Italien auf dem Höhenflug

Nein, es geht nicht um die Fußballweltmeisterschaft. Es geht um Rotary.
Die Entwicklung der rotarischen Gemeinschaft in Italien sucht derzeit Ihresgleichen. Die Serviceorganisation wächst, mehr als in allen anderen europäischen Ländern. Kein Thema wird bei Rotary so intensiv diskutiert, wie Mitgliedergewinnung. Wie gelingt es, Menschen für Rotary zu begeistern? Welche Rezepte sind erfolgreich? Zeit, dorthin zu reisen, wo Rotary boomt. Zeit für Bella Italia. Unser Redakteur Florin Quanz reist eine Woche auf den Spuren Rotary durch das Land. Begleitet wird er von Gerti Gruber und Gunther Gröss aus Österreich. Die beiden rotarischen Freunde vom ICC Deutschland-Österreich-Italien sind neugierig, wie das Erfolgsrezept der Italiener lautet.
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Dienstag, 23.06.2026
Bari
Das hatte ich mir ehrlich gesagt anders vorgestellt. Ich drehe nun schon seit fast einer Stunde mit dem Mietauto meine Runden. Ich finde einfach keinen Parkplatz im Zentrum von Bari. Denn genau dort habe ich meine Unterkunft für die Nacht gebucht. Ich merke, wie ich langsam wütend werde. Ich drehe Runde für Runde, aber es will einfach kein freier Parkplatz auftauchen. Doch dann, als ich es schon aufgeben wollte, werde ich fündig. Der Parkplatz ist sogar fußläufig zum Hotel, was ideal ist. Ich parke, nehme meine Sachen und mache mich so schnell wie möglich auf ins Hotel. Die Zeit ist knapp, denn ich habe mich in wenigen Minuten mit Gerti Gruber und Günter Grass verabredet. Die beiden österreichischen Rotarier vom Länderausschuss Österreich-Deutschland-Italien weilen derzeit im Süden Italiens. Gemeinsam wollen wir der Frage nachgehen, warum Rotary in Italien einen enormen Aufschwung erlebt. Die Zahlen belegen: Rotary ist hier extrem angesagt. Vom Juli 2025 bis Mitte Februar 2026 hat die Zone 14 (die die italienischen Distrikte umfasst) 827 neue Mitglieder aufgenommen. Die beiden deutschen Zonen haben in dieser Zeit 89 (Zone 15) und 116 (Zone 16A) also zusammen 205 Mitglieder aufgenommen.
Ich schaffe es leider nicht ganz rechtzeitig zum vereinbarten Treffpunkt. Ich befinde mich im Zentrum von Bari, einer schönen Großstadt im Süden. Vor einem alten Gebäude bleibe ich stehen. Ist es dieser Eingang? Ich hole mein Handy heraus und schaue auf ein Foto, welches mir Gerti geschickt hatte. Es stimmt. Ich bin richtig. Studio Metta lese ich auf einem Klingelschild.
Wenig später sitze ich im Büro von Elia Metta. Er ist Präsident des Rotary Clubs Bari-Ouest. Neben ihm sitzt Teresa Catalano, Präsidentin des Rotaract Clubs Bari. Zwei Generationen an einem Tisch. Die Botschaft ist klar: Rotaract ist die Zukunft von Rotary. Beide betonen, wie gut die Zusammenarbeit im fast abgelaufenen rotarischen Jahr war. Sie erzählen von gemeinsamen Projekten. Was auffällig ist: Sie suchen mit ihren Projekten die Öffentlichkeit. Guten tun und nicht darüber sprechen, ist ihnen fremd. Oder fremd geworden. Ein Erfolgsrezept, wie sie betonen. Gunther und Gerti hören nicht nur aufmerksam zu, sondern stellen immer wieder interessiert Fragen. Es ist ein aufschlussreiches Gespräch und erst der Anfang in und um Bari.
Es wird ein stressiger und langer Tag. Um drei Uhr klingelte mein Wecker, um vier war ich am Flughafen in Hamburg und um 5.40 Uhr nahm ich meinen Platz im Flugzeug ein. Nun ist es 14 Uhr, wir haben Elia und Teresa verlassen und werden draußen auf dem Platz vor dem Gebäude schon wieder empfangen.
Isabella Runino freut sich, uns in ein kleines Lokal entführen zu dürfen. Sie ist Mitglied im Rotary Club Rutigliano und in der Gourmet Fellowship. Von dieser hatte ich noch nie gehört, aber wo passt diese besser hin als in Italien, denke ich mir. Gerti und Isabella kennen sich gut. Zweimal sind sie sich schon auf der Festa del vino in Montepulciano (Toskana) begegnet. Rotarier aus ganz Italien kommen dort im Oktober zusammen. Gerti ist als Repräsentantin des Länderausschusses dort gewesen. Die Freude, dass sie sich wiedersehen, ist beiden anzumerken. Rotary verbindet. Isabella erklärt, wie sehr Rotarier in ihrem Land es schätzen, sich über Clubgrenzen hinaus zu vernetzen. In Italien denkt man bei Rotary größer, merke ich.
Nach eineinhalb Stunden verabschieden wir uns und setzen uns ins Auto. Das Ziel heißt Matera. Dort treffen wir Antonio Braia. Er ist der noch amtierende Governor vom Distrikt 2120, der die Regionen Apulien und Basilikata umfasst. 14 Distrikte weist Italien vor, einem steht Antonio vor. Wir treffen einen Governor, der nur so vor Energie strotzt. Mit seinen Botschaften, könnte man ein ganzes Buch füllen. Nie vergessen werde ich seinen Satz: Die Nadel macht noch keinen Rotarier. Mitglieder der Gemeinschaft müssten Vorreiter sein, privat und im Berufsleben – dann seien sie für die Servicegemeinschaft bestens geeignet. Wer als Vorbild nicht tauge, sei nichts für Rotary, so seine unmissverständliche Botschaft. Ich bin Gerti und Gunther dankbar, dass sie als Übersetzer fungieren und einen großartigen Job machen. Nach gut einer Stunde zeigt er uns mit seinem Bruder, ebenfalls Rotarier, Matera, erzählt stolz von den Dreharbeiten des letzten Bond-Filmes und von Mel Gibson, der hier seinen Jesus-Film drehte. Beiläufig zeigt er auf ein Schild. Es weist auf einen Audioguide hin, gesponsort vom örtlichen Rotary Club. Rotary ist sichtbar in Italien.
Am Abend treffen wir dann die Präsidentin des RC Acquaviva delle Fonti-Gioia del Colle, Mariangela Orlando, in ihrer Zahnarztpraxis. Sie hat Essen und Getränke organisiert. Sie lobt Antonio Braia für ein außergewöhnliches Governorjahr und betont ebenfalls, wie wichtig die Kooperation zwischen Rotaract und Rotary ist. Auch ihr Club hat Mitgliederzuwachs zu verzeichnen. Liegt der Schlüssel des Erfolges beim Mitgliederzuwachs also bei Rotaract? Ich bin gespannt auf die kommenden Tage.
Wir machen uns jedenfalls auf den Rückweg nach Bari und lassen in einem Restaurant noch einmal alle Eindrücke Revue passieren. Gerti und Gunther sind sehr angetan. „Interessant ist die Frage, wen möchte ich als Rotarier“, sagt Gunther. Diese Frage hatte Antonio Braia als zentral herausgestellt. Wer nicht wisse, wen er als Mitglied haben möchte, sei nicht fit für die Zukunft.


















