„Einem Erdbebenopfer zu helfen, ist weder links noch rechts"

Giuseppe Farina lebt seit 26 Jahren in Istanbul, ursprünglich kam er für die Telecom Italia ins Land. Seit rund 22 Jahren ist er Rotarier. Im Rotary Club Istanbul leitet er das Komitee für internationale Beziehungen, 2028 wird er Präsident. Ein Gespräch über offene Türen, Honig und die Zukunft von Rotary
Viele Clubs antworten nicht einmal auf E-Mails. Sie schon. Warum?
Wir sind ein offener Club, und Istanbul ist ein Ort, an den alle kommen, im Urlaub oder geschäftlich. Bei jedem Meeting sitzen andere Gäste am Tisch. Und wir sind einzigartig: Unsere Meetings werden ins Englische übersetzt.
Welche Partnerschaft ist Ihnen besonders wichtig?
Stuttgart, unser Partnerclub. Jedes Jahr organisieren wir eine gemeinsame Reise, mal in die Türkei, mal nach Deutschland, mal nach Österreich. Nach dem Erdbeben haben uns unsere Freunde in Stuttgart enorm geholfen.
Was sind Ihre wichtigsten Projekte?
Wir haben rund zwanzig laufende Projekte, die meisten hier im eigenen Land. Wir leisten Erdbebenhilfe, unterstützen Studierende mit Wohnheimplätzen und haben mehreren Schulen Bibliotheken gestiftet. Für eine Frauenkooperative haben wir die komplette Imkerei-Ausrüstung gekauft und das Handwerk vermittelt. Heute verkaufen die Frauen ihren Honig sehr erfolgreich. Außerdem haben wir eine Sportanlage mit Tennisplätzen für Kinder gebaut, die sonst keine solche Möglichkeit hätten, und mehrere Projekte für krebskranke Kinder angestoßen.
Was könnten Berlin und Istanbul gemeinsam anstoßen?
Seit drei Jahren veranstalten wir einen weltweiten Friedenswettbewerb für junge Menschen, mit Preisgeldern von 3.000, 2.000 und 1.000 Dollar. Die letzten Gewinner kamen aus Uganda, Nordamerika und Indien. Das Projekt ist nicht an die Türkei gebunden, es ist global. Man kann es über den Distrikt an alle Clubs weitergeben. Und Frieden ist gerade ein hochaktuelles Thema.
Wo steht Rotary 2030, wo 2050?
Das fragen wir uns oft. In einer Welt von KI und Social Media ist es schwer, zu wachsen oder auch nur zu halten, was man hat. Unsere Verantwortung ist es, flexibler zu werden und besser zu verstehen, was junge Menschen und die mittlere Generation brauchen. Und wir müssen uns weiterhin und mit noch größerer Überzeugung auf den Dienst konzentrieren. Einem Erdbebenopfer zu helfen, ist weder links noch rechts. Krebskranke Kinder zu unterstützen auch nicht.
Warum ist gerade das der Schlüssel zur Zukunft?
Weil Menschen immer weniger miteinander reden können, so fragmentiert ist die Gesellschaft. Eine Gemeinschaft, in der man nicht über Politik streitet, sondern gemeinsam hilft, ist wirklich wertvoll.
Viele Clubs tun sich mit neuen Gesichtern schwer.
Deshalb braucht es eine Führung, die den Club auf das Ziel ausrichtet. Wir gehen nicht zu Rotary, um uns selbst zu bestätigen. Wir gehen hin, weil der Mensch Gemeinschaft braucht. Die Griechen hatten die Agora. Frei sind wir nur, wenn wir unsere Ideen austauschen können.
Zum Schluss: Zwei Worte für Ihre Wahlheimat?
Überraschung und Flexibilität. Dieses Land überrascht mich jeden Tag, und es erhebt sich aus jeder Krise neu, wie der Phönix aus der Asche.





















