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„Wir sind auf Expansion gebürstet“

von Rainer Hank | 
 |  Lesezeit: 6 Minuten

Interview: Die Firma Humanocare ist der größte Anbieter von 24-Stunden-Betreuung im gesamten deutschsprachigen Raum. Bedarf steigend. Firmengründer Julian Hadschieff hat das schon lange kommen gesehen und sein Unternehmen entsprechend ausgerichtet

Was 1993 gemein-sam mit einer Ver- sicherung mit dem Betrieb von Senioren-residenzen begonnen hat, ist heute eine Un-ternehmensgruppe mit mehreren Pflegeheimen, Reha-Zentren, Ambula-torien, einem IT-Unternehmen und einem eigenen internationalen Recruiting-Bereich zur Personalvermittlung für viele Branchen, sogar samt eigener Sprachschule in Kolumbien.

War es von Anfang an das Geschäftsmodell, zu wachsen und so groß zu werden?

Ja, grundsätzlich bin ich alles sehr strategisch angegangen, ursprünglich für den Bereich Pflege. Seit ich Alleineigentümer bin, seit 2009, sind wir dann auch in andere Bereiche hineingewachsen. Mittlerweile ist alles, was mit Pflege und Betreuung zu tun hat, unser Thema.

Hat sich da trotz aller Strategie nicht auch manches aus spontanen Notwendigkeiten heraus ergeben?

Ja, bei der Sprachschule war das zum Beispiel so. Wir hatten anfangs bei Pflegekräften aus Kolumbien zu hohe Dropout-Quoten und haben uns deswegen entschieden, eine Sprachschule zu übernehmen, um die Leute top vorbereitet mit Sprachniveau B nach Österreich oder Deutschland bringen zu können.

Der Bereich Pflege und Gesundheit ist ja derzeit eines der ganz großen Themen für die Gesellschaft. Was kann die Politik von einem Gesundheitsunternehmer mit 33 Jahren Erfahrung lernen?

Das Wichtigste ist, wenn man sich ein Ziel gesetzt hat, konsequent daran zu arbeiten und sich nicht durch Tages-befindlichkeiten davon abbringen zu lassen.

Setzt sich die Politik die Ziele klar genug?

Die Politiker sehen sich momentan vor allem als Getriebene, hin- und hergerissen zwischen Populismus und durchaus ernsthaftem Bemühen, für die Gesellschaft das Richtige zu tun. Da geht viel Energie verloren. Dazu kommt: Mut kann man nicht kaufen. Wenn man davon überzeugt ist, dass etwas gut ist, dann muss man es durchziehen, auch wenn es im Moment vielleicht nicht so populär ist. Wenn man ständig die Zielrichtung wechselt, läuft man immer hinterher.

Sie sind ja auch Berater für Gemeinden und Manager von Pflegeeinrichtungen. Nehmen diese Institutionen Ratschläge an?

Unsere Betriebe, unsere Pflegeeinrichtungen, werden sowohl von den Auftraggebern, also Gemeinden oder Kommunalverbänden, als auch von der Aufsicht als sehr gut geführt bewertet. Deswegen haben wir auch über die Jahrzehnte noch keinen einzigen Managementvertrag verloren und werden immer wieder hinzugezogen, um Expertise abzugeben bei Sanierungsthemen oder bei Problemfällen. Also offensichtlich ja. Und ich denke, das wird in Zeiten großer Finanznöte wahrscheinlich sogar noch mehr werden.

Laut Wirtschaftsforschungsinstitut fehlen in Österreich bis 2030 gut 75.000 Pflegekräfte. Auch in vielen anderen Branchen gibt es Personalprobleme. Auch bei Humanocare selbst?

Ich denke, wir können gut damit umgehen. Ich bin überzeugt davon, dass Leadership und eine gute Unternehmenskultur Menschen binden und begeistern kann. Aber der Bedarf aufgrund der demografischen Entwicklung steigt. Deshalb bin ich ja auch in den Bereich Recruitment und Vermittlung eingestiegen.

Das ist mittlerweile ein eigenes Unternehmen in der Gruppe, auch für andere Branchen.

Ja, es ist nicht auf den Pflegebereich begrenzt. Wir bringen Personal aus vier Kontinenten nach Österreich, Deutschland und Spanien, nicht nur aus Südamerika, auch aus Asien, Afrika und aus dem Westbalkan. Das geht vom Gesundheits-sektor bis zu Fachkräften für die Industrie, je nach Bedarf.

Wenn Rotary sich als gesellschaftspolitischer Faktor einer friedvollen und demokratischen Entwicklung in der Welt sieht, dürfen wir uns nicht in den Mikrokosmos unserer Bubble zurückziehen

 

Woher kommen die Leute überwiegend?

Bei uns für die Pflege sehr stark aus Kolumbien. Diese Menschen sind exzellent ausgebildet, bekommen nach vier Jahren ihr Pflegediplom. Und sie sind sehr freundlich, arbeiten gerne. Aber für die ist es auch eine mutige Entscheidung, den Kontinent zu wechseln, auch wenn sie dann mit der Rot-Weiß-Rot-Card ihre Familie nachziehen können. Für diese Fachkräfte ist es hier ein sicherer Ort mit vielfältigen Möglichkeiten, und sie können Geld nach Hause schicken. Diese Motivation gibt es auch für Leute aus den Philippinen, Indien oder aus Indonesien.

Im Bereich der Pflege zu Hause, bei der 24-Stunden-Betreuung, kommen sehr viele Kräfte aus dem Osten Europas, aber nicht aus anderen Kontinenten. Warum?

Die 24-Stunden-Betreuung geht nur mit Selbstständigen, und Selbstständige müssen aus dem EU-Raum sein. Deswegen bieten wir in Österreich, Deutschland und jetzt auch in Tschechien und der Slowakei Betreuungskräfte aus Osteuropa an, von Polen bis Bulgarien. In Österreich kommen die primär aus Ungarn, Rumänien und der Slowakei.

Die staatliche Unterstützung für 24-Stunden-Betreuung zu Hause stagniert, nicht alle können sich das selbst leisten. Wie wirkt sich das aus?

Es steigt der Druck auf öffentliche Pflegeeinrichtungen. Der Bedarf steigt, wir wachsen da auch sehr stark. Wir brauchen daher die ganze Palette, von der Hauskrankenpflege und 24-Stunden-Betreuung bis zu neuen Wohnformen, von betreutem Wohnen bis hin zur echten stationären Betreuung in Pflegeeinrichtungen, und es braucht auch eine gewisse Durchlässigkeit, weil sich natürlich die Bedürfnisse der Bewohner und Klientinnen verändern. Und man muss mit Erkrankungen, zum Beispiel einer Demenz, auch umgehen können. Wir wissen das, denn wir haben ja auch eine Spezialeinrichtung in Salzburg für Menschen mit wirklich besonderen Bedürfnissen – Wachkoma, schwerste MS, schwerste Demenz, neurologische Erkrankungen, die in einer üblichen Pflegeeinrichtung ganz schwer versorgt werden können.

Zur Person: Julian Hadschieff

RC Wien-West / geb. 1959, aufgewachsen in Tirol, verheiratet mit einer Ärztin, vier Kinder, studierte in Innsbruck und Harvard, war Mitglied der österreichischen Eisschnelllauf-Nationalmannschaft sowie des Behinderten-Skiweltcup- und Paralympic-Teams. Er ist Gründer und Eigentümer der Humanocare Group und Präsident des Österreichischen Behindertensportverbandes.

Das heißt, Pflege insgesamt ist ein riesiger Markt.

Ja, wir wachsen konsequent, wir sind auf Expansion gebürstet.

Seit Kurzem gehört zur Humanocare auch eine Event- und Business-Location in Tirol. Ist das die Expansion in den Tourismus?

Das glaube ich nicht. Es gibt in den angestammten Bereichen genug Wachstumsmöglichkeiten. Wir gehören mit einigen unserer Einrichtungen wie Seniorenresidenzen und Privatkliniken jetzt auch schon zur Bundessparte Tourismus und Freizeitwirtschaft. Das Steinberg am Aachensee ist ein Kraftplatz, der mich auf Anhieb begeistert hat. Wir vermieten es aber nur als Gesamtes, für Vorstandsklausuren, Hochzeiten oder Geburtstage.

Sie haben von Jugend an eine Augenerkrankung, die sich sukzessive bis zur faktischen Erblindung verschlimmert hat. Wie kann man sich das vorstellen, damit solch ein Unternehmen papierlos zu führen?

Ich hatte Jahrzehnte Zeit, mich daran zu gewöhnen, im Wissen dass das Sehvermögen abnehmen wird. Ich hab als Kind voll gesehen, brauche jetzt laufende Begleitung. Aber ohne die digitalen Mittel von heute könnte ich mit meiner Sehbehinderung dieses Unternehmen nicht führen. Statt mit einer Kugellupe Silben zu entziffern, bekomme ich heute Texte von einer künstlichen Stimme vorgelesen und kann Texte über die Stimme schreiben lassen.

Könnte Rotary mehr machen im Sozialbereich?

Ich glaube, neben dem sozialen Engagement sollten wir auch mehr Achtsamkeit auf die politischen Entwicklungen legen.

Rotary sollte sich also auch politisch engagieren?

Nicht parteipolitisch, aber wenn die Demokratie unter Druck gerät, gilt es, auch international aufzustehen. Die Demokratie ist ein so wichtiges und wertvolles Gut, seit 1848 sind viele dafür auf den Barrikaden gestanden und gestorben, und heute sinkt auf der Welt die Anzahl der Demokratien rasant. Da sollten wir den Mut aufbringen, uns dafür zu engagieren. Wenn Rotary sich als gesellschaftspolitischer Faktor einer friedvollen und demokratischen Entwicklung in der Welt sieht, dürfen wir uns nicht in den Mikrokosmos unserer Bubble zurückziehen, da haben wir auch eine gewisse Verantwortung für die Gesellschaft.

Das Gespräch führte Hubert Nowak.