Zukunftsaufgaben

Im Juni wird der "Deutsch- Japanische Wirtschaftskreis" (DJW) 40 Jahre alt. Er führt rund 1.000 japanische und deutschen Firmen zu Gesprächen zusammen. Dahinter steckt auch rotarische Initiative
Nach dem Zweiten Weltkrieg bemühten sich Japan und Deutschland um einen schnellen wirtschaftlichen Wiederaufbau. Ihre Ausgangsposition war ähnlich. Beide Länder standen vor der Aufgabe, die Kriegsproduktion durch eine moderne Friedenswirtschaft zu ersetzen. Dabei agierten sie unabhängig voneinander. Deutschland setzte vor allem auf die Kraft des Marktes, auf eine von den privaten Unternehmen gestützte „soziale Marktwirtschaft“. Dagegen verzichtete Japan nicht auf eine straffe staatliche Führung, sondern versuchte durch öffentliche Zielvorgaben die Wettbewerbskraft der früheren „zaibatsu“ zu erhöhen.
Beide Länder waren erfolgreich, aber auf unterschiedliche Weise: Deutschland legte (allerdings nur in der Bundesrepublik) ein frühes Wachstum vor. Japan (dem im Innern keine Grenzen gezogen waren) folgte später, hatte aber, nicht zuletzt durch eine „private-public-partnership“ eine umso höhere Durchschlagkraft.
Beide nutzten die Freiheit der Märkte. Japan zögerte länger, den bis dahin streng kontrollierten Zugang zu seiner eigenen Volkswirtschaft freizugeben. In ihren handelspolitischen Interessen stießen sie deshalb aufeinander, vor allem in Feldern, die für beide wichtig waren, zum Beispiel in der Unterhaltungselektronik, der Optik, in Teilen des Maschinenbaus und der Kraftfahrzeugindustrie. In Deutschland wurden Rufe der betroffenen Branchen nach Konkurrenzabwehr, nach Dumpingklagen und Schutzzöllen laut.
Im bilateralen Austausch konnte Deutschland kaum noch die Hälfte seiner Importe aus Japan mit Exporterlösen aus Japan bezahlen. Der damalige liberale deutsche Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff (zusammen mit einigen Unternehmenslenkern Mitglied im RC Düsseldorf-Süd) wusste um die historisch enge Zusammenarbeit beider Länder seit der Meijizeit. Sie war auch in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg eindrucksvoll bestätigt worden. Auch hatte er großen Respekt vor dem Patriotismus der Japaner, ihrer Leistungskraft und Disziplin. In der innenpolitischen Diskussion nahm er immer wieder darauf Bezug, um seine eigenen Landsleute für mehr Gemeinschaftssinn zu gewinnen. Vor diesem geistigen Hintergrund wies er handelspolitische Zwangsmaßnahmen zurück. Innenpolitisch war diese Abwehrhaltung mutig und gewagt. Alternativ entwickelte er den Gedanken einer „Deutschen Industriellen Leistungsschau“ in Tokio. Sie sollte den Beweis führen, dass der gute Ruf noch immer berechtigt war. Mit dieser Kraft wollte er den Ausgleich schaffen.

Gegen alle Widerstände setzte er 1984 seinen Plan durch. Allen Voraussagen zum Trotz war die weiße Zeltstadt, die Düsseldorfer Architekten den deutschen Ausstellern am Hafen von Tokio errichteten, ein großer Erfolg. Er sollte deshalb im Abstand von wenigen Jahren wiederholt werden. Dazu kam es nicht. Aber in anderer Form wurde die Absicht verwirklicht. Zwei Jahre später, 1986, wurde der „Deutsch-Japanische Wirtschaftskreis“ (kurz DJW) ins Leben gerufen. Dahinter steht der Gedanke, dass Unternehmer eher selten gute Diplomaten oder geländegängige Politiker sind. Ihr Anker ist die Wirklichkeit. Sie wissen, Gespräche müssen Folgen haben. Kontakte über Grenzen sind besonders wichtig. So kann Vertrauen, ein unverzichtbarer Produktivfaktor, begründet, können teure Missverständnisse vermieden werden.
Über Details wurden nicht entschieden Aber aus der Praxis wurde soviel deutlich:
- Deutschland und Japan wollen im DJW der Bedeutung eines freien Welthandelns immer wieder Ausdruck geben. Beide Länder nutzen auch bilaterale Abkommen. Aber ihr gemeinsames Primat ist ein multilateraler Ansatz. Er sichert bestmögliche Wertschöpfung und hat zudem friedenssichernde Kraft.
- Zu diesem Zweck treffen sich deutsche und japanische Unternehmensführer regelmäßig zu freundschaftlichem Austausch, um gegebenenfalls handelspolitische Verspannungen schon im Vorfeld zu erkennen. Ziel solcher Vorwarnmeldungen ist es, Verwerfungen abzubauen, ohne dabei förmliche streitschlichtende Instanzen in Anspruch zu nehmen.
- Die Treffen können auch andere Ideen und Projekte anstoßen, die im grenzübergreifenden Interesse beider Länder, und gegebenenfalls auch weiterer Partner, liegen.
40 Jahre später stellt sich die geostrategische Lage völlig verändert dar. 1986 war die Sowjetunion im Verfall. Ihr Zusammenbruch zeichnete sich ab. China galt noch als Entwicklungsland. Die USA waren innenpolitisch eine gefestigte, von vielen bewunderte Demokratie, verfügten über die kraftvollste Wirtschaft, das stärkste Militär und das umfangreichste atomare Potential. Unbestritten waren sie – für viele Nachkriegsjahre – die einzige Weltmacht. Mit Ablauf der Zeit haben die USA auf vielen Gebieten Substanz verloren. Die Führungsposition müssen sie heute mit Russland und China teilen. Indien, das bevölkerungsreichste Land der Erde, sucht den Anschluss an diese Spitzengruppe. Für Japan und Deutschland (aber auch für viele andere Länder) hat das Folgen. Der Abstand zu den Weltmächten wächst in jedem Jahr. Am Tisch der „Großen“ wird ihnen kein Platz mehr zugebilligt. Die Entscheidung über die großen Brandherde der Zeit – Palästina, Ukraine, Iran, Golfstaaten – treffen sie im Alleingang oder unter sich ohne Verständigung mit den Mittelmächten. Die skizzierten geopolitischen Bewegungen haben Folgen für die Beratungen im „Deutsch-Japanischen Wirtschaftskreis“:
- Freiheit von Handel und Dienstleistungen sind mehr denn je in Gefahr. Exportbarrieren werden errichtet, freier Zugang zu Rohstoffen wird versagt. Mittelmächte müssen abgestimmt handeln.
- Auf machtpolitische Bewegung folgt wirtschaftliche und finanzielle Konzentration. Deutschland und Japan können nur noch gemeinsam Paroli bieten.
- Industrielle Überforderung gefährdet Lebensgrundlagen. Hochverdichtete Räume sind besonders betroffen. Sie müssen sichtbar machen, wie Ökonomie und Ökologie zu verbinden sind.
- Moderne Technik (KI, Militär, Weltraum) ist nur großräumig zu haben. Gemeinsame Teilhabe ist geboten.
- Das Völkerrecht verliert seine verbindende Kraft. Macht geht vor Recht. Exportabhängige Länder haben besonderes Interesse, dem entgegenzuwirken.
Seit Gründung des „Deutsch-Japanischen Wirtschaftskreises“ vor 40 Jahren hat sich die Welt verändert. Die Bewegung war dramatisch. Niemand wird erwarten, dass sich der DJW aller Themen annimmt, die dadurch ins Blickfeld geraten. Es bleibt jedoch festzuhalten, dass er als Scharnier zwischen den beiden Mittelmächten an Bedeutung gewonnen hat. Zudem täte es manchen Themen gut, wenn die Stimmen aus dem deutsch-japanischen Unternehmerlager dabei zu Worte kämen. Zur Zukunftssicherung stehen wichtige Entscheidungen an.

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Ruprecht Vondran - siehe rechts:
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