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Interview

RI-Präsident steht Rede und Antwort

Interview - RI-Präsident steht Rede und Antwort
© Rotary International

"Wir brauchen engagierte Freundinnen und Freunde", sagt der frisch ins Amt gekommene RI-Präsident Holger Knaack im Gespräch mit dem Magazin "Verbändereport".

Henning von Vieregge06.07.2020

Im Verbändereport für Juli 2020 heißt es über Holger Knaack:

Viele Verbandsgeschäftsführer sind Mitglied einer sogenannten Serviceorganisation, ob nun bei Rotary, Lions und so weiter. Aber der Blick geht selten über die örtliche Clubebene hinaus, sieht man von der Beteiligung an international aufgestellten Hilfsprojekten ab. Deswegen wollten wir es genauer wissen. Und Covid-19 machte es möglich: Der erste deutsche Weltpräsident von Rotary, Holger Knaack, sitzt in diesen Tagen nicht in seinem Büro im Headquarter der Organisation in Evanston, USA, und ist auch nicht in einem der 220 Länder unterwegs, in denen es Clubs gibt. Er steckt fest im heimischen Ratzeburg und hält den Kontakt online. Und er nahm sich die Zeit für ein ausführliches Online-Interview mit Henning von Vieregge.

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Verbändereport: Beginnen wir mit Ihrer Wahl zum Weltpräsidenten. Was haben Sie in Ihrer Bewerbungsrede gesagt?

Es war ein Interview. Es gibt fünf bis sechs Fragen an die einzelnen Bewerber, die jedes Jahr vom Board of Directors neu definiert werden. Sie sollen zur aktuellen Situation von Rotary International passen.

Es gibt tatsächlich mehrere Kandidaten?

Ja, bestimmt zwischen acht und zwölf Bewerber jedes Jahr.

Sehr interessant, wahrscheinlich auch den meisten Rotariern unbekannt. Deren Erfahrung ist, dass die Besetzung von Führungspositionen in den Clubs und auf Distriktebene – alles ehrenamtlich - meistens schwierig ist.

Da trifft sich ein Committee, die besten sechs werden eingeladen zu einem face-to-face-meeting, dann gibt es hinterher eine relativ taffe Diskussion, wer zum Schluss übrig bleibt als Präsident.

Haben Sie eine Vermutung, was Sie so weit nach vorne gebracht hat?

Ehrlich: Ich weiß es nicht! Es ist auch die Frage der Mitbewerber, das ändert sich in jedem Jahr. Vielleicht, weil ich so sehr auf Änderung bei Rotary dränge; vielleicht saßen da die richtigen Leute in dem Nominierungs-Committee.

Stichwort Veränderung: 33.000 Clubs, 1,2 Millionen Mitglieder, und der Weltpräsident sagt, dass Rotary schneller und cooler werden muss, er spricht sogar von revolutionären Veränderungen. Das kommt mir sehr kühn vor für eine Bewerbungsrede. 

Ja, Rotary ist wirklich eine der ganz langsamen Organisationen, aber wir sind eine Grassroot-Organisation. Bis man eine Meinungsbildung aus allen Regionen und Kulturen dieser Welt zusammengestellt hat, das dauert in der Regel sehr lange. 

Mir als ehemaligem Verbandsgeschäftsführer fällt auf, dass bei Rotary  das Hauptamt wenig im Fokus steht.  800 Beschäftigte in der Zentrale und in den Regionenbüros. Ehrenamt wechselt, Hauptamt bleibt. Mit welchen Argumenten können Sie  die Hauptamtlichen in Ihren Reformkurs einbinden?

Der Welt-Präsident gibt zwar eine gewisse Richtung vor, aber es ist der strategische Plan von Rotary International, der prägt. Dem muss man, wenn man als Präsident gewählt wird, zustimmen und folgen. Die Ziele werden vorbereitet vom Planning Committee und dann vom Board überarbeitet, das ist ein Fünfjahresplan. Jeder Präsident, übrigens auch der General Secretary, und auch die hauptamtlichen Mitarbeiter müssen diesen Plan als Leitlinie nehmen.

Aber was haben die davon, wenn sie schneller werden?

Es gibt innerhalb der Organisation auch Committees, die genau das überwachen, die sicherstellen, dass hier eine vernünftige Zusammenarbeit zwischen Ehrenamt auf der einen und Beschäftigten auf der anderen Seite stattfindet. Auch finden 14-täglich Beratungen zwischen Präsident und General Secretary statt, um sicherzustellen, dass hier Hand in Hand mit den Mitarbeitern gearbeitet wird.

Wenn man Rotary bei Wikipedia nachschlägt, stößt man auf das Stichwort Service Clubs.  Das ist in Deutschland ein merkwürdiger Begriff, da stellt man sich alles Mögliche vor, aber wahrscheinlich nicht das Richtige. Was ist das Richtige?

Service-Club heißt im Deutschen ganz was anderes als im Englischen. Ich glaube, wir sollten bei dem englischen Ausdruck bleiben, weil Service in Deutschland servieren oder dienen heißt, und wir machen viel mehr als dienen.

Was bedeutet der englische Begriff für Sie?

Dienst an der Gemeinschaft, das steht hinter dem englischen Begriff.

Es gibt eine Reihe von Service-Clubs, Rotary ist der älteste, Lions ist ein bisschen größer, dann gibt es unter anderem mindestens drei weltweite Frauen-Clubs. Rotary nimmt nun seit einigen Jahren Frauen auf. Warum hat sich Rotary nicht dazu entschieden, alles nebeneinander stehen zu lassen: Männer, Frauen, gemischt? 

Inner Wheel ist mal aus den Partnerinnen von Rotariern entstanden. Heute arbeiten wir nebeneinander, aber auch miteinander. Einer unserer Grundwerte ist Vielfalt, und das ist für mich kein Wunschkonzert. Gender Diversity ist für mich heute wichtiger denn je.

Wünschen sich nicht viele Rotarier, dass Inner Wheel wieder unters Dach von Rotary International kommt? 

Im lokalen Bereich, dort, wo die Clubs zusammenarbeiten, ist Inner Wheel quasi Part der rotarischen Familie. Offiziell waren wir nie gemeinsam. Es gab immer Inner Wheel International und Rotary International. Aber für mich ist das weniger wichtig als die Zusammenarbeit, übrigens mit allen Serviceorganisationen, insbesondere auch mit Lions.

Der Anfang von Rotary, rund um den umtriebigen Rechtsanwalt Paul Harris, war 1905 in Chicago. Da ging es um freundschaftlichen Umgang und um die Verbesserung der Beziehungsnetze. Gründungsmitglied Hiram Elmer Shorley, ein Schneider,  beispielsweise hoffte durch Rotary auf mehr Männer, die sich einen Anzug machen lassen. Ist so ein Motiv zur Mitgliedschaft heute okay?

Rotary  ist damals so unglaublich gewachsen, weil es eine völlig neue Denkart war, ein solches Netzwerk aufzubauen. Früher waren die Netzwerke, die bestanden - die Herrenclubs, die Sportclubs, der Ruderclub - sehr exklusiv, die waren alle nur auf eine bestimmte Sache ausgerichtet. Mit Rotary wurde dann eine Idee entwickelt, ganz bewusst verschiedene Berufsgruppen als Mitglieder aufzunehmen, um so einfach einen breiteren Blickwinkel zu haben. Aber es ist richtig: Mitgliedschaften können für berufliche Kontakte genutzt werden. Wenn wir hier die Maßstäbe unserer Vier-Fragen-Probe ansetzen und unsere moralisch-ethischen Maßstäbe, dann ist das völlig in Ordnung. Im Übrigen nutzt die beste Verbindung ohne Leistung nichts.

Aber gibt es nicht, jedenfalls in europäischen Breiten, gewisse Schamgrenzen, die eingehalten werden? Wäre es nicht gegen den Komment, in einem Meeting vom Tischnachbarn angebaggert zu werden, wann man denn nun endlich in seinen Laden kommt?

Wenn man über Ethik spricht, hat es immer einen kulturellen Hintergrund. Und wir in Europa, und übrigens auch in Japan und Korea, haben einen anderen Moralbegriff, der versucht, Geschäftsvorteile über Gruppen auszublenden. Das finde ich persönlich in Ordnung, aber wir müssen es auch akzeptieren, wenn es anderswo etwas anders gesehen wird. In den Vereinigten Staaten beispielsweise sieht man das weniger eng.

Kernstück der rotarischen Ethik ist die Vier-Fragen-Probe. Deren  Erfinder Herbert Taylor hat mit ihrer Hilfe ein marodes Unternehmen gerettet und sie dann als späterer Weltpräsident in den vierziger und fünfziger Jahren in die rotarische Organisation eingebracht. Ist nicht deren Kern die Warnung vor der Aussage „Ich bin ein großartiger Mensch und Rotarier“?  Geht es nicht vielmehr um die lebenslange Bemühung? 

Ich mag die vier Fragen, besonders die ersten drei. Was für mich ganz wichtig ist, ist die Selbstreflektion. Häufig wird die Vier-Fragen-Probe genutzt, um anderen zu zeigen: "Hey, du hältst dich nicht an diese Fragen."  Es geht aber darum, sich selbst zu befragen: Bin ich ehrlich, ist es wahr, ist es fair für alle Beteiligten? Dieses "Bin ich ehrlich?" ist für mich wichtig, und das war in Deutschland vor vielen Jahren üblich, diesen Zusatz für die erste Frage zu stellen "Ist es wahr?".

Was ist wahr?

Heute wissen wir gar nicht mehr, wenn wir ins Internet gucken oder Nachrichten hören: Ist es wahr?  Viele nehmen es damit auch gar nicht mehr so ernst. Aber weil es eben Selbstreflektion ist, ist dieser Zusatz "Bin ich ehrlich? Bin ich aufrichtig?" so wichtig. Aufrichtigkeit steckt für mich dahinter, und das ist für mich eine extrem wichtige  Grundlage für gemeinsames Handeln. Geht ein bisschen in Richtung Kant für uns.

Sollte dies auch ein Maßstab bei der Aufnahme neuer Mitglieder sein?

In jedem Fall sollte es so sein. Nun sind wir viele Rotarier, und das heißt natürlich auch, dass das Bild überall ein bisschen unterschiedlich ist. Aber als Maxime, als Grundlage sollte es in jedem Fall so sein.

Wenn ein Rotarier gegen diese Vier-Fragen-Probe sichtbar verstößt, sollte man ihn dann ausschließen? Auf der einen Seite ist Rotary ein Freundesclub und man soll eigentlich zum Freund halten; andererseits hat Rotary ethische Regeln und sollte sich daran halten.

Dieser Maßstab ist in jeder Kultur wiederum anders anzusetzen. Selbst bei uns in Deutschland ist es unterschiedlich, wie das gesehen wird. Ich würde mir schon wünschen, dass die Clubs hier ehrlich miteinander umgehen. Das ist ein schwieriges Thema, ohne Zweifel.

Wenn man diesen Anspruch auf die 220 Staaten, in denen Rotary vertreten ist, ausdehnt, kann man einerseits die Vielfalt loben, aber auch fragen, was ist der Kern, das Gemeinsame? Wenn man es anders betrachtet, sieht man, dass Diktaturen Rotary nicht lieben.

Absolut richtig! Deshalb ist es auch für viele rotarische Freunde, die in solchen Staaten leben, eine wirklich schwierige Situation. Wir müssen immer aufpassen, dass wir dort nicht unsere Maßstäbe ansetzen, sondern deren Maßstäbe, auch wie sie miteinander kommunizieren. Ich weiß von Freunden in einigen Ländern, dass sie auf eine ganz andere Art und Weise miteinander kommunizieren: einfach mit mehr Vorsicht. Für uns ist es schwierig, dort mit dem Finger hinzuzeigen und zu sagen, ihr macht es falsch; wir, die wir hier das Glück haben, in einer großartigen Demokratie zu leben. Es ist ohne Zweifel eine schwierige Situation für die Freunde dort vor Ort.

Was macht denn Rotary eigentlich so ärgerlich für solche Staatsgebilde? 

Wenn wir wirklich diese vier Fragen ansetzen und einfach fragen: Ist es wahr, ist es fair, dann stimmen wir schon mit vielen bereits demokratischen Regierungen gar nicht so hundertprozentig überein. Das ist natürlich in diktatorischen Regierungen noch viel schlimmer. Im Übrigen scheuen Diktatoren jede Zusammenkunft auf der Grundlage von ethischen Maßstäben, das scheut jede Diktatur, die versucht, alle Leute zu streamlinen.

In einem hiesigen Distrikt, so habe ich gehört, hatte man einen Kandidaten als zukünftigen Governor ausgeguckt, der machte einen glänzenden Eindruck, dann stellte man fest, dass er AfD- Stadtverordnetenvorsteher war und hat davon Abstand genommen.  Zu Recht

Eine tolle, schwierige Frage, die geht natürlich in Richtung politisches Gedankengut. Für mich ist es gar keine Frage, wenn ich mir die rotarischen Werte angucke: Die AfD gehört nicht zu Rotary. Es ist aber eine demokratisch gewählte Partei. Damit sage ich nicht, dass es eine demokratische Partei ist, aber es ist eine demokratisch gewählte Partei, das heißt sie gehört zu dem Spektrum unserer Parteien in Deutschland. Aber ehrlich, und das sage ich auch sehr deutlich, ich möchte nicht AfD-Mitglieder unter den rotarischen Freunden sehen. Das ist meine persönliche Meinung. Für mich mit unseren Core Values habe ich da ein Riesenproblem.

Sie möchten AfDler mindestens nicht als herausgehobene Repräsentanten von Rotary sehen, so wie Präsident, Governor.

Ganz definitiv nicht! 

Rotary International kooperiert mit einer Organisation namens Toastmaster. Die ist in Deutschland eher unbekannt. Was ist die Idee dazu?

Wir sind eine Verbindung mit Toastmasters International eingegangen aus einem besonderen Grund: Sie passen zu uns und sie können uns helfen, Leadership - für uns ganz wichtig - zu trainieren. Wir können damit unseren Mitgliedern noch etwas mehr bieten. Interessenten an der rotarischen Mitgliedschaft kann man sagen: Wir haben eine Menge zu bieten, wenn du Mitglied bist. Wenn du Mitglied von Rotary International bist, in dem Club XY in deiner Stadt, können wir dir auch helfen in deinen Leaderships-Skills, zum Beispiel der freien Rede, zusammen mit Toastmaster.

Geschieht berufliche Weiterbildung nicht vor allem durch die Vorträge untereinander?

Absolut, weil man seinen Blick erweitert dadurch, dass man mit Freunden Kontakt hat - übrigens jede Woche -, die ganz unterschiedlichen Berufsgruppen angehören und ganz unterschiedliche Probleme zu bewältigen haben. Dadurch erweitert sich der Blickwinkel unglaublich. Und es gibt eine persönliche Entwicklung durch Rotary, die sich auch im Beruf niederschlägt. Wer beispielsweise mit 20 bei der Rotary-Jugendorganisation Rotaract einsteigt und später dort Clubpräsident wird, der hat ganz andere Möglichkeiten, vor Leuten aufzutreten. Das ist ein Lernprozess über die Jahre, Präsident zu sein, Rotary-Sekretär zu sein, dann auch im Distrikt oder auf höherer Ebene vor einer großen Gruppe zu reden.

Rotaract, über 50 Jahre alt, war ein Kind der Rotary Clubs, hat sich immer mehr emanzipiert, ist jetzt aus dem Haus gegangen, bleibt aber, nun gleichberechtigt unterm Dach. Eine spannende Entwicklung, oder?

Die Altersgruppe ist von 18 bis bisher 30. Das kann jetzt nach oben erweitert werden, das ist den Clubs überlassen. Diese Altersgruppe - Ende 20 bis Mitte 30 - sind tolle, junge Berufstätige, davon sind einige selbständig, haben großartige Karrieren hingelegt, junge Manager, IT-Leute und so weiter. Heute ist Rotaract wie Rotary, mit den gleichen Zielen, gleichen Werten, eben nur ein bisschen jünger.

Und Interact, die noch Jüngeren?

Es gibt übrigens auch Babyact und Kinderact, da fangen die mit 4-5 Jahren an, den Servicegedanken, nahe zu bringen. Interact ist in vielen Staaten deshalb so erfolgreich, weil dort die Nachmittagsbeschulung und -betreuung teilweise durch die Clubs übernommen wird. Es gibt mittlerweile mehr Interacter als Rotaracter. In Deutschland hat es diese Kultur bis vor 15 Jahren eigentlich gar nicht gegeben. Für uns war die Schule um 13 Uhr immer zu Ende, insofern ist der Betreuungsgedanke überhaupt nicht erst entstanden. Heute ist es schwierig, in das Schulsystem reinzukommen. Es gibt auch Ressentiments bei Lehrern, eine private Organisation diese Aufgabe übernehmen zu lassen.

Sie selbst sind über einen Jugendaustausch ein enthusiastischer Rotarier geworden.

Jeder, der ein höheres Amt in einer solchen Organisation wie Rotary übernimmt, braucht einen Kick, der dir sagt: Das ist eine so tolle Organisation. Hier lohnt es sich wirklich, Zeit zu investieren. Bei mir war es in der Tat die Zusammenarbeit mit Jugendlichen, mit denen wir heute zum Teil noch Kontakt haben

Rotary ist die größte private Organisation, die Austausch organisiert, im Kern vor allem einjährige Schüler-Austausche weltweit, und zwar im Geben und Nehmen. Das heißt, das Land, die Clubs senden aus und nehmen an, und es sind eben nicht nur Rotarierkinder, die da beteiligt sind. Sehe ich das richtig?

Ja, wir sind in der Tat die größte Organisation, die das rein mit Volunteers regelt. Es gibt auch andere Charitys und Non-Profit-Organisationen, die größer sind als wir, aber dahinter sind immer Hauptberufliche. Wir haben gerade mal drei Leute in Headquarter in Evanston, die das hauptberuflich überwachen und fördern. Alles andere wird von Clubmitgliedern geregelt. Es ist unglaublich! Wenn man überlegt, dass die Eltern ihre Kinder um den halben Erdball schicken und sicher sind, dass dort drüben rotarische Freunde, Familien sind, auf sie aufpassen und die Kinder sich sicher fühlen können.

War nicht in diesem Jahr mit Covid-19 die Herausforderung besonders groß?

Ja! Es gab Eltern, die wollten ihre Kinder sofort zurückhaben. Es gab Regierungen, die auch das bekräftigt haben. Aber es sind noch viele Kinder bei ihren Familien auf Zeit in anderen Ländern, weil sie sich dort am besten aufgehoben fühlen. Wir versuchen, den sichersten Weg zu gehen, der für die Kinder überhaupt möglich ist. Deshalb sind auch viele Kinder noch in ihren Familien, weil die Rückführung so schwierig gewesen wäre.

Ist es für die Eltern nicht zusätzlich beruhigend zu wissen, dass dort im fremden Land noch ein Rotary Club vor Ort ist, der die Verantwortung übernimmt? 

Es ist der Club, der dahinter steht, mit vielen Mitgliedern, und die Gastfamilie, die übrigens nicht unbedingt Rotarierangehörige sein müssen. 

Die größte Aktion von Rotary heißt End Polio Now, 1979 gestartet, im Augenblick mit einem jährlichen Spendenaufkommen von 50 Millionen seitens Rotary,  nochmal verdoppelt von der Bill und Melinda Gates Stiftung. Man war kurz vor dem Ziel der völligen Ausrottung von Polio. Jetzt, mit Corona, ist die Frage: Was heißt das, wo stehen wir? 

Polio ist die bekannteste Rotary-Aktivität weltweit und dann kommt der Jugendaustausch. In der Tat hat die Global Polio Eradication Initiative (GPEI) alle Impfungen eingestellt, auf Anraten der WHO, und WHO ist Teil dieser Initiative. Es ist klar, wir können heute nicht von Haus zu Haus gehen und die Menschen impfen. Das muss man erst mal warten. Aber ich bin ganz sicher, dass wir wieder da sein werden, wenn wir gegen Corona impfen können. Weil in den Ländern Südostasien, in ganz Afrika, in vielen Teilen von Mittelamerika eine hervorragende Impfstruktur geschaffen wurde, und zwar zunächst nur wegen der Polioimpfungen. Diese Struktur ist da. Es sind Lagerhäuser da, um den Impfstoff zu lagern, die Logistik ist da. Falls es einen Wirkstoff gegen Covid-19 geben wird, und den wird es irgendwann geben, wird der mit Sicherheit sofort auf die Poliostruktur aufgesetzt, um hier weltweit impfen zu können. Das war übrigens auch der Grund, weshalb Ebola speziell in Westafrika so schnell besiegt werden konnte, weil die Poliostruktur in Gänze sofort genutzt werden konnte.

Heißt das, eine Fortsetzung könnte vielleicht "Fight Pandemy Now" heißen, weil ein Verständnis für derartige Epidemien nun schlagartig weltweit gewachsen ist?  

Ja. Polio ist da ein gutes Beispiel. Ich bin sicher, dass, sobald wieder die Möglichkeit gegeben wird, gegen Polio geimpft werden wird, speziell in den Problemländern Pakistan und Afghanistan. Nun ist Polio nicht so aggressiv wie Covid-19, aber der Virus kann sehr schnell wieder zurückkommen. Wenn ich an die Impfraten in Amerika und Deutschland denke, die sind gering, Polio kann auch bei uns wieder ein Thema werden.

Und wenn Polio irgendwann geendet hätte - könnten Sie sich vorstellen, dass das Thema Impfen trotzdem auf der Rotary-Agenda bleibt?

Polio ist nach wie unser Projekt Nummer 1 und wird es bleiben. Bevor wir Polio nicht beendet haben, wird es ganz sicher kein neues großes gemeinsames Projekt bei Rotary International geben.

Nun hat die Rotary Organisation eine Foundation aufgebaut, wo die Spenden hingehen und die Projekte geprüft werden. Wenn ein Club vor Ort etwas macht und das ein größeres Projekt ist, dann wird mittels einer Hebelwirkung die Wirkung in etwa vervierfacht. Gleichzeitig ist der Prozess relativ kompliziert, bis man eine Genehmigung bekommt. Das ist alles sehr viel Anstrengung für eine an der Basis ausschließlich ehrenamtliche Organisation. Die Frage ist: Wie rechtfertigt man bei Rotary eine solche Anstrengung?

Es gibt zwei Gründe, die wir anführen. Der eine ist: zu helfen, so gut wir können. Der zweite Grund ist: Rotary untereinander zu verknüpfen und immer sicher zu stellen, dass wir eine internationale Verbindung bei diesen großen Projekten haben. Sie entspringen immer einer Idee, die im Club entsteht. Die ist sehr häufig sehr emotional. Aber wir wollen und können keine Großprojekte auflegen, die auf Emotionen beruhen. Deshalb ist immer Voraussetzung für ein größeres Projekt mit großer Hebelwirkung, Global Grant genannt, ein Community Assessment. Wir wollen damit sicherstellen, dass das Projekt gebraucht wird. Darüber hinaus ist Nachhaltigkeit gefordert. Das Projekt soll auch über längere Zeit funktionieren. Ich erinnere mich an einen Politiker aus Afrika, der uns einmal sagte: "Bitte sagt uns nicht, was wir machen sollen. Bitte fragt uns, was wir in unseren Dörfern benötigen." Das genau ist die leitende Idee der Global Grants.

Ein Rotary Club muss mitmachen, eine weitere Bedingung. Kann man das als Entwicklungszusammenarbeit charakterisieren? 

Das ist sehr wichtig. Ich möchte darauf hinweisen, dass wir überdies in Deutschland eine enge Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium für Entwicklungszusammenarbeit haben. Das BMZ steckt eine Menge Geld zusätzlich in unsere Projekte, weil sie davon überzeugt sind, dass wir die richtigen Projekte am richtigen Ort machen, auf Afrika bezogen.

Kommen wir zu den Schlussfragen: Wie würden Sie einen typischen Rotarier beschreiben, und wie würden Sie einen typischen Wunsch-Rotarier beschreiben?

Wenn ich uns beide so angucke, sind wir wohl schon typische Rotarier! Wir werden zwar jedes Jahr immer etwas mehr, aber das Durchschnittsalter in unserem Club steigt gleichwohl von Jahr zu Jahr. Wir müssen aufpassen, dass wir jünger werden und den Anteil von Frauen erhöhen. Es gibt aber kein falsches Alter, um Rotarier zu werden. Wir brauchen engagierte Freundinnen und Freunde.

Werden die alten weißen Männer an die Wand gedrückt

Das ist ein sehr typischer amerikanischer Ausdruck: old white man. In Amerika meint man tatsächlich weiße Männer Bei uns hingegen mein man wohl eher weißhaarige Männer. Ich glaube nicht, dass wir weißhaarigen Männer uns an die Wand drücken lassen. Aber um auch in der Zukunft relevant und erfolgreich zu sein, müssen wir Rotary verjüngen und weiblicher machen.

Wie erleben Sie Rotary jetzt in der Covid-Krise? Es hat zwei Aspekte. einmal das Clubleben, einmal das Serviceleben.

Extrem unterschiedlich. Wenn ich nach Deutschland gucke, sind wir auf der glücklichen Seite dieser Welt. Es gibt wohl wenige Staaten, die so gut über diese erste Phase gekommen sind. Wir können uns glücklich schätzen, dass die meisten von uns hier gesund sitzen Wir können allerdings noch nicht absehen, wie groß der wirtschaftliche Schaden ist. Ich bitte die deutschen Clubs, wenn wir über Gemeinwohlprojekte nachdenken, wirklich die sogenannten Luxusprojekte, die wir hier in Deutschland machen, mal außer Acht zu lassen und unseren Blick zu fokussieren auf die Bereiche in der Welt, wo wirklich extreme Not herrscht: Dort, wo die Tagelöhner nicht mehr arbeiten können, dort, wo der Tourismus keine Beschäftigung mehr bietet. Heute Morgen um halb zwei noch war ich in einem virtuellen Meeting mit Rotaryclubs in der Dominikanischen Republik und eine Frau sagte in einer Frage-und-Antwort-Runde: "Wir wissen in dem Ort nicht mehr, was wir machen sollen, dieser Ort lebt nur vom Tourismus, und der ist auf Null gefallen. Die Leute haben keine Arbeit mehr und Hunger." Und dann sitzt man hier als zukünftiger Welt-Präsident und weiß nicht, was man antworten soll. Man sagt natürlich, man versucht alles, um zu helfen. Aber wir sind nicht in der Lage, diese ganzen Probleme ad hoc zu lösen. Dort sind die Probleme wirklich groß und werden zunehmen. Deshalb meine Bitte an die deutschen Rotarier im Moment: Lasst uns mehr tun und anderes tun. Müssen wir jetzt den Kindergarten hier renovieren? Auch wenn die Not in unserem Kulturwesen sehr groß ist, dort ist eine ganz andere Not.

Sie strahlen in Ihrer Position und als Person sehr viel Freude aus. Wie erhalten Sie sich die jetzt in den Herausforderungen, in denen Sie stehen? 

Das möchte ich auch weiterhin machen, möchte weiterhin freundlich in die Kamera gucken, möchte auch sagen können, dass wir eine tolle Organisation sind und in der Lage sind, etwas zu bewegen. Wenn man allerdings die aktuelle weltweite Not sieht, ist man sprachlos und überlegt, wie wir da durchkommen. Mein Rat hier ist: Jetzt ist auch die Freundschaft innerhalb der rotarischen Welt und der  Rotary Clubs gefragt. Hier ist eine Gemeinschaft gefragt, die wir in Deutschland teilweise verloren haben. Wenn man eng zusammen stehen muss, fällt es leichter, so eine schwierige Situation zu überstehen. Das war zum Beispiel der Rat, den ich den Freunden in der Dominikanischen Republik gegeben habe: Hier sind alle gefragt!

Aus Verbändereport

Henning Vieregge
Dr. Henning von Vieregge (RC Frankfurt/Main-Alte Oper) ist Publizist und Dozent. Er ist seit 2010 Lehrbeauftragter der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Sein Buch "Neustart mit 60" (Verlag Neue Ufer) ist 2016 in der 3. Auflage erschienen. Zuletzt veröffentlichte er "Wo Vertrauen ist, ist Heimat: Auf dem Weg in eine engagierte Bürgergesellschaft" (Oekom Verlag, 2018). vonvieregge.de