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Interview mit Manfred Schumann

"Wir Athleten wurden sofort über das Geschehen informiert"

Interview mit Manfred Schumann -
Erfolgreicher Sportler: Manfred Schumann vom RC Rehburg-Loccum am Kloster, der als Hürdenläufer an den Olympischen Sommerspielen in München 1972 teilnahm. Der Anschlag auf die israelischen Sportler ist heute noch sehr präsent für ihn. © Agentur Sven Simon

Die Olympischen Sommerspiele, zunächst als "heitere Spiele" bezeichnet, werden von einem Anschlag erschüttert. Um 4 Uhr morgens klettern acht palästinensische Terroristen über den Zaun des Olympischen Dorfs, dringen in die Unterkunft der israelischen Nationalmannschaft ein und nehmen Geiseln. Ein Befreiungsversuch nach dem anderen scheitert. Es kommt zur Tragödie.

Florian Quanz01.08.2022

Um 4 Uhr morgens klettern acht palästinensische Terroristen über den Zaun des Olympischen Dorfs, dringen in die Unterkunft der israelischen Nationalmannschaft ein und nehmen Geiseln. Ein Befreiungsversuch nach dem anderen scheitert. Es kommt zur Tragödie. Rotarier Manfred Schumann hat als Leichtathlet an diesen Spielen teilgenommen und erinnert sich.


Als Hürdenläufer haben Sie an den Olympischen Sommerspielen 1972 in München teilgenommen. Wenn Sie daran zurückdenken, was fällt Ihnen als erstes ein?

Ich denke an den Anschlag, der bei den Olympischen Spielen verübt worden ist. Dieser ist mir nachhaltig im Gedächtnis geblieben. Wenn man nach 50 Jahren über diese Spiele spricht, dreht sich das Gespräch immer um den Anschlag. Heute weiß doch keiner mehr, dass damals ein Russe einen US-Amerikaner über 100 Meter geschlagen hat.

Der Anschlag ereignete sich am 5. September. Palästinensische Attentäter nahmen israelische Sportler in Geiselhaft. Wo hielten Sie sich zu dem Zeitpunkt auf?

Im Bett. Wir Athleten wurden sofort über das Geschehen informiert. Viele Sportler sind dann am Meeting-Point zusammengekommen, um darüber zu diskutieren.

Fürchteten Sie ab da um Ihre eigene Sicherheit?

Nein, eigentlich nicht. Ich hatte in dem Moment nicht daran gedacht, dass es zu weiteren Aktionen kommen könnte. Ich habe nur an unsere armen Sportkollegen aus Israel gedacht, die im Schlaf überfallen wurden.

Gab es für Sie irgendwelche Vorzeichen, dass ein Attentat drohen könnte? 

Das ist eine gute Frage. Die hatte ich kürzlich mit einem Bekannten erst diskutiert. Rückblickend hatte sich bei den Spielen zuvor 1968 mit der Siegerehrung vom 200-Meter-Lauf und den zwei US-Amerikanern, die als Zeichen der Black-Power-Bewegung die Faust in den Himmel reckten, gezeigt, dass die Spiele politisch genutzt werden.

War es richtig, dass die Spiele fortgesetzt wurden?

Natürlich war das ein brisantes Thema unter Athleten. Als Athlet hat man meist viele Jahre auf solche Spiele hingearbeitet, und diese Chance auf einen Erfolg lässt man sich nicht so leicht nehmen. Ich bin auch der Meinung, dass ein Staat sich nie erpressen lassen darf. Deswegen war die Entscheidung richtig.

Als Athlet waren Sie beim 110-Meter-Hürdenrennen im Vorlauf am 3. September ausgeschieden. Wenn Sie noch einen Wettbewerb nach dem Attentat gehabt hätten, wären Sie selbst also auch angetreten?

Ja. Ich hatte mir ehrlich gesagt auch mehr Chancen ausgerechnet, aber ich hatte ein halbes Jahr vor den Spielen einen Muskelriss und mich davon nicht mehr erholt. Im Jahr vorher war ich ja noch Vize-Europameister geworden.

Wie präsent war Ihnen zu dieser Zeit der Konflikt im Nahen Osten, der Anlass des Attentates war?

Der Konflikt kam damit erst so richtig auf. Das große Thema war aus meiner Sicht der Terror der Roten Armee Fraktion um Baader und Meinhof. Ich kann mich noch an Kontrollen auf Autobahnen erinnern, wo man herausgewinkt wurde, um so Mitglieder der RAF zu schnappen.

Wenn Sie von solchen Kontrollen sprechen: Wie waren denn die Sicherheitsvorkehrungen bei den Olympischen Spielen in München?

Zum damaligen Zeitpunkt waren sie angemessen. Wir dürfen nicht vergessen: 1972 wurde verglichen mit 1936. Die Welt war ja erstaunt: Schon beim Einmarsch wurde ein ganz anderes Bild von Deutschland vermittelt als es die Spiele der Nazis 1936 taten. Alles blickte auf München und ich denke, dass die Organisatoren es gut gemacht haben.

Hat man auf einzelne Sicherheitsvorkehrungen verzichtet, um weltoffene Spiele zu präsentieren?

Nein, das will ich damit gar nicht sagen. Zu dem Zeitpunkt war es ausreichend, was in München an Sicherheit geboten wurde.

Blicken wir mal weiter auf Ihre persönliche Karriere. Sie waren sowohl als Bobfahrer als auch als Hürdenläufer erfolgreich. Sie haben in beiden Disziplinen an Olympischen Spielen teilgenommen. Stimmen Sie mir zu, wenn ich Sie diesbezüglich als Pionier bezeichne?

Auf jeden Fall. Ich war der erste aktive Leichtathlet, der mit dem Wintersport angefangen hat.

Wie kamen Sie dazu?

Das war einfach. Ein Freund von mir, Willi Holdorf, zugleich mein damaliger Trainer und Olympiasieger 1964 in Tokio im Zehnkampf, hatte mal eine Benefizveranstaltung in Berchtesgaden. Als er wieder kam, berichtete er mir, dass es bei den Bobfahrern nur am zu langsamen Start scheitert. So kam die Idee auf, dass ich mal zu einem Startwettbewerb fahre. Da hatte ich den Schlitten dann schneller geschoben als zwei Bobathleten zusammen. So kam ich dann auch zum Bobsport und habe diesen acht Jahre lang zusammen mit der Leichtathletik betrieben. Das klingt jetzt sehr einfach, aber das war es nicht. Als Leichtathlet hatte ich im Sommer ein Gewicht von 85-86 Kilogramm und im Winter brauchte ich 92 bis 93 Kilogramm für den Eiskanal.

Mussten Sie die Ernährung umstellen?

Ja, denn das ist ein gravierender Unterschied und erforderte zweimal im Jahr eine Ernährungsumstellung. Meiner Leistung hat es aber nicht geschadet. Ich bin nach einer Wintersaison dreimal hintereinander über 60 Meter Hürden Deutscher Meister geworden. Einmal sogar mit 95 Kilogramm. Es ist mir gelungen, mich das ganze Jahr über auf dem höchsten Leistungsniveau zu halten.

Hat Ihr Körper Ihnen auch mal signalisiert, dass Regenerationsphasen fehlen?

Natürlich. Ich bin wahrscheinlich noch immer der Weltrekordler im Achillesfersenabriss. Zweimal links und zweimal rechts war mir die gerissen. Passenderweise je zweimal beim Hürdenlauf und zweimal beim Bobfahren. 1975 hatte ich es geschafft, in nur vier Monaten nach einem Achillesfersenabriss wieder in Topform zu sein.

Was hat Ihnen eigentlich mehr Freude bereitet? Im Eiskanal unterwegs zu sein oder über Hürden zu sprinten?

Das sind zwei verschiedene Welten. Der Wintersport hat den Anreiz, dass man sich in exklusiven Orten aufhält und viele Leute kennenlernt. Das hatte immer einen Hauch von Jetset. Das ist heute anders. Damals gab es mit den deutschen Meisterschaften, Europa- und Weltmeisterschaften drei Höhepunkte. Das ist in einer heutigen Saison anders, wo es fast jedes Wochenende im Weltcup einen neuen Wettkampf gibt. Wir konnten zwischendurch noch leben, also mal Skifahren oder ähnliches. Das ist heute nicht mehr erlaubt.

Was war Ihr persönlicher Lieblings-Wintersportort?

Ganz klar St. Moritz. Da hatten wir häufig die Vorbereitungen. Damals war Gunter Sachs Präsident vom Bobclub St. Moritz. Wir hatten dadurch enge Verbindungen zum Jetset

Blicken wir mal auf die heutige Situation deutscher Athleten in den beiden Sportarten. Während wir im Eiskanal die klar dominierende Nation sind, laufen wir über die Hürden nur hinterher. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Es gibt immer Hochphasen und Zeiten, in denen es nicht so läuft. Wir hatten Martin Lauer, der 1959 zwei Weltrekorde über die Hürden lief, dann kam die Zeit mit mir. Da pendelte sich die Zeit bei 13,9 Sekunden über die 110 Meter Hürden ein. Da lief die Konkurrenz auch nicht viel schneller. Ich bin zweimal auch 13,6 Sekunden gelaufen und war unter den besten Zehn der Welt. Danach kam eine absolute Hochzeit mit Florian Schwarthoff, der um Medaillen gelaufen ist. Gerade flacht es wieder ab. Aber fragen Sie mich jetzt bitte nicht, woran das liegt. Ich bin sicherlich unter Wert geblieben, wenn ich an meine Leistungsfähigkeiten zurückdenke. Ich bin die 100 Meter ja auch in 10,2 Sekunden gelaufen und war ja in drei Disziplinen, 100-Meter-Lauf, 110 Meter Hürden und im Zehnkampf im Olympiakader, was eine absolute Ausnahme war.

Trifft man Sie selbst heute noch an der Bobbahn oder im Leichtathletikstadion an?

Ja, ich war bei den Deutschen Leichtathletikmeisterschaften in Berlin. Das Stadion hat für mich ein ganz besonderes Flair. Beim Bobfahren ist es einfach. Von Wunstorf bei Hannover aus bin ich schnell im Sauerland.

Treffen Sie sich mit Ihren Bobkollegen noch regelmäßig?

Wir haben untereinander bis heute sehr gute Verbindungen, auch zu anderen Mannschaften. Der Wintersport ist eine kleine Familie.


Manfred Schumann war der erste Athlet, der die beiden Sportarten Hürdenlauf und Bobfahren von 1973 bis 1979 parallel betrieb, und gehört zu den wenigen deutschen Sportlern, die sowohl an Olympischen Sommerspielen als auch an Olympischen Winterspielen teilnahmen.  Der Diplom-Sportlehrer und Kaufmann arbeitet heute als freiberuflicher Berater für verschiedene Firmen im Bereich Gesundheit. Zuvor war er unter anderem für den Sportartikel-Hersteller Nike und den Laufschuhhersteller Springboost tätig. Schumann ist Mitglied im RC Rehburg-Loccum am Kloster.