Forum - Neue Heimat im Nordosten

Am 29. April 1732 empfing der preußische König Friedrich Wilhelm I. die Salzburger Emigranten in Potsdam © ullstein bild/Pachot

01.08.2017

Forum 

Neue Heimat im Nordosten

George Turner

Die Vertreibung der Salzburger Protestanten und ihre Ansiedelung in Preußen – eine Folge von Reformation und Gegenreformation

Wie im gesamten Reich kam es auch in Salzburg um 1500 zu einem allgemeinen religiösen Niedergang. Deutlich wurde das nicht zuletzt in den Lebensgewohnheiten der geistlichen Würdenträger. Einen weiteren Grund, sich gegen die bestehenden Verhältnisse aufzulehnen, hatte insbesondere die bäuerliche Bevölkerung. Es waren die ständig wachsenden Abgaben, die an das Erzbistum und an die katholische Geistlichkeit geleistet werden mussten. Daher war es nicht überraschend, dass die Gedanken der Reformation auch hier schnell Anhänger fanden. Studenten aus Wittenberg brachten die neuen Lehren von Martin Luther bereits 1520 nach Salzburg. Bald fanden sich an vielen Orten Priester, die in der Sprache des Volkes predigten. Die ländliche Bevölkerung war in der Zeit bis 1560 überwiegend lutherisch geworden. Trotz zum Teil sehr rigider Versuche, die Protestanten einzuschüchtern, blieben sie auf dem Land weitgehend unbehelligt. In den Gebirgsauen hatten sich im Unterschied zum flachen Land evangelische Gemeinden gebildet. Private Hausandachten und gemeinsame Messen an abgelegenen Orten erschwerten die Verfolgung durch die Obrigkeit. Nach außen spielte man zum Teil den guten und frommen Katholiken, sodass von einem Geheimprotestantismus gesprochen wurde. Doch zunehmend bekannte man sich aber auch offen zu seinem Glauben.

Der Gegenschlag des Erzbischofs 

Mit dem Westfälischen Frieden von 1648 wurde zwar die freie Religionsausübung zugesichert, der Druck der katholischen Kirche auf die Abtrünnigen aber blieb. Bestärkt durch jene Regelung leisteten die evangelischen Salzburger entschiedenen Widerstand. Der Glaubenskampf eskalierte, als der Salzburger Erzbischof Leopold Anton von Firmian im Jahr 1727 die Regierungsgeschäfte übernahm. In seinem Auftrag wurden im Land Religionsverhöre durchgeführt, um gegen das Ketzertum vorzugehen. Am 31. Oktober 1731 erging das Emigrationspatent, worin er die gruppenweise Vertreibung (jeweils 200–300 Personen) der vom katholischen Bekenntnis abgefallenen Salzburger anordnete. Am 24. November 1731 begannen österreichische Soldaten mit der Austreibung. Es ging dem Erzbischof offenbar nicht in erster Linie darum, seine Untertanen als Evangelische zu bezeichnen, sondern sie als sektiererische Rebellen hinzustellen. Nicht wegen ihrer Religion, sondern wegen Rebellion und Störung des allgemeinen Friedens sowie Empörung gegen den rechtmäßigen Landesfürsten seien sie auszuweisen. Als Evangelische hatten sie das Recht, gemäß den Regeln des Westfälischen Friedens, binnen drei Jahren einen freien Abzug vorzunehmen. Als Aufständische war ihnen dies wegen ihres angeblichen aufrührerischen Verhaltens verwehrt.

Die sogenannten Unangesessenen, insgesamt über 4.100, hatten das Land in sieben Zügen jeweils binnen acht Tagen nach Aufforderung zu verlassen. Das Patent war am 11. November 1731 im ganzen Land angeschlagen worden, für die Ausweisung der Angesessenen wurde der 24. April 1732 festgelegt. Je nach ihrem Steueraufkommen wurde den Betroffenen eine Frist von einem bis zu drei Monaten gesetzt. Nach dem 24. April wurden die über 14.000 Angesessenen in 16 Züge eingeteilt, die jeweils an einem anderen Termin das Land zu verlassen hatten, der letzte am 6. August 1732.

Von Salzburg nach Ostpreußen

Am 2. Februar 1732 hatte der König von Preußen, Friedrich Wilhelm I., erklärt, die evangelischen Salzburger in seinem Land aufnehmen zu wollen. Die Gegend östlich von Gumbinnen in Ostpreußen war zu jenem Zeitpunkt durch eine Pest stark entvölkert, sodass neben humanitären Gründen und der Idee der Toleranz gegenüber allen Religionen die Anwerbung von Arbeitskräften ebenfalls eine Rolle spielte. Das Ziel ihrer Reise kannten die Salzburger nur vom Namen. Für ihre Güter hatten sie in der kurzen Zeit meist keine Käufer gefunden. Sie mussten darauf vertrauen, dass der König von Preußen ihnen zum Erlös für ihr zurückgelassenes Eigentum verhelfen würde.

Der größte Teil der Emigranten zog nach Ostpreußen, die Dürrnberger in die Niederlande, vorwiegend auf die damalige Insel Cadzand, einige hundert Salzburger setzten nach Nordamerika über. Sie gründeten den Ort Ebenezar in der damals noch britischen Kolonie Georgia. 

Die sechzehn Züge der „Angesessenen“ sind auf unterschiedlichen Routen durch die verschiedenen Territorien nach Preußen geführt worden, damit nicht immer dieselben Städte mit der Beherbergung der Emigranten belastet werden sollten. Vielerorts wurde der Wunsch geäußert, die Ausgewiesenen bei der Durchreise aufzunehmen. Ihre Glaubensstärke und ihr Mut waren bekannt geworden und hatten in der Bevölkerung zu großer Sympathie geführt. Bei ihrem Empfang wurden häufig Gottesdienste abgehalten. Anders sah es bei der Durchreise durch katholisches Gebiet aus. Hier kam es auch zu Übernachtungen im Freien und zur Verweigerung von Futter für die Pferde. Wer von den Emigranten Pferd und Wagen besaß, wählte den Landweg nach Ostpreußen; die anderen gelangten von Stettin aus mit Schiffen nach Königsberg. Die Reise dauerte im Durchschnitt knapp vier Monate. Hauptansiedlungsgebiete waren die Kreise Stallupönen, Pillkallen und Ragnit, also der östliche Teil des Landes, der damals als Preußisch-Litthauen bezeichnet wurde. 

Insgesamt kamen mehr als 15.000 Menschen aus dem Salzburger Land in Preußen an, rund 12.000 von ihnen zogen nach Gumbinnen. Bis zu ihrer festen Ansiedlung, der Wiederbesetzung (Retablissement) freier Hofstellen, mussten viele zunächst als Untermieter bei verschiedenen Einwohnern der Stadt überleben oder die Zeit bei Bauern auf den Dörfern verbringen. Als Quartiergeld (Miete) erhielten die Wirte zwei Taler pro Familie; jedes Salzburger Familienoberhaupt bekam 10 Taler, 12 Groschen, um sich für den Winter den erforderlichen Unterhalt beschaffen zu können. Waren während der Reise bereits 800 Personen den Strapazen erlegen, so steigerte sich dies nach der Ankunft noch: Fast ein Viertel der Eingewanderten, vor allem Kinder, starb während der ersten beiden Jahre.

Soweit die Salzburger noch nicht endgültig angesiedelt werden konnten, waren sie zunächst zur Untätigkeit verdammt. Dies führte bei der einheimischen Bevölkerung zu Unwillen und Ärger. Für die Eingewanderten veränderte sich die Gemütslage insofern, als sie bisher von der Bevölkerung mit Freude und Hochachtung empfangen worden waren. Jetzt galt es, eine neue Existenz zu schaffen. Das andere Klima, einsetzende Krankheiten, vermehrte Todesfälle verdeutlichten ihnen den eingetretenen Verlust ihrer bisherigen Umgebung und Heimat. Dies brachte Missmut und auch Widerspenstigkeit auf der einen Seite und Klagen darüber auf der anderen mit sich. Eine Beruhigung bewirkte die sehr intensive Religionsausübung. Sie gab den Ankömmlingen Halt und Orientierung.

Die Situation bei der Einwanderung

In einem als Vermächtnis überschriebenen Bericht des Andreas Zirmleitner aus der Zeit um 1744 heißt es u.a.: „Wir haben ihre Sprache nicht verstanden und sie nicht die unsrige! Sie haben keine Geduld gehabt und haben es nicht gekannt, daß wir ein langsam zäh Volk sind, das nur in seiner Weise nicht aber in preußischer Weise schaffen kann, wo alles soldatisch gehen sollt, und wir haben unsere langen Jahre Lehrgeld gebüßt, eh wir gemerkt haben, wie anders der litauische Acker und der Salzburger Anger ist. … Wir haben gemerkt, daß des Königs Leut all ihre Dinge mit einem trotzigen Gemüt angegriffen haben und nicht geachtet, ob sie ihnen lieb oder leid seien, … Aber sie waren im eigenen Land und wir im fremden; dazu haben wir Salzburger eine gar andere Natur und gerät uns nichts, wo nicht Lieb und Freud dabei ist. Aber dazumal war alles ein Elend und eine Fron. Wer uns daraus erlösen wollt! Ist auch erfüllt worden. Nach sechs Jahren ist der König zum Besuch nach Litauen gekommen…. Mit einem Mal wendet er sich uns zu … und hält eine Rede an uns. … und wir haben davon nicht ein Sterbwörtel verstanden. … Da vernehmen wir endlich aus seinem Mund, obzwar nicht an uns vermein, ein Wort: ,So wird denn die Wüsten zum Acker werden, und der Acker für einen Wald gerechnet werden.‘ Dasselbige Wort geht in unsere Salzburgischen Ohren und lässt uns freudig aufhorchen, wir vermeinen, der König spricht mit einem Mal salzburgisch und hat doch das heilige Gotteswort in des Luthers Sprach gesagt, … Von Stund an ist der Segen gekommen. …so haben wir durch viele Ordnungen, so er erlassen, bald gespürt, wie er von allen unseren Beschwernissen gewußt und mit großer Huld oft über unsre Hoffnung geholfen hat. Das ist auch nicht um ein Tüpfel anders geworden bei seinem Sohn, unserem jetzigen Herrn.“

Jeder Einwanderer blieb, was er gewesen war. Die Bauern erhielten an Grundbesitz etwa so viel wie sie in ihrer Heimat besessen hatten, dazu ein Wohnhaus mit den nötigen Wirtschaftsgebäuden und Geräten. Von Abgaben waren sie für die ersten drei Jahre befreit. Die größeren Bauern bekamen als Geschenk des Königs: 4 Ochsen, 3 Kühe, 1 Wagen, 1 Pflug und Egge, Sielen und Zäume für 4 Pferde, 1 Sense, und zur Aussaat 10 Scheffel Roggen, 18 Scheffel Gerste, 40 Scheffel Hafer und 2 Scheffel Erbsen. Die kleineren Bauern erhielten durchschnittlich die Hälfte der Aussaat und des Viehbestandes, Handwerker freie Wohnung, Gärten und kleinere Äcker. 

Die Sesshaftmachung bereitete den Betroffenen, aber auch den königlichen Beamten oft große Probleme. Der als starrköpfig bezeichnete Sinn der Einwanderer lehnte sich gelegentlich gegen die straffe, keinen Einspruch duldende preußische Ordnung auf. Jährlich wurden Berichte über das „Betragen und Gebahren der Salzburger“ vorgelegt. In einem ist davon die Rede, „die meisten seien zum Zorne geneigt, lassen sich aber mit Güte bald wieder besänftigen“, in einem anderen, dass sie sich gegenüber den Anfängen bedeutend gebessert hätten. Berichterstatter erklärten, sie wüssten absolut keine Fehler von den Salzburgern anzugeben.

Vorbildliche Integration

Die neuen Landeskinder waren nach und nach auf verschiedene Dörfer verteilt worden, so dass fast keine geschlossenen Salzburger Siedlungen entstanden. Der Grund lag darin, dass sich bereits nach der Entvölkerung durch die Pest litauische Bauern angesiedelt hatten, auch Zuwanderer aus anderen Regionen, z.B. Schweizer und Nassauer. Weil es zu keiner Ghettobildung kam, haben sie vermutlich auch ihre Mundart nicht bewahren können. Die Angleichung der Sprache geschah offenbar schon nach zwei Generationen, schon die Enkel der Eingewanderten sprachen das unverwechselbare Ostpreußisch, obwohl sie einen unverkennbaren Hang zu einem Zusammenhalt untereinander pflegten. 

Dieser führte immerhin dazu, dass sie nicht nur eigene Schulen gründeten, sondern auch eigene Pfarrgemeinden hatten. Schon auf der Reise von Berlin nach Ostpreußen waren den Einwanderern junge Prediger mitgegeben worden, die nach den damals neuen Ideen des Pietismus in Halle ausgebildet worden waren. Kern der Lehre war die Bewährung des Menschen in täglicher Arbeit für seine Mitmenschen und der Nutzung der dem Menschen geschenkten Zeit. Barmherzigkeit und Nützlichkeit, Frömmigkeit und Fleiß waren bestimmende Elemente des täglichen Lebens. Die Salzburger waren regelmäßige Kirchgänger. Die Strenge und Schlichtheit der Lebensweise, gelegentlich bis zur Kargheit betrieben, war auch in der sehr zurückhaltenden Ausstattung der Kirchen erkennbar.

Nach dem ersten Erschrecken über eine Umwelt, die sich von ihrer Heimat so extrem unterschied, haben die „Salzburger“, wie sie in Ostpreußen bald genannt wurden,  rasch zu einem Gefühl der Landeszugehörigkeit gefunden, aber dennoch ihr Gruppenbewusstsein bewahrt. So gelang im damaligen Preußen, was modernen Industriegesellschaften bis heute so schwer fällt – eine Integration von Zuwanderern, die nicht auf einem Identitätswechsel beruht. 

Erschienen in Rotary Magazin 8/2017

George Turner

Professor Dr. George Turner (RC Berlin) war von 1986 bis 1989 parteiloser Senator für Wissenschaft und Forschung in Berlin. Von 1989 bis 2000 bekleidete er einen Lehrstuhl für Rechtswissenschaft an der Universität Hohenheim und nahm eine Gastprofessur an der Humboldt-Universität zu Berlin wahr. Soeben erschien „Von der Universität zur university. Sackgassen und Umwege der Hochschulpolitik seit 1945“.

 

www.george-turner.de

Rotary Magazin 8/2017

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