16.06.2014

Identität sichtbar machen  

Wie und was soll 2017 eigentlich gefeiert werden?

Friedrich Wilhelm Graf

Vor wenigen Tagen präsentierte die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) die Schrift »Rechtfertigung und Freiheit. 500 Jahre Refor­mation 2017« – und eröffnete damit die Diskussion über das bevorstehende Jubiläum. Die Beiträge zum Juni-Titelthema beteiligen sich daran: Was war das für ein Ereignis, dessen da gedacht wird? Ist das Reformationsjubiläum überhaupt ein Grund zum Feiern? Und nicht zuletzt: Wie zeitgemäß ist Luther noch?

Im Wintersemester 1899/1900 hielt der damals schon weltberühmte protestantische Kirchenhistoriker Adolf von Harnack an der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin vor Hörern aller Fakultäten und vielen Bürgerinnen und Bürgern aus der Reichshauptstadt Vorlesungen über „Das Wesen des Christentums“. Sie wurden noch 1900 gedruckt und erreichten, auch in zahlreichen Übersetzungen, ein Millionenpublikum. Zugleich provozierten sie eine spannende religionspolitische Debatte. Jüngere jüdische Religionsintellektuelle wie Martin Buber antworteten auf Harnack mit Essays und Büchern über „Das Wesen des Judentums“, und katholische Theologen und Gelehrte schrieben analog nun über das „Wesen des Katholizismus“.

In diesem Diskurs spiegeln sich Grunderfahrungen der Moderne seit 1800. Zunächst: Religiöse Überlieferungen verstehen sich nicht mehr von selbst und gelten nicht mehr aufgrund von Tradition oder kirchlicher Autorität, sondern müssen in einer möglichst verständlichen Sprache gedeutet und erläutert werden. Weiterhin: Nach dem Ende der alten konfessionell homogenen Gemeinwesen, in denen die Untertanen, sieht man von den jüdischen Minderheiten ab, einer der beiden großen christlichen Konfessionen angehörten, waren durch Industrialisierung und damit verbundene Mobilität sowie durch Urbanisierung, also die Wanderungsbewegungen vom Lande in die Stadt, nun in vielen deutschen Städten und Regionen gemischt-konfessionelle Glaubenslandschaften entstanden, die verstärkt dazu zwangen, sich über den eigenen Glauben im Unterschied zur Frömmigkeitskultur der jeweils anderen Rechenschaft abzulegen.

In religiös pluralistischen Gesellschaften stehen alle religiösen Organisationen verstärkt unter dem Druck, sich durch Vergewisserung der eigenen Herkunft, Tradition und Besonderheiten Rechenschaft über sich selbst abzulegen. Sie müssen, anders formuliert, Identitätsarbeit leisten, ihre je eigene und besondere Identität formulieren und sichtbar machen. Dazu dienten nicht selten große Feiern und Feste zur Erinnerung an bedeutende geschichtliche Ereignisse und Gestalten.

Dissonante Pläne

Die Katholiken feierten gern Bonifatius, der den Deutschen das Christentum gebracht hatte, die Lutheraner Martin Luther und seinen Wittenberger Thesenanschlag 1517, die Reformierten bzw. Calvinisten Johannes Calvin und Ulrich Zwingli. Solche großen historischen Feiern werden von akademischen Geschichtsdeutern, also den Historikern und anderen Kulturwissenschaftlern, gern als „Geschichtspolitik“ bezeichnet. Hier geht es nicht um kritische Geschichtsforschung – die beispielsweise bezweifelt, dass Luther seine 95 Thesen tatsächlich selbst an die Türe der Schlosskirche von Wittenberg gehängt hat – oder um synthetische, ein mehr oder minder geschlossenes Bild des Vergangenen entwerfende Geschichtsschreibung, sondern um die öffentliche Inszenierung einer Botschaft, die man zum Entscheidenden, bis heute Wichtigen des erinnerten Ereignisses erklärt.

Wer die in den letzten Jahren im Lande geführten Debatten über das Reformationsjubiläum im Jahre 2017 zur Kenntnis genommen hat, hat nicht nur zwischen den beiden großen Kirchen im Lande, sondern auch innerhalb des kirchlichen Protestantismus viele dissonante Stimmen hören können. Soll man überhaupt feiern und sich kollektiv an Luthers Protest gegen eine von ihm als korrupt, verlogen, machtgeil und geldfixiert erlittene „papistische“ Kirche mit ihrem Zweiklassenpriestertum von geweihten Klerikern einerseits und bloßen Laien andererseits erinnern? Sollen nur die Protestanten feiern dürfen und die anderen, die Juden, Muslime, Katholiken mehr oder minder interessiert zuschauen? Oder soll der deutsche demokratische Staat Gedenkfeiern organisieren, etwa im Einverständnis nicht nur mit den Protestanten, sondern auch mit anderen religiösen Akteuren, allen voran den Katholiken?

Wie auch immer – die wohl wichtigste Frage lautet: Was genau soll 2017 eigentlich gefeiert werden? Eine religionskulturelle Revolution mit bis heute stark spürbaren Folgewirkungen nicht nur für alle europäischen Gesellschaften, sondern auch für Nordamerika und seit 1900 verstärkt auch für Lateinamerika, Asien und Afrika? Die theologische Genialität eines fortwährend mit seinem Gott ringenden gelehrten Theologieprofessors in der mitteldeutschen Provinz, der aber auch ein äußerst aggressiver Polemiker und vor allem in seinen späten Jahren leider auch ein widerlicher Judenhasser war? Oder seine im sehr ernsthaften Bibelstudium gewonnenen grundlegenden theologischen Einsichten in das Priestertum aller Getauften, die Rechtfertigung des Sünders allein aus Glaube, das „sola scriptura“ als einziger normativer Instanz theologischer Reflexion, die so folgenreiche Lehre vom weltlichen Beruf des Christen, der Gott dadurch dient, dass er bzw. sie an dem Ort, an den er (sie) nun einmal gestellt ist, Gott durch harte Arbeit und Pflichterfüllung ehrt?

Viel Absurdes ist in den letzten Jahren zum Reformationsjubiläum im Lande gesagt und geschrieben worden. Manche fordern, dass der 31. Oktober 2017 ein nationaler Feiertag sei – was nur gedankenlos ist, weil Luther selbst religiös verbrämten Müßiggang verachtete und die diversen Protestantismen ihre kulturelle wie speziell ökonomische Produktivität ja gerade durch die religiöse Hochschätzung von Arbeit und Beruf entfalteten; man lese dazu nur Max Weber und Ernst Troeltsch. Einige Lutheraner wollten den Papst in ökumenischer Höflichkeit auf die Wartburg einladen; und manche hohe katholische Kleriker stellten entrüstet fest, das es gar nichts zu feiern gebe, weil die reformatorischen Protestbewegungen ja nur auf die sogenannte „Kirchenspaltung“ hinausgelaufen seien. Obendrein habe die Reformation ja die so grausamen frühneuzeitlichen Konfessionskriege bewirkt, weshalb man sich 2017 eigentlich dafür entschuldigen müsse, etwa in ökumenischen Bußritualen und Schuldbekenntnissen. Und natürlich betonen die führenden Repräsentanten der EKD immer wieder, dass man nicht gegen die Katholiken, sondern mit ihnen gemeinsam, eben in ökumenischer Verbundenheit feiern wolle.

Nur was will man nun gemeinsam feiern? Dass man sich seit 500 Jahren in vielen grundlegenden Fragen der Deutung des christlichen Glaubens und im Verständnis von innerer Verfassung und gesellschaftlichem Ort der Kirche einfach nicht einig ist? Dissense kann man nur feiern, wenn man sie für legitim hält. Und genau darum dürfte es gehen: Man kann friedlich und respektvoll ausgetragenen Glaubensstreit auch für etwas Gutes, kulturell Produktives, Dynamisierendes halten.

Pluralisierung des Christlichen

Kein Katholik soll am 31. Oktober 2017 dazu gezwungen werden, „Ein feste Burg ist unser Gott“, für Heinrich Heine die „Marseillaise der Reformation“, zu singen. Kein Protestant muss am Heiligen Abend „Stille Nacht, heilige Nacht“ singen, weil nun einmal „O Du fröhliche“ das Lied am Ende von Christvesper und Weihnachtsgottesdienst der Protestanten ist. Gewiss, man kann in alter konfessionspolemischer Sprache die Reformationen des 16. Jahrhunderts als „Kirchenspaltung“ deuten – in einer Sprache, die nur die Sehnsucht nach verloren gegangener Symbiose von Religiösem und Politischem in einem corpus christianum spiegelt.
Man kann aber auch, ohne Schattenseiten zu beschönigen, von einer konfessionellen Pluralisierung des Christlichen reden, die, in allen Spannungen, eine hohe innerchristliche Vielfalt hat entstehen lassen. Wer solche faktische Vielfalt um der „Freiheit eines Christenmenschen“ willen für legitim hält, wird 2017 ein Fest der Pluralität feiern, einer Pluralität, die es jedem, jeder ermöglicht, seinen, ihren individuellen Glauben zu leben.

Religionswissenschaftler streiten derzeit darüber, inwieweit sich religiöse Wandlungsprozesse in ökonomischer Sprache theoretisch modellieren lassen. Aber deutlich ist: Auch religiöse Akteure dürfen ihren Geburtstag feiern. Sie tun dies, indem sie sich ihrer Herkunft vergewissern und so ihre Identität sichtbar machen. Protestanten wurden so genannt und nennen sich selbst so, weil am Anfang ihrer Form des Christentums der Protest stand – der Protest eines einzelnen Gläubigen gegen eine als allmächtig erlittene religiöse Institution. Wer das Recht auf solchen Protest bestreitet, sollte nicht mitfeiern. Ansonsten sind alle herzlich eingeladen, durch reflexive Identitätsarbeit zu legitimer Glaubensvielfalt beizutragen.

Erschienen in Rotary Magazin 6/2014

Friedrich Wilhelm Graf
Professor Dr. Friedrich Wilhelm Graf ist Professor für Systematische Theologie und Ethik an der LMU München. 2011 erschien "Kirchendämmerung. Wie die Kirchen unser Vertrauen verspielen" (C.H.Beck) und "Der heilige Zeitgeist. Studien zur Ideengeschichte der protestantischen Theologie in der Weimarer Republik" (Mohr Siebeck 2011). www.uni-muenchen.de

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