Common Sense, neu gedacht

Gesunder Menschenverstand gilt als Grundlage vernünftigen Handelns – doch was bedeutet Common Sense heute? Warum wir Alltagsvernunft, kritisches Denken und Gemeinsinn neu zusammendenken müssen
Probieren geht über Studieren. Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht. Wer solche Sätze ausspricht, kann sich breiter Zustimmung sicher sein. Sie gehören zum Erfahrungsschatz des gesunden Menschenverstandes, der – gleich einer Art kultureller Meme – von Generation zu Generation weitergegeben wird. Und der Ruf nach mehr davon ist ein Dauerbrenner. Ob bei politischen Entscheidungen, wirtschaftlichen Fehlentwicklungen oder ausufernder Regulierung: Wo bleibt der Common Sense, möchte man fragen.
Gerade in unsicheren Zeiten ist er hochwillkommen. Er verspricht, Klarheit in verworrene Lagen zu bringen, unplausible Ansichten zu enttarnen und pragmatische Lösungen zu finden. Zugleich steht er selbst in der Kritik. Will da jemand nur die eigenen Überzeugungen für die einzig richtigen erklären? Oder werden Trivialitäten als Lösungen ausgegeben? Und was hat der Alltagsverstand überhaupt zu bieten, wenn es um den Klimawandel oder die Künstliche Intelligenz geht – um Fragen also, die unsere Lebensgrundlagen und unser Selbstverständnis als Menschen berühren?
Also vorwärts zu mehr gesundem Menschenverstand? Meine Antwort lautet: Ja, aber. Wir sollten ihn stärken – und zugleich erweitern.
Ein Sinn mit zwei Gesichtern
Seit Jahrhunderten wird der gesunde Menschenverstand bemüht, wenn Alltagstauglichkeit eingefordert wird. Englische Gerichte fragen seit viktorianischer Zeit, wie der fiktive „Mann im Clapham-Omnibus“ gehandelt hätte – ein vernünftiger Durchschnittsbürger auf dem Weg zur Arbeit. Adam Smith, Moralphilosoph und Begründer der klassischen Nationalökonomie, entwarf zu diesem Zweck den „unparteiischen Beobachter“. In beiden Fällen soll ein Perspektivwechsel Orientierung schaffen: Wie sähe meine Entscheidung mit den Augen eines vernünftigen Dritten aus?
Der Begriff selbst reicht noch weiter zurück. Das lateinische sensus communis übersetzt vermutlich die koinê aisthêsis des Aristoteles – einen allgemeinen Sinn, in dem sich einzelne Wahrnehmungen zu einem Gesamteindruck fügen. Diese Integrationsleistung ist bis heute der Kern: Der gesunde Menschenverstand verbindet zunächst Unverbundenes zu einem stimmigen Ganzen.
Darin liegt seine Stärke – und seine Schwäche. Er ist janusköpfig. In einer Gefahrensituation im Straßenverkehr reagieren wir intuitiv oft richtig. Die Physik des Klimawandels oder die Funktionsweise großer Sprachmodelle aber erschließt sich keinem Bauchgefühl. Hier kann der Alltagsverstand rasch zur kognitiven Verzerrung werden.
Hilfreich ist eine Unterscheidung. Manche Fragen haben grundsätzlich eine richtige Antwort, ob jeder sie nachvollziehen kann oder nicht. Hier ist Sachwissen gefragt. Andere bleiben ihrem Wesen nach mehrdeutig – etwa wie wir die Folgen klimapolitischer Maßnahmen gewichten oder wie wir KI regulieren wollen. Hier geht es um Wertwissen, und hier hat der gesunde Menschenverstand seinen Platz. Populistisch wird es, wenn jemand diese Grenze verwischt und eine subjektive Wertung als Wahrheit ausgibt.
Umgekehrt gilt aber auch: Wer eine anspruchsvolle Lösung dem Alltagsverstand nicht zugänglich machen kann, darf sich über fehlende Akzeptanz nicht wundern. Das Misstrauen lässt sich dann mit noch mehr Sachargumenten kaum abbauen. Diesem Common-Sense-Test sollten sich gerade neue Ideen in Wirtschaft, Technik und Politik stellen.
Mittler der Vernunft
Wegweisend sind hier die drei Maximen, die Immanuel Kant für den Gebrauch des Menschenverstandes formuliert hat: Selbstdenken. An der Stelle jedes andern denken. Jederzeit mit sich selbst einstimmig denken. Die erste zielt auf eigenständiges, vorurteilsfreies Urteilen. Die zweite verlangt einen Blick über den privaten Vorteil hinaus. In der dritten verbinden sich beide zu dem, was Kant Vernunft nennt.
So verstanden ist der gesunde Menschenverstand ein Bindeglied zwischen Gemeinsinn und Gemeinwohl. Der Gemeinsinn liefert die Motivation, sich am Wohl aller zu orientieren. Der gesunde Menschenverstand verbindet diese Absicht mit der Wirklichkeit: Er sucht eine machbare Lösung, die auch andere als vernünftig ansehen. Vernünftig ist, was die Balance zwischen individuellen und kollektiven Bedürfnissen wahrt. Unvernünftig ist, was keinen Ausgleich schafft oder sich zu weit vom Erfahrungsschatz einer Kultur entfernt.
In diesem Sinne ist der gesunde Menschenverstand konservativ: Er meidet Extreme und zielt auf Ausgleich. Und er ist kreativ, weil er in umstrittenen Gemeinwohlfragen gangbare Wege finden muss. Wenn Gemeinwohl das Ziel ist, dann ist der gesunde Menschenverstand ein Mittler der Vernunft.
Wie schnell sich dieser Mittler vereinnahmen lässt, zeigt Donald Trump. In seiner zweiten Antrittsrede im Januar 2025 rief er eine „Revolution des gesunden Menschenverstandes“ aus und unterzeichnete am selben Tag eine Reihe von Dekreten – zu Migration, Zöllen und der Rücknahme klimapolitischer Programme. Seine Anhänger hören darin die Rückkehr zur Alltagsvernunft gegen eine als abgehoben empfundene Politik – ein Anliegen, das man ernst nehmen sollte. Doch das Etikett hat eine Kehrseite: Wer widerspricht, steht scheinbar gegen das Selbstverständliche. Ob Zölle der eigenen Wirtschaft nützen oder der Klimawandel Handeln erfordert, sind Fragen, zu denen es umfangreiches Sachwissen gibt. Wie man Sicherheit, Freiheit und Offenheit gegeneinander abwägt, ist dagegen eine Wertfrage, die Aushandlung verlangt. Unter dem Common-Sense-Etikett wird beides eingeebnet. Hinzu kommt ein Widerspruch in sich: Eine Revolution ist das Gegenteil dessen, was der gesunde Menschenverstand anstrebt – Maß, Mitte, Ausgleich. Und wer im Namen des Gemeinsamen vor allem gegen ein „korruptes Establishment“ zu Felde zieht, verfehlt Kants zweite Maxime. So wird der gesunde Menschenverstand nicht gestärkt, sondern als Kampfbegriff verbraucht.
Für uns Rotarier ist das nichts Fremdes. Die Vier-Fragen-Probe – Ist es wahr? Ist es fair für alle Beteiligten? Wird es Freundschaft und guten Willen fördern? Wird es dem Wohl aller Beteiligten dienen? – ist im Grunde angewandter gesunder Menschenverstand. Sie misst das eigene Handeln an seiner Nachvollziehbarkeit für andere.
Erfahrung, die reift
Erfahrung, die reiftGesunder Menschenverstand ist niemandem einfach gegeben. Er wird durch Erfahrung geformt und verändert sich mit ihr. „Maß und Mitte“ bedeutet für Jugendliche etwas anderes als für ihre Eltern oder Großeltern. Vereinfachung ist sein Kernelement: Darin liegen Mutterwitz und Lebensweisheit, aber auch Vorurteil und Stereotyp.
Der Entwicklungspsychologe Robert Kegan beschreibt, wie sich unser Weltverständnis stufenweise erweitert: vom Verinnerlichen der Normen unseres Umfelds über eigene, auch gegen Widerstände verteidigte Überzeugungen bis zur Fähigkeit, die eigenen Wahrheiten in größere Zusammenhänge einzuordnen und Widersprüche auszuhalten. Mit jeder Stufe wird auch der eigene Common Sense neu befragt.
Auf jeder dieser Stufen bekommt ein Sprichwort wie „Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht“ eine neue Bedeutungsschattierung. Praktische Weisheit als höchste Form des gesunden Menschenverstandes lässt sich nicht abkürzen. Aber sie lässt sich üben – durch Vertrauen in das eigene Bauchgefühl ebenso wie durch den bewussten Perspektivwechsel und die Bereitschaft, eingefahrene Denkmuster selbstkritisch zu prüfen.
Mehr als der Mann im Omnibus
Was heißt das für unsere Zeit? Zunächst sollten wir den gesunden Menschenverstand nicht überfordern. Er ist keine Allzweckwaffe, wenn man nicht weiterweiß. Eine Ahnung kann fehlendes Sachwissen nicht ersetzen, wohl aber Lücken schließen und unser Handeln leiten. Seine größte Stärke entfaltet er, wenn er – gern mit Humor – allzu abgehobene Gedankengebäude in die menschliche Erfahrungswelt zurückholt. Seine Grenzen erreicht er dort, wo er sich selbst nicht mehr hinterfragt oder vom Gemeinwohl abkoppelt. Wer sich auf ihn beruft, sollte also behutsam damit umgehen. Das betrifft jeden von uns.
Die wichtigste Erweiterung im 21. Jahrhundert betrifft unser Bezugssystem. Es reicht nicht mehr zu fragen, was der Mann im Clapham-Omnibus für vernünftig hält. Eine Entscheidung sollte auch vor dem „Baum am Straßenrand“ bestehen können – und vor der „Künstlichen Intelligenz um die Ecke“. Das klingt nach Überforderung. Doch es ist nur die konsequente Fortsetzung dessen, was der gesunde Menschenverstand immer schon war: die Kunst, an der Stelle jedes anderen zu denken. Der Kreis der anderen ist nur größer geworden.
Timo Meynhardt
(RC Jena) ist designierter Präsident der Universität Witten/Herdecke (per 1.4.2027). Er ist aktuell Professor für Wirtschaftspsychologie und Führung an der HHL Leipzig Graduate School of Management und Direktor am Center for Leadership and Innovation an der Universität St.Gallen.























