Editorial

Der letzte Moment

von Björn Lange | 
 |  Lesezeit: 3 Minuten

Faszination Pompeji – Garküchen, Gärten und Graffiti erzählen uns, wie bunt und lebenswert der Alltag im antiken Pompeji war

300.000 Menschen kamen allein über Ostern. So viele, dass die Zahl der täglichen Besucher inzwischen auf 20.000 begrenzt wurde. Was zieht Menschen aller Schichten und Bildungsgrade in eine fast 2000 Jahre alte Ruinenstadt am Vesuv? Was suchen sie dort – und warum übt gerade Pompeji eine solche Anziehungskraft aus?

Vielleicht liegt es daran, dass man Pompeji „lesen“ kann, ohne lesen zu können. Man spaziert durch eine vergangene Welt, sieht Häuser, Küchen und Läden, entdeckt Wandmalereien und Graffiti, betritt Gärten und Werkstätten. Es ist eine Art analoge Zeitreise: keine digitale Simulation, sondern Geschichte in Realzeit. Eine Stadt, die uns nicht nur von der Antike erzählt, sondern uns ihre Menschen beinahe leibhaftig gegenüberstellt.

Dabei ist die Katastrophe von damals für die Althistoriker von heute ein Glücksfall. Als der Vesuv im Jahr 79 n. Chr. ausbrach, wurde Pompeji unter Asche und Bimsstein begraben – und die Stadt gleichsam im Augenblick ihres Untergangs konserviert. Was für ihre Bewohner das Ende war, wurde für die Nachwelt zu einem einzigartigen Archiv des antiken Lebens.

Der Archäologe und Kulturmanager Hermann Parzinger fragt zum Auftakt unserer Titelgeschichte, was die besondere Faszination der Archäologie ausmacht – und warum Pompeji dabei eine Ausnahmestellung einnimmt. Der Althistoriker Michael Sommer richtet den Blick auf jene, die in den großen Texten der Antike kaum vorkommen: Bäcker, Händler, Wirtsleute, Prostituierte und andere Menschen des Alltags. Ihre Spuren erzählen eine andere Geschichte Roms. Und Gastrosoph Peter Peter schaut in Pompejis Thermopolia, die antiken Garküchen: Orte des Essens, des schnellen Verzehrs – und des gesellschaftlichen Lebens. Das sind nur drei unserer fünf Perspektiven auf eine Stadt, die untergegangen ist und uns doch so gegenwärtig erscheint. Was das antike Pompeji über uns erzählt, lesen Sie in unserer Titelgeschichte ab Seite 32.

Jedes Jahr im Oktober, viel zu selten eigentlich, richtet sich die Aufmerksamkeit der rotarischen Gemeinschaft auf Polio und damit auf die versprochene, aber noch unerfüllte Mission Rotarys, allen Kindern dieser Welt ein Leben ohne Polio zu ermöglichen. Um der einsetzenden Impfmüdigkeit einzelner Rotarier entgegenzuwirken, braucht es Geschichten, die noch nicht erzählt wurden – wie die von Dorothy Horstmann. Es ist der Recherche unserer Distriktreporterin Gabriele Arndt-Sandrock zu verdanken, dass Rotary International sich auf die Spuren der Wissenschaftlerin machte, die viel zu lange im Schatten großer Männer wie Jonas Salk und Albert Sabin stand. Das beeindruckende Horstmann-Porträt von Geoffrey Johnson lesen Sie in unserem „Fokus“ ab Seite 14.

Nicht weniger beeindruckend ist das, was mein Kollege Florian Quanz recherchiert hat: Er leuchtete die letzten Täler im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet aus, in denen noch Polio-Fälle auftreten, und sprach mit Dr. Zubair ­Wadood, dem leitenden Epidemiologen des WHO-Programms zur Ausrottung der Kinderlähmung. Weshalb es wirklich so schwierig ist, Polio ein für alle Male auszurotten, lesen Sie im „Globalen Netzwerk“ ab Seite 29.

Viel Vergnügen bei der Lektüre wünscht

Björn Lange
Chefredakteur