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Franziskus wäre kein Rotarier gewesen

von Daniela Müller | 
 |  Lesezeit: 7 Minuten

Franziskus von Assisi (1181/82 – 1226) hätte vermutlich keinen Rotary Club gegründet. Und ob er einem beigetreten wäre, darf man ebenfalls bezweifeln. Am 3. Oktober 1226 starb ein Mann, der Besitz, gesellschaftliches Ansehen und institutionelle Sicherheit gerade hinter sich lassen wollte. Und doch stellt dieser Mann 800 Jahre später eine Frage, die kaum besser zu Rotary passen könnte: Was bedeutet es eigentlich, einem Menschen zu helfen?

Franziskus stammte nicht aus Armut. Sein Vater war ein wohlhabender Tuchhändler in Assisi, und der junge Francesco wuchs in einer Welt auf, in der Geld neue Möglichkeiten eröffnete und gesellschaftlicher Aufstieg möglich geworden war. Er kannte also jene Seite des Lebens, von der aus man anderen etwas geben konnte.

Aber seine entscheidende Erfahrung bestand gerade nicht darin, etwas zu geben, zumindest nicht im materiellen Sinn. Franziskus erzählt in seinem Testament von der Begegnung mit Aussätzigen. Zuvor, schreibt er, sei ihm ihr Anblick „bitter“ gewesen. Dann habe der Herr selbst ihn unter sie geführt. Was bitter gewesen sei, habe sich ihm in „Süße der Seele und des Leibes“ verwandelt.

Das ist eine merkwürdige Geschichte über das Helfen. Denn Franziskus sagt nicht zuerst, was er für die Aussätzigen getan hat. Er erzählt, was die Begegnung mit ihnen mit ihm getan hat. Darin liegt vielleicht die größte Distanz zwischen Franziskus und unserem modernen Verständnis von Wohltätigkeit.

Wir haben gelernt, Hilfe zu organisieren. Wir gründen Stiftungen, sammeln Geld, entwickeln Projekte, definieren Ziele und prüfen ihre Wirkung. Gerade Rotary steht in einer Tradition, die berufliche Kompetenz, gesellschaftliche Verantwortung und internationale Vernetzung miteinander verbindet. Aus gutem Grund. Organisierte Hilfe kann etwas leisten, was individuelle Barmherzigkeit allein niemals erreichen könnte. Der jahrzehntelange Kampf gegen Polio ist dafür vielleicht das eindrucksvollste Beispiel.

Franziskus hätte von Projektmanagement wenig verstanden. Aber vielleicht hätte er eine andere Frage gestellt: Bleibt derjenige, dem wir helfen, Empfänger unserer Hilfe – oder lassen wir zu, dass die Begegnung mit ihm auch uns verändert?

Die Distanz zwischen Geber und Nehmer

Ein modernes, stark organisiertes Verständnis von Philanthropie geht häufig von einer einfachen und durchaus ehrenwerten Voraussetzung aus: Wer über Geld, Wissen, Beziehungen oder Einfluss verfügt, kann einen Teil davon einsetzen, um Menschen zu helfen, denen diese Möglichkeiten fehlen. Franziskus beginnt an einem anderen Punkt. Er fragt nicht zuerst, was er von seinem Besitz abgeben kann. Er fragt – zunächst vermutlich noch nicht einmal bewusst –, welche Distanz zwischen ihm und dem anderen liegt.

Der Aussätzige stand im Mittelalter wie kaum ein anderer Mensch für diese Distanz. Krankheit bedeutete nicht nur körperliches Leiden. Sie konnte auch gesellschaftliche Ausgrenzung bedeuten. Man hielt Abstand. Und genau diesen Abstand überschreitet Franziskus. Das macht seine Geschichte bis heute unbequem. Denn Geld zu geben kann leichter sein, als Nähe zuzulassen.

Dabei wäre es falsch, Franziskus zum romantischen Verehrer der Armut zu machen. Hunger, Krankheit und Ausgrenzung werden nicht dadurch gut, dass man sie religiös verklärt. Seine freiwillige Armut stellte vielmehr Besitz und gesellschaftlichen Rang als selbstverständliche Maßstäbe menschlichen Lebens radikal infrage.

Das ist ein radikaler Gedanke. Denn der Arme bleibt damit nicht einfach Objekt der Fürsorge des Wohlhabenden. In der Begegnung stehen sich zwei Menschen gegenüber, und plötzlich ist nicht mehr selbstverständlich, wer eigentlich der Gebende und wer der Empfangende ist. Franziskus gibt dem Aussätzigen etwas. Aber der Aussätzige gibt Franziskus eine neue Sicht auf die Welt.

Zwei Arten des Helfens?

Hier könnte Franziskus tatsächlich zum Gesprächspartner für Rotary werden – gerade weil die Unterschiede so groß sind.Rotary lebt von Organisation. Von Verlässlichkeit. Von Menschen, die ihre beruflichen Erfahrungen einbringen, Kontakte herstellen, Geld beschaffen und Projekte über Jahre hinweg begleiten. Wer Polio bekämpfen, Schulen ausstatten oder Zugang zu sauberem Wasser schaffen will, kommt mit guter Absicht allein nicht weit. Es braucht Strukturen, Fachwissen und langen Atem.

Das war jedoch nicht Rotarys einziger Ausgangspunkt. Als Paul Harris 1905 in Chicago den ersten Club gründete, ging es zunächst wesentlich darum, Menschen unterschiedlicher Berufe zusammenzubringen, Ideen auszutauschen und Freundschaften entstehen zu lassen. Erst mit der Zeit gewann das humanitäre Engagement immer größere Bedeutung. Gerade deshalb ist Begegnung vielleicht tiefer in der Geschichte Rotarys verankert, als es auf den ersten Blick scheint.

Franziskus dagegen gründete zunächst kein Hilfswerk. Er wollte eine andere Form menschlicher Gemeinschaft leben. Und er blieb damit nicht allein. Schon früh sammelten sich Männer um ihn, die diese Lebensform teilen wollten. Mit Clara von Assisi trat bald auch eine Frau in die neue evangelische Bewegung ein, der weitere Frauen folgten. Einfach war diese Erweiterung nicht. Aus den Brüdern und den Frauen um Clara entstand keine gemeinsame Organisation; Clara und ihre Schwestern in San Damiano mussten um eine eigene Form franziskanischen Lebens ringen.

Auch darin liegt, bei aller historischen Verschiedenheit, eine überraschende Parallele zu Rotary. Aus einer zunächst männlichen Gemeinschaft wurde eine Bewegung, die lernen musste, dass Gemeinschaft nicht an der Geschlechtergrenze enden kann. Bei Rotary dauerte dieser Lernprozess bekanntlich bis weit ins 20. Jahrhundert. Begegnung verändert eben nicht nur diejenigen, denen wir helfen. Sie kann auch die Gemeinschaft verändern, die sich auf Begegnung einlässt.

Man sollte diese verschiedenen Formen von Gemeinschaft und Hilfe nicht gegeneinander ausspielen. Vielleicht korrigieren sie sich vielmehr gegenseitig.

Die moderne Philanthropie könnte sich von Franziskus daran erinnern lassen, dass Effizienz nicht die einzige Kategorie des Helfens ist. Und die franziskanische Spontaneität ließe sich umgekehrt durch die Erfahrung moderner organisierter Hilfe daran erinnern, dass Mitgefühl ohne Strukturen an Grenzen stößt. Die interessante Frage lautet dann nicht: Franziskus oder Rotary? Sondern: Was geschieht, wenn organisierte Hilfe und wirkliche Begegnung zusammenkommen?

Der Andere bleibt nicht der Andere

Vielleicht liegt darin auch die Verbindung zu einer zweiten Seite des Franziskus. 1219, mitten im Fünften Kreuzzug, begab er sich bei Damiette über die Fronten hinweg zum ayyubidischen Sultan al-Kamil. Auch diese Begegnung sollte man nicht nachträglich zu einem modernen interreligiösen Friedensdialog verklären. Franziskus blieb ein mittelalterlicher Christ mit einem ausgeprägten missionarischen Selbstverständnis.

Und doch geschah etwas Bemerkenswertes: Wo die Logik seiner Zeit zunächst Feinde sah, suchte er die persönliche Begegnung. Das Muster ähnelt der Begegnung mit den Aussätzigen. Franziskus überschreitet eine Grenze, die für seine Umwelt selbstverständlich erscheint. Vielleicht beginnt Frieden manchmal genau dort: nicht mit der Behauptung, Unterschiede seien unwichtig, sondern mit der Weigerung, den Menschen hinter dem Unterschied verschwinden zu lassen. Auch darin liegt eine Nähe zu Rotary, das aus persönlicher Begegnung entstand und diese später in ein internationales Netzwerk überführte.

Was bleibt nach 800 Jahren?

Acht Jahrhunderte trennen uns von Franziskus. Wir müssen deshalb nicht versuchen, aus ihm nachträglich einen Sozialarbeiter, Friedensaktivisten oder gar Rotarier zu machen. Seine Fremdheit ist interessanter.

Franziskus würde uns vermutlich irritieren. Seine freiwillige Armut war radikaler, als die meisten von uns sie leben möchten. Seine Religiosität war selbstverständlicher, als sie vielen Menschen heute zugänglich ist. Und sein Vertrauen darauf, dass ein anderes Verhältnis zu Besitz auch ein anderes Verhältnis zwischen Menschen schaffen könne, dürfte uns zugleich faszinieren und befremden.

Aber gerade deshalb kann er eine Frage stellen, die nach 800 Jahren erstaunlich gegenwärtig geblieben ist. Wir leben in einer Zeit, in der Hilfe immer professioneller werden kann. Wir können Spendenströme optimieren, Wirkung messen, internationale Netzwerke nutzen und mit vergleichsweise geringen Mitteln das Leben sehr vieler Menschen verbessern. Das ist ein großer Fortschritt.

Franziskus würde vermutlich nicht verlangen, darauf zu verzichten. Vielleicht würde er nur fragen, ob dabei etwas verloren gehen kann. Ob der Mensch, dem geholfen wird, irgendwann nur noch als Zielgruppe, Projektpartner oder Empfänger erscheint. Ob zwischen denen, die helfen können, und denen, die Hilfe benötigen, eine unsichtbare Grenze bestehen bleibt. Und ob wir bereit sind, diese Grenze gelegentlich selbst zu überschreiten.

Vielleicht liegt genau hier, bei aller historischen und kulturellen Distanz, eine unerwartete Nähe zwischen Franziskus und Rotary. Franziskus hatte keine Foundation, keine internationalen Serviceprogramme und kein Projektmanagement. Rotary wiederum verlangt von seinen Mitgliedern nicht, ihren Besitz aufzugeben und barfuß durch Umbrien zu ziehen. Gut so.

Aber beide verbindet eine Überzeugung: Eine Gesellschaft zeigt sich auch darin, wie sie mit denen umgeht, die nicht auf ihrer Sonnenseite stehen.

Franziskus würde dieser Überzeugung nur eine unbequeme Frage hinzufügen: Helfen wir den anderen – oder lassen wir auch zu, dass die Begegnung mit ihnen uns verändert? Vielleicht ist diese Frage, 800 Jahre nach seinem Tod, aktueller als je zuvor.

Prof. Dr. Daniela Müller, Past-President und seit 2009 Mitglied im RC Kleve-Schloss Moyland. Hochschulprofessorin für Kirchenrecht, Kirchengeschichte und Geschichte des Christentums an der Radboud University, Nijmegen, seit 2024 emeritiert. Forschungsschwerpunkte sind Häresiegeschichte und kirchliche Rechtsgeschichte.

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