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Standpunkt

Rotary ist ein Stück Heimat

Standpunkt - Rotary ist ein Stück Heimat
Dr. Henning von Vieregge, RC Frankfurt/Main-Alte Oper , Governor im Distrikt 1820 und Mitglied im Herausgeberkreis des Rotary Magazins © Privat

Aber bitte für alle. Der richtige Heimatbegriff hilft. Heimat ist weder etwas zum Vergessen oder gar zum Schämen, noch ein Festungsbegriff

Henning von Vieregge01.01.2021

Heimat hat etwas Fluides. „Making Heimat“ hieß der deutsche Stand bei der Architektur-Biennale 2016 in Venedig. Heimat ist dort, wo man sich auf- und angenommen fühlt. So gesehen bietet jeder Club ein Stück Heimat, die immer wieder neu gefunden werden muss zwischen den Enden Be- und Entheimatung. Im Club zielt die Beheimatungsfrage vor allem auf die Neuen und deren Aufnahme. Wenn man sich im Club entschieden hat, jemandem den Beitritt anzubieten, so bedeutet dies nicht, dass das Angebot in jedem Fall auch angenommen wird. Die Frage, „Was habe ich davon?“ muss seitens des Clubs überzeugend beantwortet werden. 

In einer Diskussion mit Rotaractern wurden neulich vier Hindernisse genannt, die davon abhalten könnten, Rotarier zu werden:

1. Der Club nimmt keine Frauen auf
2. Es gibt keine Mitglieder in meinem Alter
3. Der Club ist ein reiner Spendenclub, es gibt keine „Hands-on“-Aktionen
4. Man kommt mir bei dem Clubbeitrag nicht entgegen

Vorbild Rotaract: Probezeit vereinbaren

Hat die Aufnahme geklappt, folgt die nächste Herausforderung auf dem Weg in die Mitte des Clubs, dort wo das Heimatgefühl am stärksten ausgeprägt ist. Wir wissen aus Untersuchungen in Vereinen, Gewerkschaften und Parteien, dass viele Neuankömmlinge mit großem Elan eintreten, enttäuscht werden und entweder ihren Elan verlieren oder gleich wieder austreten. Ähnliches ist auch bei Rotary keine Ausnahme. Sollte man Probezeiten verabreden, wie es bei Rotaract geschieht? Interessenten machen dort als Gäste eine Weile, etwa drei Monate, bei allem mit und dann entscheiden beide Seiten, ob man zusammenkommen will. Hilfreich ist auch ein Patensystem. Der Neuling bekommt ein älteres Mitglied an die Seite. Mitunter wird dies sogar in schriftlicher Form dem Neuling übergeben, in einem mir bekannten Fall verknüpft mit dem Wunsch, mindestens 50 Prozent Präsenz im ersten Jahr zu zeigen. Zum Thema Präsenz sind freilich die Erwartungen in den Clubs sehr unterschiedlich, die Vorgaben von Rotary International flexibel und alle sind sich in einem einig: Präsenz ist mehr und anders zu fassen als das gemeinsame Essen am Mittag oder am Abend, so wichtig auch dies ist. Entscheidend ist aber, ob man im Club das Commitment des Neumitglieds spürt oder nicht. Ebenso entscheidend ist andererseits der Grad der Offenheit und der Zuwendung der Altmitglieder.

Und damit ist die Gefahr der Ent-Heimatung anzusprechen. Denn sie kann sich vor allem bei den Älteren ereignen, wenn diese nicht länger das Machtzentrum des Clubs bilden. Finden sie sich ein in eine neue Rolle? Oder ziehen sie sich mit wachsender Unzufriedenheit gänzlich zurück? In aller Regel wird nicht lautstark gegen das, was im Club missfällt, protestiert, sondern es wird leise und schrittweise Abstand genommen. „Ich war jetzt acht Wochen nicht präsent, sonst bin ich fast immer da. Niemand scheint es bemerkt zu haben, kein Anruf, keine Nachfrage.“ Der Freund ist enttäuscht. Hier läuft etwas schief. Schlimmstenfalls bis zur inneren Emigration: „Dies ist nicht mehr mein Club“.

Be-Heimatung schaffen, Ent-Heimatung vermeiden

Dabei sind die „jungen Alten“ meist die Aktivsten im Club. Dominieren sie aber die Vollberufstätigen zu stark, kann das Clubleben in eine Phase der Stagnation geraten: Es treffen sich immer die Gleichen und die sind sich genug. Wenn sich bei den Älteren dann nicht die Einsicht durchsetzt, dass sie den Jüngeren Räume zur Entfaltung geben und sie dabei unterstützen müssen, gerät der Club als Ganzes in die Krise.

Und dann sind da die Hochaltrigen. Jeder Mensch möchte gebraucht werden, dieses Grundbedürfnis endet nicht im Alter. Aber sie stehen, oft gesundheitsbedingt, in der Gefahr, im Club an den Rand zu geraten. Wer kümmert sich um sie? Wer bleibt dran, wenn sie Hilfe brauchen? Wer gibt ihnen auf welche Weise das Gefühl, im Club weiterhin stark erwünscht und von Bedeutung zu sein?

Entfremdungsprozesse erkennen und gegensteuern

So wie die Clubs bei den Jüngeren für eine rasche und nachhaltige Be-Heimatung sorgen müssen, sollten sie bei den älteren und alten Mitgliedern alles tun, um Ent-Heimatung zu verhindern. Warum kann man das Patensystem nicht von vornherein so einrichten, dass es zwei Generationen zusammen bindet? Erst sorgt der Ältere für den Jüngeren, dann der Jüngere für den Älteren.

Anerkennung gebührt der Clubführung, die aufmerksam genug ist, um Entfremdungsprozesse rechtzeitig wahrzunehmen. Und gegensteuert.

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Henning Vieregge
Dr. Henning von Vieregge (RC Frankfurt/Main-Alte Oper) ist Publizist und Dozent. Er ist seit 2010 Lehrbeauftragter der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Sein Buch "Neustart mit 60" (Verlag Neue Ufer) ist 2016 in der 3. Auflage erschienen. Zuletzt veröffentlichte er "Wo Vertrauen ist, ist Heimat: Auf dem Weg in eine engagierte Bürgergesellschaft" (Oekom Verlag, 2018). vonvieregge.de