Im Fokus

Mit Strategie und Weitblick

von Florian Quanz | 
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In Italien erfährt Rotary einen enormen Zulauf. Das ist kein Zufall. Gerti Gruber und Gunther Gröss waren für uns den Ursachen auf der Spur. Wir haben sie durch das Land begleitet.

Schnellen Schrittes gehen Gerti Gruber(RC Gastein) und Gunther Gröss (RC Klagenfurt-Lindwurm) über den Vittorio-Emanuele-Boulevard. Zielgerichtet steuern sie eine große Holztür an. Hausnummer 57. Hier muss es sein. Gunther öffnet die Tür, während Gerti ihre Sonnenbrille abnimmt. 34 Grad und wolkenlos. Es kann kein besseres Wetter Ende Juni für Urlauber in Bari geben. Nur sind Gerti und Gunther nicht auf Urlaub. Sie sind auf einer Mission. Einer besonderen Mission. Für das Rotary Magazin sollen sie der Frage nachgehen, warum Rotary in Italien im vergangenen rotarischen Jahr viermal so viele neue Mitglieder wie Deutschland gewann. Dass sich ein Teil dieser Antwort hinter der schweren Holztür verbirgt, können Gerti und Gunther nur erahnen.

Rotaract mit am Tisch

Aurelio Augusto Metta wartet schon in seinem Anwaltsbüro. Einige Tage zuvor erhielt er vom Distriktbüro eine Nachricht:  Rotarier aus Österreich würden kommen, um mehr über Rotary in Italien und speziell in Bari zu erfahren. Ob er denn Zeit habe? Er hat. Genauso wie Teresa Catalano. Die Rotaract-Präsidentin hatte Metta, den amtierenden Präsidenten des RC Bari-Ovest, mit dazu eingeladen. Gespannt warten sie nun auf die Gäste. Eineinhalb Stunden hat Aurelio Augusto Metta, den seine rotarischen Freunde nur Elio nennen, für das Gespräch geblockt.

Es klopft an der Tür. Mettas Sekretärin führt Gerti und Gunther in das angenehm kühle Büro. Nun sitzen zwei Rotarier aus Österreich einem vom Alter her ungleichen Duo gegenüber. Doch schnell merken Gerti und Gunther: Elio und Teresa verstehen sich nicht nur als Teil einer Familie. „Wir haben unser Präsidentenjahr zusammen geplant“, erklärt Elio Metta. Das Ergebnis war eine Kooperation auf vielen Ebenen: Die Rotaracter waren dabei, als sich Governor Antonio Braia vorstellte, haben in einem Mental-Health-Projekt Autisten fit für den Arbeitsmarkt gemacht und auf dem Messegelände der Stadt fünf Tage lang medizinische Präventionsuntersuchungen angeboten. „800 Untersuchungen haben wir geschafft.“ 

Jeden Monat hat Metta einen Präsidentenbrief per Mail an die Mitglieder gesandt. Autor war immer ein anderer Freund aus dem Club, genauso einmal Teresa. „Ich habe vor allem Freunde um einen Beitrag gebeten, die wenig im Club präsent sind. Das stärkt wieder die Bindung zwischen Club und Mitglied“, erklärt Metta seine Strategie. Gunther Gröss ist von dieser Idee sofort begeistert.

Was passiert mit dieser engen Kooperation auf Augenhöhe nach der Ämterübergabe? Teresa und Elio schauen sich an, als hätten sie die Frage nicht verstanden. „Sie wird fortgesetzt“, sagt Teresa.

„Hier sind die aktuellen Zahlen“, sagt Antonio Braia und schiebt einen Zettel über den Tisch. Der Governor redet nicht lange um den heißen Brei herum. Es ist später Nachmittag, und Gerti und Gunther sind ins 65 Kilometer entfernte Matera gefahren. 120 neue Rotarier und 32 Rotaracter lautet Braias Bilanz im Distrikt 2120. „Wie erklären Sie sich den Zulauf zu Rotary?“, will Gerti Gruber wissen. „Die rotarische Erfolgsformel umfasst drei Komponenten: Kompetenz, Bekanntheit und Vernetzung“, erklärt Antonio Braia. Wenn eine Person dies mitbringe, sei sie für Rotary geeignet. Und wer vernetzt sei, bringe auch neue Leute in die Gemeinschaft, ist er überzeugt. Als Governor hat er in seinem Jahr eine klare Einschätzung den Clubs mit auf den Weg gegeben: „Der Global Grant in Afrika ist nicht entscheidend. Wichtig sind die Hands-on-Projekte vor der Haustür.“ Man müsse zudem die Bereitschaft erwarten, sich zu engagieren: „Die Nadel macht noch keinen Rotarier.“

Herz, Emotionen und Identifikation

Zurück in Bari: Menschen drängen sich durch die schmalen Altstadtgassen, aus einzelnen Restaurants hört man die Übertragung der Fußballweltmeisterschaft. Gerti und Gunther haben nach vier Gesprächsrunden am späten Abend endlich Zeit, den ersten Tag Revue passieren zu lassen. „Was mir jetzt schon klar geworden ist, Rotary wird hier mit viel Herz, Emotion und persönlicher Identifikation gelebt“, resümiert Gerti. Gunther ergänzt: „Diese Leidenschaft ist jetzt schon ansteckend.“

„Der Global Grant in Afrika ist nicht entscheidend. Wichtig sind die Hands-on-Projekte vor der Haustür.“

Antonio Braia, Governor D2120

Am nächsten Morgen sind die beiden Rotarier, die seit Jahren dank ihrer Arbeit im Länderausschuss Deutschland-Österreich-Italien mit dem Land eng verbunden sind und fließend Italienisch sprechen, auf dem Weg nach Cosenza. Governor Dino De Marco erwartet sie dort zum Gespräch. Noch wissen sie nicht, dass sie in gut drei Stunden auf jenen Governor treffen werden, der beim Mitgliederzuwachs landesweit am besten abgeschnitten hat.

Ein melodisches „Allora“ schallt Gunther entgegen. Er sitzt nun in einem Restaurant De Marco gegenüber. „Ich habe die Clubs aufgefordert, ihre eigene Situation zu analysieren. Wir müssen ehrlich auf unsere Stärken und Schwächen blicken“, sagt De Marco. Diese Analyse müsse am Anfang eines Prozesses stehen. Gunther will das Erfolgsgeheimnis von Kalabrien lüften. „Rotary muss Impulsgeber sein. Was bedeutet das konkret? Hier im Süden Italiens sind wir in abgelegenen Regionen mit einer schlechten Infrastruktur konfrontiert. Hat jemand kein stabiles Internet, muss sich Rotary für eine Verbesserung einsetzen. Wir müssen der wirkungsvolle Lobbyist für die Menschen und ihre Probleme sein. Das ist unsere Rolle in der Gesellschaft“, erklärt De Marco sein Verständnis der Serviceorganisation. Gerti spricht derweil mit Gianpaolo Latella vom RC Reggio Calabria. „Neue Mitglieder müssen sofort ein Amt erhalten. Zeigt ihnen, dass sie wertvoll sind“, gibt dieser ihr mit auf den Weg. Nach zwei Stunden am rotarischen Familientisch, insgesamt sieben Rotarier und zwei Rotaracter kamen zusammen, trennen sich die Wege. Vorerst. De Marco lädt Gerti und Gunther zu einer Dinnerparty des RC Mendicino-Serre Cosentine ein. „Ich hole euch um halb acht am Hotel ab.“

Dort nutzt De Marco nicht nur die Gelegenheit, in seiner Ansprache noch mal die Gäste aus Österreich willkommen zu heißen, er erklärt auch in ausgeschmückten Worten, warum sie nach Cosenza gereist sind: „Sie sind gekommen, um das Wunder von Kalabrien zu sehen.“ Er verpackt das Eigenlob charmant mit einem Dank an den Club für sein diesjähriges Engagement. „Was könnten wir Besseres zeigen als unsere Herzlichkeit und den Zusammenhalt, wie er beispielhaft heute Abend hier zu erleben ist“, fragt er rhetorisch. Er endet mit einem Appell: „Nutzt weiter die Chance, eine engagierte und unterstützende Gemeindeverwaltung an eurer Seite zu haben.“

Am kommenden Tag treffen Gerti Gruber und Gunther Gröss in Neapel auf die resolute Ada Quirino. Angesprochen auf reine Männerclubs, erklärt sie mit Blick auf ihren Distrikt: „Diese Zeiten sind vorbei.“ Die Rotarierin plädiert für öffentlichkeitswirksame Projekte und ein Verhältnis auf Augenhöhe mit den Rotaractern: „Wir fragen die junge Generation gerne um Rat. Ein Rotarier soll nicht glauben, er sei gescheiter.“ Rotaracter Gianmauro di Lauro, der neben ihr sitzt, schmunzelt.

In jedem Gespräch zeigt sich für Gerti und Gunther, was in Mailand Alessandro Borganti auf den Punkt bringt: „Rotary versteht sich nicht mehr als Pate, sondern als Partner von Rotaract.“ Allerdings dürfe das nicht zur Überforderung der Rotaracter führen, warnt dort wiederum Alberto Domenighini.

„Es gibt keine reinen Männerclubs mehr. Diese Zeiten sind vorbei.”

Ada Quirino

In Florenz wie später auf der Distriktkonferenz in Vicenza ist das strategische Gründen von Clubs ein Thema. Pietro Belli vom RC Fiesole erklärt, dass man sich die Distriktkarte genau angesehen habe: „Wenn es in einer Region die Lions gibt, kann es auch einen Rotary Club geben.“ Und stelle man fest, dass ein alter Club nicht bereit ist, junge Leute aufzunehmen, ergänzt Clubfreund Arrigo Rispoli, gründe man einfach einen neuen Club. Für junge Leute sei das Modell Passport Club attraktiv.

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Am Ende der Reise ziehen Gerti und Gunther ihr persönliches Fazit. „Gerade im Süden Italiens basiert der Zusammenhalt der Gemeinschaft nicht primär auf finanziellen Umlagen, sondern vielmehr auf persönlichem Einsatz und der Unterstützung lokaler Initiativen. Dies trägt wesentlich zur Lebendigkeit und auch Sichtbarkeit der Clubs bei“, fasst Gunther seine Eindrücke zusammen. Gerti hat gelernt, dass zur Komponente Strategie noch etwas Wesentliches hinzukommt: „Rotary wird hier nicht nur gut organisiert, sondern mit Stolz gelebt. Nicht als Verein, sondern als Teil der eigenen Identität, der Familie und des gesellschaftlichen Lebens.“

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