15.10.2013

200-jähriges Jubiläum 

Eine Schlacht der Superlative

Matthias Rogg

Die Völkerschlacht bei Leipzig gehört zu den bedeutenden Schlachten der Weltgeschichte. Ganz gleich, ob man sie als tief greifende Zäsur oder Initialzündung sieht: Die Völkerschlacht war ein Wendepunkt im Kampf Napoleons gegen die meisten europäischen Staaten um die Hegemonie auf dem Kontinent. Nach dem „annus horribilis“ 1812 und dem Abfall der Verbündeten Preußen und Österreich versuchte Napoleon 1813, das Blatt noch einmal zu wenden. Nach militärischen Teilerfolgen im Frühjahr bei Großgörschen und Bautzen und einem kurzfristigen Waffenstillstand sah sich Napoleon im Spätsommer 1813 mit einer Koalition aus Preußen, Österreich, Russland und Schweden konfrontiert. Etwa 510.000 alliierten Kräften standen auf französischer Seite 418.000 Mann gegenüber, unterstützt von einem kleineren sächsischen und polnischen Korps. Nach wechselndem Schlachtglück bei Dresden, an der Katzbach, bei Großbeeren und Dennewitz konzentrierten die Parteien ihre Kräfte auf den Raum Leipzig, um noch vor Einbruch des Winters eine Entscheidung herbeizuführen. Nicht zuletzt durch ein geschicktes Taktieren der Alliierten hatte Napoleon die Initiative nicht übernehmen können und seine Truppen durch raumgreifende und letztlich erfolglose Operationen physisch und psychisch dezimiert. In der Schlacht vor den Toren Leipzigs standen einander nun mehr als eine halbe Million Soldaten gegenüber: etwa 200.000 Franzosen, Polen, Italiener, Sachsen und rheinbündische Truppen gegen 330.000 Alliierte.

Leipzig war eine Schlacht der Superlative. Unmittelbar nach dem Ereignis taucht der Begriff „Völkerschlacht“ bereits in einem Armeebericht auf. Vermutlich wurde damit auf den Begriff der „Kriegsvölker“ angespielt, mit dem seit der Frühen Neuzeit die unterschiedlichen Kontingentstruppen gemeint waren. An keiner Schlacht der Neuzeit vor dem Ersten Weltkrieg dürften so viele Kombattanten beteiligt gewesen sein wie an der bei Leipzig. Die Teilnahme so unterschiedlicher Nationen und Volksgruppen und die Anwesenheit so vieler Monarchen (Kaiser Napoleon, Zar Alexander I. von Russland, Friedrich Wilhelm III. von Preußen, Friedrich August I. von Sachsen, Fürst Poniatowski von Polen, Kronprinz Karl Johann I. von Schweden, der ehemalige Marschall Napoleons, Graf Bernadotte) verdeutlicht, dass es sich um ein Ringen von gesamteuropäischer Tragweite handelte.

Die Schlacht tobte drei Tage lang vom 16. bis 19. Oktober 1813 und endete mit einem deutlichen Ergebnis. Nach der Schlacht von Aspern (1809) handelte es sich um die zweite Niederlage, die eine Armee unter dem persönlichen Befehl Napoleons hinnehmen musste. Die Gründe für das klare Ergebnis sind vielschichtig. Neben situativen Faktoren, beispielsweise dem zähen Kampf des Korps Yorck im Norden von Leipzig sowie dem Überlaufen der mit Napoleon verbündeten sächsischen und württembergischen Truppen, sind primär strukturelle Ursachen für die napoleonische Niederlage verantwortlich. Napoleon verfügte vor allem nach dem Desaster von 1812 über immer weniger kriegserfahrene Soldaten und musste auf schnell ausgehobene und schlecht ausgebildete Truppen zurückgreifen. Und schließlich arbeiteten die Alliierten erstmals durch eine abgestimmte Operationsplanung konsequent zusammen und erreichten so die für den Sieg entscheidende Kräftemassierung. Am Ende der Schlacht konnten die Franzosen und ihre Verbündeten beim überhasteten Rückzug zwar noch 150.000 Mann aus Leipzig herausführen. Doch die personellen Verluste des geschwächten Frankreich waren bereits so hoch, dass sich Napoleon von dieser Niederlage nicht mehr erholen sollte. Auch mit Blick auf die Verluste nimmt Leipzig unter den Schlachten der Neuzeit eine Ausnahmestellung ein. Annähernd 100.000 Tote und Verwundete bedeckten das Schlachtfeld – dreimal so viele Menschen, wie die Stadt Leipzig an Einwohnern zählte. Jeder fünfte Teilnehmer der Schlacht hatte sein Leben verloren.

Die militärischen und politischen Folgen der Schlacht waren immens. Mit der Niederlage bei Leipzig löste sich der Rheinbund auf, die französische Herrschaft in Mitteleuropa fand ihr Ende und führte auf einem direkten Weg am 31. März 1814 zur Kapitulation von Paris und kurz darauf zur Abdankung Napoleons am 6. April. Spekulationen über das „Was wäre wenn“ sind eigentlich nicht Sache des Historikers. Dennoch sei die Frage erlaubt, ob angesichts der unterschiedlichen politischen Ziele der Alliierten bei einem deutlichen napoleonischen Sieg bei Leipzig die Tür für Verhandlungen nicht weit aufgestoßen worden wäre.

Die militärische und mehr noch politische Tragweite der Entscheidung vor Leipzig wurde den meisten Zeitgenossen rasch klar. Die Niederlage der napoleonischen Truppen wurde von einem Großteil der deutschen Bevölkerung enthusiastisch aufgenommen. Vor allem außerhalb des Rheinbunds galt die „Franzosenzeit“ vielen Menschen als eine Phase wirtschaftlicher Stagnation und nationaler Erniedrigung. Die Begeisterung für die Niederlage Napoleons ist auch kulturgeschichtlich greifbar und reicht von zeitgenössischen Karikaturen, Volksliedern und Volksdichtungen bis zu Beethovens im Dezember 1813 uraufgeführter und stürmisch gefeierter Komposition „Wellingtons Sieg“ (op.91), einer Reminiszenz an den britischen Sieg bei Vitoria.

In Leipzig und Umgebung waren die unmittelbaren Auswirkungen der Schlacht noch lange zu spüren. Nicht nur die Soldaten, auch die Stadt und ihre Einwohner waren durch die Kampfhandlungen erheblich in Mitleidenschaft gezogen worden. In den notdürftig eingerichteten Lazaretten der Stadt ging das Siechen und Sterben noch wochenlang weiter. Erst im Frühjahr 1814 konnten die letzten Gefallenen und Pferdekadaver beerdigt werden.

Deutungen

Die Dimensionen und die langfristigen Folgen der Schlacht bildeten den Nährboden einer lebendigen Erinnerungskultur, die weit über den lokalen Raum hinaus reichte. Der Terminus „Völkerschlacht“ setzte sich nicht zuletzt deshalb durch, weil er neben der offensichtlichen numerischen Dimension der „Kriegsvölker“ eine semantische Erweiterung zuließ, nämlich hinsichtlich der um nationale Emanzipation ringenden „Völker“ Europas. In diesem Sinne konnte die „Völkerschlacht“ als Kulminationspunkt eines „Freiheitskriegs“ gedeutet werden, der mehr war als eine reine Erhebung der Fürsten und ihrer Untertanen gegen die französische Fremdherrschaft: „Das Bild eines Volkes in Waffen, das mit religiöser Intensität für die Freiheit der Nation focht, verdichtete sich in den Köpfen und Herzen der Menschen, und die Völkerschlacht wurde zum Ausgangspunkt einer Sakralisierung des Militärischen.“

Die große Zahl der Beteiligten, die sichtbare Wirkungsmächtigkeit der Schlacht und ihre transzendente Deutungsvielfalt bildeten das Amalgam, das die „Völkerschlacht“ beinahe über Nacht zu einem nationalen Erinnerungsort werden ließ. Die militärisch eher nachgeordnete Rolle der Freiwilligenverbände und Freikorps, namentlich der „Lützower Jäger“, wurde zur Geburtsstunde des deutschen Nationalbewusstseins aufgewertet. Das deutsche Bürgertum konstruierte damit eine Führungsrolle bei der Beseitigung der napoleonischen Fremdherrschaft und glaubte so einen moralischen Anspruch auf verfassungsmäßige Rechte ableiten zu können. In dieser rückwärts-gewandten Deutung verschwammen die Grenzen zwischen Truppe und Landwehr beziehungsweise Freiwilligenverbänden genauso wie die zwischen den Heeren der verschiedenen deutschen Staaten und beförderten das verklärte Bild einer „Nationaltruppe“. Die „Völkerschlacht“ bildete mit ihrer Vieldeutigkeit den idealen historischen Ort, um die Sehnsucht nach nationaler Einheit und Stärke und die Rückbindung dieser Werte an den Mythos vom »Volk in Waffen« wirkungsmächtig in Szene zu setzen.

Der Text ist – mit freundlicher Genehmigung von Autor und Verlag – ein Auszug aus einem Essay im Begleitband zur Dresdner Ausstellung „Blutige Romantik. 200 Jahre Befreiungskriege“.


Sonderausstellung:
Geburtsstunde der Nation
Im Jahr 1813 gipfelten die Befreiungskriege gegen Napoleon in dem Sieg der antifranzösischen Koalition in der Leipziger Völkerschlacht. Die napoleonische „Grande Armée“ wurde zum Rückzug aus Deutschland gezwungen, Napoleons deutsche Verbündete wechselten die Fronten. Die Sonderausstellung lässt anhand von über 500 Exponaten die dramatische und gewaltgeprägte Epoche noch einmal lebendig werden.

Katalog: Blutige Romantik. 200 Jahre Befreiungskriege
Militärhistorisches Museum der Bundeswehr
Vom 6. September 2013 bis 16. Februar 2014 in Dresden.
Der zweibändige Begleitkatalog ist im Sandstein-Verlag erschienen.
ISBN 3-95498-035-5
38,00 Euro
www.mhmbw.de

Erschienen in Rotary Magazin 10/2013

Matthias Rogg
Oberst Prof. Dr. Matthias Rogg ist Direktor des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr in Dresden sowie  Professor an der Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr in Hamburg. Er ist Mitherausgeber der beiden Katalogbände zur Ausstellung „Blutige Romantik. 200 Jahre Befreiungskriege“ (Sandstein Verlag 2013).  www.mhmbw.de

Rotary Magazin 12/2016

Rotary Magazin Heft 12/2016

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