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Über erste, zweite und dritte Schuld

von Hermann Schäfer | 
 |  Lesezeit: 9 Minuten

Es geht um Verdrängung, Verfolgung, Suizid und Ermordung. Der ungeschönte Blick in ein dunkles Kapitel in der ­Geschichte der deutschen und österreichischen Rotary Clubs während der NS-Zeit anlässlich des bevorstehenden Jubiläums „100 Jahre Rotary in Deutschland“ soll wachrütteln und zur Aufarbeitung animieren

Wie beleidigt die Rotarier in Deutschland waren, als der Spiegel ihnen im Mai 1983 vorwarf, ihre „Erbötigkeit […] gegenüber den Nazis [sei] so unbestreitbar wie die Tendenz, das Thema bis heute ruhenzulassen“ (Heft 21/1983), ist leider nicht belegbar. Aber es war nichts als die Wahrheit, und die damals rund 20.000 Mitglieder in fast 500 Clubs hätten Grund gehabt, entsetzt zu sein. Der Spiegel schrieb nämlich weiter, „es wurde verschleiert und verschleppt“, und hätte sogar hinzufügen können, es sei auch gefälscht und gelogen worden.

Autor Hermann Schäfer

Gelogen

Die Clubs hatten sich 1937 aufgelöst und pflegten seit ihren Wiedergründungen ab 1949 die Legende, ihre jüdischen Mitglieder hätten „ohne aufgefordert zu sein und völlig geräuschlos [die Clubs verlassen, um deren] Existenz nicht zu schaden“. Die Clubs hatten sich acht Wochen nach der Machtübernahme, am 4. April 1933, in München getroffen, um über ihr Verhalten gegenüber ihren jüdischen Freunden zu beraten. Diese waren an Zahl weit überdurchschnittlich in den Clubs vertreten, generell mehr als 15-mal so häufig wie im Bevölkerungsdurchschnitt, in manchen Clubs wie Frankfurt und Mannheim 30-mal mehr. – Indikator für eine bei Rotary besonders hohe Emanzipation von Juden? Nein, denn bei diesem denkwürdigen Treffen stellte sich heraus, dass die meisten Clubs bereits begonnen hatten, sich von ihren jüdischen Freunden zu trennen – vorauseilender Gehorsam vieler mit Blick auf den drei Tage später erlassenen „Arierparagrafen“.

Noch bis kurz vor Ende des 20. Jahrhunderts wurde aber immer wieder publiziert, Mitglieder hätten sich „trotz unserer Proteste nicht davon abhalten lassen, ihren Austritt zu erklären“, in einem Fall sogar noch 2020 behauptet, die „jüdischen Freunde“ hätten den Club „verlassen“ und wären „nicht expressis verbis aus dem Club entlassen worden“; selten ein einfühlsames Wort von der antisemitischen Verfolgung jüdischer Rotarier.

Verschleiert

Verschleiert wurde die Realität auch mit der Behauptung, die „deutschen Clubs [hätten es] – vielleicht als die einzigen Organisationen – abgelehnt, den ,Arierparagrafen‘ einzuführen“. Dieser wurde zwar nicht in die Satzungen aufgenommen, aber er wurde weitgehend praktiziert.

Als gewissermaßen offizielle Lesart wurde im rotarischen Magazin seit 1955 die Interpretation verbreitet, der Nationalsozialismus habe Rotary nicht verboten, sondern „auszuhöhlen versucht“, und die jüdischen Mitglieder seien auf Druck der Partei ausgetreten. Die Magazin-Verantwortlichen – zunächst Horst Meinecke, seit 1959 Christian Jenssen, ein ehemals überzeugter NS-Parteigenosse und ideologisch aggressiver Literaturkritiker, namentlich von Erich Kästner – hatten wegen ihrer eigenen NS-Vergangenheit kein Interesse an einer Aufklärung; auch nicht der Verfasser der Artikel (1955) „Rotary und der Nationalsozialismus“ und „Die Geschichte des deutschen Rotary Districts von 1927–1937“, Walter Woelz (RC München), denn er war an der „Arisierung“ eines jüdischen Unternehmens beteiligt. Ebenso wenig Heinz Wolff, NS-Studentenführer und Organisator der Bücherverbrennung in Göttingen, der seit 1977 Mitherausgeber des Magazins war.

Gefälscht

Zu den eklatanten Skandalen gehört es, dass ein Foto der Distriktkonferenz 1935 in Wiesbaden, wo die rotarische Versammlung – wie damals nicht unüblich – unter dem Banner des Hakenkreuzes tagte, spätestens 1955 gefälscht wurde, indem das rotarische Rad hineinkopiert wurde. Dass diese Fälschung bis 2017 im Rotary Magazin Verwendung fand, macht die Sache noch schlimmer. Im Rahmen der Recherchen unserer Forschungsgruppe entdeckte Achim Arntz (RC Köln) das Original im Geheimen Staatsarchiv Berlin. Man hätte es besser wissen können, denn in den vereinzelt vorhandenen Clubalben findet sich das Original ebenfalls, wie der Verfasser bei einer Buchvorstellung selbst erleben durfte – zur großen Überraschung des Clubs. Blättern im „Familienalbum“ hätte sich gelohnt. Skandalös auch 1996 die „Umdeutung“ der „Karriere“ des früher lupenreinen Nazis und Erich-Kästner-Kritikers Christian Jenssen, des langjährigen Schriftleiters des Rotariers, der in der Würdigung seines Nachfolgers in die „qualitätvolle Tradition“ von Karl Wolfskehl gestellt wurde, des jüdischen Rotary-Schriftleiters, der 1933 nach dem Reichstagsbrand aus Deutschland flüchtete und nie mehr zurückkehrte.

Verschleppt

Verschleppt oder nicht aufgegriffen wurden alle Initiativen zur Aufarbeitung der Verstrickungen: 1959 eine vom Stadtarchivar in Kleve ausgehende Forderung; seit 1963, dem Jahr des in Frankfurt beginnenden Auschwitz-Prozesses, die Publikation einer – allerdings höchst apologetischen – Materialsammlung von Friedrich von Wilpert, die der Deutsche Governorrat (DGR) bis ins Jahr 2000 unter Verschluss zu halten empfahl; 1967 die hellsichtige Analyse des Frankfurter Rotariers Nikolas Benckiser, Mitherausgeber der FAZ, der das Verhalten von Rotary gegenüber dem Regime einen „äußersten Kotau“ nannte; 1980 die Hinweise des Kölner Historikers Odilo Engels auf die eklatante Fehleinschätzung des Nationalsozialismus durch Rotary und den Ausschluss jüdischer Mitglieder und schließlich 1982 das Vorwort des Wilperts Buch herausgebenden RC Bonn mit dem Bekenntnis, Rotary habe nicht früh genug erkannt, wohin der nationalsozialistische Antisemitismus führen werde, man hätte sich besser schon 1933 aufgelöst, anstatt den „Austritt“ der jüdischen Freunde in Kauf zu nehmen und diesen sogar als „Opfer für Rotary“ zu interpretieren.

War die Anbiederung an das System seit April 1933 die „erste Schuld“, so war die Verdrängung des Themas in der gesamten Nachkriegszeit eine „zweite Schuld“. Spätestens als dem Spiegel 1983 die relevanten Materialien des Bundesarchivs bekannt wurden, die zu dem erwähnten Artikel führten, wäre eine systematische Auseinandersetzung fällig gewesen. Aber bei Rotary hielt man den Artikel für tendenziös, „gröblich verzerrt“ und meinte, so einer der Governor in der Juni-Ausgabe des Magazins, „es lohnt sich nicht, dem Spiegel offiziell zu antworten“. Es gab offenbar auch keine Leserzuschriften an den Spiegel. Insoweit verhielten sich Rotarier wie die meisten Deutschen: Sie folgten einem meist unausgesprochenen „normativen Konsens“, die Verstrickungen nicht öffentlich zu thematisieren (Hermann Lübbe).

Auf zum 100. Jahrestag

Nun naht der 100. Jahrestag des Bestehens von Rotary in Deutschland. Wie wollen wir dieses Jubiläum begehen? Wo könnten wir Maß nehmen? Rotary International konnte dieses Jubiläum bereits 2005 begehen. Wo liegt die Messlatte von RI? Was dort langfristig, fast zwei Jahrzehnte vorher, seit 1987 als umfassende, offizielle Geschichte geplant wurde, endete 2003 als eine edel gestaltete, buchschnittvergoldete Publikation mit wattiertem Lederumschlag plus Schutzumschlag und goldfarbenen Lesebändchen unter dem Titel A Century of Service (2003). In 22 Kapiteln werden darin auf 354 Seiten – wie Guiseppe Viale (Rotary. A Road through the „American Century“) jüngst kommentierte – weniger die „Geschichte“ als vielmehr „Geschichtchen“ dargeboten und, was Deutschland betrifft, die Legenden weitergeführt, auch zum Ausschluss jüdischer Mitglieder („some of our Jewish Rotarians terminated their membership under varying conditions“) und den Folgen des NS-Antisemitismus („many [Jews] lost their jobs and had to resign their membership“).

Unter der Zwischenüberschrift „Race“ hätte man sich von RI auch eine tie­fer­gehen­de Betrachtung gewünscht als den Hinweis, die Dominanz der „Weißen“ in den USA sei bis in die 1960er Jahre nicht auf Diskriminierung zurückzuführen, sondern lediglich auf das Fehlen von Afroamerikanern in Führungspositionen. Erst seit den 1980er Jahren änderte sich dies allmählich. Es fehlt auch jede selbstkritische Betrachtung des eigenen ausgrenzenden Aufnahmeverhaltens: Zwar sollte es nach der allgemeinen Verfassung keinerlei Rassendiskriminierung geben, doch praktizierten die Clubs das unterschiedlich. Sie waren in den USA protestantisch geprägt, weniger katholisch, und noch in den 1920er/30er Jahren gab es kaum jüdische Mitglieder, erst vereinzelt wurden Schwarze in den 1950er Jahren aufgenommen, aber erst 1982 wurden die Diskriminierungen wirklich aufgehoben. Die Öffnung für Frauen folgte bekanntlich ab dem Jahre 1987/89.

Unverkennbar geht es in dieser RI-Jubiläumsschrift weniger um historische Wahrheit als um eine schöne Darstellung der 100-jährigen rotarischen Vergangenheit. Der „Vorzeige-Rotarier“ Thomas Mann wird in der Liste der 100 prominentesten Rotarier der Geschichte zwar groß erwähnt, auch mit einem hymnischen Zitat über die rotarische Gemeinschaft (von 1930). Aber es fehlt jeder Hinweis darauf, dass er 1933 von seinem Club rausgeworfen wurde und wie sehr ihn dies grämte. Man fragt sich, ob diese Darstellung, inzwischen gegen jedes bessere Wissen, nicht einer „dritten Schuld“ nahekommt.

Jedenfalls dürfen die Erinnerung, das Gedenken an 100 Jahre Rotary in Deutschland, die in wenigen Jahren erscheinenden Festschriften und Gedenkvorträge nicht so apologetisch sein, wie dies hierzulande allzu lange und auch von RI praktiziert wurde. Statt Goldschnitt und Leder bitte kritische Aufarbeitung! Zumal Rotary so viel Gutes leistet, dass es „Schatten“ nicht verbergen muss.

Viele Clubs haben die Bereitschaft bewiesen, sich der historischen Selbstbesinnung zu stellen, zum Teil sogar mustergültig – auch wenn einige vor dem Hintergrund jüngster Forschungen Aktualisierungen und neue zusammenfassende Überblicksdarstellungen beziehungsweise kritische Überarbeitungen verdient hätten. Man möchte hoffen, dass noch mehr Clubs sich aus Anlass ihres 100-Jährigen ihrer Geschichte intensiv widmen. Das über 30 laufende Meter umfassende Schriftgut aller 56 zwischen 1925 und 1937 gegründeten deutschen und österreichischen Clubs im damaligen 73. Distrikt steht – je nach Überlieferung mehr oder weniger vollständig – zur Verfügung im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz in Berlin (GStA). Ein Depositalvertrag zwischen dem Deutschen Governorrat und dem GStA regelt den Zugang für wissenschaftliche Forschung. Die Akten sind in einem vorzüglichen, fast 1000-seitigen Findmittel erschlossen (mit Autoren-, Orts- und Personenindex), dessen Erstellung durch professionelle Archivare von der Rotary Verlags GmbH, Hamburg, finanziert wurde. Es ist allgemein zugänglich über die Homepage der Forschungsgruppe „Rotary in Deutschland 1920er bis 1960er Jahre“, wo auch alle Mitgliederverzeichnisse der Clubs von den Anfängen bis Mitte der 1960er Jahre digitalisiert zur Verfügung stehen (rotary-memorial.de). Diese Datenbank ist eine Fundgrube, weil sie auch den Stand der laufenden Forschungen abbildet und sehr viel ansonsten schwer erreichbare „graue Literatur“ (Vorträge, ungedruckte undgedruckte Festschriften et cetera) enthält.

Die Zeit ist reif

„Rotary macht sich ehrlich!“ – so lautete einer der wichtigsten Kommentare (Sven Kellerhoff) auf die Untersuchung des Verfassers zum Verhalten der Clubs unter dem Nationalsozialismus und die Verdrängung der Auseinandersetzung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Zeit ist mehr als reif dafür. Die Reaktionen in den über 30 Buchvorstellungen und Vorträgen, die der Verfasser seit seiner Publikation in ganz Deutschland abhalten konnte – beginnend im voll besetzten Haus der Wannseekonferenz, mit einem beeindruckenden inhaltlichen Höhepunkt im Jüdischen Museum Frankfurt und einem zahlenmäßigen Rekord mit fast 300 Menschen im Bonner Haus der Geschichte –, sprechen dafür. Überwiegend großes Interesse, Dankbarkeit, dass wir Rotarier uns selbst den Spiegel vorhalten – bevor es (wieder) andere tun. Niemand von uns schwingt sich zu einem besseren Menschen auf, wenn er die „erste Schuld“ von Rotary beklagt. Eher schon ist man fassungslos, wie wenig Bereitschaft es gab, eine „zweite Schuld“ zu vermeiden, besonders seitens der Funktionsträger.

Die Ergebnisse unserer Forschungen legitimieren, dass wir uns den positiven Leistungen von Rotary zuwenden. Ohne die Schatten unserer Geschichte zu vergessen. Manche Forschungsfrage ist noch offen, vor allem in der Binnensicht der einzelnen Clubs. Aber wir wissen, dass nur eine ehrliche selbstkritische Auseinandersetzung weiterhilft. Rotary muss sich – und seine Archive, auch in Evanston – weiter öffnen, um sich von seinem gelegentlich immer noch verbreiteten „Geheimbund-Image“ freizumachen.

Wir hoffen zugleich, dass die meisten Rotarier heute mit mehr Solidarität als 1933 rechnen können, wissen aber auch, dass dies nicht sicher ist. „Geschichte ist nicht nur Erkenntnis der Vergangenheit, sondern Selbstbesinnung der Gegenwart“ (Friedrich Meinecke), und in diesem Sinne hoffen wir durch die Lehren aus der Geschichte auf rotarische Solidarität in der Zukunft!

Buchtipp

Das Gedenkbuch „Die Rotary Clubs im Nationalsozialismus“ von Hermann Schäfer beschäftigt Rotary in Deutschland und darüber hinaus. Mit einigen Korrekturen und Ergänzungen, darunter weiteren diskriminierten Österreichern, ist es inzwischen in der zweiten Auflage erhältlich. Der Verlag bietet das Werk bei Sammelbestellungen über die Clubs mit einer Rechnungs- und Lieferadresse zum Sonderpreis von 30 Euro zuzüglich Porto an (statt 44 Euro Buchhandelspreis).

Bestellungen bitte per Mail an vertrieb@wallstein-verlag.de

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