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Entscheider-Interview

"Es gab einen massiven Digitalisierungsschub im Alltag"

Entscheider-Interview -
Hat sein Unternehmen gut durch die Pandemie geführt: Marco Fuchs, Vorstandsvorsitzender von OHB. © Conradi

Marco Fuchs (RC Bremen-Roland), Vorstandsvorsitzender des Raumfahrtunternehmens OHB, kann der Coronapandemie auch Gutes abgewinnen und bleibt weiter ambitioniert

01.09.2021

Marco Fuchs lässt sich auch von einer Pandemie nicht unterkriegen und schaut positiv in die Zukunft. Diese Eigenschaften, gepaart mit Ehrgeiz und strategischer Weitsicht, aber auch hanseatischer Zurückhaltung, zeichnen sein Unternehmertum aus. 

 

Herr Fuchs, Ihre Aktionäre erhalten eine Dividende von 43 Cent je Aktie und im März dieses Jahres war von einem Rekordniveau von 2,6 Milliarden Euro beim Auftragsbestand zu lesen. Hat sich die Coronapandemie gar nicht auf das Geschäft von OHB ausgewirkt?

Doch. Das mussten wir leider schon feststellen. Wir hatten im vergangenen Geschäftsjahr 2020 einen Umsatzrückgang zu verzeichnen. Zudem kam es bei einigen Projekten zu Verzögerungen in der Lieferkette. Wir sind eng mit Partnern aus ganz Europa verbunden. Viele Mitarbeiter waren und sind im Homeoffice. Das hat insgesamt in einigen Bereichen dazu geführt, dass es einen Slowdown gab. Es war ein schwieriges Jahr, dennoch hat uns die Pandemie nicht so hart getroffen wie etwa die Luftfahrtbranche, die direkt mit Reisen in Verbindung steht.

 

Hätten Sie im Vorfeld der Pandemie damit gerechnet, dass Sie vergleichsweise gut durchkommen?

Wir waren sehr unsicher. Deswegen hatten wir im vergangenen Jahr ja auch kurzfristig die Aktiendividende ausgesetzt. Es ist besser gelaufen, als wir befürchtet haben. Andererseits dauert die Pandemie länger, als wir ursprünglich gedacht hatten.

 

Sie haben coronabedingte veränderte Arbeitsweisen angesprochen. Leidet Ihr Unternehmen unter Effizienzverlusten, weil persönliche Besprechungen gar nicht oder nur noch eingeschränkt möglich waren und sind?

Das ist schwer zu beurteilen. Die Frage stellen wir uns auch. Es ist von Bereich zu Bereich sehr unterschiedlich. Es gibt Bereiche, da funktioniert Homeoffice sehr gut. Eine Technical Note zu Hause zu schreiben, kann sogar effizienter sein, weil man ungestörter ist. Aber der Austausch und der Tiefgang von Gesprächen und die Kreativität leiden. Beim Satellitenbau macht sich das Fehlen von Kollegen natürlich bemerkbar.

 

Nehmen Sie aus der Pandemiezeit etwas Positives mit?

Ich merke, dass man anders mit der Zeit umgeht und es einen massiven Digitalisierungsschub im Alltag gegeben hat. Die Alltäglichkeit der neuen Kommunikationsformen mit Videogesprächen führt zu einer neuen Zeiteffizienz. Ich persönlich lebe gesünder. Ich muss nicht mehr so früh für Reisen aufstehen, habe keine langen gesellschaftlichen Veranstaltungen mehr am Abend, ich esse weniger und trinke keinen Alkohol mehr. 

 

Wie nutzen Sie die gewonnene Zeit?

Ich bin viel mehr im Büro und genieße
öfters das Abendessen im Kreise meiner Familie. Ich habe in der Pandemie meine Wochenenden durchgehend zu Hause
verbracht. Davor war ich meist unterwegs, dieses Wochenende hier, dann ein verlängertes Wochenende dort. Diesbezüglich hat sich die Welt im positiven Sinne verändert. Wir führen alle ein ruhigeres Leben.

 

Wollen Sie beim ruhigeren ­Leben ­bleiben?

Einiges wird bleiben. Die Pandemie dauert nun schon zu lange, um nahtlos wieder in das alte Leben zurückzukehren. Natürlich wird es wieder Reisen und Treffen mit Freunden geben, aber es wird nicht mehr so, wie es mal war, und das finde ich gar nicht schlecht. Junge Leute mögen das anders sehen. Ich brauche die Rastlosigkeit nicht mehr.

 

Kommen wir wieder zu Ihrem Unternehmen: Sie werden an der Realisierung des Esprit-Moduls (European System Providing Refueling, Infrastructure and Telecommunications) für das Lunar ­Orbital Plattform Gateway beteiligt sein. Was wird da konkret entwickelt?

Das Esprit-Projekt wird seit einiger Zeit vorbereitet und wir haben die Studien dazu gemacht. An der Realisierung sind wir mit einem Unterauftrag von Thales Alenia Space beteiligt, der einen Wert von 58 Millionen Euro hat. Das Esprit-Modul stellt die Energieversorgung des ganzen Lunar Gateway sicher. Wir bauen als Kernpartner dafür eine ganze Reihe von Versorgungseinheiten. Das ist lebenswichtige, kritische Technologie für das Lunar Gateway.

 

Wofür wird die Plattform später genutzt?

Lunar Gateway ist eine Logistikplattform, die um den Mond kreist. Zugleich soll es ein Verknüpfungspunkt sein, von dem man zum Beispiel bei der Reise zum Mond zuerst dort andocken kann und später hinunter zum Mond weiterreist. Es wäre auch möglich, von dort aus zum Beispiel den Mars anzusteuern.

 

Werden wir zu unseren Lebzeiten noch eine astronautische Raumfahrt zum Mars erleben?

Ja, das glaube ich schon. SpaceX plant das sehr bald. So viele andere Ziele gibt es ja auch nicht. Wenn wir uns den näheren Weltraum rund um die Erde ansehen, kommt der Mond als erneutes Ziel infrage und dann der Mars. Der ist schon sehr weit weg und es wird schwierig sein, dort heil anzukommen und auch heil wieder zurückzukommen. Die Venus als anderer Nachbarplanet ist viel zu heiß und die weiteren potenziellen Kandidaten, einzelne Jupiter- oder Saturnmonde, sind so weit weg, dass wir eine astronautische Mission dahin nicht mehr erleben werden. Der Mars ist somit das einzige realistische neue Ziel für die Menschheit.

 

Als die Europäische Kommission und die Raumfahrtagentur Esa Ende Januar die Aufträge für die neuen Satelliten des Navigationssystems Galileo vergaben, ist Ihr Unternehmen nicht zum Zuge gekommen, obwohl Sie die erste Generation an Satelliten gebaut hatten. Wie hart trifft Sie die Nichtberücksichtigung bei einem Auftragsvolumen von 1,5 Mrd. Euro wirtschaftlich?

Es ist einerseits psychologisch eine böse Überraschung gewesen und andererseits ökonomisch ein großer Rückschlag. Die erste Generation von Galileo war ein wichtiges Projekt, und nun bei der zweiten Generation nicht mehr dabei zu sein, ist ein Schock. Wir schauen derzeit intern, was wir hätten besser machen müssen. Ökonomisch wird es sich erst mittelfristig auswirken. Für OHB war das Galileo-Projekt in den vergangenen zehn Jahren ein Aushängeschild, auf das wir besonders stolz waren.

 

Sie sind mit Ihrem Unternehmen am Konsortium „German Offshore Space­port Alliance“ (Gosa) beteiligt, das mit einem Weltraumbahnhof Raketen­starts von Deutschland aus ermöglichen will. Wie konkret sind diese ­Planungen?

Lassen Sie mich zunächst etwas zu dem Hintergrund der Überlegungen sagen. Es gibt eine Vielzahl an Initiativen, die Raumfahrt preiswerter und effizienter gestalten wollen. Hinzu kommt, dass Satelliten immer kleiner, leichter und somit kostengünstiger werden. Deshalb braucht man für diese auch nur noch kleinere Raketen. Auch die Zahl kleinerer Satelliten, die gebaut werden, nimmt weiter zu. Deutschland bietet in der Nordsee eine gute Positionierung zum Raketenstart in den Orbit. Von dort aus sind zwei wichtige Umlaufbahnen gut zu erreichen. Satelliten können in der polaren Bahn 90 Grad über die Pole fliegen oder sonnensynchron, was bedeutet, dass die Satelliten mit ihren Solarpanels immer im Sonnenlicht fliegen können. Sie folgen praktisch dem Tag. Es besteht eine dauerhafte Betriebsmöglichkeit und es kommt zur Effizienzsteigerung.

 

Wo genau in der Nordsee wäre der Start?

Im äußersten nordwestlichen Zipfel der exklusiven deutschen Wirtschaftszone in der Nordsee, 350 Kilometer vom Festland entfernt. Die Schiffe würden dann von Bremerhaven oder Cuxhaven dorthin fahren.

 

Sie sehen dafür auch einen Markt?

Die entscheidende Frage ist: Wie groß wird der Markt von kleinen Satelliten? Wir glauben: groß genug, um einen Weltraumbahnhof in der Nordsee kommerziell erfolgreich zu betreiben.

 

Kommen wir zu Ihnen persönlich. Sie haben Rechtswissenschaften in Berlin und Hamburg studiert, ihren Master in New York abgelegt. Nicht gerade das klassische Studium, um später in das Luft- und Raumfahrtunternehmen der Eltern einzusteigen.

Das stimmt. Jura ist ein sehr allgemeinbildendes Studium. Sie lernen Lesen und Schreiben und die Interessen von Menschen zu verstehen und abzuwägen. Insofern ist das Studium nützlich für Vieles. Zu dem Zeitpunkt, als ich mein Studium begann, konnte ich noch nicht ahnen, dass ich später mal ein Raumfahrtunternehmen leiten werde. Das hat aber auch mit der Firmengeschichte zu tun.

 

Inwiefern?

OHB war ursprünglich eine Werkstatt für Hydraulik mit fünf Handwerkern. Die Abkürzung OHB stand für Otto Hydraulik Bremen. Meine Mutter hatte dieses Unternehmen gekauft, als die Söhne aus dem Haus waren. Sie startete damit wieder ins Berufsleben. Jahre später stieg mein Vater Mitte der 1980er ein und es entwickelte sich langsam Richtung Raumfahrt. Als ich 1995 ins Unternehmen einstieg, war es ein mittelständisches Unternehmen mit 70 bis 80 Leuten.

 

Nun ist OHB ein Weltunternehmen mit etwa 3000 Beschäftigten.

Als Weltunternehmen würde ich OHB nicht bezeichnen. Wir sind ein wichtiges europäisches Raumfahrtunternehmen. In unserer Branche sind wir wer, das stimmt.

 

Wenn man sich tagtäglich mit Satelliten und den Weiten des Weltraums beschäftigt, bekommt man da nicht Lust, selbst einmal dorthin zu reisen?

Wenn sich tatsächlich Tourismus ins Weltall etabliert, würde ich das gerne mal machen. Ich habe Freunde, die früher Astronauten waren. Sie schwärmen heute noch vom Blick auf die Erde.
Er muss in seiner Gesamtheit eine sehr prägende, tiefe Erfahrung sein. 

 

Was bedeutet Ihnen Rotary?

Es ist einfach ein schöner Freundeskreis. Rotary hat mir geholfen, mich in Bremen nach Jahrzehnten der Abwesenheit wieder zurechtzufinden und Netzwerke aufzubauen. Rotary ist eine feste Säule in meinem Leben geworden. Ich vermisse in dieser Pandemiezeit jedoch die Geselligkeit. 

 

Geselligkeit ist Ihnen ja auch im Unternehmen wichtig. Auf Ihren Aktionärsversammlungen soll es vor Corona immer sehr familiär zugegangen sein.

Unsere Aktionärsversammlung war immer auch ein Tag der offenen Tür. Viele haben den Tag genutzt, um sich auch das Unternehmen mal anzusehen. Wir haben ja auch etwas zu zeigen. In der virtuellen Welt ist es mehr ein Abarbeiten der Tagesordnungspunkte. Das mag effizient sein, aber es ist nicht so intensiv und erkenntnisreich. Wir werden zur Präsenz zurückkehren, wenn es wieder möglich ist. 

Das Gespräch führte Florian Quanz