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Buch des Monats

Die Rettung der Erinnerung

Buch des Monats - Die Rettung der Erinnerung
Hermann Parzinger: Abenteuer Archäologie Eine Reise durch die Menschheitsgeschichte Verlag C.H.Beck 255 Seiten; 19,95 Euro

Archäologie ist mehr als Scherbenkleberei – das zeigt Hermann Parzinger (RC Berlin) in seinem neuen Werk, das sich an ein breites Publikum richtet.

Gisela Graichen01.09.2016

Die Archäologie ist eine der faszinierendsten Wissenschaften überhaupt“, schreibt Hermann Parzinger in seinem neuen Buch. Wer das nicht sowieso schon wusste, dem sei dieses Werk empfohlen. Schon der griffige Titel „Abenteuer Archäologie“ zeigt, dass es für ein breites Publikum gedacht ist und sich nicht in erster Linie an die Kollegen wendet. Und das ist gut so. Von einem der renommiertesten Prähistoriker unserer Zeit flüssig und verständlich geschrieben, erlebt der Leser die Entwicklung der Mensch­heit von ihren ersten Spuren bis zu heutigen Ausgrabungen nationalsozialistischer Hinterlassenschaften als eine spannende Geschichte, die man in einem Rutsch durchlesen mag.

Ja, Archäologie ist ein Abenteuer, ist eine Schatzsuche: Der Schatz liegt in der Erkenntnis: Woher kommen wir? Wie wurden wir, was wir sind? Denn Archäologie ist längst nicht mehr die nach hinten gerichtete Scherbenkleberei im Elfen­beinturm sitzender Professoren. Mit Hilfe moderner Naturwissenschaften kann sie neue Fragen an alte Zeiten richten, deren Beantwortung durch neue Methoden erst möglich geworden ist. Die Enthüllung uralter Geheimnisse schreitet rasant voran, auch mit Hilfe moderner Gen-Untersuchungen, Isotopenanalysen oder Satellitenbildern, die man sich in beliebiger Auflösung aus dem Internet holen und darin Strukturen bis auf einen halben Meter genau erkennen kann. „Naturwissenschaften verändern Weltbilder“, schreibt Parzinger und setzt Tausende Jahre alte Verhaltensweisen immer wieder in Bezug zu uns heute. So bringt er uns die Menschen, unsere Ahnen, nahe und ihre Taten, deren Folgen wir bis heute spüren.

Bei Dreharbeiten auf Parzingers Grabungen im Iran oder in Sibirien konnte ich erleben, wie konsequent er als Grabungschef naturwissenschaftliche Forschungen und Methoden umsetzt. Mit einem enormen Zugewinn an Erkenntnis. Denn alles, was wir über die Menschheit vor der Erfindung der Schrift wissen, verdanken wir der Arbeit der Archäologen. Wobei auch Grabungen etwa in Gefangenenlagern der beiden Weltkriege oder in ehemaligen Konzentrationslagern zum Verständnis jüngerer historischer Epochen beitragen und nicht selten manche schriftliche und mündliche Überlieferung entlarven.

Man spürt beim Lesen, dass Parzinger auch als ehemaliger Präsident des Deutschen Archäologischen Instituts und als amtierender Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz die Lust am „Abenteuer Archäologie“ nicht vergangen ist. Und auch der bisher uninformierte Leser begreift, wie wichtig die Bewahrung der Zeugnisse alter Kulturen ist. Versteht, was Raubgräber anrichten, die Artefakte aus dem Zusammenhang reißen, womit sie in ihrer Aus­sagekraft für immer verloren sind. Auch deshalb wünsche ich dem Buch viele Leser.

So bleibt nach der Lektüre die bange Frage: Können wir aus Geschichte lernen? Ja, wir könnten. Wir tun es aber nicht.


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Gisela Graichen

Gisela Graichen (RC Hamburg-Dammtor) konzipierte als Fernsehautorin für das ZDF zahlreiche Filmreihen, darunter "Humboldts Erben" und die preisgekrönten Reihen "Schliemanns Erben" und "C 14" über die Forschungsergebnisse der Archäologie. Zuletzt erschienen u.a. "Die Bernsteinstraße. Verborgene Handelswege zwischen Ostsee und Nil" (Rowohlt 2012) und "Geheimbünde. Freimaurer und Illuminaten, Opus Dei und Schwarze Hand" (Rohwolt 2013).

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