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Im Fokus: Mitglieder gewinnen

Chancen durch Umdenken

Im Fokus: Mitglieder gewinnen - Chancen durch Umdenken
Zwanglose Treffen im privaten Umfeld stärken das Miteinander im Club. © Illuteam/Birte Wagner (3)

Neue Mitglieder für einen Rotary Club zu finden ist nicht einfach, und sie zu halten schon gar nicht. Dabei gibt es ­durchaus Ideen, auch junge Leute zu begeistern. Voraussetzung: eingefahrene Wege verlassen

Matthias Schütt01.07.2019

Die Idee ist so verblüffend, dass der Reporter noch einmal nachfragen muss: Wie versuchen Sie im Westen Kanadas junge Mitglieder zu gewinnen? Collin Georget, der neue Präsident des RC Stettler in der Provinz Alberta wiederholt: „Einer unserer Nachbarclubs hat einem jungen Mann 1000 Dollar aus der Clubkasse als Einstiegsprämie für ein Projekt angeboten, für das der brennt. Würden wir auch machen. Und wenn es passt, übernehmen wir das als Clubprojekt.“

Einfallsreichtum
Auf einer Rotary Convention wie in Hamburg kann man die schillerndsten Typen treffen. Georget würde in der Menge allerdings kaum auffallen. Ein mittelalter weißer Gentleman, Banker von Beruf, aus einer Kleinstadt in der Prärie. Was er aber erzählt, klingt für deutsche Ohren dann doch ziemlich schillernd: „Unser Club ist fast 100 Jahre alt, fand aber keine Mitglieder mehr. Da mussten wir uns etwas einfallen lassen. Die jüngsten Mitglieder sind ehemalige Austauschschüler und knapp über 20 Jahre alt. Um sie oder auch Rentner aufzunehmen, haben wir die Klassifikationsregel außer Kraft gesetzt.“

So viel Einfallsreichtum scheint bei uns unvorstellbar – doch auch in deutschen und österreichischen Clubs sind Ideen gefragt, wie Rotary jüngere Mitglieder gewinnt. Im Mai-Heft hatten wir darüber berichtet, dass die Wachstumszahlen teilweise dramatisch einbrechen („Warum Freunde Rotary verlassen“). Zur Erinnerung eine Zahl aus dem Interview mit Rotary Coordinator Jörg Goll: „Circa ein Drittel unserer über 1000 Clubs hat heute gleich viele oder weniger Mitglieder als vor fünf Jahren.“

Stark gefragt sind daher Strategien, um die Nachfrage nach Mitgliedschaft zu stimulieren. Das allerdings ist von zwei großen Problemen das kleinere, wie erfahrene Rotarier wissen – im Vergleich zur ungleich schwierigeren Herausforderung, die neuen Mitglieder auf Dauer im Club zu halten.

Keine feste Regel
Denkanstöße dazu gab es in Hamburg viele. Rund 20 der Breakout-Sessions befassten sich mit der Clubentwicklung rund um die grundsätzliche Frage, wie man die Idee des Serviceclubs in die Zukunft rettet. Wo doch die Anzahl derjenigen immer größer wird, die sich eine Kommunikation ohne digitale Hilfsmittel nicht mehr vorstellen können.
Doch Facebook & Co. sind nicht das Ende des Clubs, sondern wohl eher ein Stimulanz, um die Generation der Mil­lennials (geboren zwischen 1980 und 2000) für Rotary zu interessieren. Das Problem wird sein, wie sich traditionelle Strukturen und digitale Kommunikationswelt vereinbaren lassen. Wer das kategorisch ablehnt, wird sich sagen lassen müssen, dass es keine Regeln gibt, die in Stein gemeißelt sind. Gerne zitiert wird Rotary-Gründer Paul Harris höchstpersönlich, der schon 1935 forderte: „Die Welt ist im Wandel. Wir müssen bereit sein, uns mit ihr zu ändern. Die Geschichte von Rotary wird immer wieder neu geschrieben werden müssen.“

Diesem Geist folgt Rotarys Gesetzgebender Rat, der Council on Legislation, der in den vergangenen Jahren schon manche früher strenge Regelung aufgeweicht hat, die Präsenzerwartung etwa, die Meeting-Frequenz und auch die Clubform. So gibt es seit einigen Jahren die Möglichkeit, unter dem Dach eines bestehenden Clubs einen Satellitenclub zu gründen, der einen lockeren Einstieg in die rotarische Gemeinschaft ermöglicht.

„Der Kerngedanke ist praktisch eine Mischung aus Tradition und Rotaract“, fasst Past-Gov. Erhard Mielenhausen zusammen. Der ehemalige Hochschulpräsident hat in seinem RC Osnabrück-Süd vor vier Jahren einen solchen Satelliten aufgebaut. Das Experiment gelang überzeugend: Von den 24 Interessenten am Anfang sind noch 20 dabei und sieben neue dazugekommen. Inzwischen ist der Club als „echter“ RC Osnabrück-Friedensreiter etabliert. Trotz beruflicher und familiärer Aufbauphase – „in den vier Jahren konnten wir acht rotarische Babys begrüßen“ – sind die Mitglieder über viele Aktivitäten zusammengewachsen. Zwar hat sich die Hoffnung des Initiators zerschlagen, den Satellitenclub in den eigenen Club zu integrieren, trotzdem profitiert auch der Patenclub: „Das erhoffte Wachrütteln hat gefruchtet. Der RC Osnabrück-Süd kümmert sich jetzt selbst offensiv um jüngere Mitglieder“, so Mielenhausen.

Alternative Modelle

Ein anderes Modell, das Traditionalisten auf den ersten Blick schockiert, verfolgt der RC Schweinfurt-Friedrich Rückert: Dort sind von 29 Clubmitgliedern 20 als Ehepaare oder Lebenspartner miteinander verbunden. Auch dieses Modell funktioniert, inzwischen schon mit einem ähnlich gestrickten Patenclub. Für Präsidentin Christina Feyh und ihren Mann – beide sind berufstätig und haben zwei kleine Kinder – wäre ein traditioneller Club nicht infrage gekommen.

Neue Ideen in neuen Clubs unterzubringen, das klingt einfach. Doch auch traditionsreiche Rotary Clubs stehen vor der Frage, wie sie frisches Blut erhalten. Das wird mitunter zu einer Frage von Leben oder Tod. Wie groß aber ist die Anpassungsbereitschaft älterer Rotarier an die Lebenswirklichkeit von Leuten, die eine oder gar zwei Generationen jünger sind? Fundamental gegensätzliche Einstellungen prallen aufeinander.

Systematische Analyse
Im Distrikt 1830 hat man sich dem Problem systematisch genähert – mit einer grundlegenden Analyse der Stärken, Schwächen und Herausforderungen, die über mehrere Jahre fortgeschrieben werden soll. Ausgangspunkt ist die Feststellung, dass jeder Club verschieden ist und es deshalb keine Patentlösungen geben kann. Das schließt kritische Fragen aber nicht aus, etwa wie man mit neuen Meeting-Formaten umgeht. Dazu stellte Governor Jan Wagner auf seiner Distriktkonferenz die rhetorische Frage, ob sich die Pensionäre in den Clubs in dieser Diskussion nicht zurückhalten sollten. Will sagen: Rotary ist grundsätzlich eine Vereinigung berufstätiger Menschen. Ihre Bedürfnisse, etwa die Möglichkeit, auch per Skype an Meetings teilzunehmen, sollten in den Mittelpunkt rücken.

Wagner hat es ganz vorsichtig formuliert, weil er weiß, dass er damit eine starke Gruppe aufscheucht. Das ändert aber nichts daran, dass die Frage legitim ist. Unterstützung kommt von Past-Governor Frank Sonntag, der sich im Distrikt 1890 um Mitgliedschaftsfragen kümmert und das „Positionsdenken“ als lähmendes Hindernis benennt. „Gerade in Großstädten warten die Clubs nach wie vor auf Generaldirektoren und Chefärzte. Die Zielgruppe ist aber begrenzt, zumal in Hamburg über 20 Clubs Nachwuchs suchen.“ Er hält dagegen Rotaract und Interact für wichtige Ansätze und freut sich, dass er in seinem Governorjahr immerhin fünf Rotaracter bei Rotary unterbringen konnte. Als Distriktbeauftragter erhält er von Evanston die Meldungen, wenn sich dort Interessenten aus dem Distriktgebiet melden – „seit der Convention sind bereits 23 Anfragen eingegangen“, so die Zwischenbilanz.

Das zeigt, dass Serviceclubs attraktiv sein können, wenn denn die Außendarstellung überzeugt. Doch ach: Trotz Vorklärung durch den erfahrenen Rotarier sind die Clubs zurückhaltend, diese Kontakte auch zu nutzen. „Im vergangenen Jahr waren von zehn geeigneten Anfragen gerade mal drei erfolgreich.“

Ganz frisch im Amt ist Marianne Bros­ka als Nachfolgerin von Jörg Goll als Rotary Coordinator und Mitgliedschaftsbeauftragte im Deutschen Governorrat. Sie sieht ebenfalls die entspannte Aufgeschlossenheit der Clubmitglieder als Dreh- und Angelpunkt. „Der größte Fehler, den wir machen, ist Anpassungsbereitschaft von den Neuen zu erwarten. Wir sollten sie vielmehr gleich einbinden, am besten schnell in ein Amt wählen. Und ihre Ideen nicht gleich abschmettern.“ Als abschreckendes Beispiel steht ihr noch immer die gescheiterte Feier in Köln zum 100. Jubiläum der Rotary Foundation vor Augen. Damals sollte ein Flashmob auf der Domplatte ein junges, kreatives Rotary vorstellen, als Imagewerbung aller Kölner Clubs mitten in der Metropole. Die gute Idee ist gescheitert, weil das „rotarische Trägheitsmoment“ stärker war, wie der Ideengeber Wilfred Leven enttäuscht feststellen musste (Rotary Magazin 9/2017).

Beschleunigtes Aufnahmeverfahren
Offensichtlich ist die Not nicht überall so groß, wie es scheint. Wo sie es jedoch ist, muss sofort und konsequent gehandelt werden, soll nicht der Letzte das Licht ausmachen. In der Geschichte des RC Mönchengladbach-Niers finden wir viele der Punkte, die auf eine Checkliste für Krisenclubs gehören. Der 52 Jahre alte Club hat seine Krise gemeistert, nachdem vor fünf Jahren ein Dissens zur plötzlichen Abspaltung eines neuen Clubs geführt hatte. 23 zumeist ältere Mitglieder blieben übrig. Was tun?

Flexible Projektarbeit erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass mehr Clubfreunde mitmachen.

Altpräsident Dietmar Löhrl übernahm noch einmal Verantwortung und bildete einen Rumpfvorstand mit vier Freunden; das Programm wurde zum Notprogramm, mit Gastvorträgen aus anderen Clubs. „Dann haben wir systematisch mit allen zur Verfügung stehenden Kontakten die Klassifikationen aufgefüllt, Ärzte, Rechtsanwälte, Architekten usw.“, erzählt Löhrl. „Früher haben wir es uns geleistet, Aufnahmeverfahren ein oder zwei Jahre laufen zu lassen, jetzt ging es schneller. Wir haben dabei gezielt junge Leute angesprochen, die dann ihre eigenen Freunde mitgebracht haben. Das war wie eine Lawine. 20 Neuaufnahmen im ersten Jahr. Inzwischen sind wir der jüngste Club der Stadt“, freut sich Löhrl.

Die entscheidenden Schritte erfolgten indes danach: „Es wurden viele private Treffen, etwa beim Bier im Garten, organisiert, wo man sich schnell näherkam. Alle wurden einbezogen. Im Meeting brachte eine neue Tischordnung immer gemischte Gruppen zusammen. Dazu Ego-Berichte der Neuen, aber auch der Alten. Das ist herausragend angekommen“, so Löhrl. Ein Meeting wurde auf den Abend verlegt, dazu kamen neue Veranstaltungen wie ein Benefizlauf.

Die privaten Kontakte wurden der Kitt, der den Club zusammenfügt. „Es geht nichts über eine persönliche Ansprache“, so Löhrl. „Bei der Ämterübergabe wurde jeder, der sich nicht angemeldet hatte, angerufen, ob er nicht doch kommen könne. Und das klappt ganz ausgezeichnet.“

Weitere Informationen lesen Sie im Text zur Mitgliedschaftsbeauftragten Marianne Broska - "Mehr Elan entwickeln" und im Interview mit Christina und Axel Feyh "Ein Club, der Paare aufnimmt".

Matthias Schütt

Matthias Schütt ist selbständiger Journalist und Lektor. Von 1994 bis 2008 war er Mitglied der Redaktion des Rotary Magazins, die letzten sieben Jahre als verantwortlicher Redakteur. Seither ist er rotarischer Korrespondent des Rotary Magazins und seit 2006 außerdem Distriktberichterstatter für den Distrikt 1940.