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„Essen ist unsere Waffe“

von Peter Peter | 
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Allein aus kulinarischen Gründen ist Taipeh eine Reise wert. Peter Peter hat angesagte Lokale, quirlige Nachtmärkte und alles dazwischen erkundet

Taiwan ist nicht nur Weltmarktführer für Mikrochips, sondern auch Musterknabe in einer Disziplin, die in China Tradition hat: staatliche Gastfreundschaft. Was als kaiserliches Bankett begann, heißt heute „Gastrodiplomacy“. Der Begriff zielt darauf, mittels der Soft Skills der Küche die globale Popularität eines Landes zu steigern. Für die Republic of China (kurz: ROP), die nur mehr von einer Handvoll Staaten anerkannt wird, eine Chance, sich international zu profilieren.

Das einstige Formosa hat sich als Destination für Foodies etabliert, was der Michelin mit einem Taiwan-Guide besiegelt. Der Gast kann in einem Land von der Größe Baden-Württembergs fast jede Festlandküche des Reiches der Mitte ausprobieren, denn die Chinesen, die 1949 vor den Truppen Maos flohen, brachten ihre eigenen Rezepttraditionen mit. Daneben lockt die Vielfalt der Straßen- und Nachtmärkte mit Beef Noodle Soup, Crispy Chicken oder fermentiertem „stinky Tofu“, die als identitätsstiftend für Taiwan gelten.

Wer nur Freizeit für ein Lokal hat, dem sei das Din Tai Fung empfohlen. Kein Geheimtipp, immerhin betreibt das Etablissement ein Dutzend Ableger in Asien. Das Mutterhaus befindet sich im zentralen Stadtteil Shida. Eine Location mit Kultstatus: Geduldig warten Touristen und Einheimische, die Schlangen eher als Qualitätsversprechen ansehen. Sobald die eigene Nummer aufblinkt, wird man über blitzende Marmortreppen in eines der drei Stockwerke geführt. Berühmt ist das Din Tai Fung für Xiaolongbao, flüssig mit Morcheln, Hackfleisch oder Kräutern gefüllten Teigpralinen, betrunkenes Huhn in Reiswein, dottergefüllte Taro-Bälle und unpasteurisiertes Bier, das nur 18 Tage nach Abfüllung verkauft wird.

Das Land ist stolz auf seine günstige Volksküche. Wer sich in das faszinierende Gedränge der Nachtmärkte begibt, tut gut daran, bereits in der Dämmerung auf Tour zu gehen.

 

Ein Familienrestaurant mit Tradition ist das Pengs. An runden Bankettischen wird chili-reiche Hunan-Küche serviert. Wie Patron Alex (fast alle Taiwanesen haben einen englischen Zweitnamen) verrät, bildeten aus Hunan stammende Soldaten den Kern der Kuomintang-Elitetruppen. Ausländer frequentieren das Lokal wegen Amerikas berühmtestem China-Gericht: General Tso’s Chicken ist eine Art Tempura in scharf-süßer Sauce – Gründer Peng Chang-kuei war 1974 nach New York ausgewandert und hatte ein Lokal gegenüber den Vereinten Nationen eröffnet, das Furore machte.

Regionalküche aus Hangzhou ist im Michelin-besternten Tien Hsiang Lo an-gesagt, das schon VIPs wie Pavarotti verköstigt hat. An den Wänden stimmen Kalligrafien und Gedichte Li Tai-bos, den Musikliebhaber aus Gustav Mahlers Lied von der Erde kennen, auf klassische Kochkunst ein. „Signature dish“ sind Süßwasserkrabben, aromatisiert mit teurem Drachenbrunnentee. Raffiniert schmeckt Karpfen in Pflaumenessig. Zur Faszination trägt die Teeauswahl bei: An die 40 Sorten aus Taiwan und edelsten Lagen der Volksrepublik sind glasweise zu probieren, heißes Wasser zum Nachgießen ist selbstverständlich.

Zauber der Nachtmärkte

Schon wegen der rot lackierten Palastarchitektur ist das von Gärten umgebene Grand Hotel sehenswert, das in den 1950ern für Staatsgäste errichtet wurde und Schauplatz der Rotary Convention 1994 war. Großfamilien aus Hongkong kehren gerne im Golden Dragon Restaurant ein, um mit Blick auf das Wahrzeichen der Hauptstadt, den 508 Meter hohen Tower 101, kantonesische Lackente, die klassisch mitsamt Hals und Kopf präsentiert wird, zu verspeisen.

Gegensatz Streetfood: Das Land ist stolz auf seine günstige Volksküche. Wer sich in das faszinierende Gedränge der Nachtmärkte begibt, tut gut daran, bereits in der Dämmerung auf Tour zu gehen. Hier wartet an winzigen Ständen mit brodelnden Töpfen eine Fülle kreativer Ideen: Wachteleier am Spieß, Tintenfischchips, „Weißwürste“, die sich als mit Reis gefüllt entpuppen und aufgeschlitzt dünnere Würste aus gesüßtem Schweinefleisch aufnehmen, gallertig gekochte Rindersehnen, glücksbringende Hühnerkrallen, Wasserkastanien oder geschmorte Süßkartoffelblätter. Mein Lieblingsmarkt liegt im pittoresken Vorort Tamsui am gleichnamigen Fluss.

Tee und Sushi

Eine Attraktion Taipehs sind Teehäuser. Einheimische lieben es, mit der Gondola-Seilbahn in die südlichen Hügel von Maokong zu fahren. Hier gibt es winzige Parzellen, die von heimischen Teebauern gepflegt werden, fast wie die Crus im Burgund. Von der Bergstation spaziere ich eine Viertelstunde Richtung Tea Promotion Center – dann biege ich links ab zum Shan-Shui-Ke-Teehaus. Hier lässt sich auf der Traumterrasse Oolong der raren Sorte Paochang schlürfen. Eine Spezialität ist Ingwerhühnchen, knusprig frittiert in „tea seed oil“. Eine Tee-Idylle in der Stadt ist der Teich des Botanischen Gartens. Hier hat die weitgereiste Malerin Serina Lai Rosentee mit Pandanblättern kreiert. Für spezielle Gruppen kocht die Galeristin zarte blütenreiche Menüs. Im Teemuseum Sin Hong Choon wird die Teeaufbereitung dokumentiert: Im Roasting Room werden die Blätter in Gruben langsam „gebraten“.

Die von der Verfassung geschützten indigenen Bergvölker bereichern durch Sammeln von Wildpflanzen und Heilkräutern die Küche um vegetarische Alternativen

 

Taiwans Foodszene legt Wert auf ihre Eigenständigkeit. Dazu gehört die Betonung der Küche der Hakka. Diese ethnische Minderheit wanderte bereits im 17. Jahrhundert aus China ein und hält an Rezepten wie mit Sesam versetztem Tee und in Salzkruste gebackenem Korianderhuhn fest. Die von der Verfassung geschützten indigenen Bergvölker bereichern durch Sammeln von Wildpflanzen und Heilkräutern die Küche um vegetarische Alternativen.

Was Taiwans Kultur prägt, ist die eher positive Wertung der japanischen Kolonialzeit (1895–1945). Die Insel ist ein wunderbares Land, um Sushi zu essen. Die stylishste Adresse ist der Fish Market, wo Becken mit Riesenkrabben und pazifischen Muscheln auf die kalten Köstlichkeiten der langen Stehtheke einstimmen.

Xiexie: Mein Dank gilt allen, die mir die Insel kulinarisch nahegebracht haben, voran Professor Su Heng-an aus Kaohsiung, dem ich das Titel-Zitat verdanke, Serina Lai für ein blumenreiches Mittagsmahl, Mimi vom Hotel Kagaya im Thermenort Beitou und Achim von Hake vom Rotary Club Taipeh, der mit einem volkstümlichen Tipp für Beef Noodle Soup aufwartet: Lao Shandong. Bleibt noch Zou. Meine Lieblingsbar wurde Ende 2025 eröffnet und serviert taiwanesische Malts und Reis-Whiskeys zu klassischer Musik.

Peter Peter

ist Gastrosoph, Restaurantkritiker und Dozent für kulinarischen Tourismus.Der Münchner publiziert Kulturgeschichten der Küche und lehrte Gastrosophie an der Universität Salzburg. Er ist Kolumnist des Rotary Magazins.

Foto: Privat