Die Folgen der Exzellenzinitiative für die Spitzenforschung - Hochschullandschaft im Wandel

Masse statt Klasse? Die Universität der Zukunft entwickelt sich weiter zum Ort der Berufsausbildung. © Florian Peljak / DPA / PA

14.05.2013

Die Folgen der Exzellenzinitiative für die Spitzenforschung

Hochschullandschaft im Wandel

George Turner

In Deutschland gibt es fast 120 Universitäten, mehr als 200 Fachhochschulen und 55 Kunst- und Musikhochschulen. Von den insgesamt rund 375 Einrichtungen sind 240 in staatlicher Trägerschaft.

Um die Spitzenforschung zu unterstützen und den Wissenschaftsstandort Deutschland zu stärken, haben Bund und Länder die sogenannte Exzellenzinitiative ins Leben gerufen mit den drei Förderlinien „Exzellenzcluster“ (Förderung der Forschung eines Themenkomplexes), „Graduiertenschulen“ (Förderung von Doktoranden in einem breiten Wissenschaftsgebiet) und „Zukunftskonzepte“ (Entwicklung der Gesamtuniversität). Die in allen drei Stufen erfolgreichen elf Universitäten sind „exzellent“: Aachen, die Freie und die Humboldt-Universität in Berlin, Bremen, Dresden, Heidelberg, Köln, Konstanz, die beiden Münchener Universitäten und Tübingen. Die Auserwählten wurden in der Öffentlichkeit von Beginn an als „Elite- bzw. Spitzen-Universitäten“ bezeichnet. Neben diesen elf haben weitere Universitäten sowohl eine Graduiertenschule als auch ein oder mehrere Cluster; andere haben entweder das eine oder das andere, manche sind leer ausgegangen. Die überwiegende Zahl der Universitäten, darunter international auf bestimmten Gebieten höchst renommierte Einrichtungen, gehören nicht zur ersten Garnitur. Zugleich drängen die Fachhochschulen nach Gleichbehandlung mit den Universitäten. Sie nennen sich bereits „universities of applied science“. Von den insgesamt 2,5 Millionen Studierenden sind mehr als 1,6 Millionen an den Universitäten, 830.000 an den Fachhochschulen eingeschrieben. Die restlichen entfallen auf die Kunst- und Musikhochschulen und die Theologischen Hochschulen.

Absonderungstendenzen

Je mehr es zur Angleichung von Fachhochschulen und Universitäten kommt, desto deutlicher werden klassische, bekannte Universitäten versuchen, sich abzusondern. Bei den Technischen Universitäten konnte man das bereits beobachten: Neun haben sich im Jahr 2005 als Verein zusammengeschlossen („TU 9 German Institutes of Technology e.V.“: RWTH Aachen, TU Berlin, TU Braunschweig, TU Darmstadt, TU Dresden, U Hannover, U Karlsruhe, TU München und U Stuttgart.). Es war vorauszusehen, dass sich eine weitere Gruppierung bilden würde, die „U 15“. Den Kern stellen sieben Exzellenz-Universitäten: FU Berlin, HU Berlin, Heidelberg, Köln, LMU München, Tübingen. Hinzu kommen: Bonn, Frankfurt, Freiburg, Göttingen, Hamburg, Leipzig, Mainz, Münster, Würzburg. Die qualitativen Unterschiede zwischen dem Gros der Universitäten und den Fachhochschulen werden zunehmend weniger interessieren. Zusammen sind sie die Ausbildungsstätten, die das Auffangbecken bilden, zu denen sich im Zuge der Akademisierung von Abschlüssen zusätzlich Ausbildungsgänge für Krankenschwestern und Pflegeberufe gesellen werden, die bisher im dualen System angesiedelt waren. Unabhängig davon, wie der Exzellenz-Wettbewerb nach 2017 fortgeführt wird, zeichnet sich bereits jetzt eine Kluft zwischen den Bevorzugten und den anderen, dem überwiegenden Teil der Universitäten, ab. Das entspricht auch durchaus manchen bildungspolitischen Vorstellungen: Es genüge doch, wenn Deutschland eine kleinere Zahl von Hochschulen habe, die weltweit vor allem in der Forschung als erstklassig anerkannt wären; daneben müsse die Mehrheit in erster Linie Lehraufgaben wahrnehmen, nicht zuletzt, um die anstehenden geburtenstarken Jahrgänge zu bedienen. Man rechnet mit einem Anstieg der Zahl der Studierenden von derzeitig 2,5 auf bis zu 2,7 Millionen. In gewisser Weise bedeutet der Exzellenzwettbewerb mit seinen Konsequenzen sogar die Korrektur eines Anfangsfehlers aus der Zeit des Beginns der Reformen um das Jahr 1970. Vor der Expansion des tertiären Bereichs gab es rund zwei Dutzend Universitäten. Hinzu kamen die Technischen Hochschulen und Spezialhochschulen mit Universitätsrang. Später wurden die Fachhochschulen gegründet mit dem Auftrag, eine berufsbezogene Ausbildung anzubieten. Das Verhältnis der Studierenden an Universitäten und Fachhochschulen beträgt derzeitig 65:35. Besser wäre eine umgekehrte Relation mit rund einer dreiviertel Million Studierender an Universitäten. Ein solches Ergebnis hätte man erreichen können, wenn vorrangig die Fachhochschulen ausgebaut worden wären. In diese Richtung geht die Zahl der Studierenden an den U 15-Universitäten. Indem seinerzeit die Universitäten massiv ausgebaut worden sind, hat man den ersten Fehler gemacht. Damit war vorgegeben, dass sie für das Gros der Studienberechtigten Plätze bereit halten müssen. Konsequent war deshalb zwar, muss aber als zweiter Fehler registriert werden, dass auch die Universitäten Studiengänge mit dem Abschluss „Bachelor“ anbieten müssen. Der dritte Fehler ist, dass die Fachhochschulen auch Master-Abschlüsse offerieren und davon reichlich Gebrauch machen. Richtig wäre gewesen, mit Beginn der Expansion die Fachhochschulen auszubauen und dort, und nur dort, als ersten berufsqualifizierenden Abschluss den Bachelor vorzusehen. Indem auch die Universitäten diesen Abschluss ermöglichen, der die folgerichtige Antwort auf das Anwachsen der Studierendenzahl ist, wurde die klassische Universität mit ihrem Bildungskonzept verabschiedet. Nachdem man merkte, was angerichtet worden war, vor allem, dass die Massenuniversität den Wissenschaftsstandort Deutschland zu gefährden drohte, verfiel man auf die Idee der Exzellenzinitiative. Dabei erweist sich die dritte Förderlinie, die Honorierung von Zukunftskonzepten, als mittlerweile Fehler Nr. 4. Durch das Hochjubeln ganzer Einrichtungen zu Elite-Universitäten, obwohl nur höchst selektiv Aussagen über die Qualität getroffen worden sind, gelingt es an solchen Institutionen auch Durchschnittlichem, in besserem Licht zu erscheinen und gerät zugleich Besseres an anderen Orten ins Abseits. Konsequent allerdings ist auch dieser Fehler (Nr. 5), weil nur so die voraufgegangenen halbwegs ausgeglichen werden können.

Universität der Zukunft

Wenn die Entwicklung so verläuft, wie sie sich abzeichnet, führt das zu dem, was man längst hätte haben können: eine große Zahl von Einrichtungen des tertiären Bereichs, der in erster Linie eine Ausbildungsfunktion hat, und eine kleinere Anzahl von Institutionen, denen das Etikett „Universität“ im klassischen Sinn zusteht. Umwege sind meistens teuer und kosten Zeit. In diesem Fall schon ein halbes Jahrhundert. Die Universität der Zukunft ist kein Gebilde, das heute neu konzipiert wird. Sie ist in ihren konkreten Ausformungen und mit all ihren Eigenarten und Auffälligkeiten ein Produkt ihrer Geschichte. Die handelnden Personen bringen ihr Wissen und ihre Erfahrungen ein. Diejenigen, die in dem magischen Jahr 1968 zwischen 20 und 25 Jahre alt waren, haben im Jahr 2013 die 65 bis 70 erreicht. Sie und die nachfolgenden Studentengenerationen kennen nur den Typ Universität, der ständig reformiert wurde. Sie haben Universität nur erfahren als Gegenstand der Auseinandersetzung und als vom Zickzackkurs der Politik bestimmte Institution. Seit mehr als fünfzig Jahren wird über Hochschulpolitik geredet, wird reformiert und das Reformierte wieder reformiert. Niemand ist zufrieden mit den Ergebnissen. Der wesentliche Grund liegt darin, dass Vorstellung und Wirklichkeit von unterschiedlichen Interessen bestimmt werden. Keine der denkbaren Möglichkeiten, die nicht bereits irgendwo eingeführt, verworfen, u. U. anderenorts – trotz negativer Erfahrung an anderen Plätzen – probiert wird. Man könnte meinen, aus dem Mosaik an Gestaltungsmöglichkeiten müsste durch zielgerichtete Auswahl eine perfekte Lösung zu finden sein. Das aber scheitert daran, dass es keinen allgemein gültigen Hauptnenner gibt, bzw. man sich politisch darauf nicht einigen kann.

Eines aber ist nicht umkehrbar: Die Ausbildungsfunktion ist in den Vordergrund gerückt. Die Exzellenz-Universitäten, besser die U 15 (mit gewisser Korrektur), werden dem Bild der klassischen Universität eher entsprechen; der (große) Rest wird zur beruflichen Ausbildungsstätte.

Erschienen in Rotary Magazin 5/2013

George Turner

Professor Dr. George Turner (RC Berlin) war von 1986 bis 1989 parteiloser Senator für Wissenschaft und Forschung in Berlin. Von 1989 bis 2000 bekleidete er einen Lehrstuhl für Rechtswissenschaft an der Universität Hohenheim und nahm eine Gastprofessur an der Humboldt-Universität zu Berlin wahr. Soeben erschien „Von der Universität zur university. Sackgassen und Umwege der Hochschulpolitik seit 1945“.

 

www.george-turner.de

Rotary Magazin 9/2016

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