Sich mit Goethe den Wogen anvertrauen

IBaden, um Gesundheit und Wohlbefinden zu stärken, – damit konnte man zu Zeiten des Dichterfürsten niemanden überzeugen. Aber Goethe sich nicht beirren.
Das Baden war in Goethes jungen Jahren nichts, womit der Dichter in den höheren Gesellschaftsschichten besonderen Eindruck hätte machen konnte. Im Gegenteil: Es galt als Beschäftigung des ‚gemeinen‘ Volkes, das keine Hemmungen hatte, sich mehr oder weniger nackt, oft unter dem Gespött der Leute, zuweilen von Steinwürfen gepeinigt, ins Wasser zu begeben. Aber Goethe hatte den Wert der Bewegung im Wasser für sich schon früh erkannt. Vermutlich ist es ihm sogar zu verdanken, dass das Baden in seinen höheren Kreisen allmählich eine gewisse Beliebtheit erlangte. Goethe, war er gar ein Pionier des Schwimmens?
Die erste, wenn auch eher beiläufige Erwähnung eines lustvollen Eintauchens in das flüssige Element lässt sich bis in das Jahr 1773 zurückverfolgen: „Nach einer so angenehmen Wanderung von einigen Tagen gelangte ich nach Ems, wo ich einige Male des sanften Bades genoß, und sodann auf einem Kahne den Fluß hinabwärts fuhr.“ Gemeint ist die Lahn, die sich unterhalb von Koblenz zum Rhein hin öffnet.

Immer wieder finden sich in seinen Aufzeichnungen kurze Hinweise aufs Baden. Selbst niedrigeTemperaturen und Regenfälle konnten ihn nicht vom Gang ins Wasser abhalten. Ob er sich dabei auch einmal einen Schnupfen zugezogen hat? Wir wissen es nicht. Dass der Zeitpunkt für das Eintauchen dafür häufiger auf den Abend oder sogar auf die Nacht fiel, dürfte einerseits dem Mondschein geschuldet gewesen sein, an dem er sich bekanntermaßen gerne erfreute, andererseits aber bestimmt auch dem Wunsch, sich neugierige Blicke vom Leibe zu halten.
In „Wilhelm Meisters theatralische Sendung“ („Urmeister“, entstanden 1777-1785) verglich Goethe den Beginn einer Liebesaffäre mit den Empfindungen beim Ins-Wasser-Steigen: „Ehe der Mensch sich einer Leidenschaft überlässt, schaudert er einen Augenblick davor, wie vor einem fremden Element; doch kaum hat er sich ihr ergeben, so wird er, wie der Schwimmer von dem Wasser, angenehm umfasst und getragen, er befindet sich in dem neuen Zustand wohl und gedenkt nie eher an den festen Boden, bis ihn die Kräfte verlassen oder der Krampf ihm droht, ihn unter die Wellen zu ziehen.“
Seinem Sekretär Friedrich Wilhelm Riemer hat Goethe einmal berichtet, wie er „einen Bauern aus Oberweimar, der spät in der Nacht nach Hause zurückkehrend, über das Gatter der Floßbrücke steigen wollte, dadurch in Furcht und Schrecken versetzte, daß er in seiner weißen Gestalt mit schwarzem langem Haupthaar, aus dem Wasser auf und nieder tauchend und dabei wunderbare Töne von sich gebend in jenem Manne die energische Vorstellung einer Ilmnixe erregte, deren Existenz dieser sich nun wahrscheinlich nicht wieder habe ausreden lassen.“
Dafür, dass ihn die Badeexerzitien zu Gesängen und Gedichten inspiriert haben, gibt es viele Belege. „So sang ich neulich, als ich tief in einer herrlichen Mondnacht aus dem Flusse stieg, der vor meinem Garten durch die Wiesen fließt“, schrieb er am 17. Juli 1777 an Auguste Gräfin zu Stolberg. 1779 entstand die Ballade „Der Fischer“, welche die Kraft des Wassers zum Thema hat:
„Ach wüßtest du, wie’s Fischlein ist,
So wohlig auf dem Grund,
Du stiegst herunter wie du bist,
Und würdest erst gesund…“
Dass Goethe seine aquatischen Aktivitäten „professioneller“ betreiben wollte, belegt nicht zuletzt der Schwimmgürtel aus Kork, den er sich hat anfertigen lassen. Und sogar ein spezielles Outfit musste her: „Abends Schwimmwams probirt“, heißt es am 15. Mai 1777. In seinemAbrechnungsbuch im darauffolgenden Jahr wird dann „eine leinwandne Weste und Hosen mit blauem Band z. baden 10 Silbergroschen“ erwähnt.
Der sorgsam gefertigte Aufzug scheint indes nicht immer das gehalten zu haben, was er versprach. So erinnert sich Karl von Stein an den Vorfall, „daß nahe an der Ilm auf der Wiese vor seinem Garten in Gegenwart von Damen, die an der Tür standen, ein paar Knöpfe dieses Anzugs aufgesprungen waren und etwas großartiges des Körpers an dem großartigen Geiste enthüllten, was er doch sorgfältig verhüllt glaubte.“
Bald sprach er immer häufiger auch explizit vom Schwimmen, nicht mehr nur vom Baden. Gemeinsam mit Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach tauchte Goethe während seiner zweiten Schweizer Reise 1779 in Lausanne und bei Vevey in den Genfer See, „es war als bei uns im Sommer, das Wasser gar schön und weich“. Und selbst Anfang November schwamm er noch bei Genf in der Rhone. Ein knappes Jahrzehnt später, am 1. August 1787, schrieb er während seiner legendären Italienreise: „Abends ward in der Tiber gebadet, in wohl angelegten sichern Badehäuschen; dann auf Trinità dei Monti spaziert und frische Luft im Mondschein genossen.“
Der Dichter hat all das noch etliche Jahre fortgesetzt, auch wenn es nun häufiger in Konflikt mit seiner körperlichen Verfassung – man denke nur an seine Leibesfülle – und gedanklichen Arbeit geraten zu sein scheint. So brachte ihm das Eintauchen ins flüssige Element offenbar nicht immer die gewünschte Belebung: „Selbst daß ich morgens badete, war meinen Vorsätzen nicht günstig“, schrieb er dem von Schwindsucht geplagten und dem Baden nicht zugeneigten Schiller am 17. August 1802 – das war während der Zeit, als er am „Faust“ arbeitete. „Ich schwimme und bade so gut wie ich kann“, notierte Goethe dann am 16. Dezember 1803. In den folgenden Jahrzehnten beziehen sich Goethes Bemerkungen zum Baden häufiger auf Anwendungen von Heil- und Kräuterbädern als auf das Schwimmen in offenen Gewässern.

Ähnlich wie der Eislauf war das Baden bzeziwhungsweise Schwimmen in jedem Fall etwas, das bei ihm einen geradezu missionarischen Eifer hervorrief. Überhaupt kann man Goethe in fortgeschrittenem Alter als recht sportlichen Menschen bezeichnen, auch wenn der Begriff „Sport” zu seiner Zeit im deutschen Sprachraum noch nicht einmal gebräuchlich war. Er versuchte sich an Purzelbäumen, focht, tanzte, stapfte durch den verschneiten Harz, kletterte unter der Krone des Straßburger Münsters, frönte der Wanderlust in den Schweizer Bergen, ging auch mal „ein Stündgen aufs Eis” und ritt bis ins hohe Alter. „Bewegung ist mir ewig nötig”, schrieb er am 31. August 1779, da war er gerade einmal dreißig Jahre alt. Dieses Credo war sowohl auf seine geistigen Prozesse gemünzt als auch auf die physischen, versteht sich.
Goethe war nicht nur ein Schwimmer, er gab sich auch einer für seine Zeit ungewöhnlichen Aktivität hin: Er hackte das Eis der Ilm auf, um ins kalte Wasser zu stiegen. Und er forderte die Söhne der Frau von Stein auf, sich im Winter in dem eiskalten Flüsschen abzuhärten. War das nur ein seltsamer Spleen oder was hat es damit auf sich?
Es mag paradox anmuten, sich freiwillig einer Herausforderung wie dem Schwimmen in einem winterlichen Gewässer auszusetzen, wenn die Luft ebenfalls kalt ist, das Wetter oft unbeständig ist und die Sonne am grauen Himmel kaum zu sehen ist. Geschichtlich betrachtet, ist das Eisbaden lange bekannt, besonders im religiösen Zusammenhang. Russisch-orthodoxe Christen betreiben es zu Epiphanias am 19. Januar. Kreuzförmige Löcher im Eis von Flüssen erlauben den Einstieg über eine Treppe ins Wasser. Es hat die Funktion eines Reinwaschungsrituals und erinnert an die Taufe Christi.
Inzwischen gibt es immer mehr Menschen, die sich dafür begeistern. Sie schreiben dem Winterbaden als eine Methode der „Kälteimmersionstherapie“ die Möglichkeit zu, Symptome und Komplikationen chronischer und akuter körperlicher und psychischer Erkrankungen zu lindern. Die Kälte erfasst jeden Zentimeter des Körpers, von den Fußsohlen bis zur Nasenspitze. Das Eintauchen beschleunigt die Herzfrequenz und erhöht den Blutdruck, Adrenalin und Noradrenalin werden in den Blutkreislauf ausgeschüttet. Ein großer, unwillkürlicher Atemzug wird ausgelöst, dem eine schnelle Atmung oder Hyperventilation folgt.
Heute kann man das alles im Detail analysieren, aber bestimmt hat der Naturwissenschaftler Johann Wolfgang von Goethe, der er auch gewesen ist, solche physiologischen Vorgänge schon erahnt!
Diese und mehr Anekdoten und Geschichten über das Baden und Schwimmen finden sich in Bernd Brunners Buch „Abtauchen und Treibenlassen – Die Geschichte des Badens und Schwimmens“, HarperCollins Deutschland 2026, 192 Seiten, 22 Euro
























