10.11.2014

Syrien 

Im Angesicht einer Katastrophe

Karsten Malige

Der Bürgerkrieg in Syrien ist ein Dauerthema in den Zeitungen und Nachrichtensendungen. Angesichts einer immer undurchsichtigeren Lage gerät das Leid der Zivilbevölkerung zunehmend in den Hintergrund. Beobachtungen und Gedanken von Karsten Malige

Der 15. März 2011 gilt als Beginn des syrischen Konfliktes, dreieinhalb Jahre dauert der grausame Krieg nun schon. Dreieinhalb Jahre, die dazu geführt haben, dass 3.032.494 Menschen (Stand vom 21.09.2014, Quelle: UNHCR), davon 1.467.727 Kinder und Jugendliche unter 17 Jahren, ihre Heimat verlassen haben und geschätzt weitere 6.400.000 Syrer innerhalb des Landes zu Flüchtlingen geworden sind. Dreieinhalb Jahre, in denen Hunderttausende (längst wurde aufgehört zu zählen) getötet wurden, als vermisst gelten oder schlichtweg „verschwunden“ sind. Dreieinhalb Jahre, in denen Schätze jahrtausendealter Kulturen unwiederbringlich zerstört wurden, die Infrastruktur eines ganzen Landes in Schutt und Asche gelegt wurde.
All das kann man auch der allgemeinen Berichterstattung über Syrien entnehmen. Letztlich jedoch sind dies nur Auflistungen, um das Leid der Menschen irgendwie abzubilden. Begreifbar aber wird es dadurch nicht. Das wird es vielleicht erst, wenn man ins Bewusstsein rückt, welche Auswirkungen dieser Konflikt für den jeweils Einzelnen hat.


Millionen auf der Flucht

Die Hälfte des syrischen Volkes befindet sich auf der Flucht. Weit über 6 Millionen davon wabern im Land hin und her zwischen den Kampfschauplätzen und suchen vermeintlich sichere Häfen. Die Landgrenzen zu den Anrainerstaaten Türkei, Irak, Jordanien und Libanon sind zusammen mehrere tausend Kilometer lang und waren schon zu Friedenszeiten für Schmuggler kein unüberwindbares Hindernis. Illegale Ausreisen, unterstützt von skrupellosen Schleuserbanden, sind nicht nur möglich, sondern finden täglich statt; nicht immer kommen die so Ausreisenden auch wirklich außerhalb Syriens an.


Der erstaunlich hohe Anteil von Kindern und Jugendlichen (immerhin mehr als die Hälfte aller ins Ausland Geflüchteten) unter den registrierten Flüchtlingen erklärt sich daraus, dass die Eltern dieser Kinder schweren Herzens ihr Land verlassen hatten, um ihrem Nachwuchs eine Zukunftschance zu geben. Oft sind es die Gebildeten Syriens, die gerade in Deutschland privilegiert aufgenommen werden; das Land verliert dadurch mehr als nur seine Einwohner. Und oft waren diejenigen, die ins Ausland fliehen, in ihrer Heimat einigermaßen wohlhabend gewesen (was u.a. daran liegt, dass nur wer es sich finanziell leisten kann, auch tatsächlich schafft, dass Land zu verlassen). Doch in den Nachbarstaaten angekommen, hilft dieser Wohlstand wenig, denn vieles davon ist durch die Flucht aufgebraucht und schmilzt wie Eis in der Sonne durch die höheren Lebenshaltungskosten. Stranden die Flüchtlinge in der Türkei, fehlen Sprachkenntnisse, landen sie in Jordanien, dürfen sie nicht arbeiten. Alle aufnehmenden Nachbarstaaten ächzen unter der schweren Last, die dieser gewaltige Flüchtlingszustrom für ihre Gesellschaften bedeutet. Auch wenn die Menschen vor allem im Libanon, der Türkei, Jordanien und im Irak Unglaubliches leisten, um den Geflüchteten Beistand zu leisten, so kommt es doch zu Unmutsbekundungen und ersten Anfeindungen. Insgesamt hat das zur Folge, dass immer mehr Flüchtlinge verbittert wieder zurückkehren. Wissend, dass das ihren Tod bedeuten kann. Doch der Tod ist zu einem beständigen Begleiter geworden, der nur noch bedingt Angst einflößt.


Andere versuchen weiterzukommen und – legal oder illegal – andere Länder zu erreichen. Dabei gehen die Väter häufig zuerst und versuchen, irgendwo auf der Welt Arbeit zu finden in der Hoffnung, ihre Familien nachholen zu können. Nicht alle erreichen ihr Ziel – auch hier verdienen Schleuserbanden mit, indem sie beispielsweise für etliche tausend Euro LKW-Verstecke anbieten. Manche erhalten z.B. in den skandinavischen Ländern eine Aufenthaltserlaubnis und dürfen viele Monate nach der Trennung ihre Familie nachholen und zurückgewinnen. Doch ihr Land hat sie verloren. Wieder andere erreichen die Mittelmeerküste, lassen sich auf eine der griechischen Inseln schleusen oder besteigen an der nordafrikanischen Küste ein „Boot des Todes“, das sie illegal und für viel Geld nach Italien bringen soll. Oder ins nasse Grab. Sollten sie es nach Europa schaffen, bleiben sie dennoch Fremde in einem anderen Land mit einer anderen Kultur, mit einer Sprache, die sie nicht verstehen.


Auch wenn das Leid der Syrer in den letzten dreieinhalb Jahren stetig angestiegen ist und es Stimmen gibt, die sagen, die Talsohle sei noch nicht erreicht, gibt es immer wieder Belege dafür, dass die syrische Zivilgesellschaft noch lebendig ist. Es sind Geschichten von Hilfesuchenden und Helfern, die ohne großes Aufheben Hilfe leisten. Geschichten von Menschen, die in Not geraten, und von Menschen, die ihnen Beistand leisten. Beispielsweise die Geschichte von der Frau, die von einer Familie in der Nachbarschaft mit sechs Kindern erfuhr, deren Eltern verschollen sind. Die Frau, Witwe und Mutter von drei Kindern, nahm sich sofort der fremden Jungen und Mädchen an und kümmerte sich rührend um sie. Als ihr angeboten wurde, die Kinder woanders unterzubringen, lehnte sie dies ab mit der Begründung: „Wenn die Eltern wiederkommen, müssen sie doch ihre Kinder vorfinden“.

 

Freude über neues Leben

Oder die Geschichte von einem Helfer, der zuständig war für die Unterbringung und Betreuung von innersyrischen Flüchtlingsfamilien. Er hatte immer zwei Tüten mit Babysachen in seinem Auto, eine für Jungen, eine für Mädchen. Dieses Startpaket war gefüllt mit allem, was ein Neugeborenes in den ersten Tagen braucht. Wann immer eine Flüchtlingsfamilie Nachwuchs bekam, begleitete er sie ins Krankenhaus, stand weinend dabei, wenn es Probleme mit der Geburt gab und freute sich, wenn alles gut gegangen war und er das Startpaket übergeben konnte.


Die Freude über neues Leben in dieser vom Tod so geprägten Zeit ist einer der wenigen Lichtblicke im Alltag der Menschen. So beispielsweise in einer Art „Frauen-WG“, in der zumeist junge Witwen mit ihren Kindern wohnen und sich um alle Mütter mit Kindern kümmern, denen sie auf der Straße begegnen. Nie jammern sie, nie sagen sie „Wir haben keinen Platz“, immer finden sie eine Lösung und unterstützen sich gegenseitig. Einmal kam eine schwangere Frau aus einem schwer umkämpften Gebiet mit einem Kleinkind an der Hand zu ihnen und sie nahmen sie auf und kümmerten sich um sie, bis das Baby geboren wurde. Nach einigen Monaten entschloss sich die junge Mutter, zu ihrer Familie zurückzukehren. Die Frauen gaben ihr alles mit, was sie tragen konnte, denn sie wussten, dass es dort, wo die junge Mutter hingehen würde, nichts mehr gab. Und als die Frau es nach Hause geschafft hatte und sich bei ihren Helfern bedankte, waren diese nicht nur stolz auf das Erreichte – vor allem freuten sie sich darüber, dass es in diesem Ort nun neues Leben gab.


Manche Probleme werden auch einfach weggelacht: Fleisch ist eine Kostbarkeit geworden und in der Regel unerschwinglich. Trotzdem haben wir vor zwei Monaten jeder von uns betreuten Flüchtlingsfamilie ein Kilogramm Fleisch in das monatliche Lebensmittelpaket geben können. Als wir uns im Vorfeld nach Bezugsmöglichkeiten erkundigten, hieß es nur: „Wozu Fleisch? Wir Syrer sind alle Vegetarier geworden!“. Bei allem Humor war es dann jedoch traurig zu erfahren, dass die Familien, die zum Teil ein Jahr lang kein Fleisch gegessen hatten, alles auf einmal essen mussten. Sie hatten keine Möglichkeit, das Frischfleisch aufzubewahren, da es keinen Strom gab. Der fehlende Strom ist für viele ein Hauptthema geworden. Bei Gesprächen wird sofort im Anschluss an die Frage, wie es der Familie geht, nach den Energieverhältnissen gefragt. Denn ohne Strom gibt es häufig auch kein Wasser.


Die Folgen für Syrien und seine über alle Erdteile verstreute Bevölkerung sind noch nicht absehbar. Die Sorge, dass die heranwachsende Generation ausblutet, aus dem Ausland nicht mehr zurückkehrt um irgendwann einmal das Land wieder aufzubauen, ist groß. Auch die Sorge, dass das Land auseinander bricht, dass zwischen den verschiedenen Gruppierungen Syriens unauffüllbare Gräben entstanden sein könnten und Machtkämpfe religiöser oder politischer Kräfte das Land noch weiter an den Abgrund treiben, ist vorhanden.


Umso wichtiger ist es, der zivilen Gesellschaft Syriens beizustehen und Hilfe zu leisten, wo Hilfe möglich ist. Denn nur wenn diese Zivilgesellschaft stark ist und bleibt, hat das Land eine Chance auf Zukunft!

Erschienen in Rotary Magazin 10/2014

Karsten Malige
Karsten Malige (Mitglied im Rotary Club Rastatt-Baden-Baden) leitet in zweiter Generation ein Ingenieurbüro für Vermessung in Süddeutschland und betreut damit unter anderem seit 1997 archäologische Ausgrabungen in Syrien. Er ist zudem Gründungsmitglied und Vorsitzender des gemeinnützigen Vereins Syrienhilfe e.V. Homepage des Vereins Syrienhilfe e.V.

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