. Eine der grausamsten Mörderbanden, die die Welt seit Mohammed und seinen „Kameraden“ – an denen ISIS sich orientiert – gesehen hat, bricht aus der arabischen Wüste heraus, um Zivilisationen zu verwüsten, die weit fortschrittlicher als ihre eigene sind. Bis zum Stichtag dieses Artikels haben bereits die türkischen, russischen, französischen und die britischen Streitkräfte in den Kampf eingegriffen. Auf weniger direkte Art haben sich bislang ca. 60 weitere Länder beteiligt. Allerdings nicht sehr erfolgreich, wie die wachsende Liste der Beteiligten zeigt. Aus Angst vor Todesopfern in den eigenen Reihen hat mit Ausnahme der syrischen Armee noch keine der genannten Interventionsparteien Bodentruppen eingesetzt – zumindest keine offiziellen. Stattdessen setzt man lieber auf Luftschläge.

Das Dilemma der westlichen Lufthoheit
Die Vorteile der Luftwaffe, wie etwa Geschwindigkeit, Reichweite und Flexibilität, sind allseits bekannt. Unglücklicherweise werden Kriege jedoch durch das Ausnutzen der Schwächen des Feindes gewonnen. Das weiß ISIS ebenso gut wie alle anderen. Daher hier eine kurze Liste der Dinge, die luftgestützte Waffen, gleich ob bemannt oder unbemannt und gleich ob sie hoch oder niedrig fliegen oder die Erde wie Satelliten umkreisen, nicht können:

  • Sowohl bemannte als auch unbemannte Fluggeräte haben ungeachtet des Kosten-Nutzen-Verhältnisses Schwierigkeiten, einen weit verstreuten Feind zu bekämpfen. Einfacher ausgedrückt: Man kann nicht jeden (tatsächlichen oder gar mutmaßlichen) Terroristen mit einem F-16-Kampfjet oder einem Predator verfolgen.
  • Bemannte und unbemannte Fluggeräte können keine Gefangenen nehmen und Menschen befragen. Anders ausgedrückt: Sie können keine Human Intelligence (HUMINT) von feindlichen Kämpfern oder der Zivilbevölkerung, also menschliche Quellen, nutzen.
  • Bemannte und unbemannte Fluggeräte können nicht in das Innere von Häusern und anderen Gebäuden schauen, die die Terroristen/Guerillakämpfer/Aufständischen nutzen, um sich zu verstecken, ihre Operationen zu planen, Waffen zu lagern, sich zu erholen usw.
  • Bemannte und unbemannte Fluggeräte können wegen ihrer Unfähigkeit, in Dinge hineinzuschauen, normalerweise keine Transportwege blockieren, außer indem sie auf alles schießen, was sich bewegt. Sie können nicht unterscheiden, auf wen sie schießen, sondern nur, ob sie schießen.
  • Bemannte und unbemannte Fluggeräte können keine Gebiete besetzen und besetzt halten. Um eine Redewendung aus dem Ersten Weltkrieg zu zitieren, die in vielen Fällen noch immer stimmt: Sie kommen von weiß der Teufel woher, sie werfen Bomben auf weiß der Teufel was und sie verschwinden weiß der Teufel wohin.

Das wirklich Interessante daran – was uns alle zum Nachdenken bringen sollte – ist, dass nichts von alledem neu ist. Tatsächlich sind diese Dinge seit den Anfangstagen der Luftwaffe bekannt. Die ersten Luftfahrzeuge zu Kriegszwecken wurden ab 1911 von den Italienern in Libyen eingesetzt. Anfangs, als der Gegner noch aus dem Osmanischen Heer bestand und die meisten Kämpfe entlang der Küste stattfanden, erwiesen sich die wenigen eingesetzten, primitiven Luftschiffe und Flugzeuge als recht nützlich zur Gewinnung von Informationen, vor allem für das Auskundschaften von Artillerie. Das änderte sich später. Luftschiffe und Flugzeuge blieben äußerst wichtig für die Aufklärung und Überwachung. Man bezeichnete sie als die Augen der Streitkräfte.

Altbekannte Erfahrungen
Zu oft passten sich die Gegner – die nun hauptsächlich aus einheimischen nomadischen Beduinen bestanden, die das Gebiet kannten und wussten, wie man darin überlebt – jedoch an und begannen mit der Entwicklung von Gegenmaßnahmen, zum Beispiel durch Beschuss ihrer Feinde, um sie in größere Flughöhen zu zwingen und den Einsatz ihrer Geschütze zu erschweren, durch Umschalten auf nächtliche Operationen, durch Nutzung von Geländestrukturen sowie durch Verteilung und Tarnung, um nicht entdeckt zu werden. Und wenn sie doch entdeckt wurden, fielen kleine Bomben auf sie, die oftmals entweder ihr Ziel verfehlten oder Kämpfer und Nichtkämpfer gleichermaßen töteten. Statt das Feuer des Krieges zu löschen, wurde es so noch weiter geschürt. Die Lage wurde an einem Punkt so schwierig, dass die Italiener entschieden, vollständig auf Bomben zu verzichten und an ihrer Stelle Flugblätter einzusetzen.

Bei Kriegseintritt hatte das Oberkommando im Rom erwartet, dass die Feindseligkeiten nur ein paar Wochen oder Monate andauern würden. Stattdessen waren sie aufgrund der genannten Probleme mit Unterbrechungen bis 1932 beteiligt. Am Ende wurde die Entscheidung nicht durch die – zugegebenermaßen hilfreichen – Flugzeuge herbeigeführt, sondern durch Einsatz einer Viertelmillion Mann starken Bodentruppe. Diese wurde von Mussolini entsendet mit der Genehmigung, alle Arten von Gräueltaten zu begehen (wie etwa das Zusammentreiben ganzer Bevölkerungsgruppen in Konzentrationslagern und den Einsatz von Giftgas), bis die „Ordnung“ wieder hergestellt war. Man sagt, dass dieses Vorgehen ca. 225.000 Araber das Leben kostete – ein Viertel der gesamten Bevölkerung.

Kommen Ihnen diese Probleme bekannt vor? Wenn ja, dann liegt das sicher daran, dass sie sich so oft wiederholt haben, dass man – zumindest ich – nicht mehr weiß, wie oft. Die Briten verloren zuerst Irland und dann, nach dem Zweiten Weltkrieg, den Rest ihres Kolonialreiches. Ab 1946–47 ereilte Frankreich das gleiche Schicksal. Die Amerikaner griffen ein, wo ihre früheren Alliierten versagt hatten, und verloren zuerst Vietnam und dann das restliche Indochina. Die Sowjets verloren Afghanistan. Die Amerikaner wurden aus dem Libanon geworfen. Die Südafrikaner wurden aus Namibia geworfen. Die Amerikaner wurden aus Somalia geworfen. Die Israelis wurden aus dem Libanon und dem Gazastreifen geworfen. Die Amerikaner wurden aus dem Irak geworfen. Die Amerikaner wurden aus Afghanistan geworfen usw. usw.

Diese Beispiele ließen sich unendlich fortführen. Zwar enthält die Aufzählung viele verschiedene Länder, Situationen und bewaffnete Auseinandersetzungen, von denen keine genau der anderen gleicht, aber es ist doch sehr auffällig, dass ungeachtet aller sonstigen Aspekte die „Ordnungsmächte“, „Aufstandsbekämpfer“ - oder wie sie sich sonst genannt haben mögen - in jedem einzelnen Fall die absolute Kontrolle über den Luftraum hatten. Während des Zeitraums von 21 Jahren startete kein einziges arabisches Flugzeug zum Kampf gegen die Italiener! Und in jedem einzelnen Krieg nutzte ihnen diese Kontrolle wenig oder nichts.

Und Deutschland?
Und nun ist Deutschland an der Reihe. Wie auch seine Verbündeten in der NATO verfügt Deutschland nicht über die Möglichkeiten, um Bodentruppen in den Kampf gegen einen harten und fanatischen Gegner zu entsenden. Wie seine Verbündeten setzt auch Deutschland seine Hoffnung in die Luftwaffe. Dieses Mal in Form einer Handvoll von Tornado-Aufklärungsflugzeugen, einer Fregatte zum Schutz eines französischen Flugzeugträgers im Mittelmeer gegen eine zum Großteil eingebildete Bedrohung und einiger Tankschiffe für die Treibstoffversorgung französischer Kampfflugzeuge auf ihrem Weg nach Syrien. Es wird alles Mögliche getan, außer dem Einzigen, das funktionieren kann.

Es stellt sich nur die Frage, wann es in Deutschland zu den ersten ISIS-inspirierten Messerattacken, Schießereien oder Selbstmordattentaten kommen wird. 

Erschienen in Rotary Magazin 1/2016

Martin  Creveld
Prof. Dr. Martin van Creveld ist einer der führenden Militärhistoriker und -theoretiker der Gegenwart. Er ist em. Professor für Geschichte der Hebrew University in Jerusalem. Darüber hinaus ist er als militärischer Berater und Referent in der gesamten westlichen Welt tätig. Auf Deutsch erschien zuletzt „Kriegs-Kultur. Warum wir kämpfen. Die tiefen Wurzeln bewaffneter Konflikte“ (Stocker Verlag 2011). www.martinvancreveld.com

Rotary Magazin 7/2016

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