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Kassel

Traditionelles Ungarn-Stipendium:
Mit Rotary zu den Wurzeln

Kassel - Traditionelles Ungarn-Stipendium: <br/>Mit Rotary zu den Wurzeln
Die ungarische Stipendiatin Gerda Meyer vor ihrem Wohnheim, dem Collegium Philippinum im ehemaligen  Marstallgebäude des Landgrafenschlosses in Marburg © Gerda Meyer (2)

Der RC Kassel hat ein seit 1607 vergebenes landgräfliches Stipendium wiederbelebt.

Christian Kaiser31.07.2017

In den aktuellen Debatten über Verfassung und Zukunft Europas gerät häufig in Vergessenheit, wie weit entwickelt die übernationalen Verbindungen in vergangenen Jahrhunderten bereits waren.

So wurden bereits im Mittelalter und der Frühen Neuzeit Verknüpfungen dynastischer, religiöser, kultureller und wissenschaftlicher Art aufgebaut, die bis heute fortwirken. Die Wiedererstarkung von Nationalismen in Europa ist dagegen nur ein (hoffentlich) vorübergehendes Phänomen.

Für Hessen und Thüringen stellt die Heilige Elisabeth das erste und bis heute unvergessene Bindeglied nach Ungarn dar. Bereits im Jahr 1211 kam die ungarische Königstochter Elisabeth, vierjährig, an den Eisenacher Hof, wo sie später Landgraf Ludwig IV. vermählt wurde. Nach dessen frühem Tod lebte sie in Marburg, wo die Elisabethkirche zu ihren Ehren errichtet wurde.

Landgraf Philipp der Großmütige (1518-1567) war einer der wichtigsten Fürsten der Reformationszeit. Bei seinen in die Zukunft weisenden Erneuerungen und Gründungen bezog er sich stets auf seine Vorfahrin Elisabeth. Beispielhaft zu nennen sind hier die Gründung der Universität Marburg 1527 und die im selben Jahr von ihm unterzeichnete Urkunde zur Einrichtung der Hessischen Stipendiatenanstalt in seinem Marburger Schloss.

Auch darüber hinaus wurden die Verbindungen nach Ungarn von Hessen aus weiter gepflegt. So auch im 17. Jahrhundert, als Landgraf Moritz der Gelehrte zur reformierten Seite des evangelischen Glaubens überwechselte – und dann die reformierten Gemeinden in Ungarn unterstützte.

Auch Moritz sah sich in der Nachfolge Elisabeths, lernte ungarisch und berief mit Albert Szenczi Molnár (1574-1633) einen bedeutenden ungarischen Gelehrten an die Marburger Universität. Allein zwischen 1607 und 1620 kamen 43 ungarische Studenten dorthin, nicht zuletzt zum Studium der Theologie. Auch danach wurden die ungarischen Stipendiaten vom hessischen Landgrafenhaus regelmäßig unterstützt - bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs.

Nach der Wende – Neuauflage des Stipendiums

Die politische Wende in Europa erlaubte es mit Beendigung des Ost-West-Konfliktes, alte Verbindungen wieder zu beleben und neue Kontakte zu knüpfen. So wurde im Jahr 1997 die offizielle Freundschaft zwischen dem RC Kassel und dem RC Budapest-Duna begründet.

Bald darauf richtete der RC Kassel im Gefolge der landgräflichen Tradition ein Jahres-Stipendium an der Marburger Philipps-Universität ein. Initiatoren waren die Clubmitglieder Karl-Hermann Wegner als Historiker und Ernst Wittekindt als Theologe.

Die Unterbringung der Stipendiaten erfolgt - traditionsgemäß -  im Collegium Philippinum, der Hessischen Stipendiatenanstalt im Marburger Landgrafenschloss. Der Vorschlag zur Aufnahme in diesen exklusiven Kreis erfolgt auf Vorschlag des Kirchenkreises Kassel. Alle Kosten und ein Taschengeld übernimmt der RC Kassel aus seinem jährlichen Spendenaufkommen.

Bis heute ist diese Förderung fünfzehn Studenten und Studentinnen zugute gekommen. Alle haben sich aktiv in die Gemeinschaft im selbstverwalteten Collegium Philippinum eingebracht.

Von Beginn an gab es bei diesem Stipendium keine Bindung an bestimmte Studienfächer. So sind unter anderem neben Wirtschaftswissenschaften (5) auch protestantische Theologie (1), Jura (1), Zahnmedizin (1) und deutsche Literaturwissenschaften (4) vertreten.  

Die Stipendiaten werden zu allen besonderen Veranstaltungen des Clubs nach Kassel eingeladen. Zu Beginn ihrer Zeit in Marburg stellen sie sich dem Club in Kassel vor und geben am Ende einen ausführlichen Bericht.

Ein Rotarier sorgt darüber hinaus für „Familienanschluss“. So können die Stipendiaten jederzeit bei ihm in Kassel in Vollpension wohnen. Er unternimmt mit ihnen Ausflüge – zum Kennenlernen von Kassel und darüber hinaus.

Gegenwart

Die gegenwärtige Stipendiatin, Gerda Meyer, schwärmte in ihrem Bericht vor den Rotariern von ihrer Zeit in Marburg: „So vielfältige Leute, eine so ausgezeichnete Köchin und eine so atemberaubende Aussicht wie vom Schloss gibt es nirgendwo! Im Collegium Philippinum lebe ich zusammen mit 40 Mitstudenten. Man kann sich hier einfach nicht langweilen: Sport, Musik, Kochen...hier kann man alles ausprobieren, wozu man Lust hat. So ist es auch mit mir passiert: Ich sang im Chor, spielte Speedball, backte Plätzchen, bastelte Geschenke zu Weihnachten, arbeitete im Garten.

Als Fazit würde ich sagen, dass ich nach Marburg kam, um im Rahmen meines Masterstudiengangs Lehramt mein Deutsch zu verbessern. Aber ich bekam viel mehr - neue Freunde, Lebenserfahrung und eine neue Kultur. Ich bin sehr dankbar für diese unvergessliche Möglichkeit!“

Wie wunderbar sie in dieser Zeit Deutsch erlernt hat, ist für alle deutlich hörbar. Zudem berichtete Gerda von der Erweiterung ihres Fachwissens - gerade auch in der Erwachsenenbildung, in der sie an ihrer Heimatuniversität in Budapest nach ihrer Rückkehr tätig sein wird.

Nach diesem charmanten Bericht wurde den Kasseler Rotariern wieder einmal klar, dass diese über vierhundert Jahre alte Tradition „von vorgestern“ auch heute noch ihren ganz besonderen Sinn hat und dass die Spendengelder hier bestens angelegt sind.

Christian Kaiser

Christian Kaiser wurde 1942 in Hessen geboren, machte Abitur in Hanau. Studium der Agrarwissenschaften in Göttingen und Bonn mit Promotion. Pächter der Hessischen Staatsdomäne Kinzigheimerhof bis 2004. Öbuv. Sachverständiger. Verheiratet, zwei Kinder. Seit 1981 im RC Hanau. Präsident 1999/2000, PHF+3 und Distriktberichterstatter für D 1820.