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Neues vom RC Bröckedde - Folge 52

Der Lindenblütentee

Neues vom RC Bröckedde - Folge 52 - Der Lindenblütentee

Alexander Hoffmann08.11.2010

Das jährliche Gänseessen des RC Bröckedde war wieder ein runder Erfolg gewesen. Erfüllt von behaglichen Gedanken, wollte Präsident Pröpcke das Restaurant verlassen, als ihn der Kellner am Ärmel zupfte.
Verlegen sagte er: „Ähem, ich habe noch ein paar Positionen offen.“
„Oh je.“
„Sieben halbe Gänse, fünf Flaschen Burgunder, neun Pils und ein Lindenblütentee.“
Pröpcke seufzte und zahlte. Er war allein auf weiter Flur, alle anderen Freunde waren schon gegangen.
In der nächsten Vorstandssitzung rätselte man über die Gründe des rotarischen Zahlungsausfalls. Kassierer Knödler verwies auf die „allgemeine Wirtschaftslage“, Dr. Krümelein meinte: „Der Rotarier an sich neigt halt zur Anarchie.“ Freund Munzinger machte ein Gerücht verantwortlich, wonach die letzte PolioPlus-Spende zum kostenlosen Verzehr zweier Gänsebeine berechtige.
Wie auch immer – vor dem nächsten Gänseessen wollte Pröpcke auf Nummer sicher gehen. Er schlug vor, dass die Freunde vorab zu zahlen hatten, inklusive einer Getränkepauschale. Doch Dr. Krümelein, ein bekennender Abstinenzler, brachte den Plan zu Fall: „Ich finanziere doch nicht den Champagner von Freund Munzinger, mir reicht mein Vittel.“
Also wurde verfahren wie gehabt, jeder Freund sollte beim Essen seine persönliche Rechnung begleichen. Das nächste Gänseessen wurde erneut ein großer Erfolg, die Leute amüsierten sich prächtig. Versonnen sah Pröpcke dem letzten Gast nach, wie er in der Dunkelheit verschwand.
Der Kellner kam und sagte: „Also, da wären noch neun Gänsebeine, vier Flaschen Burgunder und elf Pils.“
Pröpcke zückte ergeben die Brieftasche, war aber irritiert: „Irgendetwas fehlt.“
Der Kellner blickte erneut auf seinen Zettel: „Richtig – plus ein Lindenblütentee.“
Alexander Hoffmann
Alexander Hoffmann (RC Frankfurt/Main-Römer) ist korrespondierendes Mitglied des RC Bröckedde. Nach langen Jahren als politischer Redakteur bei namhaften Tageszeitungen (zuletzt „Süddeutsche Zeitung“) ist Hoffmann heute als Unternehmensberater tätig. Daneben zahlreiche Sachbuchveröffentlichungen zu den Themen Zeitgeschichte und Medizin sowie satirische Beiträge für den Rundfunk. Der erste Roman „Der Wolkenschieber“ erschien 2006.