Präsenzpflicht - »Feste Rotary-Insel als Privileg«

29.02.2012

Präsenzpflicht

»Feste Rotary-Insel als Privileg«

Matthias Schütt

Rotary und die Präsenzen?– das ist immer wieder Gesprächsthema. Aber ist die Präsenzkontrolle überhaupt noch zeitgemäß? Oder sollte man sie nicht abschaffen? Tatsächlich gibt es erste Überlegungen in diese Richtung

Wenn Sie einen Kandidaten für Ihren Club verschrecken wollen, genügt ein kurzes Zitat aus der verbindlichen Clubverfassung von Rotary International: „Ein Mitglied, das vier aufeinanderfolgende Zusammenkünfte nicht besucht oder nachholt, wird vom Vorstand darüber in Kenntnis gesetzt, dass seine Nichtteilnahme an den Zusammenkünften Anlass zu Überlegungen gibt, seine Mitgliedschaft zu beenden?…“.

So streng sind die Regeln bei Rotary – aber gemach: nur auf dem Papier. Die rigide Vierer-Regel, die bis 2001 sogar den automatischen Rausschmiss vorsah und 1933 dem RC München als willkommener Vorwand diente, um Thomas Mann loszuwerden, schreckt heute niemanden mehr. Das liegt daran, dass die Präsenzregeln vom Council on Legislation mehrfach entschärft wurden. Obwohl als Sollbestimmung immer noch gilt, dass jedes Mitglied an jedem Meeting teilnimmt, wird heute nur noch eine Teilnahmequote von 50 Prozent vorausgesetzt.

Warum Rotary sein Alleinstellungsmerkmal der wöchentlichen Präsenzpflicht aufgeweicht hat, erklärt sich aus den gesellschaftlichen Entwicklungen im 20. Jahrhundert. Solange der Mitgliederstamm eines Clubs sich im Wesentlichen auf eine lokale Honoratiorenschicht beschränkte, die sich an einem festen Tag zur Mittagszeit an einem zentralen Ort zusammenfand, war die regelmäßige Anwesenheit durchaus machbar. In dem Maße, in dem Rotary sich ausbreitete und neue Mitgliederschichten erschloss, sich andererseits aber die Lebensgewohnheiten und sozialen Beziehungen zum Beispiel innerhalb der Familien änderten, war dieser Idealzustand nicht mehr zu halten. Eine feste Rotary-Insel von anderthalb Stunden einmal wöchentlich zur Mittagszeit oder auch abends erscheint heute als unerhörtes Privileg in einer Gesellschaft, in der Flexibilität sowie ständige Erreichbar- und Verfügbarkeit vorausgesetzt werden. Unter diesen Belastungen sind 50 Prozent Rotary-Präsenz kaum weniger wert als 100 Prozent in der guten alten Zeit.

 

Theorie und Praxis nicht immer vereinbar

So weit die Theorie. Die Praxis zeigt jedoch, dass selbst diese 50 Prozent problematisch sind. Als Beleg dient eine kleine Stichprobe in einer beliebigen Stadt (Berlin), in einem beliebigen Zeitraum (September 2011): Von den 25 Clubs in der Hauptstadt erreichten in den durchschnittlich vier Meetings dieses Monats 16 Clubs nicht ein einziges Mal die 50 Prozent, vier weitere Clubs nur einmal. Einzelne Clubs lagen bei allen Meetings unter 30 Prozent. Der höchste überhaupt ermittelte Wert war 70,4 Prozent. Die Durchschnittspräsenz aller Clubs im beobachteten Zeitraum dürfte deutlich unter 40 Prozent liegen. Dazu passt folgende Einschätzung aus einem Berliner Wochenbericht vom Januar: „Der angekündigte Vortrag unserer Freundin NN schien alle Rekorde zu brechen; so voll war unser Veranstaltungsraum noch nie!“ Der ermittelte Präsenzwert dieses Meetings: 40,8 Prozent.

Die Stichprobe ist natürlich nicht repräsentativ, zeigt aber eine interessante Tendenz: Für eine größer werdende Zahl von Mitgliedern ist das wöchentliche Meeting offensichtlich nicht attraktiv genug bzw. sehen sie in ihm nicht mehr den Wesenskern der Mitgliedschaft. Aus dem Fernbleiben einfach auf Desinteresse zu schließen, greift jedenfalls zu kurz, wie die Umfrage des RC Rastatt-Baden-Baden belegt (s. Seite 10). Wir haben es also nicht unbedingt mit sogenannten Karteileichen zu tun als vielmehr mit Freundinnen und Freunden, die sich auf andere Weise bei Rotary einbringen und darin ihre Erfüllung finden. Wer das spontan für unrotarisch hält, sollte einfach den Umkehrschluss ziehen: Ist, wer eine vorbildliche Präsenz aufweist, schon deswegen ein guter Rotarier, auch wenn er sich anderweitig nicht einbringt?

Zum Wert der Präsenz gibt es eine eher konservative Haltung, die der Rotary Coordinator für die deutschen Clubs, Past-Gov. Claus-Michael Pautzke (RC Bad Reichenhall-Berchtesgaden), vertritt: Er betont, dass die Anwesenheit beim Meeting immer noch der entscheidende Erfolgsfaktor für Rotary ist. Zumindest in Deutschland, wo die Freundschaft der Mitglieder besonderen Stellenwert genießt: „Mit einem leeren Stuhl kann man keine Freundschaft schließen – dieser alte Spruch ist nach wie vor gültig“, betont Pautzke. „Freundschaft entwickelt sich im persönlichen Zusammentreffen; wer die Begegnung nicht pflegt, bleibt davon ausgeschlossen. Im Übrigen bin ich davon überzeugt, dass 50 Prozent der Treffen auch für hochbelastete Manager machbar sind. Zumal es viele Möglichkeiten gibt, verpasste Meetings durch Auswärtsbesuche oder in E-Clubs auszugleichen.“ Pautzke verweist darauf, dass die Präsenz­erleichterungen eine Maßnahme von RI waren, um den Mitgliederschwund vor allem in den USA zu stoppen. Mit zweifelhaftem Erfolg, denn seiner Meinung nach entwickelt erst die gewachsene Freundschaft den Bindekitt, der die Mitglieder im Club hält. Während in den USA und anderen Ländern „Retention“ (die Erhaltung des Mitgliederstamms) eines der akuten Rotary-Probleme darstellt, sind bei uns die Zahlen in den bestehenden Clubs dauerhaft stabil. Für die weitaus meisten Rotarier in Deutschland ist der Eintritt in den Club eine Entscheidung fürs Leben.

In eine ganz andere Richtung diskutiert das von Rotary International eingesetzte Strategic Planning Committee, das sich Gedanken um die zukünftige Entwicklung Rotarys macht. Past-Direktor RI Ekkehart Pandel (RC Bückeburg) hat die Arbeit des Committees aus nächster Nähe beobachten können und berichtet von einer geradezu revolutionären Idee: „Dort wird tatsächlich diskutiert, ob man die Präsenzpflicht nicht völlig aufgibt und das Engagement des Mitglieds in den Mittelpunkt stellt. Das liegt ganz in der Logik des Strategischen Plans, der auf den Ausbau des humanitären Dienstes zielt und dafür auf aktive Mitarbeit setzt. Formale Präsenzfragen sind da eher hinderlich.“ Dem kann RI-Direktor nominee Holger Knaack (RC Herzogtum Lauenburg-Mölln) nur beipflichten: „Man sollte dazu übergehen, den guten Rotarier an seinen Aktivitäten zu messen, nicht an einer Pflichterfüllung.“

Andererseits ist Rotary keine humanitäre Organisation, sondern ein Serviceclub, dessen gemeinnützige Leistungen erst dadurch möglich werden, dass die Mitglieder sich in einem ständigen Diskurs über die Clubziele austauschen. Doch dazu müssen sie erst einmal die Entscheidung treffen, zum Meeting zu gehen. Weil das auch die Rotary-Strategen wissen, lädt RI zu Pilotprojekten ein wie „Innovation & Flexibilität“ (2011–2014), bei denen Clubs weitgehend frei ihre Zusammenkünfte planen dürfen, um sie attraktiver zu machen. Dazu dürfen alle Regeln außer Kraft gesetzt werden – bis auf die Gebührenordnung. So berichtet Rina Edwards vom RC De Aar in Südafrika, dass ihr Club fast an Auszehrung eingegangen wäre, bis die Präsenzanforderung auf zwei Treffen pro Monat reduziert wurde. Seither konnten mehrere neue Mitglieder hinzugewonnen werden. Ernst Schön, Präsident des Pilotclubs RC Weinheim, hat einen ganzen Strauß an „Innovationen“ erprobt: herausragende Vorträge, Einbeziehung der Partnerinnen in reguläre Meetings ohne spezielle Einladung, zusätzliche Veranstaltungen, vereinfachte Aufnahmeverfahren und die Freiheit, auch mal ein Meeting ausfallen zu lassen. Gov. elect Herbert Ederer, der in seinem RC Weiz (Distrikt 1910) keine Präsenzprobleme kennt – „ein Drittel hat hundert Prozent, drei Viertel über 50 Prozent“ – fügt noch einen besonderen Aspekt hinzu, die Führungsqualitäten: „Wir müssen wegkommen von der ‚One-Man-Show’ zu einem echten Teamverständnis. Der Präsident muss initiieren, motivieren und delegieren. Wenn die Rotarier merken, hier passiert was, dann ziehen sie auch mit.“ Sonderveranstaltungen (auch clubübergreifende), Einbindung der Familien, attraktive Vorträge – diese Stichworte fallen immer wieder. Past-Gov. Klaus Kühn (RC Clausthal-Zellerfeld) hat besonders junge Mitglieder im Auge, wenn er darauf hinweist, dass nicht jedes Meeting mit einem Drei-Gänge-Menü verbunden sein muss. Das ist für manchen jungen Familienvater schlicht zu teuer. Um solchen Hindernissen vorzubeugen, gelte es, „eine gewisse Geschmeidigkeit zu entwickeln, wie wir individuellen Problemlagen gerecht werden“, so seine Empfehlung.

Für rege Teilnahme Qualitätim Meeting liefern

Die Präsenz, das ist nach diesen Gesprächen offensichtlich, behält ihre Berechtigung: Sie spiegelt zuverlässig, ob ein Club seine Mitglieder wirklich anspricht, einbinden und motivieren kann. Scott Mills vom RC Ashburn im US-Bundesstaat Virginia fasst die Voraussetzungen noch einmal prägnant zusammen: „Die Präsenz wird dann hoch sein, wenn wir Qualität im Meeting liefern: gute Vorträge, gutes Preis-Leistungs-Verhältnis der Mahlzeiten, Gelegenheit zum Plaudern und Networking und natürlich gute Serviceprojekte?… Einem 28-Jährigen, der nichts über Rotary weiß, zu erzählen, er müsse die nächsten 2500 Wochen ein Rotary-Meeting vormerken, eine Zeitspanne, die länger ist als das Lebensalter seiner Eltern, dürfte kaum zum Erfolg führen. Aber wenn Sie ihm sagen, dass Programm und Begegnungen im Club so gut waren, dass Sie selbst kein Meeting in den letzten 50 Jahren verpasst haben, schafft das einen ganz anderen Eindruck.“

Erschienen in Rotary Magazin 3/2012

Matthias Schütt

Matthias Schütt ist selbständiger Journalist und Lektor. Von 1994 bis 2008 war er Mitglied der Redaktion des Rotary Magazins, die letzten sieben Jahre als verantwortlicher Redakteur. Seither ist er rotarischer Korrespondent des Rotary Magazins und seit 2006 außerdem Distriktberichterstatter für den Distrikt 1940.

 

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